Steg am Comer See
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Jüdische Remigration nach 1945


6.10.2014
Die wissenschaftliche Erforschung der Remigration nach 1945 ist eng an die Exilforschung, gewissermaßen als eine Fortsetzung, als Nach- und Wirkungsgeschichte des Exils, geknüpft.[1] Stand viele Jahre das Exil und seine Literatur im Fokus der wissenschaftlichen Analyse, wendet sich die Exilforschung nun dem ehemaligen Randthema Remigration zu.[2] Insbesondere die jüdische Remigration und der Antisemitismus waren lange Zeit Tabuthemen.[3] Gleichzeitig ist das Interesse an der deutsch-jüdischen Zeitgeschichte nach 1945 stark gestiegen, sodass inzwischen eine Fülle von Literatur existiert, die sich mit den schwierigen Wiederanfängen des jüdischen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. In diesem Beitrag soll die jüdische Remigration nach 1945, insbesondere die Motive der Exilanten für eine Rückkehr und die Reaktionen der dagebliebenen Deutschen, beleuchtet werden.[4]

Situation nach 1945: Entnazifizierung und Reeducation



Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 und der Besetzung des Reichgebietes durch die Alliierten wurde Deutschland von der nationalsozialistischen Diktatur befreit. Die alliierten Siegermächte teilten das Land in vier Besatzungszonen auf und übten die oberste Staatsgewalt aus. Die Deutschen standen vor einer Trümmerlandschaft, ihnen ging es nach Kriegsende wirtschaftlich noch schlechter als in den letzten Kriegsmonaten.[5] Verwaltung und Wirtschaft waren zusammengebrochen, die Strom- und Wasserversorgung funktionierte vielerorts unzureichend, in den deutschen Städten herrschten Hunger und Elend. Neben die Not traten die Entnazifizierungsprogramme der Alliierten, die eine Demokratisierung der deutschen Bevölkerung zum Ziel hatten. Hierbei versuchten die Besatzungsmächte, die NS-Ideologie sowie jegliche nationalistische und militaristische Einflüsse aus der deutschen Gesellschaft zu entfernen.[6]

Während die Entnazifizierung in der sowjetischen Zone zunächst einigermaßen schnell, rigoros und gründlich verlief, war sie in der US-amerikanischen Zone Gegenstand von Kritik, sowohl seitens der betroffenen deutschen Bevölkerung als auch von Beobachtern aus dem Ausland.[7] Der Politologe Franz L. Neumann, der zur Zeit des Nationalsozialismus selbst emigrierte und zur amerikanischen Deutschlandpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg forschte, stellte bei der Betrachtung des moralischen und politischen Zustandes der Deutschen fest, dass sich die Entnazifizierung als ein grandioser Misserfolg erwiesen habe und eine problematische Kontinuität nach dem Nationalsozialismus weiter fortbestehe.[8]

Im Zusammenhang mit der Entnazifizierung setzten die Alliierten auch auf Bildungsarbeit. Mit der sogenannten Reeeducation strebten sie eine Umerziehung der deutschen Bevölkerung nach demokratischen Prinzipien an. Sie umfasste Maßnahmen zur Beseitigung des Faschismus aus dem politischen, kulturellen und ökonomischen Leben sowie dem Bewusstsein der Deutschen.[9] Um dies zu erreichen, wurde der Bildungs- und Kultursektor reformiert und die Bevölkerung durch Filmvorführungen, Hörfunksendungen, Zeitungsartikel und Informationsabende mit den grausamen Verbrechen des NS-Regimes konfrontiert. Trotz der umfassenden Bemühungen der Besatzer, durch Aufklärung die Geisteshaltung der Deutschen zu verändern, wird auch die Reeducation von Wissenschaftlern und Schriftstellern oft als misslungen beurteilt.[10] Hieraus ergibt sich die Frage, wie es um die antisemitischen Gesinnungen der Deutschen nach der NS-Zeit stand. Wie war die deutsche Bevölkerung gegenüber Juden eingestellt?

Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg



Trotz der Bemühungen der Besatzungsmächte, der deutschen Bevölkerung die von den Nationalsozialisten verübten Gräueltaten an Juden zu verdeutlichen, war nach Kriegsende ein sehr großer Teil der Deutschen immer noch extrem judenfeindlich eingestellt.[11] Einem Report der US-Militärregierung zufolge konnten im Dezember 1946 in der Westzone 18 Prozent der Deutschen als hochgradige Antisemiten, weitere 21 Prozent als Antisemiten, 22 Prozent als Rassisten und 20 Prozent als Personen mit nur wenigen antisemitischen Einflüssen bezeichnet werden.[12]

Viele überlebende Juden, die aus den Konzentrationslagern in ihre ehemalige Heimat zurückkehrten, mussten die Erfahrung machen, dass der Antisemitismus unter ihren deutschen Mitbürgern ungebrochen war. Antisemitische Bekundungen wurden insbesondere in der Debatte um Entschädigung, Rückerstattung und "Wiedergutmachung" hervorgerufen und äußerten sich in Form von aggressiven Leserbriefen an Zeitungen oder Schreiben an Einzelpersonen. Wenn Nationalsozialisten im Gerichtsprozess freigesprochen wurden oder ihre Ämter in Politik und Kultur wiederaufnahmen, stieß dies oftmals auf Zustimmung in der deutschen Bevölkerung und rief antisemitische Bemerkungen hervor.[13]

Die Konflikte um die Wiedergutmachungsforderungen und das Wiederhervortreten ehemaliger Nazis in Politik und Öffentlichkeit wurden offen und zum Teil auch gewalttätig ausgetragen.[14] Die Schändung jüdischer Friedhöfe endete nicht mit Kriegsende. Zwischen 1945 und 1950 wurden fast 200 der 500 jüdischen Friedhöfe in Deutschland entweiht und beschädigt.[15] Gegen Juden, die aus Konzentrationslagern befreit wurden und nun übergangsweise in Lagern lebten, richteten sich verbale und tätliche Aggressionen.[16] Antisemitische, von den Nationalsozialisten tradierte Stereotype wurden kaum korrigiert, entsprechend wirkte ihre Propaganda fort. Demonstrationen gegen antisemitische Vorfälle gingen nicht selten mit Angriffen auf die Teilnehmer und anschließenden Straßenschlachten mit der Polizei einher.[17]

Die Beleidigungen und Bedrohungen von Juden nahmen ab der Gründung der Bundesrepublik 1949 zu,[18] auch wenn sich führende Politiker gegen jede Art von Antisemitismus aussprachen. Bundeskanzler Konrad Adenauer etwa äußerte in seiner ersten Regierungserklärung am 20. September 1949: "Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang ein Wort zu hier und da anscheinend hervorgetretenen antisemitischen Bestrebungen sagen. Wir verurteilen diese Bestrebungen auf das schärfste. Wir halten es für unwürdig und für an sich unglaublich, daß nach all dem, was sich in nationalsozialistischer Zeit begeben hat, in Deutschland noch Leute sein sollten, die Juden deswegen verfolgen oder verachten, weil sie Juden sind."[19]

Solchen Verlautbarungen standen indes personelle Kontinuitäten der NS-Zeit in Politik, Justiz und Verwaltung gegenüber. Durch das 1951 verabschiedete "Gesetz zur Regelung des Rechtsverhältnisses der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen" konnten etwa 150.000 ehemalige NS-Beamte, die nicht rechtskräftig verurteilt oder den ersten beiden Entnazifizierungskategorien zugeordnet worden waren, in den öffentlichen Dienst zurückkehren und wurden teilweise gar bei Wiedergutmachungsverfahren eingesetzt. Als "grotesk" bezeichnet der Historiker Arno Herzig diese Situation; die Beamten hätten "den Unrechtscharakter ihres einstigen Vorgehens" nicht wahrhaben wollen und seien entsprechend schikanös gegen jüdische Antragssteller vorgegangen, "denen vielfach betont falsche Angaben und Geldgier unterstellt wurde".[20] Die Ansprüche der NS-Opfer wurden oftmals heruntergespielt, die materielle Seite der Anträge entwertet, die emotionale nicht ernst genommen.[21] Nicht selten griffen Beamte auf bürokratische Schikane zurück, um ihren – ansonsten unterdrückten – Antisemitismus gegenüber jüdischen Remigranten zum Ausdruck zu bringen.[22]

