Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Andrij Portnov

Postsowjetische Hybridität und "Eurorevolution" in der Ukraine - Essay

Übersetzung aus dem Englischen: Kirsten E. Lehmann, Köln.

Der Euromajdan, die Annexion der Krim und der fortdauernde Krieg in der östlichen Region Donbass rücken die Ukraine, ihre Beziehungen zu Russland sowie ihre internen Gegensätze und Identifikationen derzeit ins Zentrum weltweiter Aufmerksamkeit. Im internationalen akademischen wie medialen Diskurs wird das Land vielfach einzig als Schlachtfeld zwischen Russland und dem Westen porträtiert. Eine solche Beschreibung verkennt jedoch die historische Eigenheit und gegenwärtige Rolle der Ukraine und verhindert so eine tiefere Analyse der komplexen und heftigen Krise in Europa.

Die postsowjetische Ukraine wird als "Staat im Nationsbildungsprozess", als "postkoloniales Land" oder auch als zivilisatorisch tief gespaltene Gesellschaft angesehen. Die "Essenzialisierung" solcher Erklärungsformeln überschattet zahlreiche wirklich interessante soziale Phänomene: etwa die Dynamik der Identitätsfindung und Identitätsdebatte in der postsowjetischen Ukraine und die daraus resultierende zivile (politische) ukrainische Identität, die Kluft zwischen Stadt und Land hinsichtlich des dort jeweils herrschenden Sprachgebrauchs, die reiche Vielfalt politischer und kultureller Einstellungen innerhalb der Russisch sprechenden Bevölkerungsgruppen (die oft fälschlicherweise als "Russen" bezeichnet werden) sowie die Vielzahl lokaler Erinnerungen innerhalb der Landesteile, die gemeinhin als "Ost-" beziehungsweise "Westukraine" bezeichnet werden.

In diesem Essay werde ich einige dieser Aspekte ansprechen und zeigen, wie das Fehlen eines öffentlichen Konsenses bezüglich geschichtlicher und sprachlicher Fragen in der Ukraine dabei half, Elemente des Pluralismus zu bewahren. In einem Staat mit zwei Sprachen (ohne geografisch eindeutige Grenzen zwischen ihnen), mindestens vier sich als "national" verstehenden Kirchen (drei orthodoxe und eine griechisch-katholische) und verschiedenen historischen Erinnerungen erwies sich dieser vermeintliche Nachteil gar als stabilisierender Faktor. Zudem werde ich auf die Dynamiken der Einigungs- und Desintegrationsprozesse in der postsowjetischen Ukraine sowie deren Bedeutung für die ukrainisch-russischen Beziehungen und die russische Politik gegenüber der Ukraine eingehen.

Suche nach Geschichts- und Sprachenpolitik

Die postsowjetische Ukraine mit ihren gegenwärtigen Grenzen und ihrer ethnischen und sozialen Struktur ist in erster Linie ein Produkt sowjetischer Politik; diese wiederum war eine Abfolge von Reaktionen auf Forderungen verschiedener Strömungen innerhalb der ukrainischen Nationalbewegung, auf externe politische Konstellationen sowie auf sich wandelnde Ansichten über den Charakter des Sowjetsystems im Kreml.[1] Die politische Unabhängigkeit des aus dem Zusammenbruch der UdSSR resultierenden ukrainischen Staates wurde von Millionen seiner Bürgerinnen und Bürger als ein Weg zur schnellen Lösung ökonomischer Probleme betrachtet. Diese Erwartungen erwiesen sich jedoch als unrealistisch: Bisher gab es weder tiefgreifende ökonomische Reformen noch einen echten Elitenwechsel. Der erste Präsident der postsowjetischen Ukraine, Leonid Krawtschuk (1991–1994), war zu Sowjetzeiten einer der führenden Köpfe der Kommunistischen Partei gewesen – ein solcher Hintergrund war typisch für die politische Klasse.

Die grundlegende Frage, wie mit der sowjetischen Vergangenheit und ihren Symbolen umzugehen sei, wurde mit einer für die postsowjetische Ukraine charakteristischen Ambivalenz angegangen.[2] Darüber hinaus wurde sie zu großen Teilen auf der Ebene lokaler Verwaltungen in Angriff genommen – was zu sichtbaren Unterschieden der regionalen Initiativen führte. So wurden zum Beispiel in der Westukraine die Lenin-Denkmäler unverzüglich abgerissen. In der Ost- und Südukraine hingegen wurden kaum Versuche unternommen, Straßen systematisch umzubenennen oder sowjetische Denkmäler zu entfernen.

Die Passivität der Ostukraine hinsichtlich ihrer symbolischen Transformation wurde in den frühen 1990er Jahren weithin als Ausdruck eines schwachen Nationalbewusstseins gedeutet. Die Idee einer "Entrussifizierung" der Ukraine wurde auch nie offen formuliert oder als landesweite Politik verfolgt. Doch wurden bereits zu Beginn der 1990er Jahre zwei grundlegende Herangehensweisen an die Sprachenpolitik formuliert. Sie lassen sich als "ukrainophon" und "russophon" charakterisieren.[3] Ukrainophone Stimmen fordern traditionell eine Politik positiver Diskriminierung zugunsten der ukrainischen Sprache. Für sie ist die Gleichsetzung von Nation und Sprache entscheidend, von Ukrainisch-Sein und Ukrainisch sprechen. Auch russophone Stimmen sind überzeugt davon, dass diskriminiert wird – allerdings in negativer Weise gegen die russische Sprache; jede territoriale Ausweitung des ukrainischen Sprachgebrauchs wird demnach als Rechtsverletzung gegenüber der russischsprachigen Bevölkerung angesehen.

