Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew
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Russland verstehen? Das postsowjetische Selbstverständnis im Wandel


11.11.2014
Dem Historiker bleibt vorbehalten, zu verstehen, ohne zu verurteilen und ohne zu entschuldigen." Für Historiker, die sich mit Russlands postsowjetischer, postkommunistischer Identitätskonstruktion befassen, ist es nicht immer leicht, dem Ratschlag des französischen Philosophen Paul Ricœur zu folgen. Vergleiche mit Gesellschaften, die anders mit ihrer Vergangenheit umgehen als wir es erwarten, verleiten oft zum schnellen Urteilen, wenn nicht Verurteilen. Und nur allzu oft ist die Versuchung groß, den Umgang der anderen mit ihrer Vergangenheit an den eigenen Normen zu messen.

Ich möchte im Folgenden einige Etappen der Identitätskonstruktion des postsowjetischen Russlands aufzeigen, um hiermit vielleicht zu einem besseren Verständnis seiner gegenwärtigen ideologischen, geistigen und kulturellen Befindlichkeiten beizutragen. Damit erhebe ich keineswegs den Anspruch, Russlands politisch, geopolitisch und geostrategisch motiviertes Vorgehen im derzeitigen Konflikt mit der Ukraine zu erklären. Es geht mir hier nicht um Russlands Innen- und Außenpolitik, sondern um die Entwicklung seiner ideologischen Wertvorstellungen und seines nationalen Selbstverständnisses während der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte. Dass diese Faktoren nicht nur Russlands offizielle Geschichtspolitik, sondern auf die eine oder andere Weise auch seine Sicherheitsstrategie, Militärdoktrin, auswärtige Politik oder Nationalitätenpolitik prägen, unterliegt allerdings keinem Zweifel.

Die Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 bedeutete für den Großteil der russischen Bevölkerung nicht nur die Befreiung vom Kommunismus. Die Unabhängigkeitserklärungen der 14 früheren Unionsrepubliken (Ukraine, Belarus, Kasachstan sowie die baltischen, kaukasischen, zentralasiatischen und moldauischen Republiken) hatten die einstige Sowjetunion auf die Grenzen des Moskauer Reiches um die Mitte des 17. Jahrhunderts beziehungsweise auf 76 Prozent des vorherigen sowjetischen Territoriums zusammenschrumpfen lassen. An die 25 Millionen Russen befanden sich quasi über Nacht im "nahen Ausland", das heißt in den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetrepubliken, in denen eine restriktive Nationalitäten- und Sprachgesetzgebung ihnen häufig nur verminderte Rechte zubilligte und sie zu Ausländern machte.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Bildung alt-neuer Nationalstaaten auf ihrem vormaligen Gebiet stellte sich auch die Frage nach dem Selbstverständnis des nunmehr als "Russische Föderation" verbliebenen Gemeinwesens, das völkerrechtlich die Nachfolge der Sowjetunion antrat. Fragen wie "wohin geht Russland?" oder "wer sind wir?" werden seit Beginn der 1990er Jahre von Politikern, Parteien, Philosophen, Schriftstellern und selbst von Vertretern der Kirche erörtert; sie charakterisieren Russlands Suche nach seiner postsowjetischen nationalen und kulturellen Identität. Der Prozess dieser Suche dauert bis heute an, auch wenn Wladimir Putin in seinem letzten Rechenschaftsbericht als Ministerpräsident vor der Duma am 11. April 2012 erklärte, dass die "postsowjetische Epoche" in der Geschichte Russlands abgeschlossen sei und "eine neue Etappe in der Entwicklung des Landes" beginne.[1]

Perestroika und Glasnost



Der Auflösungsprozess der Sowjetunion hatte sich in den letzten Jahren der Regierungszeit Michail Gorbatschows (1985–1991) bereits angebahnt. Die mit Gorbatschows Namen verbundene Perestroika (Umgestaltung) hatte zunächst eine Erneuerung der Wirtschaft auf der Grundlage des Umbaus der veralteten politischen und ökonomischen Strukturen angestrebt. Unter dem Schlagwort Glasnost (Transparenz, Offenheit, Öffentlichkeit) setzte rasch ein radikales Umdenken in der gesamten Gesellschaft ein.

Es waren anfangs die Medien und keinesfalls die vorsichtigen Historiker, die Gorbatschows Aufforderung befolgten, die "weißen Flecken" der sowjetischen und russischen Geschichte zu füllen. Es begann eine kritische Auseinandersetzung mit der marxistisch-leninistischen Ideologie, den sowjetischen Institutionen und vor allem mit dem Stalinismus. Erstmals wurden Alternativen in der sowjetischen Geschichte erörtert – etwa ob die bolschewistische Oktoberrevolution 1917 unvermeidlich war oder ob Russland auch eine andere Entwicklung hätte nehmen können, die sich an der demokratischen Februarrevolution im selben Jahr orientiert hätte. In Belletristik, Künsten und Kinematografie vollzog sich ein heute kaum mehr vorstellbarer Aufbruch. Hierbei richteten sich die Hoffnungen und Erwartungen der Intelligenzija sowie der neuen "Demokraten" und "Liberalen" auf eine schnelle Demokratisierung, eine marktwirtschaftliche Ordnung und eine an westlichen Vorstellungen orientierte Zivilgesellschaft.

