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24.11.2014 | Von:
Silvia Popp

Die neue globale Mittelschicht

Der politische und wirtschaftliche Aufschwung der Schwellenländer in den vergangenen Jahrzehnten ist unübersehbar. Insbesondere in den bevölkerungsreichen asiatischen Ländern China und Indien, aber auch in Russland, Brasilien, der Türkei, Marokko oder Südafrika etablieren sich teils rasch wachsende Mittelschichten, während die alten Mittelschichten der Industrienationen zahlenmäßig eher stagnieren. Im Global Trends 2030 Report des US-amerikanischen National Intelligence Council wird das anhaltende Wachstum dieser neuen globalen Mittelschicht als einer der Megatrends der beiden kommenden Jahrzehnte angesehen.[1]

Abbildung 1: Anteile am globalen BIP nach Kaufkraftparität in ProzentAbbildung 1: Anteile am globalen BIP nach Kaufkraftparität in Prozent (© International Monetary Fund, World Economic Outlook Database, April 2014)
Noch in den 1980er Jahren lebte ein Viertel der Weltbevölkerung von damals viereinhalb Milliarden Menschen in den sogenannten entwickelten Regionen, also Europa, Nordamerika und wenigen weiteren wohlhabenden Ländern. Sie erwirtschafteten 70 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (Abbildung 1). Mittlerweile leben in diesen Regionen nur noch 17 Prozent der Weltbevölkerung, die nicht mehr als die Hälfte zum globalen Bruttoinlandsprodukt beitragen.[2]

Die Konsequenzen einer rasch wachsenden globalen Mittelschicht sind vielfältig. Neben einer Verschiebung der wirtschaftlichen Bedeutung von Weltregionen steht besonders ihre schwer kalkulierbare Rolle bei der Transformation von politischen Systemen im Fokus. Die in den Schwellenländern heranwachsende neue Mittelschicht wird politisch vielfach als das Rückgrat der Demokratie angesehen, das soziale und politische Stabilität gewährleistet, indem es sozialen Zusammenhalt fördert und Spannungen zwischen Arm und Reich entschärft.[3] Dies ist allerdings schwer nachweisbar und kann aufgrund der derzeitigen politischen Instabilität und der anhaltenden sozialen Spannungen in weiten Teilen der Welt, aber insbesondere in den Schwellenländern, angezweifelt werden.

In den Industrienationen geht mit zunehmenden Einkommensungleichheiten die Sorge vor dem Schwinden der alten Mittelschicht einher. Auch deswegen schüren die mit der globalen Mittelschicht verbundenen Veränderungen Hoffnungen und Befürchtungen zugleich. Aus wirtschaftlicher Sicht stehen die zunehmende Kaufkraft und die steigenden Konsumbedürfnisse, die damit verbundenen Auswirkungen auf die nationalen und internationalen Märkte sowie die Umwelt im Fokus. Hauptsächlich geht es um wachsende Produktions- und Exportmärkte und eine fortschreitende Übernutzung der natürlichen Ressourcen insbesondere durch den stark ansteigenden Energiebedarf mit den entsprechenden Folgen für das globale Klima. Auch der zunehmende Fleischkonsum, die steigende Zahl von Mobiltelefonnutzern und Autofahrern sowie die weltweite Medialisierung und Digitalisierung sind typische Attribute, die der neuen globalen Mittelschicht zugeschrieben werden. Das Geschehen konzentriert sich auf die urbanen Zentren der Welt. Schon heute gibt es weltweit 28 Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, die meisten davon in Asien.[4] Umweltbelastungen und die ausreichende Versorgung mit Wasser, Energie und Nahrung stellen in diesen Agglomerationen große Probleme dar, die durch die steigenden Konsumbedürfnisse der städtischen Mittelschichten noch verstärkt werden. Die Auswirkungen variieren nach Ländern und Regionen, hängen aber zunächst einmal von dem Ausmaß des Phänomens ab.