Die Situation der Sprachen in der Ukraine weist insgesamt einige Besonderheiten auf. Erstens: Es gibt keine eindeutigen Grenzen zwischen den russischen und ukrainischen Sprachgebieten. Verschiedenen soziologischen Erhebungen zufolge sprechen jeweils 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung ausschließlich oder hauptsächlich nur eine der beiden Sprachen; etwa 20 Prozent sprechen gleichwertig Ukrainisch und Russisch. Zweitens: Trotz ihres Status als "Staatssprache" gilt das Ukrainische gegenüber dem Russischen als "mindere" Sprache: Sie ist weniger angesehen und wird oft als "Dorfsprache" wahrgenommen. Drittens: Während in Bildung und Erziehung sowie in den Humanwissenschaften Ukrainisch gesprochen und geschrieben wird, herrscht das Russische eindeutig in den Massenmedien, in Politik und Wirtschaft sowie in den Naturwissenschaften vor. Viertens: Es besteht kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen einer bevorzugten Sprache und der politischen beziehungsweise geopolitischen Orientierung einer Person. Fünftens: Nur vorwiegend Russisch Sprechende fordern einen offiziellen "Bilingualismus" des Landes; tatsächlich bilingual lebende Personen sind tendenziell dagegen.

Auch Geschichte spielt bei der Artikulation von Gegensätzen eine wichtige Rolle in der Ukraine. Für die ukrainophone Bevölkerung repräsentieren der Kommunismus und das Russische Imperium eine externe Macht, die die Ukraine mit Gewalt in ihren Herrschaftsbereich brachte. Die Frage nach der proaktiven Beteiligung von Ukrainern am Aufbau des Russischen Kaiserreiches und der Sowjetunion wird bestenfalls thematisiert, indem "Verdienste und Errungenschaften" einzelner Personen neben das "Übel des sowjetischen Reiches" gestellt werden. Eine vollständige Ausblendung alles Sowjetischen aus dem neuen Bild von der Vergangenheit hat allerdings nicht stattgefunden, steht die sowjetische Phase im Bewusstsein eines bedeutenden Teils der ukrainischen Bevölkerung doch für eine Zeit des Wohlseins, der sozialen Sicherheiten und der Stabilität.

Die Erinnerung an das zentrale historische Ereignis – den Zweiten Weltkrieg – bleibt in der Ukraine ein Zankapfel. Auf der einen Seite hat sich der ukrainische Staat nicht vollständig von der sowjetischen Lesart des "Großen Vaterländischen Krieges" verabschiedet. Auf der anderen Seite hat er versucht, die Geschichte des ukrainisch-nationalistischen, antisowjetischen Untergrunds in das offizielle Narrativ zu integrieren – obwohl alle Versuche fehlschlugen, die Angehörigen des Untergrunds offiziell als Kriegsveteranen anzuerkennen oder die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) auf Staatsebene zu rehabilitieren.[4]

Fußnoten

1.
Für einen Überblick über die Geschichte der Ukraine vgl. Orest Subtelny, Ukraine. A History, Toronto 1988; Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine, München 20093; Paul Robert Magocsi, Ukraine. An Illustrated History, Toronto 2007; Serhy Yekelchyk, Ukraine. Birth of a Modern Nation, Oxford 2007. Für eine prägnante Zusammenfassung vgl. Roman Szporluk, Ukraine: From an Imperial Periphery to a Sovereign State, in: Daedalus, 126 (1997) 3, S. 85–119. Zudem gibt es eine Reihe wichtiger Aufsatzsammlungen: Ivan L. Rudnytsky (Hrsg.), Rethinking Ukrainian History. Edmonton 1981; Georgiy Kasianov/Philip Ther (Hrsg.), A Laboratory of Transnational History. Ukraine and Recent Ukrainian Historiography, Budapest–New York, 2009; Andreas Kappeler (Hrsg.), Die Ukraine. Prozesse der Nationsbildung, Köln–Weimar–Wien 2011.
2.
Beschreibungen der Vergangenheitspolitik der Ukraine finden sich bei Catherine Wanner, Burden of Dreams: History and Identity in Post-Soviet Ukraine, University Park, PA 1998; Peter Rodgers, Nation, Region and History in Post-Communist Transitions. Identity Politics in Ukraine 1991–2006, Stuttgart 2008, sowie in zahlreichen Publikationen von Wilfried Jilge und Gerhard Simon.
3.
Vgl. Volodymyr Kulyk, Normalisation of Ambiguity: Policies and Discourses on Language Issues in Post-Soviet Ukraine, in: Barbara Törnquist-Plewa (Hrsg.), History, Language and Society in the Borderlands of Europe, Malmö 2006, S. 117–140.
4.
Einzelheiten dazu finden sich bei Wilfried Jilge, The Politics of History and the Second World War in Post-Communist Ukraine (1986/1991–2004/2005), in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 54 (2006) 1, S. 50–81.
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Autor: Andrij Portnov für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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