Steg am Comer See
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Exilforschung – Stand und Perspektiven


6.10.2014
"Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun." [1]

Exilforschung ist Erinnerungsarbeit und will dazu beitragen, dass die Verfolgung und Vertreibung während der NS-Zeit nicht in Vergessenheit gerät, unter Einbeziehung der "Frage nach den Ursachen und Bedingungen, die Auschwitz möglich gemacht hatten".[2] Nach dem "Anschluss" Österreichs und der Annexion und Okkupation der europäischen Nachbarländer waren unzählige Frauen, Männer und Kinder auf der Flucht. Allein aus Deutschland mussten etwa 16.000 bis 19.000 politisch Oppositionelle flüchten,[3] die jüdische Emigration umfasste schätzungsweise 278.500 Menschen.[4] Der Versuch, dadurch ihr Leben zu retten, scheiterte für rund 30.000 von ihnen. Während der deutschen Besatzung wurden sie in die Vernichtungslager deportiert: "Ihre Emigration wurde Teil des Holocaust."[5]

In der Exilforschung geht es um die Aufarbeitung von einzelnen Lebensgeschichten und Kollektivbiografien und zugleich auch um die mit diesen Menschen vergessenen oder verdrängten Ideen und Werke, wissenschaftlichen Ansätze und kulturellen Leistungen sowie die von ihnen begründeten Schulen und Institutionen. Derartige Bestandsaufnahmen ermöglichen es, die Verluste und Wirkungen der Vertreibung zu ermessen, die in Deutschland bis heute in allen gesellschaftlichen Bereichen spürbar sind; sie lassen auch erahnen, welche Leistungen Exilantinnen und Exilanten in den Aufnahmeländern erbracht haben.[6] Zurückgekehrt sind in die beiden Teile Deutschlands nur wenige Tausende.

Anfänge und Aufgaben



"Zweck der Exilforschung war und ist es, ein vernachlässigtes Thema aufzugreifen, vorzustellen und in das historische Bewußtsein zu rücken." [7]

Bereits im Exil begann das Sammeln und Bewahren unterschiedlichster Quellen, und aus dem Exil kamen auch die ersten Initiativen, um die Materialien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[8] So baut zum Beispiel die Gründung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main auf dem Gedanken einer "Bibliothek der Emigrationsliteratur" auf, den exilierte Intellektuelle Ende der 1940er Jahre in Zürich entwickelten.[9] Der erste Leiter dieses Archivs, Werner Berthold, initiierte 1965 erstmals eine Ausstellung zur Exilliteratur in der Bundesrepublik.

Eine breite Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Exil setzte in der Bundesrepublik erst infolge der 1968er Studentenbewegung ein, befördert auch durch die Tatsache, dass mit Willy Brandt ein Remigrant Kanzler wurde. Die Grundlagenforschung zum Exil wurde in der Folgezeit von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über zehn Jahre gefördert; Untersuchungen zum Thema Wissenschaftsemigration folgten.[10] In der DDR gab es parallel dazu die Arbeitsgruppe Exilforschung an der Akademie der Wissenschaften, deren Schwerpunkt auf dem antifaschistischen Exil lag.

1984 wurde die Gesellschaft für Exilforschung e.V. in Marburg gegründet, zunächst als deutscher Zweig der Society for Exile Studies, Inc.[11] Bereits Ende der 1960er Jahre hatte sich in den USA eine Gruppe von Germanistinnen und Germanisten um John M. Spalek und Joseph Strelka gebildet und als Research Seminar on German Literature in Exile definiert. Aus diesem Zusammenschluss ging 1978 die Society hervor, die von vornherein die Herausgabe eines Jahrbuchs beschlossen hatte. Dies war jedoch nur mit finanzieller Unterstützung und enger Zusammenarbeit mit Forschenden und Institutionen in der Bundesrepublik zu realisieren. 1983 erschien dann der erste Band von "Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch".

