Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Felix Schnell

Historische Hintergründe ukrainisch-russischer Konflikte

Wozu dient eigentlich die Geschichte? Ausgehend von dieser scheinbar naiven Frage seiner Tochter entwarf der französische Historiker Marc Bloch seine theoretische Standortbestimmung und Selbstvergewisserung, die als "Apologie der Geschichte" bis heute fasziniert und zum Rüstzeug jedes Studierenden der Geschichtswissenschaft gehören sollte.[1] Ich werde in der Folge ähnlich vorgehen und fünf einfache, tatsächlich aber schwierige Fragen stellen, die für das ukrainisch-russische Verhältnis von zentraler Bedeutung sind, und versuchen, sie möglichst knapp zu beantworten.

Was ist die Ukraine?

Ursprünglich handelt es sich um eine "historische Landschaft", einen Übergangsraum zwischen den polnischen, osmanischen und russischen Großreichen – vor allem aber um ein multiethnisches und bis ins 17. Jahrhundert politisch kaum oder nur schwach strukturiertes Gebiet. Die Einflusssphären Polens und Russlands wurden in etwa durch den Dnjepr getrennt, osmanische Vasallenstaaten dominierten den südwestlichen Teil einschließlich der Krim. Zwischen ihnen behaupteten sich zeitweise Kosakengesellschaften, die zwischen den imperialen Mächten lavierten. Kurz: die Ukraine war lange Zeit das genaue Gegenteil eines Territoriums.

Das änderte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts, als sich das Russische Reich nach Süden und Westen ausdehnte, gemeinsam mit Österreich und Preußen Polen von der Landkarte strich und die Krim- und Jedisan-Khanate vernichtete. Von dieser Zeit an befand sich mit Ausnahme Galiziens, das durch die polnischen Teilungen an Österreich fiel, der größte Teil der Ukraine unter russischer Herrschaft. Die Autonomie der Kosaken wurde abgeschafft und die Großregion in Gouvernements aufgeteilt, die nach administrativen, nicht nach ethnischen, kulturellen oder historischen Kriterien gestaltet wurden. So entstanden zwar zarische Provinzen, aber kein ukrainisches Verwaltungsgebiet. Offiziell blieb es dabei bis 1917.

Gleichwohl begannen zu Beginn des 19. Jahrhunderts Intellektuelle zunehmend von den Ukrainern, der ukrainischen Kultur und Sprache zu sprechen, vor allem aber auch die Ukraine als Territorium zu denken. Seinen Höhepunkt fand das in den 1890er Jahren in der Definition, das Land der Ukrainer reiche "vom Bug bis an den Don".[2] Mit den politischen Realitäten hatte all dies nicht viel zu tun – mit den ethnischen auch nicht: 1897 bekannten sich bei der ersten Volkszählung im Russischen Kaiserreich etwa zwei Drittel der Menschen in diesem Gebiet zur ukrainischen, offiziell "kleinrussischen" Sprache. Der Rest sprach russisch, polnisch oder andere Sprachen.[3] Die ukrainischsprachige Bevölkerung konzentrierte sich wesentlich in den nördlichen Gebieten – darin spiegelte sich die zarische Eroberungsgeschichte der Großregion wider, deren Spuren bis heute prägend sind. Denn in den später eroberten südlichen Gebieten wurden vor allem Russen angesiedelt, weshalb man sie "Neu-Russland" nannte.

Im März 1917 ergab sich für nationale Aktivisten die Gelegenheit, die Idee einer vom Bug bis an den Don reichenden Ukraine zu realisieren. Zar Nikolaus II. hatte abdanken müssen, die Februarrevolution das Zarenreich hinweggefegt. In Petrograd (heute St. Petersburg) traten Provisorische Regierung und revolutionärer Sowjet die "Doppelherrschaft" an. In Kiew konstituierte sich die weniger revolutionäre als vielmehr nationalistische "Rada", das hiesige Pendant zum Sowjet, und erhob den Anspruch, für die Ukrainer und die Ukraine zu sprechen. Ihre Autorität und Macht aber waren beschränkt. Zum einen hatte sie keinen administrativen Apparat in den Provinzen, weil die zarischen Behörden ersatzlos aufgelöst worden waren und die Rada nichts an ihre Stelle setzen konnte. Zum anderen machten die Rada-Politiker denselben Fehler wie die Provisorische Regierung in Petrograd: Sie vertagten eine grundlegende Bodenreform auf die Einberufung der "Konstituierenden Versammlung" und versagten der eigenmächtigen "schwarzen" Umverteilung des Gutslandes durch die Bauern ihre Anerkennung. Genau diese Anerkennung sprachen die Bolschewiki als eine ihrer ersten Maßnahmen aus, als sie sich im Oktober 1917 an die Macht putschten. Die Rada beeilte sich, die Unabhängigkeit der Ukraine zu proklamieren und rief die Ukrainische Volksrepublik (UNR) aus. Aber ohne schlagkräftige Armee, ohne territoriale Organisation und vor allem ohne Autorität unter der Masse der bäuerlichen Bevölkerung war die UNR mehr dem Anspruch als der Sache nach ein Staat, der den Bolschewiki keinen wirksamen Widerstand entgegensetzen konnte.[4]

