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24.11.2014 | Von:
Steffen Mau

Die Mittelschicht – das unbekannte Wesen?

Die Rede von der Mittelschicht ist, ob man es will oder nicht, immer hoch politisch. Wer Mittelschicht sagt, hat dabei meist ein positiv aufgeladenes Bild vor Augen: die integrierte Gesellschaft, ein Modell sozialen Ausgleichs, eine wichtige Trägergruppe gesellschaftlicher Entwicklung und eine spezifische und die Gesellschaft stabilisierende Form der Lebensführung. Den sogenannten Oberschichten hingegen werden selten unabdingbare gesellschaftliche Funktionen zugeschrieben, und sie müssen sich ob ihres Reichtums und ihrer privilegierten Stellung oft an mittelschichttypischen Leitbildern messen lassen. Die sogenannten Unterschichten hingegen möchte man gerne vermeiden; ihnen sollte der Weg in die Mittelschichten offen stehen.

Den Mittelschichten wurde nicht immer eine rosige Zukunft vorhergesagt, wobei Marx als der prominenteste Pessimist gelten kann. Er glaubte, die Mittelschicht würde durch den Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit zerrieben werden. Vor diesem Hintergrund gelten der rasante Aufstieg und die Expansion der Mittelschichten als Indizien für die gesellschaftliche Kapazität, die breite Masse der Gesellschaft an den Wohlstandsgewinnen teilhaben zu lassen. Sie sind der lebende Gegenbeweis, dass der Kapitalismus nicht notwendigerweise zur Verelendung der Massen und zur Bereicherung einiger Weniger führen muss. Stand in der Frühphase der Industrialisierung also die "Lage der arbeitenden Klasse" im Fokus der Aufmerksamkeit, so ist es nun die "Lage der Mittelschicht".

Hierzulande ist die Mittelschicht zur "Chiffre für die aufstiegsorientierte und durchlässige Nachkriegsgesellschaft"[1] geworden. Der von Helmut Schelsky geprägte Begriff der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" gilt vielen sogar als Signum dafür, in einer von der Mitte dominierten Gesellschaft angekommen zu sein. Mit der wachsenden Bedeutung mittlerer Soziallagen, so heißt es bei Schelsky, verbreite sich ein Sozialbewusstsein jenseits der gesellschaftlichen Grundspannung zwischen Oben und Unten und das Gefühl, man könne "in seinem Lebenszuschnitt an den materiellen und geistigen Gütern des Zivilisationskomforts teilnehmen".[2] Letztlich ist es die Verschränkung von marktwirtschaftlicher Verfassung, demokratischer Teilhabe und staatlicher Daseinsvorsorge, die dazu führte, dass eine "Mehrheitsklasse"[3] derer entstand, die erwarten durften, an den Segnungen des wirtschaftlichen Wachstums teilzuhaben. In allen westeuropäischen Gesellschaften sind heute die mittleren sozialen Lagen quantitativ bedeutsamer als die Ränder, und es gibt eine soziale und kulturelle Dominanz von Wertvorstellungen, die in den Fraktionen der Mittelschicht ausgebildet und gepflegt werden. Dies nicht nur, weil es ihnen gelang, die eigene sozioökonomische Position zu stabilisieren und auszubauen, sondern auch, weil sie die Architektur wichtiger Institutionen entscheidend beeinflussten, weil ihr Muster der Lebensführung eine Leitfunktion übernahm und weil sie Träger gesellschaftlicher Reform- und Wandlungsprozesse waren.