Die Gesellschaft für Exilforschung e.V. wurde nach wenigen Jahren eine autonome und als gemeinnützig anerkannte Organisation, die weiterhin mit der North American Society for Exile Studies in Kooperation verbunden ist. Ihr erster Vorsitzender war der Literaturwissenschaftler und Publizist Ernst Loewy, der als Jugendlicher zur Auswanderung nach Palästina gezwungen war. Aktuell hat sie über 250 Mitglieder, davon etwa 60 Mitglieder aus dem Ausland, überwiegend aus Europa. In der Selbstdarstellung der Gesellschaft für Exilforschung e.V. wird als Ziel formuliert, "die komplexe Problematik von Emigration und Exil aus dem deutschsprachigen Mitteleuropa interdisziplinär aufzuarbeiten, die politischen, wissenschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Leistungen der Exilierten und der Remigranten zu vermitteln und – unter dem Aspekt der Erinnerungsarbeit – den Dialog zwischen Forscherinnen und Forschern, Betroffenen, nachfolgenden Generationen, Interessierten, verwandten Institutionen und Organisationen sowie mit der Öffentlichkeit zu befördern".[12] Neuerdings geht es auch darum, die vielfältigen Formen von erzwungener Migration und Diaspora in der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erfassen.

Eine Vielzahl von Einrichtungen befasst sich in ihrem Sammelauftrag und ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Exil. Zu nennen sind vor allem das Archiv der sozialen Demokratie unter dem Dach der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das Institut für Zeitgeschichte in München, das International Institute of Social History in Amsterdam und die Österreichische Exilbibliothek im Literaturhaus in Wien. An den deutschen Universitäten widmen sich die Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle für deutschsprachige Exilliteratur an der Universität Hamburg und die Axel Springer-Stiftungsprofessur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder explizit der Exilforschung. In Großbritannien ist das Research Centre for German and Austrian Exile Studies an der University of London hervorzuheben, in den USA The German and Jewish Intellectual Emigré Collection an der State University of New York at Albany.

Erkenntnisse und Entwicklungen



"Die Erfahrung der Fremde (…) scheint die Grunderfahrung des Exils gewesen zu sein." [13]

In den vergangenen Jahrzehnten haben Forschungen zum deutschsprachigen Exil beachtliche Ergebnisse und Publikationen hervorgebracht.[14] Während zunächst das belletristische und publizistische Œuvre bekannter exilierter Schriftsteller im Fokus des Interesses standen, sind inzwischen auch "Das Exil der kleinen Leute",[15] die spezifische Situation von Frauen und von Kindern sowie die Betrachtung unterschiedlicher Berufsgruppen und wissenschaftlicher Disziplinen in den Blick gerückt. Neben biografischen und länderspezifischen Studien widmet man sich generellen Fragen der Akkulturation und der Remigration sowie speziellen Themenstellungen wie dem Europagedanken im Exil, dem politischen Widerstand, geretteten Bibliotheken und Sammlungen sowie zuletzt dem Zusammenhang von Ökonomie und Exil.

In den vergangenen Jahren haben selbstkritische Reflexionen über die anfangs in der Forschung mittransportierten Mythen und Fehleinschätzungen, die in der Bundesrepublik und in der DDR jeweils anders gewichtet waren, stattgefunden. Ein Beispiel dafür ist der positiv besetzte Begriff des "anderen Deutschlands", mit dem die im Gegensatz zum nationalsozialistischen Deutschland stehenden politischen Ideen und kulturellen Werte im Exil definiert wurden: "Im Kern umfasst dieser Begriff drei Aspekte: einen politischen, der auf die Erneuerung und Radikalisierung der Demokratie zielte; einen kulturellen, der (…) auf die Bewahrung und Pflege des ‚kulturellen Erbes‘ im Rahmen einer deutschen ‚Kulturnation‘ setzte; und einen grundsätzlichen zivilisatorisch-humanitären Aspekt."[16] Übersehen wurde dabei oft, dass mit diesem Begriff von einer ins Exil geretteten einheitlichen nationalen und kulturellen Identität ausgegangen wurde, die jedoch nie bestanden hat. Heute wird – angeregt durch die Migrationsforschung und durch kulturtheoretische Ansätze – mit einem größeren Problembewusstsein über die Brüchigkeit und Komplexität von Identitäten diskutiert und die Erfahrung der Fremde in ihrer vielfältigen Auswirkung auf die Einzelnen beziehungsweise Gruppen reflektiert.