Aufstrebend, aber prekär: Merkmale der neuen Mittelschicht in Schwellenländern

Die alte Mittelschicht in Europa entstand im Zuge der beginnenden Industrialisierung durch die Etablierung neuer Berufe jenseits der kleinteiligen Landwirtschaft und der manuellen Produktion von Gütern. Dies setzte einen höheren Bildungsgrad voraus, was sich in einem höheren Einkommensniveau gegenüber der Arbeiterklasse niederschlug. Das trifft auch auf die neue Mittelschicht in Schwellenländern zu, die im Gegensatz zur armen Bevölkerung ein höheres Bildungsniveau aufweist und meist nicht-landwirtschaftlichen Berufen nachgeht. Dennoch ist die neue globale Mittelschicht nicht einfach eine Ausweitung der alten Mittelschicht auf einen größeren Personenkreis in den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern.

Erstens wird die alte Mittelschicht im Allgemeinen über ihren gehobenen Lebensstandard definiert, der die Menschen auch vor allen erdenklichen Risiken schützt. Der Ökonom Homi Kharas sieht die Mittelschicht (middle class) generell als eine nicht recht fassbare soziale Klassifizierung, deren Angehörige – vereinfacht ausgedrückt – befähigt sind, ein komfortables Leben zu führen. Hierzu gehören die Wahrnehmung von höheren Bildungs- und Kulturangeboten, eine stabile Arbeitssituation, passable Wohnverhältnisse sowie eine ausreichende Gesundheitsversorgung und Alterssicherung.[5] Betrachtet man aber die Indikatoren der sozialen Sicherung, wie den Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Alterssicherung, so genießen laut Berechnungen der International Labour Organization (ILO) weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung einen umfassenden Schutz durch soziale Sicherungssysteme.[6] Dieser Anteil der Weltbevölkerung ist dabei nicht identisch mit der neuen globalen Mittelschicht. Gerade in Schwellenländern sind solche Systeme vielfach weder flächendeckend etabliert noch existiert die entsprechende Infrastruktur. Der Schutz durch soziale Sicherungssysteme ist ein häufig vernachlässigtes Kriterium bei der Bestimmung der neuen globalen Mittelschicht.

Zweitens wird die alte Mittelschicht in den Industrienationen meist als eine relative Größe zur Gesamtbevölkerung gesehen. Nancy Birdsall et al. schlagen dafür die Personen vor, die zwischen dem 0,75- und dem 1,25-fachen des Durchschnittseinkommens pro Kopf aufweisen.[7] Zum Vergleich: 2013 lag das Bruttoinlandseinkommen pro Kopf in Deutschland bei 45.000 US-Dollar; in Indien hingegen nur bei 1.500 US-Dollar, jeweils in Kaufkraftparität.[8] In Ländern, in denen weite Teile der Bevölkerung immer noch von absoluter Armut betroffen sind und das allgemeine Einkommensniveau mit wenigen Ausnahmen sehr niedrig ist, ist die Aussagekraft einer solchen Definition gering, vor allem in international vergleichender Perspektive. In Industrienationen würde jemand schwerlich als der Mittelschicht zugehörig betrachtet werden, der nur Mindestlebensstandards erfüllt. Ein Mobiltelefon zu besitzen, heißt vielleicht per Definition, zur neuen globalen Mittelschicht zu gehören, viel mehr über den Lebensstandard sagt es jedoch nicht aus.

Die Beispiele veranschaulichen, was die neue Mittelschicht der Schwellenländer von der alten Mittelschicht der Industrienationen unterscheidet: ihre Vulnerabilität gegenüber Risiken wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Sie können bei finanziellen Schocks aufgrund des Fehlens von sozialen Sicherungssystemen leicht in Armut abrutschen. Ein Großteil der zur neuen Mittelschicht gehörenden Menschen sind gleichzeitig auch jene, die zwar ihr Einkommensniveau steigern konnten, aber dennoch nicht weit von der Armutsgrenze entfernt sind. Diese Personen werden als floating group oder vulnerable Mittelschicht bezeichnet. Laut der ILO gehörten 2010 rund 1,9 Milliarden Menschen weltweit zu dieser Gruppe.[9]

