Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Inge Hansen-Schaberg

Exilforschung – Stand und Perspektiven

"Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun." [1]

Exilforschung ist Erinnerungsarbeit und will dazu beitragen, dass die Verfolgung und Vertreibung während der NS-Zeit nicht in Vergessenheit gerät, unter Einbeziehung der "Frage nach den Ursachen und Bedingungen, die Auschwitz möglich gemacht hatten".[2] Nach dem "Anschluss" Österreichs und der Annexion und Okkupation der europäischen Nachbarländer waren unzählige Frauen, Männer und Kinder auf der Flucht. Allein aus Deutschland mussten etwa 16.000 bis 19.000 politisch Oppositionelle flüchten,[3] die jüdische Emigration umfasste schätzungsweise 278.500 Menschen.[4] Der Versuch, dadurch ihr Leben zu retten, scheiterte für rund 30.000 von ihnen. Während der deutschen Besatzung wurden sie in die Vernichtungslager deportiert: "Ihre Emigration wurde Teil des Holocaust."[5]

In der Exilforschung geht es um die Aufarbeitung von einzelnen Lebensgeschichten und Kollektivbiografien und zugleich auch um die mit diesen Menschen vergessenen oder verdrängten Ideen und Werke, wissenschaftlichen Ansätze und kulturellen Leistungen sowie die von ihnen begründeten Schulen und Institutionen. Derartige Bestandsaufnahmen ermöglichen es, die Verluste und Wirkungen der Vertreibung zu ermessen, die in Deutschland bis heute in allen gesellschaftlichen Bereichen spürbar sind; sie lassen auch erahnen, welche Leistungen Exilantinnen und Exilanten in den Aufnahmeländern erbracht haben.[6] Zurückgekehrt sind in die beiden Teile Deutschlands nur wenige Tausende.

Anfänge und Aufgaben

"Zweck der Exilforschung war und ist es, ein vernachlässigtes Thema aufzugreifen, vorzustellen und in das historische Bewußtsein zu rücken." [7]

Bereits im Exil begann das Sammeln und Bewahren unterschiedlichster Quellen, und aus dem Exil kamen auch die ersten Initiativen, um die Materialien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[8] So baut zum Beispiel die Gründung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main auf dem Gedanken einer "Bibliothek der Emigrationsliteratur" auf, den exilierte Intellektuelle Ende der 1940er Jahre in Zürich entwickelten.[9] Der erste Leiter dieses Archivs, Werner Berthold, initiierte 1965 erstmals eine Ausstellung zur Exilliteratur in der Bundesrepublik.

Eine breite Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Exil setzte in der Bundesrepublik erst infolge der 1968er Studentenbewegung ein, befördert auch durch die Tatsache, dass mit Willy Brandt ein Remigrant Kanzler wurde. Die Grundlagenforschung zum Exil wurde in der Folgezeit von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über zehn Jahre gefördert; Untersuchungen zum Thema Wissenschaftsemigration folgten.[10] In der DDR gab es parallel dazu die Arbeitsgruppe Exilforschung an der Akademie der Wissenschaften, deren Schwerpunkt auf dem antifaschistischen Exil lag.

1984 wurde die Gesellschaft für Exilforschung e.V. in Marburg gegründet, zunächst als deutscher Zweig der Society for Exile Studies, Inc.[11] Bereits Ende der 1960er Jahre hatte sich in den USA eine Gruppe von Germanistinnen und Germanisten um John M. Spalek und Joseph Strelka gebildet und als Research Seminar on German Literature in Exile definiert. Aus diesem Zusammenschluss ging 1978 die Society hervor, die von vornherein die Herausgabe eines Jahrbuchs beschlossen hatte. Dies war jedoch nur mit finanzieller Unterstützung und enger Zusammenarbeit mit Forschenden und Institutionen in der Bundesrepublik zu realisieren. 1983 erschien dann der erste Band von "Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch".