Auch wenn das sogenannte Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren und die Westintegration zu einem allmählichen Rückgang antijüdischer Einstellungen führten, gaben in Befragungen des Instituts für Demoskopie Allensbach 1952 noch 37 Prozent und 1956 immerhin 26 Prozent der Befragten an, dass es für Deutschland besser sei, keine Juden im Land zu haben.[23]

Remigration – eine problematische Rückkehr



Innerhalb dieser beschriebenen Zeitspanne, beginnend 1945, kehrten Exilanten zurück nach Deutschland. Ein Blick auf die Zahl der Emigranten und derjenigen von ihnen, die zurückkehrten, zeigt, dass nur sehr wenige von ihnen den Weg zurück fanden. Von den etwa 500.000 aus dem deutschsprachigen Europa emigrierten Menschen kamen nur etwa fünf Prozent zurück.[24] Während der Anteil von Juden an den sogenannten rassisch verfolgten Emigranten um die 90 Prozent betrug, waren nur etwas mehr als die Hälfte der Rückkehrer jüdischen Glaubens.[25] In Zahlen ausgedrückt, waren unter den Remigranten 12.000 bis 15.000 "Glaubensjuden" und etwa 15.000 Personen, die als Juden verfolgt wurden.[26] Davon meldeten sich zwischen 1945 und 1952 etwa 2.500 Remigranten bei den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Der Großteil, 9.000 Juden, die sich meldeten, kehrten zwischen 1952 und 1959 zurück.[27] Nach 1960 wird die jährliche Zahl der Rückkehrer auf nur noch 250 Personen geschätzt.

Nur ein sehr kleiner Teil der geflohenen Juden kehrte also überhaupt zurück, die meisten blieben in den Exilländern. Für die geringe Rückkehrneigung werden in der Forschungsliteratur mehrere Gründe genannt. Viele Emigranten waren in ihren Zufluchtsländern soziale und berufliche Bindungen eingegangen und fühlten sich in dem Exilland wohl.[28] Die Umgebung im Gastland reagierte oft mit Unverständnis darauf, dass man freiwillig in das Land zurückkehren wollte, in dem Verwandte und Freunde ermordet worden waren. Hinzu kam, dass die wirtschaftlichen Nachkriegszustände kurz nach 1945 nicht gerade einladend waren.

Auch bürokratische Hürden waren einer der Gründe für einen geringen Rückkehrwillen. Die Besatzungsbehörden in Deutschland verhielten sich oftmals abweisend, das US-amerikanische State Department erließ 1947 Bestimmungen, wonach die Repatriierung nur genehmigt wurde, wenn die Remigranten in Deutschland eine Beschäftigung nachweisen konnten, sodass gewährleistet war, dass sie sich selbst ernähren können.[29] Der Historiker Michael Brenner merkt außerdem an, dass "entweder eine große Portion Idealismus oder ein gutes Stück Verzweiflung" dazugehörten, um in die "Grauenzone Europa, einem riesigen Friedhof", zurückzukehren.[30]