Die Nähe zur Armut ist für die neue Mittelschicht in den Schwellenländern, neben dem mangelnden Zugang zu sozialer Absicherung, der größte Unterschied zu den alten Mittelschichten in den Industrienationen, zumindest im derzeitigen Vergleich. Würde man die neuen Mittelschichten der Schwellenländer mit den alten Mittelschichten zur Zeit ihrer Entstehung vergleichen, wären die Charakteristika ähnlicher. Die Diskussion um die neue globale Mittelschicht bezieht sich jedoch meist auf einen Vergleich der beiden zum jetzigen Zeitpunkt. Doch wie groß ist diese neue globale Mittelschicht nun?

Wer gehört zur neuen globalen Mittelschicht?

Eine eindeutige Bestimmung der neuen globalen Mittelschicht ist schwierig, da weder eine allgemeingültige Definition noch entsprechende Messkriterien existieren. Meist wird eine einkommensabhängige Erfassung angewendet, die auf dem Konzept einer wachsenden Konsumentenklasse beruht. In der einfachsten Variante werden allgemeine Einkommens- oder Ausgabengrenzen verwendet, die für alle Personen als gleich angenommen werden, unabhängig von ihrem Wohnsitz. Eine Berechnung in Kaufkraftparität soll die internationale Vergleichbarkeit gewährleisten, indem nicht die Einkommen in Landeswährung als Vergleichsmaßstab herangezogen werden, sondern das, was man sich davon kaufen kann.

Tabelle: Ausmaß der globalen Mittelschicht nach unterschiedlichen BerechnungenTabelle: Ausmaß der globalen Mittelschicht nach unterschiedlichen Berechnungen (© M. Ravallion (Anm. 13); H. Kharas (Anm. 5); ILO (Anm. 9); Bussolo et al. (Anm. 10).)
Es existieren unterschiedliche Aussagen zum Ausmaß der globalen Mittelschicht, die sich von weniger als einer halben Milliarde bis auf mehrere Milliarden Menschen weltweit belaufen (Tabelle). Einer der geringeren Werte, wenngleich eine schon etwas ältere Zahl, ist der von Maurizio Bussolo et al. aus dem Jahr 2000. Sie benutzten für alle Länder gleich hohe Einkommensgrenzen und zählten diejenigen zur globalen Mittelschicht, die in Kaufkraftparität gemessen ein geringeres Einkommen als das Durchschnittseinkommen Italiens, gleichzeitig aber ein höheres als das Brasiliens aufwiesen. Danach gehörten zu Beginn des Jahrtausends nur 430 Millionen Menschen zur neuen globalen Mittelschicht, davon lebte nahezu die Hälfte in den weniger entwickelten Ländern. Gemäß den Prognosen werden auch bis 2030 nur 1,15 Milliarden Menschen dieser Kategorie entsprechen.[10] Aus diesem Blick, der eine globale Mittelschicht nach gleichen Maßstäben überall auf der Welt erfassen will, erscheint ihre Größe nicht mehr besonders spektakulär. In Anbetracht eines solch geringen Ausmaßes von acht Prozent der Weltbevölkerung zu Beginn des Jahrtausends und etwas mehr als 16 Prozent 2030 ist schwerlich von der Mitte der Gesellschaft zu sprechen.

Im Unterschied zu einer solchen, für alle Länder einheitlichen Einkommensklassifizierung werden für die Erfassung von Mittelschichten in Entwicklungs- und Schwellenländern meist Konzepte zugrunde gelegt, die sich an einem Einkommens- oder Konsumniveau oberhalb der absoluten Armutsgrenzen orientieren. Die beiden gängigsten absoluten Armutsgrenzen sind dabei die Definitionen der Weltbank, die entweder 1,25 US-Dollar oder 2 US-Dollar pro Person und Tag in Kaufkraftparität zugrunde legt. Zwischen 1990 und 2010 hat sich der weltweite Anteil der Menschen, die unterhalb der absoluten Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar leben müssen, mehr als halbiert, von 47 auf 22 Prozent. Das entspricht einer Verminderung um 700 Millionen Menschen.[11]
Angelehnt an die obere Armutsgrenze der Weltbank von zwei US-Dollar pro Tag und Person definieren Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo die Mittelschicht in Entwicklungs- und Schwellenländern als Personen, die von zwei bis zehn US-Dollar pro Person und Tag in Kaufkraftparität leben.[12] Allerdings würde man im Allgemeinen Menschen, die in den Industrienationen eine Kaufkraft von weniger als zehn Dollar pro Tag hätten, nicht als typische Mittelschicht betrachten, sie würden eher als arm gelten.

