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14.10.2014 | Von:
Anne Jessen

Was steckt hinter den Zahlen? Methoden der Demoskopie

Wen würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre? Die Ergebnisse dieser vermeintlich einfach gestellten Frage – der sogenannten Sonntagsfrage – finden sich, auch wenn keine Wahl unmittelbar bevorsteht, täglich in den Medien. Sie sind das Aushängeschild der politischen Meinungsforschung und müssen sich als solche nicht selten harscher Kritik stellen. Ist diese Kritik gerechtfertigt? Wie schwierig es ist, diese Frage zu beantworten, lässt sich beispielhaft anhand einer Schlagzeile von "Spiegel Online" zur Bundestagswahl 2013 erläutern. Einen Tag nach der Wahl fiel das Urteil von vier Redakteurinnen über die zuvor von den Demoskopen erhobenen Zahlen eindeutig aus: "So weit lagen die Meinungsforscher daneben"[1] qualifizierten sie die Arbeit der Institute schon im Titel ab.[2] Im Text hieß es weiter: "Die Ergebnisse der Demoskopen sind meist spannend (…). Nur korrekt, das sind sie nicht immer."[3] Zur Unterstützung dieser These wurden die demoskopischen Ergebnisse dem Wahlergebnis gegenübergestellt. Für die FDP beispielsweise schloss sich dabei folgendes Fazit an: "Die FDP wird im 18. Bundestag nicht vertreten sein, mit erschütternden 4,8 Prozent sind die Liberalen bei der Wahl aus dem Parlament geflogen. Wieso hat das niemand vorausgesehen?"

Nicht nur das gewählte Verb "voraussehen" irritiert in diesem Zusammenhang, sondern auch die gezogene Schlussfolgerung – lagen die erhobenen Werte der führenden Meinungsforschungsinstitute vor der Wahl doch mehrheitlich zwischen 5 und 5,5 Prozent. Einige Tage und Einsichten später wurde dann nicht nur der Titel des Artikels geändert, sondern auch der Text an einigen Stellen überarbeitet. Die Schlagzeile lautete nun: "So treffend waren die Umfragen vor der Wahl". Auch die zitierten Textausschnitte wurden relativiert oder ganz entfernt.

Das Vorgehen von "Spiegel Online" steht hier nur exemplarisch für eine allgemein verbreitete öffentliche Rat- beziehungsweise Hilflosigkeit bei der Einordnung von politischen Umfrageergebnissen. Ziel des vorliegenden Artikels ist es, einen Blick hinter die demoskopischen Zahlen zu wagen, das heißt, die Methoden der Demoskopie aufzuarbeiten, um eine sorgfältige Bewertung der Ergebnisse zu ermöglichen. Dabei muss festgehalten werden, dass es eine perfekte Umfrage nicht gibt, denn Theorie und Praxis können nicht vollkommen harmonisiert werden. Meinungsforschungsinstitute können nicht alle demoskopischen Instrumente vollständig und theoriekonform umsetzen, sie müssen vielmehr in einem Zeit- und Geldkonflikt abwägen. Im Folgenden werden nun die Methoden entsprechend ihres Einsatzes in Umfragen zu politischen Themen dargestellt und in ihrer praktischen Umsetzung reflektiert.

Datenauswahl: Wer wird befragt?

Zu Beginn jeder Umfrage muss bestimmt werden, über wen Aussagen gemacht werden sollen (Grundgesamtheit). Im zweiten Schritt wird festgelegt, wer dafür befragt werden müsste (Auswahlgesamtheit). Im optimalen Fall sind beide definierten Personengruppen identisch. In der politischen Meinungsforschung sollen in der Regel Aussagen über alle Wahlberechtigten getroffen werden. Nach Definition des Bundeswahlgesetzes (BWG) in Artikel 12, Absatz 1 müssten demnach alle Deutschen befragt werden, die am Wahltag das 18. Lebensjahr vollendet haben, seit drei Monaten eine Wohnung in der Bundesrepublik Deutschland innehaben und nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen sind. Eine wichtige Ergänzung findet sich zudem in Artikel 14, Absatz 1 des BWG: "Wählen kann nur, wer in ein Wählerverzeichnis eingetragen ist oder einen Wahlschein hat." An diese scheinbar simplen Bestimmungen schließen sich allerdings weitere Fragen an: Wer ist deutscher Staatsbürger? Wie definiert sich eine Wohnung? Wie wird man vom Wahlrecht ausgeschlossen? Und auf welche Weise erfolgt die Aufnahme in das Wählerverzeichnis oder das Ausstellen eines Wahlscheins? Diese Fragen finden ihre Antworten im Grundgesetz, im Bundeswahlgesetz, im Strafgesetzbuch und in den Bestimmungen des Bundeswahlleiters.[4]