Vielfach wird davon ausgegangen, dass eine von breiten mittleren Lagen und eher geringen Klassenunterschieden geprägte Gesellschaft auch andere vorteilhafte Merkmale auf sich vereint – im Hinblick auf die rechtsstaatliche Entwicklung, Wirtschaftswachstum, allgemeines Bildungsniveau, die Entwicklung öffentlicher Infrastrukturen, die Qualität demokratischer Institutionen und das Niveau politischer Partizipation. In der modernisierungstheoretischen Lesart ist die Mittelschicht ein wichtiges Korrelat solcherlei wünschenswerter gesellschaftlicher Charakteristika, Fortschritt und Modernität eingeschlossen. Einige Ökonomen beobachten dementsprechend einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Mittelschichtsgröße, wobei die Mittelschicht nicht nur Folge von Wachstum ist, sondern dieses auch hervorrufen und stabilisieren kann, beispielsweise durch Konsum, Humankapitalinvestitionen und Arbeitsmotivation.[4] Auch in der Diskussion um Modernisierung und Demokratisierung wird der Mittelschicht eine wichtige, wenn nicht gar die zentrale Rolle zugeschrieben. Einer klassischen These von Seymour M. Lipset zufolge verbreitert sich durch ökonomisches Wachstum die Gruppe derjenigen, die zur Mittelschicht hinzugerechnet werden können.[5] Die Sozialstruktur wird von einer Pyramide zu einer Raute oder einer Zwiebel. Mit dem Wachstum der Mittelschicht ist eine Steigerung des allgemeinen Bildungsniveaus verbunden, was wiederum zu positiven Effekten auf die Demokratieentwicklung führe, denn je gebildeter die Bevölkerung, desto größer die Kompetenz für politische Beteiligung und ihre Anspruchshaltung gegenüber demokratischen Elementen der Politik. Auch sah er die Mittelschicht als relativ tolerant, moderat in ihren politischen Ideologien und relativ immun gegenüber demagogischen Verführungen.

Definitionsangebote

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich zu fragen, was eigentlich die Mittelschicht beziehungsweise die Mittelschichten kennzeichnet. Auf diese Frage sind einfache Antworten allerdings nicht zur Hand, da es keine allgemein geteilte Definition der Mittelschicht gibt, sondern sehr unterschiedliche Annäherungen. Eine bei Ökonomen weit verbreitete Abgrenzung der Mittelschicht bezieht sich auf das Einkommen und rechnet alle Personen mit einem äquivalenzgewichteten Haushaltseinkommen zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommen) dazu. Die Gewichtung wird vorgenommen, um eine Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen Haushalten herzustellen. Der Median ist der Wert der Einkommensverteilung, der die gesamte Bevölkerung in eine obere und eine untere Hälfte teilt. Entsprechend einer solchen Abgrenzung kann man in Deutschland etwa 58 Prozent (etwa 47,3 Millionen Menschen) der Bevölkerung zur Mittelschicht zählen, wobei man im engeren Sinne eher von der Einkommensmittelschicht sprechen sollte.[6]

Die einkommensfokussierte Sicht lässt aber vieles außen vor, was man zur Beschreibung der Mittelschicht als sozialstrukturelle Großgruppe benötigt. Die dort vorgenommenen Abgrenzungen sowohl nach oben wie auch nach unten sind künstlich und nicht zwingend mit den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten der Gruppen verknüpft, die auch durch Lebensweise, familiäre Herkunft und Unterstützungsnetzwerke, soziale und berufliche Positionierung oder, wie bei Studenten, auch zukünftige Lebenschancen bestimmt werden. Deshalb ist es angeraten, es nicht bei dieser engen definitorischen Bestimmung zu belassen und weitere Merkmale zur Beschreibung der Mittelschicht hinzuzuziehen.