Zahlreiche sogenannte informelle Gruppen entstanden, hierunter die Organisation Memorial, die bis heute die Erinnerung an die Verbrechen des Stalinismus aufrechterhält und sich für Menschenrechte einsetzt. Die neue Freiheit führte jedoch auch zum Entstehen nationalistischer und antisemitischer Gruppen wie Pamjat. Unter Gorbatschow kehrte auch die russisch-orthodoxe Kirche in die Öffentlichkeit zurück; 1988 beging der (noch) sowjetische Staat gemeinsam mit der obersten Kirchenhierarchie das Millennium der Taufe des Großfürsten Wladimir und damit der Bekehrung der Rus zum Christentum im Jahre 988.

Ära Jelzin



Boris Jelzin war im Juni 1991 zum ersten Präsidenten der Russischen Föderation gewählt worden. Seine achteinhalbjährige Amtszeit zeichnete sich durch fundamentale Veränderungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse Russlands aus. Die "Transition" (vom Sozialismus zum Kapitalismus) hatte einschneidende Veränderungen im Leben breiter Bevölkerungsteile sowie eine hohe Arbeitslosigkeit zur Folge, die es in der Sowjetunion nicht gegeben hatte (oder nicht eingestanden worden war). Die Privatisierung des Staatseigentums führte zu heftigen Verteilungskämpfen um Ressourcen und brachte die Gruppe der "Oligarchen" und "neuen Russen" hervor, während viele Reformer ihre Hoffnungen auf die Durchsetzung demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien schnell verloren. Über den Systemwechsel hinweg gab es zahlreiche Kontinuitäten, vielfach vollzog das alte politische Establishment nur eine opportunistische Wende hin zu den neuen demokratischen "Werten".

Die während der Perestroika begonnene Suche nach Werten in Russlands vorrevolutionärer Geschichte wurde unter Jelzin fortgesetzt und für den Aufbau des neuen Staates für notwendig erklärt. Hatte die Perestroika vom kommunistischen System geleugnete Wertvorstellungen in die Erinnerung zurückgeholt, so ging es in der Anfangszeit Jelzins um die Findung neuer staatsverbindlicher Normen. Sie sollten das ideologische Vakuum füllen, das mit der Absage an die marxistisch-leninistische Ideologie entstanden war. Doch welche nationale und kulturelle Identität sollte sich das postsowjetische, postkommunistische Russland geben? Wie sollte mit dem sowjetischen Erbe, den sowjetischen Mythen umgegangen werden? Auf welche Geschichte sollte zurückgegriffen werden, um die Neugründung zu legitimieren? Welche unmittelbare Vergangenheit sollte befragt, hinterfragt oder auch vergessen werden? Um welche Wertvorstellungen sollte es gehen?

Es begann die Suche nach dem, was der britische Historiker Eric Hobsbawm als brauchbare, nützliche Vergangenheit ("usable or useful past") bezeichnet hatte, allerdings ohne von Russland zu sprechen. Und wo sonst ließen sich die Werte für das neue russische Selbstverständnis suchen als in der vorrevolutionären Epoche – nachdem die Oktoberrevolution von allen politischen Kräften (mit Ausnahme der Kommunisten) zum Putsch abqualifiziert und der Gründungsmythos des sowjetischen Staates damit aufgehoben worden war?

Parallel zur Entmythisierung der sowjetischen Vergangenheit fand eine Remythisierung der vorrevolutionären russischen Geschichte statt. Die Sichtbarmachung der Geschichte des imperialen Russlands begann mit der Auswechslung der Staatssymbole und Embleme: Die von Peter dem Großen aus Holland eingeführte weiß-blau-rote Trikolore wurde für die rote Flagge mit Hammer und Sichel eingetauscht, der byzantinische Doppeladler der Romanows für den roten Stern. Die neue Nationalhymne wurde einer Melodie aus Glinkas Oper "Ein Leben für den Zar" entliehen – allerdings fand sich kein passender Text. Die orthodoxen Feiertage Ostern und Weihnachten wurden wieder als arbeitsfreie Tage anerkannt. Jelzin, der in der russisch-orthodoxen Kirche den Mittler der nationalen Tradition sah, rief diese zur "geistigen und moralischen Wiedergeburt Russlands" auf – eine Formel, derer sich Putin bis heute bedient.

Als einzige Instanz, die ihre Wurzeln im vorrevolutionären Russland hat, wird die Kirche in der neuen "kollektiven Erinnerung" mit der Vorstellung einer von Verbrechen freien, "heilen" Vergangenheit verbunden. Ihre Verfolgung in der Sowjetunion macht sie zum "Märtyrer des Kommunismus". Dass ihre Hierarchie mit dem KGB zusammenarbeitete, wird von ihr bis heute nicht thematisiert, obwohl hierüber bereits während der Perestroika Dokumente an die Öffentlichkeit gelangten.