Die Weltbank benutzt explizit die Bezeichnung "Mittelschicht" in den Schwellenländern und verweist darauf, dass diese Mittelschicht aus Personen besteht, die in den Industrienationen zwar als arm gelten würden, in den Schwellenländern jedoch nicht. Gemessen am Intervall von 2 bis 13 US-Dollar pro Person und Tag in Kaufkraftparität gehörten 2005 mehr als zweieinhalb Milliarden Menschen der globalen Mittelschicht an. Davon entfielen alleine mehr als ein Milliarde auf Ostasien und jeweils mehr als 350 Millionen auf die Regionen Osteuropa und Zentralasien, Lateinamerika und die Karibik sowie Südasien.[13]

Die OECD zählt all diejenigen zur globalen Mittelschicht, die ein tägliches Pro-Kopf-Einkommen zwischen 10 und 100 US-Dollar in Kaufkraftparität aufweisen können, um die Abgrenzung zu den Armen zu betonen. Die Berechnung setzt an der oberen Grenze an, die Birdsall et al. vorschlugen. Danach gehörten 2009 auf der Welt mehr als 1,85 Milliarden Menschen zur globalen Mittelschicht, entsprechend einem Viertel der Weltbevölkerung, davon 644 Millionen in Europa, 525 Millionen in Asien und dem Pazifik, 338 Millionen in Nordamerika, 181 Millionen in Süd- und Zentralamerika, 105 Millionen im Nahen Osten und Nordafrika sowie 32 Millionen in Subsahara-Afrika.[14]

Die von der ILO verwendete komplexere Klassifizierung der Mittelschicht orientiert sich an den Einkommensniveaus der jeweiligen Länder. So definiert die ILO die Mittelschicht in low income economies als Personen mit einem täglichen Pro-Kopf-Einkommen zwischen 4 und 13 US-Dollar, in lower middle-income economies zwischen 6 und 20 US-Dollar sowie in upper-middle-income economies zwischen 10 und 50 US-Dollar, jeweils in Kaufkraftparität. Die oberste Einkommensgrenze der ILO von 50 US-Dollar in upper-middle-income economies entspricht also nur der Hälfte der Obergrenze der OECD-Klassifizierung. Nach den Berechnungen der ILO gehörten 2010 – im Unterschied zu den von der OECD für 2009 errechneten 1,85 Milliarden Menschen – nur 695 Millionen Menschen zur globalen Mittelschicht, was gleichwohl nahezu einer Verdreifachung der Anzahl seit 1999 entspricht.[15]

Wer zur neuen Mittelschicht in den Schwellenländern gezählt wird, hängt demnach stark von der Betrachtungsweise ab. Der Vergleich verdeutlicht dennoch, wie nah Armut und Mittelschicht beieinander liegen: Je niedriger die Einkommens- oder Konsumgrenzen gewählt werden, desto mehr Menschen finden sich in der Klassifizierung zur globalen Mittelschicht wieder. Währenddessen findet gleichzeitig eine starke Zunahme des Anteils der Reichen statt; diese machten nach Berechnungen von Bussolo et al. zu Beginn des Jahrtausends nur zehn Prozent der Weltbevölkerung aus, bis 2030 soll sich ihr Anteil verdoppeln.[16]

Asien als Zentrum der neuen globalen Mittelschicht, Subsahara-Afrika weiterhin abgeschlagen