In wichtigen soziologischen Großtheorien nimmt die Mittelschicht keine sehr prominente Rolle ein. Marx kennzeichnete das Kleinbürgertum zwar als eigene Klasse, sah es aber nicht als Fixstern zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen. In dem von ihm prognostizierten Zweiklassenkapitalismus wird ein Großteil der kleinen Handwerker und Händler proletarisiert, nur ein kleiner Teil schafft es, in die Klasse der Kapitalisten aufzusteigen. Neomarxistische Analysen haben zwar der Mittelschicht auch in der kapitalistischen Sozialstruktur ihren Platz eingeräumt, weil Bildung und Qualifizierung, die Aufwertung von Tätigkeiten und die Entstehung mittlerer Positionen in der Wirtschaft gerade keine Klassenpolarisierung stattfinden ließen, aber eine Schlüsselrolle für die gesellschaftliche Entwicklungsdynamik mochten sie ihr nicht zugestehen. Man verstand sie letztlich als "widersprüchliche Klassenlage" oder Mischform, womit zwar eine vielfältigere Ausprägung sozialstruktureller Positionierungen anerkannt wurde, ohne aber eigenständige Merkmale und Konstitutionsprinzipien hinreichend herauszuarbeiten.[7] Mit Weberschen Klassenkonzepten lässt sich demgegenüber schon besser argumentieren, dass wir es hier mit einer spezifischen Klassenlage zu tun haben. Max Weber fragt nach einer gemeinsamen ursächlichen Komponente der Lebensführung.[8] Klassen sind bei ihm keine Gemeinschaften, sondern zuallererst bestimmte Marktlagen, die die Lebenschancen determinieren. So gesehen wäre für die Bestimmung von Mittelschichten relevant, auf welche Weise sie auf den Markt treten und ihre Erwerbschancen geltend machen. Hier spielen Bildung und Qualifikation, also im weitesten Sinne das akkumulierte Humankapital, eine wichtige Rolle.

Gemäß gängigen Schichtungstheorien sind soziale Schichten durch eine Reihe von objektiven Lagemerkmalen wie Beruf, Bildung und Einkommen, aber auch subjektive Charakteristika definiert.[9] Allerdings gibt es auch hier keinen Konsens über die genaue Abgrenzung der Mittelschicht. Einerseits gibt es Autoren, die den Begriff der Mittelschicht vor allem für die qualifizierten und höher qualifizierten und in der Regel nicht-manuellen Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich reservieren, was Arbeiter und Personen in produzierenden und manuellen Tätigkeiten ausschließt.[10] Andere Autoren gehen von einer umfassenderen Bestimmung der Mittelschicht aus, die auch Facharbeiter und qualifizierte Angestellte in der Industrie – also die "arbeitnehmerische Mitte"[11] – einschließt, was angesichts der starken Rolle der deutschen Facharbeiterschaft auch gerechtfertigt erscheint.[12]

Nähert man sich den Mittelschichten verstärkt mithilfe von auf Lebenswelt und Kultur ausgerichteten Konzepten, dann treten Mentalitäten, Orientierungen und Werte in den Vordergrund. Was kann man nun sagen, wenn man die Mittelschicht primär durch die kulturalistische Brille betrachtet? Die Kultur der Mittelschicht speist sich historisch aus der bürgerlichen Kultur, die für Werte wie Respektabilität, Pflichterfüllung, Familiensinn, Ordnung und Stabilität und kulturelles Interesse steht. Prägend sind bestimmte Vorstellungen des privaten und öffentlichen Lebens, in denen Selbstständigkeit, methodische Lebensführung, allgemeine und fachliche Bildung sowie Leistungsorientierung ihren festen Platz haben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es vor allem über den Konsum, die Massenkultur, den Wertewandel und die Demokratisierung der Gesellschaft zu einer grundlegenden Veränderung der Rolle der bürgerlichen Kultur. Erstens breiteten sich die bürgerlichen Wertvorstellungen weiter aus und drangen auch in die Ober- und Unterschichten ein.[13] Zweitens kam es zu einer "Entbürgerlichung" der gesellschaftlichen Mitte, indem neue Werte hinzutraten und die alten relativierten.[14] Neue Geschlechtermodelle, postmoderne Werte und die Ökologiebewegung sind in der Mittelschicht entstanden, zugleich haben neue Formen von Individualismus, Flexibilität und Wettbewerblichkeit in der Mittelschicht Fuß gefasst. Heutzutage ist die Mittelschicht keine kulturell homogene Fraktion; vielmehr gibt es ein Nebeneinander unterschiedlicher Fraktionen und Milieus mit je eigenen Lebensstilen, Werten und Lebensweisen.[15]