Welche Erkenntnisse gewonnen werden können, soll im Folgenden an einigen Beispielen aus der pädagogischen Exilforschung skizziert werden. Interessanterweise kann hier im Gegensatz zum Begriff des "anderen Deutschlands" durchaus von einer "anderen Pädagogik" gesprochen werden. Denn einige der nach der Machtübergabe geschlossenen reformpädagogisch orientierten Erziehungseinrichtungen und Schulen wurden im Exil weitergeführt beziehungsweise neugegründet, und zwar häufig von politisch oppositionellen und jüdischen Pädagoginnen und Pädagogen, die aufgrund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" (7. April 1933) entlassen worden waren. Nach ihrer Flucht bauten sie Schulen und Kinderheime in Großbritannien, in der Schweiz, in Frankreich, in Italien, in Dänemark, in Schweden, in den Niederlanden, in den USA und in Argentinien auf.[17] Sie strebten zum einen an, pädagogische Ansätze weiterzuführen, die die Selbsttätigkeit des Kindes sowie offene kreative Lehr- und Lernprozesse und Mitbestimmungsmöglichkeiten förderten und durch das Gemeinschaftsleben zu internationaler Verständigung beitrugen.[18] Zum anderen aber wurden die neuen Bedingungen und Verhältnisse antizipiert, die zu einer größeren Fürsorge für die durch die Verfolgung verstörten beziehungsweise traumatisierten Kinder führten.

Minna Specht gründete aus diesem pädagogischen Selbstverständnis heraus Schulen in Dänemark und England. Für sie stand im Vordergrund, "die für das Wachstum notwendigen Vorbedingungen wieder zu schaffen: das Vertrauen in andere Menschen und in die eigenen Kräfte".[19] Ein derartiges Konzept konnte auch in den Kinderheimen der jüdischen Kinderhilfsorganisation Organisation pour la Santé et l’ Éducation/Œuvre de Secours aux Enfants (OSE) verwirklicht werden. Ab Februar 1939 wurden drei- bis fünfzehnjährige Kinder zunächst in die vier Heime in Montmorency, nördlich von Paris, gebracht, die von dem aus Wien emigrierten Pädagogen Ernst Papanek geleitet wurden. Diese Rettungsaktionen mussten im Kriegsverlauf ausgeweitet werden, sodass im Frühling 1940 bereits 1600 Kinder in elf Heimen betreut wurden, von denen 300 aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei stammten, 200 Kinder aus Holland und Belgien und 1100 aus Elsass-Lothringen und weiteren okkupierten Departements.[20] Mit der Besetzung Frankreichs und den einsetzenden Deportationen konnten nicht alle, aber die meisten dieser Kinder und Jugendlichen versteckt oder durch mutige Einsätze in die Schweiz oder in die USA gebracht werden.

Obwohl Ernst Papanek über die Arbeit mit Flüchtlingskindern vielfach berichtet und pädagogische und therapeutische Konzepte entwickelt hat,[21] sind diese Ansätze über Jahrzehnte unbeachtet geblieben. Sie könnten jedoch für den Umgang mit unbegleiteten Flüchtlingskindern hilfreich sein.[22] Die Rettungsaktionen für Kinder und Jugendliche, vor allem auch die Kindertransporte nach England nach den Novemberpogromen 1938,[23] sollten angesichts der aktuellen Asylpolitik und Abschiebepraxis in Erinnerung gerufen werden und Anstöße für ein humanitäres Asylverfahren geben.

