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24.11.2014 | Von:
Herfried Münkler

Die Entstehung des Mitte-Paradigmas in Politik und Gesellschaft

Die Vorstellung, dass "die Mittleren" in der Ordnung des Gemeinwesens dominieren sollen, taucht erstmals bei dem griechischen Gesetzgeber Solon auf, und zwar als Ausgleich zwischen Ober- und Unterschicht: "Denn dem Volk gab ich Befugnis so viel wie genug ist, von seiner Ehre nichts nahm ich und tat nichts hinzu. Doch zu denen man aufsah des Reichtums halber, die Mächt’gen, auch die ließ ich nur das haben, was ihnen gebührt, stellte mich hin und deckte den Schild meiner Macht über beide. Siegen entgegen dem Recht ließ ich nicht die und nicht die."[1] Das war im siebten vorchristlichen Jahrhundert eine durchaus revolutionäre Idee, denn bis dahin hatten "die Oberen", hoi kaloi kai agathoi, die Schönen und Guten, wie sie sich selber nannten, in jeder Hinsicht das Sagen gehabt. Aber die Adelsfamilien hatten mitsamt ihrem jeweiligen Anhang gegeneinander um die Herrschaft gekämpft, und so waren die Städte in immer neuen Bürgerkriegen versunken. Dieser Kampf der Adelsfaktionen ist typisch für die Auflösung einer traditionalen Ordnung; er lässt sich nicht nur in den Stadtstaaten der griechischen Antike, sondern auch in denen des spätmittelalterlichen Italiens beobachten: Hatte eine Adelsfamilie die Oberhand gewonnen, trieb sie die konkurrierenden Familien ins Exil, wo diese dann neue Kräfte sammelten und Bündnisse mit den herrschenden Familien anderer Städte organisierten, um schließlich mit Waffengewalt in ihre Heimatstadt zurückzukehren und dort wieder die Macht zu übernehmen. Danach ging der Machtkampf mit umgekehrten Vorzeichen weiter, und wenn nicht eine der beiden Seiten erschöpft aufgab oder von ihren Gegnern "mit Stumpf und Stiel" ausgerottet wurde, so war dies ein im Prinzip endloser Kampf. Auf Dauer war das für die politisch und wirtschaftlich aufstrebenden Städte ruinös. Es musste eine Lösung gefunden werden. Solons Vorschlag einer Herrschaft des Rechts als Mitte zwischen dem einfachen Volk und den Mächtigen zielte in diese Richtung. Der ruinöse Konflikt sollte durch einen fairen Kompromiss beendet werden.

Die miteinander konkurrierenden Adelsfaktionen waren vertikal, also von oben nach unten, organisiert. Vor allem in den unteren Schichten der Gesellschaft sammelten die Aristokraten eine Anhängerschaft, die sie bewaffneten, mit deren Hilfe sie die Kämpfe austrugen oder ihre Widersacher tyrannisierten. Diese Mischung aus Schlägerbande und Kampfverband wurde von den Aristokraten alimentiert, um eine verlässliche Gefolgschaft zu bekommen. Diese Rechnung ging aber nicht immer auf, jedenfalls dann nicht, wenn aus den Reihen der "Unteren" eigene Anführer erwuchsen, von denen die Vorstellung lanciert wurde, man solle künftig nicht mehr für das Interesse einer Adelsfamilie kämpfen, sondern für die eigenen Interessen, die der "Unteren" eben. So entwickelten sich gegen die vertikalen Gefolgschaftsstrukturen ansatzweise horizontale Solidaritätsvorstellungen, in denen man eine Frühform des Klassenkampfs sehen kann – jedenfalls haben das einige Historiker getan.

Aber der Zusammenhalt der Unteren war nur rudimentär, und so waren sie auf Anführer angewiesen, ohne die sie keine Handlungsfähigkeit besaßen. Sowohl in den griechischen Städten der Antike als auch in den italienischen Städten des späten Mittelalters wurden diese Anführer zu Tyrannen, wie man sie allgemein bezeichnete, da ihre Herrschaft sich nicht auf die Legitimitätsvorstellungen des Adels, sondern auf das Gewaltpotenzial ihrer Anhängerschaft stützte. Die Errichtung einer Tyrannis wurde so zu einer weiteren Alternative gegenüber den Kämpfen der Adelsfaktionen und der Suche nach einer Mitte als Herrschaft des Rechts. Die Tyrannen fanden über ihre unmittelbare Entourage hinaus Anhänger, weil sie für Ruhe und Ordnung sorgten.[2] Idealtypisch betrachtet gab es also drei Modelle politischer Herrschaft: die traditionsgestützte der alten Adelsfamilien, die aber prekär war, weil diese immer wieder gegeneinander kämpften; die gewaltgestützte Macht der Tyrannen, die für Ruhe und Sicherheit sorgte, aber permanent in der Gefahr stand, in eine Willkürherrschaft umzuschlagen; und die Idee einer an der Mitte ausgerichteten Herrschaft des Rechts, deren Problem jedoch war, dass es dafür vorerst keine starke soziale Trägerschaft gab.

