Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew
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Russlands unkonventioneller Krieg in der Ukraine: Zum Wandel kollektiver Gewalt


11.11.2014
Die Annexion der Krim und die offene politische und verdeckte militärische Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine durch Russland haben den Westen überrascht. Trotz der Erfahrungen aus dem Georgienkrieg 2008 und des Wissens um Moskaus geopolitische Interessen in Europa tut sich der Westen schwer, auf diese Herausforderung angemessen zu reagieren. Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon scheint die von Beobachtern konstatierte angeblich "völlig neue Art der Kriegführung" zu sein.[1] Die Politik ist unsicher, wie sie damit umgehen und wie sie das Phänomen benennen soll. US-Präsident Barack Obama spricht von einem "feindlichen Eindringen" (incursion), andere nennen es "Aggression" oder "Invasion".[2] Die NATO spricht von "hybrider Kriegführung",[3] der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow von "nichtlinearem Krieg".[4] Das russische Vorgehen müsste eigentlich unter den US-amerikanischen Fachbegriffen "unkonventioneller Krieg" und "irregulärer Krieg" firmieren und ist so neu nicht. Die Erscheinungsformen dieser Kriege sind vielfältig und unterliegen einem steten Wandel. Mit dem Ukraine-Konflikt stehen diese Formen kollektiver Gewalt, die kaum absehbare Folgen für Europa haben, wieder auf der Tagesordnung.

Unkonventioneller und irregulärer Krieg



Im Kern handelt es sich bei einem unkonventionellen Krieg um einen verdeckten und in unklaren Gefechtslinien verlaufenden Gewaltkonflikt. Er wird von einem Staat durch die gezielte Unterstützung einer Aufstandsbewegung in einem anderen Staat betrieben, um dessen Regierung zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen oder sie zu stürzen.[5] Der betroffene Staat betreibt dann Aufstandsbekämpfung, wobei die Aufständischen in der Regel als "Terroristen" bezeichnet werden, um sie zu stigmatisieren und ihrem Anliegen jegliche Legitimität abzusprechen. Der unkonventionell operierende Staat wiederum unterstützt die Aufständischen, wobei er dies meist möglichst verdeckt tut.[6]

Bereits die Römer setzten das Mittel unkonventioneller Kriegführung erfolgreich ein, als sie im Zweiten Punischen Krieg Karthago durch das Schüren von Aufständen zu schwächen versuchten. König Ludwig XVI. von Frankreich unterstützte die amerikanischen Kolonisten mit Waffen, Geld und Ausbildung in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen England. Während des Ersten Weltkrieges förderte England den Kampf arabischer Stämme gegen das Osmanische Reich. Die Beispiele für unkonventionelle Kriegführung durch Aufstandsunterstützung sind Legion. Wurde diese Form der Kriegführung früher meist im Rahmen regulärer Kriege angewandt, so galt es während des Ost-West-Konflikts, Letztere wegen einer möglichen nuklearen Eskalation zu vermeiden. Also verlegten sich die Protagonisten auf Subversion und Stellvertreterkriege in Entwicklungsländern. Das Ende des Ost-West-Konflikts sollte eigentlich, so die Charta von Paris 1990, in Europa ein "neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit" einläuten.[7] Neben dieser positiven Entwicklung erlebten aber auch Formen unkonventioneller Kriegführung in Europa eine erste Renaissance. Die verdeckte militärische Unterstützung Kroatiens sowie der sogenannten albanischen Befreiungsarmee UÇK im Kosovo während der Balkankriege der 1990er Jahre durch die USA gehört ebenso dazu wie etwa die verdeckten Operationen Frankreichs und des Vereinigten Königreichs mit Spezialkräften im Libyenkrieg 2011. Deren Auftrag lautete: Versorgung der Aufständischen mit Aufklärung, Ausrüstung, Ausbildung und Führungsunterstützung.

Nach US-amerikanischem Verständnis ist unkonventionelle Kriegführung eine Form des irregulären Krieges, wie etwa Aufstands- oder Terrorismusbekämpfung, Stabilisierungs- oder Informationsoperationen. Irreguläre Kriegführung ist gemäß einer Direktive des US-Verteidigungsministeriums strategisch so wichtig wie die traditionelle Kriegführung. Sie zielt darauf ab, irregulären Bedrohungen durch staatliche oder nichtstaatliche Akteure zu begegnen.[8] Indirekte und asymmetrische Ansätze werden bevorzugt, aber das ganze Spektrum der Einflussmöglichkeiten genutzt: offene und verdeckte, militärische und zivile, diplomatische und wirtschaftliche, informationelle und propagandistische. Aber auch unkonventionelle Kriegführung geht von einem gesamtstaatlichen Ansatz aus, also vom Zusammenwirken verschiedener Ressorts.