Die Beispiele aus der pädagogischen Exilforschung zeigen die ebenfalls für andere Disziplinen nachweisbare Fortsetzung von Entwicklungen aus den 1920er Jahren, die in der Konfrontation mit der "Fremde" und den neuen Notwendigkeiten angereichert, modifiziert und weitergeführt wurden. Zunächst war die Akkulturation, also das Hineinwachsen in die Gegebenheiten in den Exilländern, das vorrangige Ziel. Dann jedoch wurden auch Bildungskonzeptionen und Schul- und Unterrichtspläne für ein Deutschland nach Hitler verfasst, die an die in der Weimarer Republik entwickelten Reformmodelle anknüpften, in die aber auch im Exil gewonnene Erfahrungen und innovative Ideen hineinflossen.[24]

Diese Tatsache deutet bereits darauf hin, dass in pädagogischen und sozialen Berufen häufiger als in anderen Berufsgruppen die Remigration vorbereitet wurde.[25] Aber selbst wenn eine Rückkehr gewollt war und gelang, heißt es nicht, dass problemlos an die Zeit vor dem Exil angeknüpft werden konnte.[26]

Geschlechterdifferenz und Emanzipation



"Unsere Bilder von der Emigrantin und dem Mann im Exil sind durch Geschlechterstereotypen bestimmt." [27]

Innerhalb der Gesellschaft für Exilforschung e.V. entstand Ende der 1980er Jahre die Arbeitsgemeinschaft "Frauen im Exil", die sich als lockeres Bündnis von Forscherinnen und Studentinnen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Zeitzeuginnen versteht und unter geschlechterdifferenzierender Perspektive über das Exil arbeitet. In den Anfangsjahren ging es wegen der Vernachlässigung der "Frauenfrage" in der Exilforschung "um das Sammeln von Informationen, um das Aufsuchen und Bekanntmachen von Namen, die vor dem Vergessen bewahrt werden mußten, um das Kennenlernen bis dahin ungenannter weiblicher Persönlichkeiten des Exils" und um "den Alltag des Exils von Frauen".[28] Die Revision des Klischees von der Emigrantin ausschließlich als Ehefrau, Mutter und Familienstütze war überfällig, handelte es sich doch vielfach um Angehörige einer Generation von Frauen, die den Zugang zu höherer Bildung, zum Universitätsstudium und zur Berufstätigkeit erkämpft hatten. Dass sich dennoch die Geschlechterzuschreibungen so hartnäckig halten konnten, hat seine Ursachen in der Verdrängung emanzipatorischer und egalitärer Ansätze der 1920er Jahre. Diese fehlen seit der Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der sie repräsentierenden Menschen und müssen erneut rezipiert und kritisch analysiert werden.

Es geht der geschlechtersensiblen Exilforschung bislang vor allem um das Leben und Wirken von Frauen im Exil, speziell in den Jahren von 1933 bis 1945. Die Auseinandersetzung mit der spezifischen Situation des weiblichen Geschlechts in patriarchalischen Gesellschaften wird mit der Frage nach den Folgen von Vertreibung und Vernichtung verknüpft. Dementsprechend haben sich die Tagungen der Arbeitsgemeinschaft "Frauen im Exil" und der österreichischen Frauenexilforschung und eine Vielzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit der Auslotung beruflicher Möglichkeiten für Frauen und mit weiblichen Lebensmustern befasst sowie mit Frauen, die wegen ihrer Ethnizität, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Religion, ihrer künstlerischen Expressivität, ihres Lebensstils oder ihrer Sexualität der Willkür ausgesetzt waren. Dabei werden auch die Lebensverhältnisse im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich in den Blick genommen, um das Exil im Zusammenhang von Widerstand, Verfolgung, Deportation und Mord zu untersuchen. So hat sich die Frauenexilforschung mit zahlreichen Themen auseinandergesetzt, beispielsweise mit politischen Konzepten von Exilantinnen, mit Frauen in der Résistance, mit Lebensgemeinschaften von Frauen, mit Frauen in südfranzösischen Internierungslagern, im KZ Ravensbrück und im Gulag, mit dem Widerstand und mit der Remigration. Sie hat sich zudem beschäftigt mit Traumatisierungen verfolgter und versteckter Kinder, mit Schulen im Exil und mit Kindertransporten, mit der deutsch-jüdischen Jugendbewegung und der Alija (Einwanderung nach Palästina), mit der Exilpresse, mit Rezeptionsproblemen, mit der kritischen Auseinandersetzung um den Frauenanteil in der Wissenschaftsemigration, mit der Flucht- und Flüchtlingshilfe der International Federation of University Women und mit Familiengeschichte(n), in denen es um Erfahrungen und Verarbeitung von Exil und Verfolgung im Leben der Töchter geht.

