Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Verena Bläser

Zum Russlandbild in den deutschen Medien

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien."[1] Der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann wies mit dieser These auf die zentrale Funktion hin, die den Medien in unserer Gesellschaft zukommt. Je nachdem, wie Medien durch eine bestimmte Themenstrukturierung die Blickrichtung des Informationsprozesses vorgeben und regeln, bestimmen sie mit, welche Teile einer dargebotenen Realität wir mit hoher Wahrscheinlichkeit bemerken und in welchen Bedeutungsrahmen wir ein Thema einordnen (framing).[2] Dass die Medien ihrer daraus erwachsenden Verantwortung gerecht werden, ist nicht selbstverständlich: Ein Mangel an Korrespondenten und echten Experten, wirtschaftlicher Druck sowie die gängigen Nachrichtenwerte – aber auch Stereotype und Vorurteile – können dazu führen, dass die Medienrealität mitunter eine ganz eigene ist. So bemerkte die ehemalige ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz einmal: "Das Image eines Landes stimmt in den seltensten Fällen mit den tatsächlichen Gegebenheiten überein. Manchmal handelt es sich nur um Nuancen, die zwar ärgerlich sind, aber nicht schwer wiegen. Mit Blick auf Russland zeigt sich jedoch eine gewaltige Diskrepanz zwischen der Realität im Land und den Stereotypen, die sich nach wie vor in den westlichen Köpfen halten."[3]

In diesem Artikel gehe ich der Frage nach, inwiefern dieser Befund in Bezug auf die deutsche Berichterstattung über Russland (noch) zutrifft. Bei aller Kritik, die dabei zum Ausdruck kommt, soll es jedoch keineswegs darum gehen, die Probleme Russlands zu beschönigen oder sein politisches Handeln zu beurteilen, sondern schlicht darum, die Art und Weise der journalistischen Berichterstattung in Deutschland zu analysieren. Denn die meisten der medial verbreiteten Nachrichten aus Russland sind in ihrem Kern real und keine Erfindungen.

Traditionelle Hassliebe

Wenn es um die Russlandberichterstattung in Deutschland geht, reicht es nicht aus, nur den zeitgenössischen Status zu betrachten, denn das Bild eines Landes, sei es Freund- oder Feindbild, wird maßgeblich durch die historische Entwicklung geprägt. Die Beziehung zwischen Russland und Deutschland[4] ist dabei das beste Beispiel einer traditionellen Hassliebe: "Über 1000 Jahre gemeinsame Geschichte zeigen: Man war sich nicht immer Feind, sondern auch guter Freund."[5] Das spiegelt sich auch in der Geschichte der Berichterstattung über Russland in Deutschland wider.

"Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und Preußen im 18. Jahrhundert, die Teilnahme der Deutschen am Feldzug Napoleons gegen das Russische Reich zu Beginn des 19. Jahrhunderts sowie die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert haben in den Köpfen der Deutschen ein widersprüchliches Russlandbild entstehen lassen."[6] Auf der einen Seite sorgten die geografische Größe, die einzigartige Mentalität der Menschen und die reiche Kultur des Landes für ein positives Bild, auf der anderen Seite brachte Russlands Unterstützung der Preußischen Monarchie das liberale Bürgertum in Deutschland gegen sich auf.[7] Nach dem Wiener Kongress 1815 kam es zu einer zunehmend negativen Bewertung Russlands. Wurde Zar Alexander I. nach dem Sieg gegen Napoleon zuerst noch als "Befreier Europas" gesehen, veränderte sich dieses Bild allmählich, und die Angst vor einer Bedrohung aus dem Osten, vor den "barbarischen Russen", kam auf. Gleichzeitig entwickelten sich Interesse und Neugier für die dortige Landschaft und Kultur. Leo Tolstoi und Fjodor Dostojewski sind bis heute die wohl bekanntesten russischen Autoren und prägten durch ihre Werke unter anderem den Begriff der "russischen Seele". Mit dem Aufkommen eines zunehmend nationalen Gedankengutes gab es erneut slawophobe Tendenzen.[8] In beiden Weltkriegen stützte sich die deutsche Propaganda auf den pseudowissenschaftlichen Rassismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts; später wurde die Außenpolitik der Sowjetunion als die Fortsetzung der imperialen Politik russischer Zaren dargestellt.[9] Erst mit Michail Gorbatschows Perestroika- und Glasnost-Politik setzte ein Wahrnehmungswandel ein. Die Angst vor Russland als militärische Bedrohung wurde stetig weniger, aber auch der Respekt nahm ab.[10]

Seit dem Zerfall der Sowjetunion arbeitet Russland an der Transformation vom planwirtschaftlichen Staatssozialismus zur marktwirtschaftlichen Demokratie,[11] was zu einer kontrastierenden Berichterstattung führte: Chaos und Armut auf der einen Seite, reiche Oligarchen auf der anderen. Der Tschetschenien-Krieg in den 1990er Jahren ließ das Klischee des "barbarischen Russen" erneut aufleben. Nach dem Amtsantritt Wladimir Putins als Präsident (2000) rückte die Vorstellung des armen und unberechenbaren Russlands zunächst in den Hintergrund. Angesichts eines gewissen wirtschaftlichen Aufschwungs wandelte sie sich rasch in die Sorge vor Abhängigkeit von russischen Öl- und Gasreserven. Auf Kritik in den deutschen Medien stieß der Machtausbau des Präsidenten, die Durchsetzung von Moskaus Großmachtpolitik sowie die Schwächung der Regionen und der Opposition.

Einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2007 zufolge glaubten seinerzeit 84 Prozent der Deutschen, dass das deutsche Russlandbild von Vorurteilen beherrscht sei. 49 Prozent waren der Meinung, die deutschen Medien berichteten über die Verhältnisse in Russland weder objektiv noch zutreffend, und 44 Prozent gaben an, dass diese einen bewusst negativen Eindruck vermittelten. Über die Hälfte der Befragten waren sich sicher, dass in Deutschland über Geschehnisse in Russland nicht ausführlich und differenziert genug berichtet wird.[12] Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von April 2014 zeigt, dass sich das Russlandbild der Deutschen nach den jüngsten Ereignissen in der Ukraine deutlich verschlechtert hat. Demnach sehen 55 Prozent der Deutschen Russland als Gefahr, nur noch 10 Prozent halten es für einen verlässlichen Partner. Und auch die Beziehung zwischen den beiden Ländern gilt aus Sicht von 75 Prozent der Befragten als gestört. Eine Konsequenz dieser Entwicklung ist die wachsende Neigung, sich von Russland zu distanzieren. Immer weniger Bürger halten es für wichtig und sinnvoll, eng mit Russland zusammenzuarbeiten. Für die Eingliederung der Krim ist in weiten Teilen der Bevölkerung hingegen bemerkenswert viel Verständnis zu erkennen. Eine Mehrheit von 41 Prozent findet den Vorgang zwar ungeheuerlich und hält die Verschiebung der russischen Staatsgrenzen für inakzeptabel, 33 Prozent äußern jedoch Verständnis und sehen gute Gründe für den Anschluss an Russland. Die Umfrage bestätigt zudem, dass das Russlandbild keineswegs einseitig negativ ist. Die große Mehrheit würdigt unter anderem die politische Bedeutung des Landes, seine kulturelle Tradition, den ausgeprägten Nationalstolz sowie die Gastfreundlichkeit der meisten Russen.[13]

Fußnoten

1.
Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden 20043, S. 9.
2.
Vgl. Robert M. Entman, Framing: Towards Clarification of a Fractured Paradigm, in: Denis McQuail (Hrsg.), McQuail’s Reader in Mass Communication Theory, London u.a. 1993, S. 390–397.
3.
Gabriele Krone-Schmalz, Was passiert in Russland? München 2007, S. 31.
4.
Vgl. Katrin Bastian/Roland Götz, Unter Freunden? Die deutsch-russische Interessenallianz, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2005) 5, S. 583–592.
5.
Birgit Görtz, Russen und Deutsche: eine bewegte Beziehung, 4.10.2012, http://www.dw.de/russen-und-deutsche-eine-bewegte-beziehung/a-16281608« (27.10.2014).
6.
Juri Galperin, Das Russlandbild deutscher Medien, 25.3.2011, http://www.bpb.de/47998« (27.10.2014).
7.
Vgl. ebd.
8.
Vgl. Sandra Kohla, Stereotype über Russland und seine Bevölkerung, 2011, http://www.zos.uni-kiel.de/archiv-1/stereotype-ueber-russland-und-seine-bevoelkerung« (27.10.2014).
9.
Vgl. J. Galperin (Anm. 6).
10.
Vgl. G. Krone-Schmalz (Anm. 3), S. 18.
11.
Vgl. Frank Preiß, Einige Gedanken zur gegenwärtigen Mediendarstellung und öffentlichen Wahrnehmung der Entwicklung in Russland, 1.6.2001, http://www.sicherheitspolitik-dss.de/autoren/preisz/fp103300.htm« (27.10.2014).
12.
Vgl. Forsa, Forsa-Untersuchung zum Russlandbild der Deutschen, Pressemitteilung, 7.12.2007, http://www.lifepr.de/attachment/27442/PI_forsa_Unsere_Russen_de.pdf« (27.10.2014). Dass zumindest die Russland-Berichterstattung von "Spiegel Online" stark negativierend und von Vorurteilen und Stereotypen geprägt ist, habe ich in einer Untersuchung im Rahmen meiner Bachelorarbeit anhand einer Inhaltsanalyse von 37 Artikeln aus dem Zeitraum von Februar 2012 bis Februar 2013 nachgewiesen: Verena Bläser, Das Russlandbild in den deutschen Medien, Universität Trier, Oktober 2013.
13.
Vgl. Allensbach-Umfrage, Mehrheit der Deutschen sieht Russland als Gefahr, 16.4.2014, http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-04/deutsche-russland-allensbach-umfrage« (27.10.2014).
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Autor: Verena Bläser für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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