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Medien lieben Zahlen. Ein Report zum Verhältnis von Journalismus und Demoskopie


14.10.2014
Häufige Meinungsumfragen unter der Bevölkerung sind aus der Politikberichterstattung nicht mehr wegzudenken. Wer den Fernseher einschaltet, Zeitung liest oder sich durch Online-Medien klickt, stößt ständig auf eine aktuelle Umfrage, sei es zur Einschätzung von Spitzenpolitikerinnen und -politikern, zum Ukraine-Konflikt, Waffenlieferungen in den Irak oder anderen drängenden (und nicht so drängenden) Fragen. Im Sog des immer schnelleren Nachrichtenstroms gibt es in den Medien eine Gier danach, die Stimmungen im Land auszuloten und in möglichst genauen Zahlen auszudrücken.

Journalistinnen und Journalisten lieben Zahlen, denn sie vermitteln – vermeintlich – Gewissheit. Der alltägliche Umgang mit solchen Erhebungsdaten legt die Illusion nahe, dass die Redaktionen immer am Puls der Zeit wären und verlässlich erführen, was "die Menschen da draußen" eigentlich denken und wünschen. Alles scheint heutzutage abfragbar und messbar. Entsprechend häufig trifft man, wenn man in Redaktionen nachfragt, auf die feste Gewissheit, die zahlreichen Erhebungen erfreuten sich bei den Zuschauern, Leserinnen und Hörern großer Beliebtheit.

Der Kommunikationswissenschaftler Thomas Zerback ist da skeptischer: "Wenn man Leser dazu befragt, zeigen sie nur ein moderates Interesse."[1] Gleichwohl habe sich die Berichterstattung mit Umfragebezug massiv gesteigert. So hätten die Medien vor der Bundestagswahl 2013 ein Fünftel ihrer Berichte in irgendeiner Form auf Umfragen bezogen. Diese dienten dabei durchaus auch als dramaturgisches Element: "Journalisten nutzen Umfragedaten auch, um den Wahlkampf spannender zu machen."

Medien und Meinungsforschungsinstitute profitieren auf diese Weise gegenseitig von der Zusammenarbeit und spiegeln sich ineinander. Ihnen kommt somit auch gleichermaßen eine Verantwortung zu, was den sensiblen Umgang mit den erhobenen Daten angeht. "Die Qualität in Deutschland unterscheidet sich bei den wichtigsten Meinungsforschungsinstituten kaum", betont Zerback. "Sie arbeiten alle sorgfältig mit normalen Fehlermargen." Das Problem sei vielmehr die Qualität der Berichterstattung über die Umfragen.

Gefragt: Demoskopische Kompetenz



Im Umgang mit politischen Meinungsfragen fehlen vielen Journalisten häufig das notwendige Handwerkszeug und ausreichende Kenntnisse in Statistik, um die erhobenen Daten ausreichend analysieren und angemessen aufbereiten zu können. Nur in einigen Redaktionen gibt es Mitarbeiter, die auf diesem Fachgebiet ausreichend kompetent und kundig sind. Während Demoskopen häufig vor einer Überinterpretation der Daten warnen und lieber von Momentaufnahmen sprechen, wird das Material in den Redaktionen oft unkritisch beziehungsweise ohne Einordnung übernommen.

"Das Qualitätsbewusstsein im Umgang mit Daten geht zurück", bedauert auch Renate Köcher, die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. Nur wenige Journalisten interessierten sich für die wissenschaftlichen Methoden der Meinungsforschung. "Wichtig ist für viele vor allem, dass die Ergebnisse aufregend sind." Sie betont die Bedeutung der Fragestellung, mit der sich Journalisten häufig unzureichend auseinandersetzten. Dabei mache es beispielsweise einen großen Unterschied, ob allein gefragt werde "Soll die Ukraine der Nato beitreten?" oder ob in weiterführenden Fragen dem Befragten deutlich werde, dass dies im Kriegsfall auch eine Beistandspflicht der Bündnispartner (also auch Deutschlands) bedeute. "Weil die Demoskopie so alltäglich genutzt wird, machen sich viele methodisch zu wenig Gedanken", konstatiert Köcher.

Zugleich weist sie darauf, dass bisweilen auch Meinungsforscher ihre Unabhängigkeit infrage stellten, wenn sie sich um eines guten Auftrags willen darauf einließen, sich die Fragen von Auftraggebern vorgeben zu lassen: "Als Institut muss man die Hoheit über die Fragebogenformulierungen behalten." Dass Medien die Meinungsforschung heute teilweise nutzten, um Aufregung zu erzeugen, als handele es sich um "Quasi-Plebiszite", betrachtet sie mit Sorge: "Das tut allen nicht gut, nicht der Gesellschaft, nicht der Politik und nicht den Medien – den Instituten sowieso nicht."