Genauso sorgfältig wie die Grundgesamtheit definiert wird, muss nun die Auswahlgesamtheit festgelegt werden, also die Gruppe, die für die Umfrage befragt werden soll. Die Forschung definiert diese Gruppe häufig wie folgt: "Die Auswahlgesamtheit umfasst alle Elemente, die eine prinzipielle Chance haben, in eine Stichprobe zu gelangen."[5] Doch wie sieht es in der politischen Meinungsforschung mit dem Deckungsgrad der Grund- und Auswahlgesamtheit aus? In den Methodenberichten der Meinungsforschungsinstitute findet sich diesbezüglich nicht selten folgender Hinweis: "Die Grundgesamtheit der Untersuchung ist die in Privathaushalten lebende wahlberechtigte deutsche Bevölkerung ab 18 Jahre in der Bundesrepublik Deutschland."[6] Der Begriff der "Grundgesamtheit" ist hier zwar nicht falsch, allerdings doch irritierend verwendet. Über die Grundgesamtheit werden die Aussagen der Erhebung gemacht, und in der Öffentlichkeit versteht man darunter zu Recht die gesamte Wählerschaft. Passender wäre es folglich, hier von der Auswahlgesamtheit zu sprechen. Da der Hinweis auf die Wahlberechtigung schon Aussagen über die Staatsangehörigkeit und die Altersbeschränkung enthält, könnte auf diese Zusätze verzichtet werden. Durch die definierte Einschränkung der "Privathaushalte" wird die erste Unstimmigkeit zwischen beiden Gesamtheiten deutlich: Bei der Befragung werden Personen ausgeschlossen, die in Anstalten (beispielsweise in Gefängnissen oder Krankenhäusern), im Ausland oder ohne festen Wohnsitz leben.

Hier zeigt sich ein erstes Opfer der Meinungsforschungsinstitute und ihrer Optimierungsbestrebungen. Es wäre für sie ein unverhältnismäßiger Aufwand an Zeit und Geld, die ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen zu befragen.[7] Das Problem, das damit entsteht, nennt sich coverage. Bei undercoverage werden Personen, die eigentlich zur Grundgesamtheit gezählt werden, aus verschiedensten Gründen nicht befragt. Sie sind also kein Bestandteil der Auswahlgesamtheit. Bei overcoverage finden sich in der Auswahlgesamtheit Personen wieder, die nicht den Kriterien der Grundgesamtheit entsprechen oder aber beispielsweise durch Mehrfachvertretung eine erhöhte Chance haben, befragt zu werden.

Zu diesem ersten problematischen Schritt in der Datenauswahl kommt ein zweiter: Nicht alle Personen der Auswahlgesamtheit sind je nach Befragungsart – persönlich, schriftlich, telefonisch oder online – auch befragbar. Aufgrund von Nichterreichbarkeit oder einer Verweigerungshaltung kann also auch die Auswahlgesamtheit nicht immer umgesetzt werden, es entsteht hieraus die sogenannte Inferenzpopulation.[8] Das ist die Befragungsgruppe, die auch tatsächlich befragt wurde. Streng genommen können somit auch nur über diese Gruppe Aussagen getroffen werden. Es lässt sich also festhalten: Die Deckungsgleichheit aller drei vorgestellten Gruppen spiegelt die Qualität der erhobenen Daten wider.

Für die interessierten Leserinnen und Leser von Umfragen ist diese Information allerdings nicht immer leicht zugänglich. Einen ersten Hinweis auf die Aussagekraft der Stichprobe – also inwieweit die Auswahl- auch die Grundgesamtheit repräsentiert – ist dafür etwa das Erhebungsdatum, das sich zunehmend häufig im Kleingedruckten der veröffentlichten Umfragen wiederfindet. Wird zum Beispiel bei einer Umfrage zu den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch befragt, sind Zweifel an der Repräsentativität dieser Zahlen durchaus berechtigt.

Fußnoten

1.
Christina Elmer et al., So treffend waren die Umfragen vor der Wahl, 23.9.2013, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/-a-923985.html« (14.9.2014).
2.
Genannt wurden die fünf großen Umfrageinstitute der politischen Meinungsforschung: Institut für Demoskopie Allensbach, Emnid, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap. Der vorliegende Artikel bezieht sich auf die Arbeit dieser Institute.
3.
C. Elmer et al. (Anm. 1).
4.
Artikel 116, Absatz 1 des Grundgesetzes legt beispielsweise fest, wer als Deutscher gilt. Das Bundeswahlgesetz legt in Artikel 12, Absatz 3 fest, was eine Wohnung ist und ob Wohnschiffe und -wagen auch dazugehören. Das Strafgesetzbuch beschäftigt sich unter anderem in den Artikeln 45 und 92 mit der Aberkennung des Wahlrechts. Dem Bundeswahlleiter zufolge können beim Aufstellen des Wählerverzeichnisses nur Personen berücksichtigt werden, die auch behördlich gemeldet sind.
5.
Rainer Schnell/Paul Hill/Elke Esser (Hrsg.), Methoden der empirischen Sozialforschung, München u.a. 20119, S. 263.
6.
Das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (Gesis) bietet Wissenschaftlern, aber auch der interessierten Öffentlichkeit einen Zugang zu den Zahlen und den Methodenberichten der verschiedenen Erhebungen. Der Satz zur Grund- beziehungsweise Auswahlgesamtheit findet sich beispielsweise in der ZA Studiennummer 4332, 2005.
7.
Vgl. Dieter Roth, Empirische Wahlforschung. Ursprung, Theorien, Instrumente und Methoden, Wiesbaden 20082, S. 65.
8.
Vgl. R. Schnell/P. Hill/E. Esser (Anm. 5), S. 264.
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Autor: Anne Jessen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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