Fragt man nach dem Zusammenspiel von Sozialstruktur und Kultur, dann ergibt sich ein mittelschichttypischer Nexus zwischen der Ausstattung mit Ressourcen und einem spezifischen Lebensführungsmodus.[16] Gemein ist den heutigen Fraktionen der Mittelschichten, dass sie über eine bestimmte mittlere Ausstattung an kulturellem und ökonomischem Kapital verfügen, also etwas zu gewinnen, aber auch etwas zu verlieren haben, was sie dazu anhält, mit diesen Kapitalien achtsam umzugehen und sie immer wieder zu erneuern und zu investieren. Das Bestreben, durch soziale Praktiken den eigenen Status mindestens zu erhalten, wenn nicht zu verbessern, lässt sich auch als "investive Statusarbeit" beschreiben. Typisch für dieses Lebensführungsmodell sind auch ein Leistungsethos und der Planungsimperativ, der sich in den unterschiedlichen Lebensbereichen und in der biografischen Orientierung wiederfinden lässt.

Fußnoten

1.
Rolf G. Heinze, Die erschöpfte Mitte. Zwischen marktbestimmten Soziallagen, politischer Stagnation und der Chance auf Gestaltung, Weinheim 2011, S. 55.
2.
Helmut Schelsky, Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart, Stuttgart 1953, S. 20.
3.
Vgl. Ralf Dahrendorf, Der moderne soziale Konflikt. Essay zur Politik der Freiheit, Stuttgart 1992.
4.
Vgl. William Easterly, The Middle Class Consensus and Economic Development, in: Journal of Economic Growth, 6 (2001) 4, S. 317–335.
5.
Vgl. Seymour M. Lipset, Some Social Requisites of Democracy. Economic Development and Political Legitimacy, in: The American Political Science Review, 53 (1959) 1, S. 69–105.
6.
Vgl. Christoph Burkhardt et al., Mittelschicht unter Druck?, hrsg. von der Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh 2013, S. 20.
7.
Siehe Robert Erikson/John H. Goldthorpe, The Constant Flux: A Study of Class Mobility in Industrial Societies, Oxford 1992.
8.
Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1985 (1922), S. 531.
9.
Vgl. Rainer Geißler, Soziale Schichtung und Lebenschancen in Deutschland, Stuttgart 1987.
10.
Vgl. Stefan Hradil/Holger Schmidt, Angst und Chancen. Zur Lage der gesellschaftlichen Mitte aus soziologischer Sicht, in: Herbert-Quandt-Stiftung (Hrsg.), Zwischen Erosion und Erneuerung. Die gesellschaftliche Mitte in Deutschland. Ein Lagebericht, Frankfurt/M. 2007, S. 163–226.
11.
Berthold Vogel, Wohlstandkonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen, Hamburg 2009, S. 211.
12.
Vgl. Ch. Burkhardt et al. (Anm. 6); Steffen Mau, Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht?, Berlin 2012.
13.
Vgl. Jürgen Kocka, The Middle Classes in Europe, in: Hartmut Kaelble (Hrsg.), The European Way. European Societies during the Nineteenth and Twentieth Centuries, New York–Oxford 2004, S. 15–43, hier: S. 34.
14.
Vgl. Herfried Münkler, Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung, Berlin 2010, S. 47.
15.
Vgl. S. Mau (Anm. 12); H. Münkler (Anm. 14).
16.
Zu einer derartigen Konzeption der Mittelschichten vgl. Uwe Schimank et al., Statusarbeit unter Druck? Die Lebensführung der Mittelschichten, Weinheim–Basel 2014.
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Autor: Steffen Mau für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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