Wer etwas genauer hinschaut, findet etliche Beispiele dafür, wie unkritisch Umfragen zum Teil übernommen werden und wie fragwürdig manche Ergebnisse sind. Dem durchschnittlichen Leser bleibt dabei häufig verborgen, dass ihn seine Zeitung gerade in die Irre führt statt die Informationen gründlich aufzubereiten.

So erschien beispielsweise Anfang September 2014 auf der Seite 1 des "Tagesspiegels" die prominent platzierte Meldung: "Berliner wollen ein Berliner Olympia". Sie suggeriert, dass sich eine Mehrheit der Hauptstadtbewohner dieses sportliche Großereignis in der eigenen Stadt wünscht. Die Quelle der Meldung war aber eine nicht repräsentative Online-Umfrage des Berliner Senats, der sich zuvor ausdrücklich für eine Bewerbung ausgesprochen hatte. Obwohl diese Interessenlage eigentlich schon Anlass genug wäre, die Ergebnisse kritisch zu behandeln, übernahm der "Tagesspiegel" die angebliche Nachricht, dass sich 76 Prozent von 10.000 Bürgern für die Ausrichtung der Olympischen Spiele aussprächen – dabei war in erster Linie gefragt worden, wie sich die Berliner die Ausrichtung wünschen, nicht ob. Im Lokalteil wurden die Teilergebnisse sogar noch ausführlicher dargestellt, obwohl die Erhebung erkennbar ohne jede Aussagekraft war, sondern eine geschickte PR-Aktion des Senats.[2] Auch andere Berliner Zeitungen gingen ähnlich nachlässig mit dieser fragwürdigen Information um. Auf solche Weise wird in Medien leicht Stimmung gemacht, statt mit echter Recherche und einem verantwortungsvollem Umgang mit Umfragen die Stimmungen in der Bevölkerung tatsächlich widerzuspiegeln.

Medien als Auftraggeber



Medien sind nicht nur Nutzer des demoskopischen Materials. Seit Jahrzehnten sind sie auch wichtige Auftraggeber und Impulsgeber für politische Umfragen. "Inzwischen beherrschen die Medien die Demoskopie, die Parteien haben dafür kein Geld mehr", beschreibt Matthias Jung, der Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen, das Verhältnis zwischen Demoskopie und Medien. Angesichts der gestiegenen medialen Präsenz von Umfragen und auch der gestiegenen Anzahl an Meinungsforschungsinstituten spricht Jung von einer "Inflationierung der Umfragen". Durch die Medienkrise und sinkende Anzeigenerlöse in den klassischen Medien hat sich auch die Auftragslage einiger Institute verschlechtert, der Wettbewerb unter Meinungsforschern hat sich verschärft.

Manfred Güllner, der Gründer und Chef des Forsa-Instituts, spricht für die politische Demoskopie in den Medien von einem "schrumpfenden Markt" und weist darauf hin, dass die unabhängigen Institute heute sehr stark davon abhängig seien, dass Medien sie überhaupt zu einem bestimmten Thema mit einer politischen Umfrage beauftragen. Wichtige Phänomene würden unzureichend untersucht, weil die Aufträge dazu ausblieben. Als ein Beispiel nennt er die Nichtwähler, die etwa bei der Landtagswahl in Sachsen Ende August 2014 mit 51,5 Prozent nicht zu übersehen waren. "Weder Medien noch Politik schenken den Gründen für diese Wahlverweigerung genügend Aufmerksamkeit", sagt der Meinungsforscher.


Fußnoten

1.
Sofern sie nicht anders gekennzeichnet sind, entstammen sämtliche Zitate in diesem Text Interviews, die ich im August und September 2014 mit den jeweils zitierten Personen geführt habe.
2.
Vgl. Berliner wollen ein Berliner Olympia, in: Der Tagesspiegel vom 3.9.2014, S. 1; Dit ist Berlin: Das Konzept muss zur Stadt passen, in: ebd., S. 8; Übersicht über die Befragungsergebnisse auf der Seite der Berliner Senatskanzlei, http://www.berlin.de/spiele-in-berlin/befragung/formular.148948.php« (24.9.2014).
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Autor: Gemma Pörzgen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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