Fußnoten

1.
Vgl. Marita Krauss, Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945, München 2001, S. 14.
2.
Vgl. Irmela von der Lühe/Axel Schildt/Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.). "Auch in Deutschland waren wir nicht wirklich zu Hause." Jüdische Remigration nach 1945, Göttingen 2008, S. 9.
3.
Vgl. M. Krauss (Anm. 1), S. 17.
4.
An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass hier zwischen Menschen mit jüdischem Glauben unterschieden werden muss und Menschen, die Nationalsozialisten für ihre Zwecke als Juden definierten, wobei es unerheblich war, ob sie sich selbst so primär identifizieren. Im Nachfolgenden wird der Ausdruck "Juden" für beide Gruppe verwendet, da eine nachträgliche Differenzierung auf Basis zeitgenössischer Quellen kaum möglich ist. Weiterhin ist anzumerken, dass mit den Begriffen "Juden", "Emigranten", "Exilanten" und "Remigranten" stets beide Geschlechter gemeint sind, der Lesbarkeit halber jedoch im männlichen Geschlecht dargestellt werden.
5.
Vgl. Peter Mertz, Und das wurde nicht ihr Staat. Erfahrungen emigrierter Schriftsteller mit Westdeutschland, München 1985, S. 97f.
6.
Vgl. Torben Fischer/Matthias N. Lorenz (Hrsg.), Lexikon der "Vergangenheitsbewältigung" in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945, Bielefeld 2007, S. 18.
7.
Vgl. P. Mertz (Anm. 5), S. 99ff.
8.
Vgl. Alfons Söllner, Zwischen totalitärer Vergangenheit und demokratischer Zukunft. Emigranten beurteilen die deutsche Entwicklung nach 1945, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 9: Exil und Remigration, München 1991, S. 146–170, hier: S. 149.
9.
Vgl. T. Fischer/M. N. Lorenz (Anm. 6), S 19.
10.
Vgl. P. Mertz (Anm. 5), S. 103.
11.
Vgl. Werner Bergmann, Antisemitismus in öffentlichen Konflikten 1949–1994, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Antisemitismus in Deutschland. Zur Aktualität eines Vorurteils, München 1995, S. 64–87, hier: S. 64ff.
12.
Vgl. Anna J. Merritt/Richard L. Merritt (Hrsg.), Public Opinion in Occupied Germany: The OMGUS Surveys, 1945–1949, Urbana 1970, S. 146ff.
13.
Vgl. Arno Herzig, Jüdische Geschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1997, S. 263f.
14.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 11), S. 65.
15.
Vgl. Josef Foschepoth, Das Kreuz mit dem Davidstern: Christen und Juden nach dem Holocaust, in: Arno Herzig/Karl Teppe/Andreas Determann (Hrsg.), Verdrängung und Vernichtung der Juden in Westfalen, Münster 1994, S. 231–244, hier: S. 237.
16.
Vgl. A. Herzig (Anm. 13), S. 264.
17.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 11), S. 65f.
18.
Vgl. A. Herzig (Anm. 13), S. 264.
19.
Zit. nach: Klaus von Beyme, Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schmidt, München 1979, S. 67.
20.
A. Herzig (Anm. 13), S. 265.
21.
Vgl. Franziska Becker/Utz Jeggle, Im Dorf erzählen – vor Gericht bezeugen. Zur inneren Logik von sagen und aussagen über NS-Gewalt gegen Juden, in: Arno Herzig (Hrsg.), Verdrängung und Vernichtung der Juden unter dem Nationalsozialismus, Hamburg 1992, S. 311–323, hier: S. 322.
22.
Vgl. Werner Bergmann, "Wir haben Sie nicht gerufen". Reaktionen auf jüdische Remigranten in der Bevölkerung und Öffentlichkeit der frühen Bundesrepublik, in: I. von der Lühe/A. Schildt/S. Schüler-Springorum (Anm. 2), S. 19–40, hier: S. 30.
23.
Vgl. ebd., S. 25f.; für das vollständige Ergebnis der Studie siehe Renate Köcher, Deutsche und Juden vier Jahrzehnte danach: eine Repräsentativbefragung im Auftrag des Stern, Allensbach 1986.
24.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 22), S. 19; I. von der Lühe/A. Schildt/S. Schüler-Springorum (Anm. 2), S. 9.
25.
Vgl. M. Krauss (Anm. 1), S. 9; Michael Brenner, Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nach 1945, in: APuZ, (2007) 50, S. 10–17.
26.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 22), S. 19.
27.
Vgl. M. Krauss (Anm. 1), S. 14.
28.
Vgl. Ulrike Cieslok, Eine schwierige Rückkehr. Remigranten an nordrhein-westfälischen Hochschulen, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch (Anm. 8), S. 115–127, hier: S. 121.
29.
Vgl. M. Krauss (Anm. 1), S. 138; Axel Schildt, Reise zurück aus der Zukunft. Beiträge von intellektuellen USA-Remigranten zur atlantischen Allianz, zum westdeutschen Amerikabild und zur "Amerikanisierung" in den fünfziger Jahren, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch (Anm. 8), S. 25–45, hier: S. 26.
30.
M. Brenner (Anm. 25), S. 12.
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Autor: Marina Aschkenasi für bpb.de
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