Auf die ursprünglich aufgeworfene Fragestellung, "Welche geschlechterspezifischen Unterschiede bestimmten das Leben der Emigrierten?", können also vielfältige Antworten gegeben werden, und die erforderliche Überprüfung der Bewertungskriterien für intellektuelle Leistungen und für künstlerisches und literarisches Schaffen vor, während und nach der Emigration findet fortlaufend statt.[29] Das besondere Erkenntnisinteresse und die Auseinandersetzung mit marginalisierten, überdeckten oder vergessenen Lebens- und Arbeitszusammenhängen haben zu einer erheblichen Erweiterung des Kenntnisstands zu Verfolgung, Widerstand und Exil und zur Frage der Remigration geführt und sollen zu einer geschlechtergerechten Erinnerungskultur beitragen.[30]

Vermittlung und Bildung



"Nirgends in diesem Land gibt es einen Ort, an dem man den Inhalt des Wortes Exil an einzelnen Schicksalen entlang darstellen kann. Das Risiko der Flucht, das verstörte Leben im Exil, Fremdheit, Armut, Angst und Heimweh." [31]

Die Erforschung des deutschsprachigen Exils während der NS-Zeit hat Modellcharakter, nicht nur, "weil es uns die eigene Geschichte besser verstehen lehrt, sondern auch, weil es für alle Zukunft Licht auf die Geschichte und die Mechanismen der Wanderungen, der Fluchten, des Exils, der Emigration zu werfen vermag".[32] Neben der wissenschaftlichen Arbeit an den historischen Quellen und der Analyse der kulturellen Leistungen ist es unerlässlich, auch die Frage der Vermittlung der sehr umfangreichen Forschungsergebnisse zu beachten und damit das Thema Exil in der universitären Lehre und in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit zu etablieren. Wichtig ist es dabei – und das bedeutet, das reformpädagogische Erbe zu nutzen –, nicht zu belehren, sondern in Projekten, die die unmittelbaren Zusammenhänge zwischen dem Exil und unserer heutigen Welt aufzuzeigen vermögen, Interesse zu wecken und neugierig zu machen, Fragen zu stellen und Methoden zu entwickeln, die Antworten oder zumindest Annäherungen erlauben. In schulischen Zusammenhängen könnte es motivierend und fruchtbar sein, die Ergebnisse der Exilforschung zu Kindheit und Jugend einzubeziehen. Es geht perspektivisch also darum, "die Ergebnisse und Erkenntnisse der Exilforschung nachhaltiger als bisher im Bereich edukativer und kommunikativer öffentlicher Einrichtungen in der Bundesrepublik, aber auch international zur Geltung zu bringen".[33]

Eine vielversprechende Anregung ist in dieser Hinsicht von der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ausgegangen, die beklagt, dass es kein Museum des Exils gibt. Eine Antwort darauf ist die finanzielle Förderung der im Aufbau befindlichen virtuellen Ausstellung und das Netzwerk "Künste im Exil", die auf Wunsch des ehemaligen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann, unter der Federführung des Exilarchivs 1933–1945 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main angesiedelt sind. Mit über dreißig Kooperationspartnerinnen und -partnern ist ein hervorragendes Beispiel für zukünftige Bildungsprojekte entstanden.[34]