Diese ganze Bandbreite unkonventioneller und irregulärer Kriegführung nutzte Moskau in der Ukraine. Die Annexion der Krim wurde durch ein groß angelegtes Ablenkungsmanöver eingeleitet, bei dem ohne vorherige Ankündigung große Teile der Armee in Alarmbereitschaft versetzt wurden und mehr als 150000 Soldaten eine Militärübung abhielten. Während Beobachter gebannt auf den westlichen und den zentralen Wehrbezirk schauten, verstärkte Moskau die in Sewastopol stationierten 10000 Soldaten bis Ende März 2014 um weitere 22000 Soldaten, darunter Spezialkräfte der Geheimdienste und des neu gegründeten Streitkräftekommandos für Sonderoperationen. Maskierte, aber diszipliniert und bestimmt auftretende Männer in Kampfanzügen ohne Hoheitsabzeichen – die "grünen Männchen" – waren immer dann präsent, wenn lokale prorussische Kräfte Gebäude des ukrainischen Staates besetzten. Die propagandistische Begleitmusik spielte das Lied von der autonomen Volksbewegung, die den Anschluss an Russland wolle, um der faschistischen Bedrohung aus Kiew zu entgehen. Den vermeintlich legalisierenden Schlusspunkt setzten ein kurzfristig abgehaltenes Referendum und der formale Beitritt der Krim zu Russland am 18. März 2014.[9]

In der Ost- und Südostukraine gestaltete sich das Vorgehen Russlands ähnlich. Im Unterschied zur Annexion der Krim eskalierte der Konflikt hier jedoch zum Bürgerkrieg, der bis Ende September 2014 rund 3600 Menschenleben forderte. Die "grünen Männchen" agierten im Zusammenspiel mit lokalen bewaffneten Aufständischen hauptsächlich in den Gebietskörperschaften Donezk und Luhansk, wobei dieses Mal auch russische Freiwillige und Kämpfer aus dem Kaukasus, insbesondere dem russischen Geheimdienst GRU unterstellte tschetschenische Gruppen, mitwirkten. In der russischen Propaganda handelt es sich um Freiwillige, die für die "Selbstbestimmung der Russen" und gegen die "Faschisten" aus Kiew kämpfen.[10]

Tatsächlich erhalten die Separatisten von Russland Führungsunterstützung und Ausrüstung, allerdings hat Moskau die beiden von den Separatisten deklarierten autonomen Volksrepubliken bislang nicht anerkannt.[11] Nachdem die Aufständischen unter militärischen Druck der Ukraine gekommen waren, antwortete Moskau mit grenznahen Militärmanövern, um eine Drohkulisse aufzubauen, vermehrten Waffenlieferungen, um die Separatisten zu stärken, sowie mit unilateraler humanitärer Hilfe, um vom eigentlichen Geschehen abzulenken und Pluspunkte an der heimischen Propagandafront einzufahren. Zudem wurde eine weitere Front im Südosten der Ukraine eröffnet, um die Separatisten im Osten zu entlasten, sich einen Zugang zum Asowschen Meer zu verschaffen und vielleicht sogar eine Option für eine Landbrücke zur Krim zu ermöglichen.[12] Wie viele russische Soldaten daran mitwirkten, bleibt dem Wesen des unkonventionellen Krieges entsprechend unklar. Während die NATO von 1000 spricht, gibt sich Moskau trotz zunehmender Indizien als neutraler Akteur.[13]


Fußnoten

1.
Vgl. etwa Hannes Adomeit, Die Lehren der russischen Generäle, in: Neue Züricher Zeitung vom 18.7.2014 »http://www.nzz.ch/international/-1.18345696« (23.10.2014).
2.
Andrew Higgins/Andrew E. Kramer, An Invasion in Ukraine? It’s Hard to Say, in: International New York Times vom 5.9.2014, S. 1, S. 4.
3.
NATO, Wales Summit Declaration, 5.9.2014, Ziffer 13, »http://www.nato.int/cps/en/natohq/official_texts_112964.htm« (23.10.2014).
4.
Waleri Gerasimow, The Value of Science in Prediction, in: Military-Industrial Kurier vom 27.2.2013, englische Fassung unter: »http://inmoscowsshadows.wordpress.com/2014/07/06/the-gerasimov-doctrine-and-russian-non-linear-war/« (23.10.2014).
5.
Vgl. US-Army Training Circular 18-01, Special Forces Unconventional Warfare, Washington, DC, 30.11.2010, S. 1–1.
6.
Vgl. dazu grundlegend: Beatrice Heuser, Rebellen, Partisanen, Guerilleros. Asymmetrische Kriege von der Antike bis heute, Paderborn 2013.
7.
OSZE, Charta von Paris für ein neues Europa, Wien 1990, S. 1, »http://www.osce.org/de/mc/39518?download=true« (23.10.2014).
8.
Vgl. US-Department of Defense, Directive 3000.07, 28.8.2014, Abs. 3a und 1a, »http://www.dtic.mil/whs/directives/corres/pdf/300007p.pdf« (23.10.2014).
9.
Vgl. H. Adomeit (Anm. 1); Tim Ripley/Bruce Jones, How Russia Annexed Crimea, in: Jane’s Defence Weekly, 2.4.2014, S. 5.
10.
Vgl. Florian Hassel/Sonja Zekri, Kaukasische Krieger, in: Süddeutsche Zeitung vom 2./3.8.2014, S. 8; War by Any Other Name, in: The Economist vom 5.7.2014, »http://www.economist.com/news/europe/21606290-russia-has-effect-already-invaded-eastern-ukraine-question-how-west-will« (23.10.2014).
11.
Vgl. Michael R. Gordon/Andrew Higgins, Russian Artillery Moved to Ukraine, in: International New York Times vom 23./24.8.2014, S. 1, S. 4.
12.
Vgl. Andrew E. Kramer/Michael R. Gordon, New Front Opens in Ukraine Conflict, in: International New York Times vom 28.8.2014, S. 1, S. 6.
13.
Es handelt sich darum aber noch nicht um einen begrenzten zwischenstaatlichen Krieg. So etwa Lawrence Friedman, Ukraine and the Art of Limited War, 8.10.2014, »http://warontherocks.com/2014/10/ukraine-and-the-art-of-limited-war/« (23.10.2014).
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