Die Gesellschaft für Exilforschung e.V. wurde nach wenigen Jahren eine autonome und als gemeinnützig anerkannte Organisation, die weiterhin mit der North American Society for Exile Studies in Kooperation verbunden ist. Ihr erster Vorsitzender war der Literaturwissenschaftler und Publizist Ernst Loewy, der als Jugendlicher zur Auswanderung nach Palästina gezwungen war. Aktuell hat sie über 250 Mitglieder, davon etwa 60 Mitglieder aus dem Ausland, überwiegend aus Europa. In der Selbstdarstellung der Gesellschaft für Exilforschung e.V. wird als Ziel formuliert, "die komplexe Problematik von Emigration und Exil aus dem deutschsprachigen Mitteleuropa interdisziplinär aufzuarbeiten, die politischen, wissenschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Leistungen der Exilierten und der Remigranten zu vermitteln und – unter dem Aspekt der Erinnerungsarbeit – den Dialog zwischen Forscherinnen und Forschern, Betroffenen, nachfolgenden Generationen, Interessierten, verwandten Institutionen und Organisationen sowie mit der Öffentlichkeit zu befördern".[12] Neuerdings geht es auch darum, die vielfältigen Formen von erzwungener Migration und Diaspora in der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erfassen.

Eine Vielzahl von Einrichtungen befasst sich in ihrem Sammelauftrag und ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Exil. Zu nennen sind vor allem das Archiv der sozialen Demokratie unter dem Dach der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das Institut für Zeitgeschichte in München, das International Institute of Social History in Amsterdam und die Österreichische Exilbibliothek im Literaturhaus in Wien. An den deutschen Universitäten widmen sich die Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle für deutschsprachige Exilliteratur an der Universität Hamburg und die Axel Springer-Stiftungsprofessur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder explizit der Exilforschung. In Großbritannien ist das Research Centre for German and Austrian Exile Studies an der University of London hervorzuheben, in den USA The German and Jewish Intellectual Emigré Collection an der State University of New York at Albany.

Fußnoten

1.
Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1988 (1944), S. 5.
2.
Ernst Loewy, Zum Paradigmenwechsel in der Exilforschung, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 9: Exil und Remigration, München 1991, S. 208–217, hier: S. 211.
3.
Vgl. Werner Röder, Die politische Emigration, in: Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945, hrsg. von Claus-Dieter Krohn et al., Darmstadt 1998, Sp. 16–30, hier: Sp. 21.
4.
Vgl. Wolfgang Benz, Die jüdische Emigration, in: ebd., Sp. 5–15, hier: Sp. 6.
5.
Ebd., Sp. 13.
6.
Zum Kulturtransfer siehe den Überblicksartikel von Claus-Dieter Krohn, Emigration 1933–1945/1950, in: Europäische Geschichte Online (EGO), 31.5.2011, http://www.ieg-ego.eu/krohnc-2011-de« (10.9.2014).
7.
E. Loewy (Anm. 2), S. 213.
8.
Vgl. Ursula Langkau-Alex, Geschichte der Exilforschung, in: Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945 (Anm. 3), Sp. 1195–1209; Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 30: Exilforschungen im historischen Prozess, München 2012.
9.
Vgl. Sylvia Asmus, Geschichte des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek, http://www.dnb.de/DE/DEA/DEA/dea_node.html« (10.9.2014).
10.
Vgl. Claus-Dieter Krohn, Exilforschung, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 20.12.2012, http://www.docupedia.de/zg/Exilforschung?oldid=85420« (10.9.2014).
11.
Vgl. Brita Eckert, Die Anfänge der "Gesellschaft für Exilforschung e.V.", http://www.exilforschung.de/index.php?p=26« (10.9.2014); Claus-Dieter Krohn, Anfänge der Exilforschung in den USA. Exil, Emigration, Akkulturation, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch (Anm. 8), S. 1–29.
12.
Gesellschaft für Exilforschung, http://www.kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Netzwerkpartner/gesellschaft-fuer-exilforschung.html« (9.8.2014).
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Autor: Inge Hansen-Schaberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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