Fortsetzung und Erweiterung



"Aufgabe der Exilforschung scheint mir demnach zu sein, das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis zugleich an einem historisch und anthropologisch verbindlichen Gegenstand zu schulen. Eine solche Exilforschung (…) würde gehört und verstanden werden, weit über die Kreise der ‚Betroffenen‘ und die Fachkreise hinaus." [35]

Ein Kennzeichen der Exilforschung ist es bisher gewesen, dass das Engagement von Einzelnen tragend wurde, wenn es um die Rekonstruktion zerstörter Lebenswelten, die kritische Rezeption verdrängter und vergessener Traditionen und die Frage des Kultur- und Wissenstransfers in die Exilländer geht. Der Prozess des Einschreibens der Lebensgeschichten und der künstlerischen, wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Leistungen in das "kulturelle Gedächtnis"[36] wird nie als abgeschlossen bezeichnet werden können, sondern auch zukünftig eine wichtige Aufgabe bleiben. Deshalb wäre es dringend notwendig, die Exilforschung an deutschen Universitäten zu institutionalisieren.

Das Exil wird seit dem vergangenen Jahrhundert zunehmend zur Erfahrungs- und Lebensform, weil Krieg, Hunger, Genozid, soziale Not, Wirtschaftskrisen, Fundamentalismus und Frauenfeindlichkeit zur Flucht zwingen. 2013 waren nach dem Report des United Nations High Commissioners for Refugees (UNHCR) 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht,[37] mit zurzeit wachsender Tendenz. Schon dieses ungeheuerliche Faktum spricht dafür, die Exilforschung zu erweitern und dabei die in der Untersuchung des historischen Exils und der NS-Geschichte erworbenen Expertisen zu nutzen. Bislang werden jedoch "die Ergebnisse und die Überlegungen der Exilforschung in diese globale Exil- und Fluchtdebatte kaum einbezogen" – eher könnte von einer "Entpersönlichung der Exilproblematik" und einer "technisch-administrativen Steuerung von Migrantenströmen" gesprochen werden.[38] Es sollte jedoch um Aufklärung und Sensibilisierung für die heutige Praxis des politischen und humanitären Asyls gehen und damit um ein besseres Verständnis der mit den aktuellen Prozessen von Migration, Integration und Akkulturation einhergehenden sozialen, kulturellen und politischen Probleme und "um die Einlösung der vergangenen Hoffnung".[39]