Asien wird vor allem aufgrund der Entwicklung in China die Zukunft der Mittelschicht maßgeblich beeinflussen. Obwohl nach den meisten Berechnungen derzeit dort nur ein geringer bis mittelgroßer Anteil der globalen Mittelschicht lebt, ist man sich in den Prognosen einig, dass zukünftig der größte Anteil der globalen Mittelschicht aus Chinesen bestehen wird. Laut ILO sind dort in der vergangenen Dekade über 100 Millionen Menschen in diese Schicht aufgestiegen, in Indien waren es bei annähernd gleich hohen Einwohnerzahlen nur 15 Millionen.[17]

Auch Lateinamerika gehört zu den Regionen, in denen in den vergangenen Jahrzehnten ein starkes Wachstum der Mittelschicht zu verzeichnen war. Laut ILO gab es in Brasilien zwischen 1999 und 2010 einen Zuwachs von 16 Prozentpunkten. Auch einige Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas konnten deutlich größer gewordene Mittelschichten verzeichnen. So hat sich beispielsweise in Marokko die Mittelschicht zwischen 1999 und 2010 mehr als verdoppelt, von vier auf neun Millionen Menschen. Aber auch die floating group, also die Personen knapp oberhalb der Armutsgrenze, hat um 18 Prozentpunkte zugenommen.[18] In diesen Ländern erscheint die Erwartung eines anhaltenden Wachstums der Mittelschicht aufgrund der vielfach vorherrschenden politischen Instabilität und der schwierigen Arbeitsmarktsituation fragwürdig. Letztere zeichnet sich durch fehlende Arbeitsplätze vor allem im öffentlichen Sektor und bei höher qualifizierten Jobs aus.[19] Auch Teile Lateinamerikas sind von diesen Problemen betroffen. Die derzeitige wirtschaftlich sehr angespannte Situation in Argentinien zeigt, wie vulnerabel die dortige Mittelschicht ist. Nicht nur die Armen, sondern auch die Menschen mit höheren Einkommen leiden erheblich unter den momentanen Preissteigerungen.

Die zahlenmäßig kleinste Mittelschicht findet sich gemäß der ILO in Afrika südlich der Sahara, wobei sie zwischen 1999 und 2010 auch in Südafrika von zwölf auf 18 Prozent der Bevölkerung oder in Gabun sogar von sechs auf 22 Prozent gestiegen ist.[20] Auch weitere Länder Afrikas südlich der Sahara weisen nach Berechnungen der Afrikanischen Entwicklungsbank einen nicht unerheblichen Teil an Mittelschichtsangehörigen auf, wie Botswana und Namibia sowie Kenia in Ostafrika und Ghana in Westafrika. Insgesamt gilt dennoch für nahezu alle afrikanischen Länder, insbesondere für jene Subsahara-Afrikas, dass der Anteil der floating group weiterhin beträchtlich ist.[21]

Interessant an der regionalen Betrachtung der wachsenden Mittelschichten ist der Stand der jeweiligen demografischen Transformation in den entsprechenden Ländern. Die Regionen, in denen die größten Zuwächse der neuen Mittelschichten stattgefunden haben, wie in Teilen Asiens, Lateinamerikas und Nordafrikas, befinden sich derzeit in der Phase des "demografischen Bonus". Man versteht darunter eine gute Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum durch eine günstige Altersstruktur der Bevölkerung, die wiederum eine Reduzierung der Geburtenrate voraussetzt. Dort gehören relativ viele Menschen der Arbeitskräftebevölkerung an (meist Personen zwischen 15 bis 64 Jahren), die nur relativ wenige junge und alte Menschen versorgen müssen. Diese Relation erhöht das Potenzial für Konsum, Ersparnisse und Investitionen.[22]

Demgegenüber weisen viele Länder südlich der Sahara immer noch derart hohe Geburtenraten auf, dass die Region bisher nicht in die Phase des demografischen Bonus eintreten konnte. Das Wachstum der Weltbevölkerung wird auch zukünftig in den am wenigsten entwickelten Ländern stattfinden,[23] weswegen dort auch mit dem geringsten Zuwachs der Mittelschichten zu rechnen ist. Dies ist in Ländern südlich der Sahara nicht nur dem Bevölkerungswachstum zuzuschreiben, auch ein geringer Industrialisierungsgrad bei geringer Arbeitsproduktivität spielt hier neben Problemen wie Korruption und schwachen Rechtssystemen eine große Rolle.