Es waren deutsche und österreichisch-ungarische Truppen, die im Ersten Weltkrieg Realität werden ließen, wovon die Rada nur hatte reden können. Die Regierungen in Berlin und Wien brauchten im vierten Weltkriegsjahr dringend Nahrungsmittel, und die Situation bot Gelegenheit, der UNR offiziell "zu Hilfe" zu kommen, faktisch aber die Ukraine als "Kornkammer" für die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu erobern. Im März 1918 mussten die Bolschewiki im Frieden von Brest-Litowsk unter überlegenem militärischen Druck auf "die Ukraine" verzichten. Was das im Einzelnen bedeutete, entschieden die Interessen der Mittelmächte und der Vormarsch ihrer Truppen. Letztere machten im Mai 1918 erst am Don Halt – nicht weil ukrainische Politiker das so wollten, sondern weil die Deutschen auch an den Kohle- und Erzvorkommen der Donbass-Region Interesse hatten.[5] Wie wenig es auf die Rada oder die UNR ankam, hatte sich schon Ende April gezeigt, als die Mittelmächte den Putsch des ehemaligen zarischen Generals Pawlo Skoropadsky förderten, sanktionierten und ihn als "Hetman" einer formell unabhängigen Ukraine akzeptierten. Im Gegensatz zur "revolutionären" Rada konnte Skoropadsky den ehemaligen zarischen Verwaltungsapparat in den Provinzen reaktivieren. Dies und die Bajonette der Besatzer begründeten das erste Mal in der Geschichte einen effektiven ukrainischen Staat und ein vom Bug bis an den Don reichendes ukrainisches Territorium.

Die deutsche Rolle im ukrainischen Staatsbildungsprozess wird häufig übergangen, weil sie scheinbar nicht in das Narrativ einer sich selbst zu staatlicher Geltung bringenden ukrainischen Nation passt. Wenn die Bolschewiki, die die Ukraine nach dem Abzug der Mittelmächte rasch besetzten, die "deutsche Form" beibehielten, so lag das weniger an den ethnischen und kulturellen Verhältnissen, sondern daran, dass sie Erben der Zaren und damit wider Willen zu Imperialisten wurden. Lenin interpretierte den Widerstand, den Bauern in der Ukraine gegen forcierte Getreideabgaben geleistet hatten, als Ausdruck ukrainischen Nationalgefühls und sah sich gezwungen, den "großrussischen Chauvinismus" um des Überlebens der bolschewistischen Revolution willen in die Schranken zu weisen. Diese Analyse Lenins war wie viele andere falsch, gab den Bolschewiki im Chaos aber Orientierung.

Die sowjetische Nationalitätenpolitik ging davon aus, dass die faktische imperiale Restauration, die die Bolschewiki bei ihrem Vormarsch betrieben, als nationale Befreiung repräsentiert werden müsse. Deshalb wurden Völker und nationale Republiken konstruiert und wurde die Bildung nationaler bolschewistischer Kader vorangetrieben, damit der zentralistische Herrschaftsanspruch der Bevölkerung in Gestalt "eigener" nicht "fremder" Herrschaftsagenten gegenübertreten konnte: National in der Form, sozialistisch im Inhalt sollten diese Republiken sein.[6] Das territoriale Maximalformat der Ukraine, an das seit jener Zeit Landkarten das Auge gewöhnten, verdankte sich nicht zuletzt der Integration dieses machtlosen Gebildes in die imperiale Struktur der Sowjetunion. Die ukrainische Nationalbewegung oder die Ukrainer hatten daran wenig Anteil gehabt. Dafür gibt es Gründe, die mit den beiden folgenden Fragen zusammenhängen.

Fußnoten

1.
Vgl. Marc Bloch, Apologie der Geschichte oder der Beruf des Historikers, Stuttgart 1992, S. 23.
2.
Vgl. John-Paul Himka, Young Radicals and Independent Statehood: The Idea of a Ukrainian Nation-State, in: Slavic Review, 41 (1982) 2, S. 219–235.
3.
Vgl. Henning Bauer, Die Nationalitäten des Russischen Reiches in der Volkszählung von 1897, Stuttgart 1991.
4.
Vgl. Georgiy Kasianov, Die Ukraine zwischen Revolution, Selbständigkeit und Fremdherrschaft, in: Wolfram Dornik et al. (Hrsg.), Die Ukraine zwischen Selbstbestimmung und Fremdherrschaft 1917–1922, Graz 2011, S. 131–179, insb. S. 141f. und S. 144ff.
5.
Vgl. Mark von Hagen, War in a European Borderland: Occupations and Occupation Plans in Galicia and Ukraine, 1914–1918, Seattle 2007, S. 89f.
6.
Vgl. Gerhard Simon, Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion. Von der totalitären Diktatur zur nachstalinistischen Gesellschaft, Baden-Baden 1986, S. 35ff.
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Autor: Felix Schnell für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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