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Fußnoten

1.
Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1988 (1944), S. 5.
2.
Ernst Loewy, Zum Paradigmenwechsel in der Exilforschung, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 9: Exil und Remigration, München 1991, S. 208–217, hier: S. 211.
3.
Vgl. Werner Röder, Die politische Emigration, in: Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945, hrsg. von Claus-Dieter Krohn et al., Darmstadt 1998, Sp. 16–30, hier: Sp. 21.
4.
Vgl. Wolfgang Benz, Die jüdische Emigration, in: ebd., Sp. 5–15, hier: Sp. 6.
5.
Ebd., Sp. 13.
6.
Zum Kulturtransfer siehe den Überblicksartikel von Claus-Dieter Krohn, Emigration 1933–1945/1950, in: Europäische Geschichte Online (EGO), 31.5.2011, http://www.ieg-ego.eu/krohnc-2011-de« (10.9.2014).
7.
E. Loewy (Anm. 2), S. 213.
8.
Vgl. Ursula Langkau-Alex, Geschichte der Exilforschung, in: Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945 (Anm. 3), Sp. 1195–1209; Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 30: Exilforschungen im historischen Prozess, München 2012.
9.
Vgl. Sylvia Asmus, Geschichte des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek, http://www.dnb.de/DE/DEA/DEA/dea_node.html« (10.9.2014).
10.
Vgl. Claus-Dieter Krohn, Exilforschung, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 20.12.2012, http://www.docupedia.de/zg/Exilforschung?oldid=85420« (10.9.2014).
11.
Vgl. Brita Eckert, Die Anfänge der "Gesellschaft für Exilforschung e.V.", http://www.exilforschung.de/index.php?p=26« (10.9.2014); Claus-Dieter Krohn, Anfänge der Exilforschung in den USA. Exil, Emigration, Akkulturation, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch (Anm. 8), S. 1–29.
12.
Gesellschaft für Exilforschung, http://www.kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Netzwerkpartner/gesellschaft-fuer-exilforschung.html« (9.8.2014).
13.
Manfred Briegel/Wolfgang Frühwald, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Die Erfahrung der Fremde. Kolloquium des Schwerpunktprogramms "Exilforschung" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Weinheim 1988, S. 14.
14.
Im Folgenden kann lediglich eine Auswahl genannt werden: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte, München und von der Research Foundation for Jewish Immigration, New York, unter der Gesamtleitung von Werner Röder und Herbert A. Straus, 3 Bde., München 1980, 1983; Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933–1945, 7 Bde., Berlin (Ost) 1978–1981; Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945 (Anm. 3); Edith Böhne/Wolfgang Motzkau-Valeton (Hrsg.), Die Künste und die Wissenschaften im Exil 1933–1945, Gerlingen 1992; Lieselotte Maas, Handbuch der deutschen Exilpresse 1933–1945, 4 Bde., München 1976–1990; Renate Wall (Hrsg.), Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933 bis 1945, Gießen 2004; Hans-Albert Walter, Deutsche Exilliteratur 1933–1950, 4 Bde., Stuttgart 1978–2004; Ulrike Wendland, Biographisches Handbuch deutschsprachiger Kunsthistoriker im Exil, München 1999; Ursula Langkau-Alex, Deutsche Volksfront 1932–1939. Zwischen Berlin, Paris, Prag und Moskau, 3 Bde., Berlin 2004–2005; Anthony Grenville, Jewish Refugees from Germany and Austria in Britain, 1933–1970. Their Image in AJR Information, London u.a. 2010; Yearbook of the Research Centre for German and Austrian Exile Studies; Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, seit 1983 fortlaufend, http://www.exilforschung.de/_dateien/bibliographie/Bibl.-Jb.Exilforsch.1983-2013.Times.pdf« (10.9.2014).
15.
Wolfgang Benz (Hrsg.), Das Exil der kleinen Leute. Alltagserfahrungen deutscher Juden in der Emigration, München 1991.
16.
Lutz Winckler, Die Unverfügbarkeit des Exils. Exilforschung als Spurensuche, in: Momentaufnahme der Exilforschung/Proceedings of Exile Studies. Dokumentation der Tagung der Gesellschaft für Exilforschung e.V. in Zusammenarbeit mit dem Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam, 23.–25. März 2012, S. 12–20, hier: S. 14, http://www.exilforschung.de/_dateien/tagungen/Tagungsbeitra%CC%88ge%20Amsterdam%202012.pdf« (9.8.2014).