Abbildung 2: Angehörige der Mittelschicht weltweit und Veränderung nach Regionen (in Millionen)Abbildung 2: Angehörige der Mittelschicht weltweit und Veränderung nach Regionen (in Millionen) (© United Nations Development Programme (UNDP), Human Development Report 2013, The Rise of the South: Human Progress in a Diverse World, http://hdr.undp.org/en/ 2013-report (5. 11. 2014), S. 14.)
Die Prognosen der Vereinten Nationen sind eindeutig: Sie rechnen mit nahezu fünf Milliarden Menschen, die 2030 zur globalen Mittelschicht gehören werden (Abbildung 2). Der weitaus größte Zuwachs der globalen Mittelschicht wird in den Schwellenländern erfolgen, insbesondere in Asien. Kharas zufolge waren 2009 28 Prozent der globalen Mittelschicht Asiaten, bis 2030 sollen sie 66 Prozent stellen.[24] Unklar ist nur, welches asiatische Land Treiber dieser Entwicklung sein wird. Nach Bussolo et al. wird die Hälfte des Zuwachses der globalen Mittelschicht zwischen 2000 und 2030 auf die Bevölkerung Chinas entfallen.[25] Der National Intelligence Council hingegen geht davon aus, dass China auf lange Sicht von Indien überholt werden wird.[26]

Fazit

Der nur schwer zu fassende Begriff der neuen globalen Mittelschicht erfreut sich insbesondere in der ökonomischen Debatte zunehmender Aufmerksamkeit. Auch wenn die verschiedenen Berechnungen zur Quantifizierung zu stark voneinander abweichenden Werten führen, so ergibt sich daraus dennoch ein grober Trend: Bisherige Wachstumsraten in den Entwicklungs- und Schwellenländern haben vielerorts für einen Einkommenszuwachs großer Bevölkerungsteile gesorgt und damit die weltweite Armut reduziert. Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen, die den neuen Mittelschichten angehören, kontinuierlich gestiegen. Diese Entwicklung geht mit einer stagnierenden und in Teilen bereits schrumpfenden Bevölkerungszahl in den Industrienationen einher.

Die derzeitige Diskussion über die globale Mittelschicht bezieht sich meist nur auf ihre schiere Größe, also die bloße Anzahl der Menschen, die mehr konsumieren und damit mehr Ressourcen verbrauchen werden. Dies ist der Kern des Interesses an der Mittelschicht. Nur am Rande macht man sich Gedanken über deren sonstige Bedürfnisse wie soziale Absicherung, Bildungschancen, kulturelle Teilhabe und Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen. Die globale Mittelschicht ist urban, hat Zugang zu Massenmedien und ist mobil. Unübersehbar ist diese neue globale Mittelschicht in den Städten der Welt, die internationale Produkte konsumiert und einen internationalen Lebensstil pflegt. Diese sichtbare Mittelschicht stimmt jedoch nicht mit den vorgelegten Zahlen überein, sondern ist nur ein kleiner Teil davon. Ein beträchtlicher Anteil der neuen globalen Mittelschicht gehört auch weiterhin zu der Gruppe, die nur knapp oberhalb der absoluten Armutsgrenze lebt, der floating group.