Um der Jugend eine neue moralische "Orientierung" für ihre Identitätsfindung zu geben, wurde 1992 ein neues Pflichtfach für Studenten aller Fakultäten im ersten Semester und kurz danach auch für Oberschüler eingeführt: "Kulturologie" (kul’turologija). Geradezu exemplarisch illustriert diese den Paradigmenwechsel: Wurde vormals die Weltgeschichte nach ökonomischen Formationen beurteilt – der marxsche Unterbau –, so wird jetzt die Kultur – Marx zufolge der Überbau – zum Fundament aller sozialen Phänomene. Das sich aus der Kulturologie entwickelnde zivilisatorische Paradigma und das hierauf gründende neue Fach "Zivilisationenkunde" versteht Russland als eigenständige Zivilisation mit eigener kulturhistorischer und sittlich-ethischer Tradition, die auf jahrhundertealten russischen kulturellen und nationalen Werten beruht, deren geistige Grundlage die Orthodoxie ist. Der neue zivilisatorische Identitätsdiskurs, den Vertreter aller politischen Richtungen anwenden, übernimmt Begriffe aus dem 19. Jahrhundert wie "russische Seinsart" (russkost’), "russischer Weg" (russkij put’), "russische Eigenständigkeit" (samobytnost’) sowie sobornost’, einen kaum zu übersetzenden Terminus für die "russische Gemeinschaftlichkeit". Diese der "Wiedergeburt" Russlands zugrunde gelegten Begriffe gelten als dem "westlichen" Verständnis von Fortschritt und Modernismus überlegen.

1996 ließ Jelzin einen Wettbewerb für die "beste nationale Ideologie" ausschreiben, die eine national gültige Antwort auf die quälenden Identitätsfragen geben sollte. Der Gewinner, der Historiker Gurij Sudakov aus Tula, legte die neue nationale Idee in "Sechs Prinzipien der Russischkeit" (sest’ principov russkosti) fest, in dem aus dem 19. Jahrhundert stammenden slawophilen Konzept der "russischen Idee": Diese umfasst Russlands eigenständige Entwicklung, seinen Nationalcharakter, die russische Orthodoxie und die russische Religionsphilosophie.

1998 wurden auf Anordnung Jelzins die Überreste des letzten Zaren Nikolaus II. und seiner Familie in der Gruft der Romanows, der Peter-und-Pauls-Kirche in St. Petersburg feierlich beigesetzt – auf den Tag genau 80 Jahre nach ihrer von Lenin angeordneten Erschießung. Der von Jelzin als "Akt der Reue" bezeichnete Staatsakt sollte eine historische Kontinuität des imperialen zum postsowjetischen russischen Staatswesen legitimieren. "Beim Aufbau eines neuen Russland müssen wir uns auf eine historische Erfahrung stützen", lautete Jelzins Begründung.[2] Der in der Ära Jelzin einsetzenden Mythisierung des letzten Zaren folgte 2002 mit Putins Einverständnis die von der Bischofssynode erklärte Kanonisierung Nikloaus II. und seiner Familie als "Märtyrer des Kommunismus". Als solche werden sie heute in ganz Russland verehrt.

Nahezu alle politischen Parteien und Akteure griffen in der Ära Jelzin auf Geschichte als Mobilisierungsressource der Identitätsfindung zurück. Selbst die Nostalgie der Kommunisten für die Sowjetzeit stand der Hervorkehrung der Traditionen des zarischen Imperiums nicht im Wege, sahen sie doch im sowjetischen Imperium dessen Fortführung. Wurde die sowjetische Epoche der russischen Geschichte weitgehend aus Jelzins Geschichtspolitik ausgeklammert, so war die Erinnerung an den "Großen Vaterländischen Krieg" eine Ausnahme. Zum 50. Jahrestag des Sieges wurde der Bau einer bereits unter Leonid Breschnew begonnenen monumentalen an sowjetische Vorbilder erinnernden Gedenkstätte (Poklonnaja Gora) im Westen Moskaus vollendet.

Hat das Verlangen, die neue Identität in der weiter zurückliegenden Vergangenheit der Staatsmacht des autokratischen Russlands zu suchen, ausgeschlossen, sich mit der jüngsten, sowjetischen Vergangenheit zu befassen? Auf jeden Fall fand unter Jelzin keine grundsätzliche offizielle Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und seinen Opfern statt. Dabei hätten die teilweise Öffnung der Archive und die Veröffentlichungen aufschlussreicher Quellensammlungen über das Funktionieren des stalinschen und ganz allgemein des sowjetischen Herrschaftsapparates eine Aufarbeitung durchaus ermöglicht. Diese bleibt bis heute allein der Organisation Memorial überlassen.


Fußnoten

1.
Zit. nach: Novye Izvestija vom 11.4.2012.
2.
Zit. nach: Nezavisimaja Gazeta vom 18.7.1998.
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Autor: Jutta Scherrer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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