17.
Vgl. Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach, Die Pädagogik der Landerziehungsheime im Exil, in: Inge Hansen-Schaberg (Hrsg.), Reformpädagogische Schulkonzepte, Bd. 2: Landerziehungsheim-Pädagogik, Baltmannsweiler 2012, S. 183–206.
18.
Vgl. Hildegard Feidel-Mertz, Reformpädagogik auf dem Prüfstand. Zur Funktion der Schul- und Heimgründungen emigrierter Pädagogen, in: M. Briegel/W. Frühwald (Anm. 13), S. 205–215.
19.
Minna Specht, Erziehung zum Selbstvertrauen (1944), in: Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.), Schulen im Exil, Reinbek 1983, S. 92–103, hier: S. 92, Herv. i.O.
20.
Vgl. Ernst Papanek, Die Kinderfürsorge der "OSE". 500 Refugeekinder aus Frankreich wollen in die U.S.A., in: Aufbau, 7 (1941) 6, S. 8. Besitzende Institution: Deutsche Nationalbibliothek. Exilarchiv 1933–1945, Frankfurt/M.
21.
Vgl. Ernst Papanek – Pädagogische und therapeutische Arbeit. Kinder mit Verfolgungs-, Flucht- und Exilerfahrungen während der NS-Zeit, hrsg. von Inge Hansen-Schaberg/Hanna Papanek/Gabriele Rühl-Nawabi, Wien 2015 (i.E.).
22.
Vgl. Wolfgang Benz, Unbegleitete Flüchtlingskinder. Zu einem Desiderat der Exilforschung, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 13, Berlin 2004, S. 261–272.
23.
Vgl. Wolfgang Benz/Claudia Curio/Andrea Hammel (Hrsg.), Die Kindertransporte 1938/39. Rettung und Integration, Frankfurt/M. 2003.
24.
Vgl. Minna Specht, Gesinnungswandel. Beiträge zur Pädagogik im Exil und zur Erneuerung von Erziehung und Bildung im Nachkriegsdeutschland, hrsg. von Inge Hansen-Schaberg, Frankfurt/M. u.a. 2005.
25.
Vgl. Klaus-Peter Horn/Heinz-Elmar Tenorth, Remigration in der Erziehungswissenschaft, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch (Anm. 2), S. 171–195.
26.
Vgl. Irmela von der Lühe/Axel Schmidt/Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), "Auch in Deutschland waren wir nicht wirklich zu Hause". Jüdische Remigration nach 1945, Göttingen 2008; Irene Below/Inge Hansen-Schaberg/Maria Kublitz-Kramer (Hrsg.), Das Ende des Exils? Briefe von Frauen nach 1945, München 2014. Siehe auch den Beitrag von Marina Aschkenasi in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
27.
Hiltrud Häntzschel, Geschlechtsspezifische Aspekte, in: Handbuch der deutschsprachigen Emigration (Anm. 3), Sp. 101–117, hier: Sp. 109, Hervorhebung i.O.
28.
Beate Schmeichel-Falkenberg, Frauen im Exil – Frauen in der Exilforschung. Zur kurzen Geschichte der Frauenexilforschung, in: Inge Hansen-Schaberg/Beate Schmeichelberg-Falkenberg (Hrsg.), FRAUEN ERINNERN. Verfolgung – Widerstand – Exil 1933–1945, Berlin 2000, S. 155–160, hier: S. 157.
29.
Vgl. H. Häntzschel (Anm. 27), Sp. 101.
30.
Eine Auflistung sämtlicher Sammelbände der Arbeitsgemeinschaft "Frauen im Exil" findet sich unter http://www.exilforschung.de/index.php?p=20« (10.9.2014).
31.
Herta Müller, Herzwort und Kopfwort. Erinnerung an das Exil, in: Harald Roth (Hrsg.), Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten, München 2014, S. 119–129, hier: S. 129.
32.
Wolfgang Frühwald, Die "gekannt sein wollen". Prolegomena zu einer Theorie des Exils, in: Hermann Haarmann (Hrsg.), Innen-Leben. Ansichten aus dem Exil. Ein Berliner Symposium, Berlin 1995, S. 56–69, hier: S. 67.
33.
Vgl. Gesellschaft für Exilforschung (Anm. 12).
34.
Vgl. Künste im Exil, http://www.kuenste-im-Exil.de« (10.9.2014). Siehe dazu auch den Beitrag von Sylvia Asmus und Jesko Bender in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
35.
W. Frühwald (Anm. 32), S. 57.
36.
Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006.
37.
Vgl. UNHCR, Global Trends 2013, Genf 2014, http://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fileadmin/redaktion/PDF/UNHCR/GlobalTrends2013.pdf« (10.9.2014).
38.
W. Frühwald (Anm. 32), S. 61.
39.
M. Horkheimer/Th. W. Adorno (Anm. 1), S. 5.
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