Wirtschaftliches Wachstum ermöglicht immer mehr Personen den Sprung in die globale Mittelschicht. Es ist jedoch zu erwarten, dass auch das soziale Konfliktpotenzial mit wachsender Mittelschicht steigt. Die Menschen fordern einen höheren Lebensstandard, der sich nicht nur auf materielle Werte bezieht, sondern auch auf Aspekte wie eine saubere Umwelt, mehr Entscheidungsfreiheit und politische Partizipation. Die Demonstrationen und sozialen Proteste der vergangenen Jahre in den Ländern Nordafrikas und Lateinamerikas, aber auch in der Türkei oder in Thailand sowie in jüngster Zeit in China scheinen dies zu bestätigen. Sie zeigen, dass der neuen globalen Mittelschicht bloßes wirtschaftliches Wachstum als Entwicklungsziel nicht mehr genügt.
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Fußnoten

1.
Vgl. National Intelligence Council, Global Trends 2030. Alternative Worlds, Dezember 2012, http://www.dni.gov/index.php/about/organization/national-intelligence-council-global-trends« (5.11.2014), S. 8f.
2.
Vgl. International Monetary Fund, World Economic Outlook Database, April 2014, http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2014/01/weodata/index.aspx« (5.11.2014).
3.
Vgl. Nancy Birdsall/Carol Graham/Stefano Pettinato, Stuck In The Tunnel: Is Globalization Muddling The Middle Class?, Center on Social and Economic Dynamics Working Paper 14/2000, S. 1.
4.
Vgl. United Nations, World Urbanization Prospects. The 2014 Revision. Highlights, http://esa.un.org/unpd/wup/Highlights/WUP2014-Highlights.pdf« (5.11.2014), S. 13.
5.
Vgl. Homi Kharas, The Emerging Middle Class in Developing Countries, OECD Development Centre Working Paper 285/2010, S. 7.
6.
Vgl. ILO, World Social Security Report 2010/11: Providing Coverage in Times of Crisis and Beyond, Executive Summary, Genf 2010, S. 1.
7.
Vgl. N. Birdsall et al. (Anm. 3), S. 3.
8.
Vgl. The World Bank, World Development Indicators, http://ata.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD/countries« (5.11.2014).
9.
Vgl. ILO, World of Work Report. Repairing the Economic and Social Fabric, Genf 2013, S. 36.
10.
Die Berechnungen sind angelehnt an das Konzept der globalen Mittelschicht von Branko Milanovic und Shlomo Yitzhaki. Siehe Maurizio Bussolo/Rafale De Hoyos/Denis Medvedev, Is the Developing World Catching Up? Global Convergence and National Rising Dispersion, The World Bank Policy Research Working Paper 4733/2008, S. 17.
11.
Vgl. United Nations, The Millennium Development Goals Report 2013, New York 2013, S. 4.
12.
Vgl. Abhijit V. Banerjee/Esther Duflo, What is Middle Class about the Middle Classes around the World? MIT Department of Economics Working Paper 29/2007, S. 4.
13.
Vgl. Martin Ravallion, The Developing World’s Bulging (but Vulnerable) "Middle Class", The World Bank Policy Research Working Paper 4816/2009, S. 27.
14.
Vgl. H. Kharas, (Anm. 5), S. 16.
15.
Vgl. ILO (Anm. 9), S. 36.
16.
Vgl. M. Bussolo et al. (Anm. 10), S. 17.
17.
Vgl. ILO (Anm. 9), S. 36.
18.
Vgl. ebd., S. 38f.
19.
Siehe hierzu Steffen Angenendt/Silvia Popp, Jugendarbeitslosigkeit in nordafrikanischen Ländern. Trends, Ursachen und Möglichkeiten für entwicklungspolitisches Handeln, SWP-Aktuell 34/2012.
20.
Vgl. ILO (Anm. 9), S. 39.
21.
Vgl. African Development Bank, The Middle of the Pyramid: Dynamics of the Middle Class in Africa, Market Brief 20/2011, S. 5.
22.
Siehe hierzu David E. Bloom et al., The Demographic Dividend. A New Perspective on the Economic Consequences of Population Change, Santa Monica 2003.
23.
Vgl. United Nations, World Population Prospects. The 2012 Revision, http://esa.un.org/wpp/documentation/publications.htm« (5.11.2014).
24.
Vgl. H. Kharas (Anm. 5), S. 28.
25.
Vgl. M. Bussolo et al. (Anm. 10), S. 17.
26.
Vgl. National Intelligence Council (Anm. 1), S. 9.
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Autor: Silvia Popp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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