Mit der Zeit freilich wurde die Herrschaft der Tyrannen unerträglich, die Abgaben, die den Bürgern zwecks Finanzierung der Leibgarde und des zunehmend luxuriösen Lebensstils der Tyrannen auferlegt wurden, wuchsen ständig, und jeder Widerspruch, der sich dagegen erhob, wurde mit Gewalt unterdrückt. Kurzum, die Tyrannis wurde zu dem, was man heute darunter im Allgemeinen versteht. Die Formierung der Mittleren als einer gesellschaftlichen Gruppe, die Anspruch auf die Herrschaft in den Städten erhob, erfolgte somit in Auseinandersetzung mit zwei bedrohlichen Herausforderungen: den permanenten Machtkämpfen der Adelsfaktionen, der "Oberen", die keine stabile Herrschaftsordnung mehr auszubilden vermochten, und einer sich in hohem Maße auf die unteren Schichten stützenden Tyrannis, die zwar den Bürgerkrieg im Innern beendet, aber die finanzielle Belastung für die Ruhe im Innern dramatisch gesteigert hatte. Von ihrer Mentalität her war die zunächst relativ kleine Gruppe der Mittleren eigentlich gar nicht auf die Herrschaft aus und sah darin eher eine Last, der sie gerne aus dem Weg gegangen wäre; angesichts der bestehenden Alternativen ließ sie sich jedoch zunehmend auf dieses Projekt ein.

Damit wird sogleich aber auch die Achillesferse einer Herrschaft der Mittleren sichtbar: dass sie sich gar zu gerne wieder aus dieser Verpflichtung, die sie mehr denn andere als Last empfinden, zurückziehen wollen. Ist, schematisch betrachtet, die Machtausübung durch die "Oberen" infolge deren exzessiver Machtansprüche, ihres Ehrgeizes und ihres Konkurrenzbewusstseins für die Mittelschichten gefährlich, und besteht die Gefahr einer Herrschaft der "Unteren" darin, dass sie auf Führer angewiesen sind, die ihre Eigeninteressen nicht nur über das Wohl des Gesamtverbands, sondern auch über das ihrer unmittelbaren Anhängerschaft stellen, so ist die politische Ordnung der Mittleren auf Dauer durch deren begrenztes Interesse an Herrschaftsausübung bedroht. Sie verstehen die von ihnen gepflegte Ordnung als Bürgerschaft und nicht als Herrschaft,[3] entwickeln dabei im wohlverstandenen Eigeninteresse normative Leitideen der Machtausübung und begrenzen so den materiellen wie immateriellen Mehrwert, den man aus dem Innehaben von Macht ziehen kann. So wird aus dem großen Vorzug einer Herrschaft der Mittleren, nämlich deren reduzierter Lust an der Macht, deren größere Gefährdung, und die besteht darin, dass die Anreize der Machtausübung zu gering sind, um deren Belastungen und Beschränkungen dauerhaft auf sich zu nehmen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Herrschaft der Mittleren steht in der Gefahr des Austrocknens.

Fußnoten

1.
Zit. nach: Hermann Fränkel, Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, München 1962, S. 258.
2.
Zur Geschichte der Tyrannis im antiken Griechenland vgl. Helmut Berve, Die Tyrannis bei den Griechen, 2 Bde., München 1967; zur Tyrannis im spätmittelalterlichen Italien Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, Stuttgart 197610, S. 27ff.
3.
Vgl. Jürgen Gebhardt/Herfried Münkler (Hrsg.), Bürgerschaft und Herrschaft. Zum Verhältnis von Macht und Demokratie im antiken und neuzeitlichen politischen Denken, Baden-Baden 1993.
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Autor: Herfried Münkler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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