Fischer in Saudi-Arabien
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Status und Aussichten der saudi-arabischen Wirtschaft


5.11.2014
In den vergangenen zehn Jahren profitierte Saudi-Arabiens Wirtschaft von einer Welle des Wachstums. Fraglich ist jedoch, wie lange dieser wirtschaftliche Expansionskurs noch anhält. Trotz aller Aufwärtsdynamik wirft eine Reihe struktureller Faktoren einen Schatten auf die mittel- und langfristigen Aussichten der saudi-arabischen Wirtschaft. Der wichtigste ist die nach wie vor fast völlige Abhängigkeit von Erdöl als zentralem Antrieb für die ökonomische Entwicklung. Diese Abhängigkeit behindert nicht nur einen dringenden wirtschaftlichen Diversifizierungsprozess, sondern macht die saudi-arabische Wirtschaft auch besonders anfällig für die Volatilität des globalen Ölmarktes – eine Tatsache, die mit dem Rückgang des Ölpreises um 20 Prozent seit Juni 2014 erneut deutlich wurde.[1] Weitere Faktoren sind der steigende Energiekonsum im Inland, die innen- und außenpolitisch bedingte starke Erhöhung der Staatsausgaben sowie die zunehmend brisanten Entwicklungen auf dem saudi-arabischen Arbeitsmarkt, der von einer anhaltenden, vor allem die jüngere Generation betreffenden Arbeitslosigkeit sowie von einer fest verankerten Abhängigkeit der Privatwirtschaft von ausländischen Arbeitskräften gekennzeichnet ist.

Die derzeitigen Wachstumserfolge einerseits und die mittel- bis langfristig dringend benötigten Strukturreformen andererseits ergeben ein zwiespältiges Bild der saudi-arabischen Wirtschaft. Das Finanzpolster, das Saudi-Arabien durch Budgetüberschüsse in den vergangenen zehn Jahren anhäufen konnte, ist zwar ausreichend, um kurzfristige Schwankungen durchzustehen. Zugleich sollten Entscheidungsträger im Königreich die Entwicklung der vergangenen Jahre jedoch nicht weiterhin als selbstverständlich erachten. Da ein wirtschaftlicher Rückgang das Risiko innenpolitischer Auswirkungen wie beispielsweise politische Forderungen seitens der Bevölkerung birgt, sieht sich die Herrscherfamilie der Herausforderung gegenüber, auf der ökonomischen Ebene umsetzbare Lösungen hervorzubringen.

Saudi-Arabiens Wirtschaft in Zahlen



Aufgrund eines seit 2003 hohen Ölpreises konnte das Land, in dem sich ein Sechstel der weltweit nachgewiesenen Ölreserven[2] befindet, und das bis September 2014 der weltweit größte Produzent von Erdöl war,[3] massive Haushaltsüberschüsse erwirtschaften und starke wirtschaftliche Wachstumsraten erreichen (siehe Tabelle 1).
Tabelle 1: Wirtschaftsindikatoren Saudi-ArabienTabelle 1: Wirtschaftsindikatoren Saudi-Arabien

Mit einem BIP von 736 Milliarden US-Dollar 2013 ist Saudi-Arabien zur größten Volkswirtschaft im Nahen Osten herangewachsen und liegt weltweit auf Platz 19.[4] Der Leistungsbilanzüberschuss stieg Ende 2012 auf ein Allzeithoch von 178,5 Milliarden US-Dollar – das entspricht 31,3 Prozent des nominalen BIP. Dank dieser gewaltigen Überschüsse konnte Saudi-Arabien seine Verschuldung, die noch 2003 bei 82 Prozent des BIP lag, bis 2013 auf 2,8 Prozent des BIP senken. Zudem erweiterte es seine ausländischen Vermögenswerte: Ende 2012 wies die Saudi Arabian Monetary Agency (SAMA) einen Wert von 551 Milliarden US-Dollar vor.

Für die kommenden Jahre ist aufgrund dieser Zahlen derzeit noch zu erwarten, dass das saudi-arabische Wirtschaftswachstum auf Basis stabiler Investitionen und Staatsausgaben sowie eines relativ hohen Ölpreises anhält. Das Königreich hat sich in den vergangenen Jahren zudem bemüht, das Investitionsklima im Land zu verbessern, wie beispielsweise durch die Gründung der Investitionsförderungsgesellschaft Saudi Arabian General Investment Authority (SAGIA) als Anlaufstelle für ausländische Investoren 2000, den Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) 2005 und mehrere Anpassungen der Rechtsgrundlage für ausländische Investitionen.[5] 2014 lag Saudi-Arabien auf der Rangliste der Weltbank zur Erleichterung des Investitionsklimas bereits auf Platz 26. Darüber hinaus hat die Regierung ihr Bestreben betont, eine nationale industrielle Basis zu schaffen, in Infrastrukturprojekte zu investieren sowie die Wettbewerbsfähigkeit des Königreichs allgemein zu stärken. Dennoch bestehen grundlegende strukturelle Hindernisse, die bewältigt werden müssen, damit diese Pläne auch umgesetzt werden können.


Fußnoten

1.
Zwischen Juni und September 2014 fiel der Erdölpreis von 115 US-Dollar auf 90 US-Dollar pro Barrel.
2.
Vgl. BP Statistical Review of Energy 2014, S. 6 (Erdölreserven) und S. 8 (Förderungsdaten), »http://www.bp.com/content/dam/bp/pdf/Energy-economics/statistical-review-2014/BP-statistical-review-of-world-energy-2014-full-report.pdf« (7.10 2014).
3.
Aufgrund der Schieferrevolution haben die USA die Führung bei der täglichen Ölproduktion von Saudi-Arabien übernommen. Vgl. Ed Crooks und Anjli Raval, US Poised to Become the World’s Leading Liquid Petroleum Producer, in: Financial Times vom 29.9.2014.
4.
Vgl. hier und im Folgenden Saudi Arabian Monetary Agency, Forty Ninth Annual Report, »http://www.sama.gov.sa/sites/samaen/ReportsStatistics/ReportsStatisticsLib/5600_R_
Annual_En_49_Apx.pdf«
, (29.9.2014); US-Saudi-Arabian Business Council, Saudi Arabia’s 2014 Budget Emphasizes Long-Term Development, »http://www.us-sabc.org/custom/news/details.cfm?id=1541#.VDUKrPmSyP4« (29.9.2014).
5.
Vgl. Ghorfa Arab-German Chamber of Industry and Commerce e.V., Saudi Arabia – Country Profile, in: Arab-German Business Directory 2014/2015, S. 124–128.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Christian Koch für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de