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24.11.2014 | Von:
Herfried Münkler

Die Entstehung des Mitte-Paradigmas in Politik und Gesellschaft

Ideengeschichtlicher Streit um die Mitte als Maßstab und Machthaber

Die erste große politiktheoretische Kontroverse um die Eignung der Mitte als gesellschaftlicher Maßstab und Inhaber der politischen Direktionsgewalt ist zwischen dem Philosophen Platon und dessen Schüler Aristoteles ausgetragen worden.[4] Platons Kritik an der athenischen Demokratie ist über weite Strecken eine Kritik am Ordnungsmodell der Mitte, wie es in Athen unter vergleichsweise starkem Einbezug der unteren Schichten politisch-institutionelle Gestalt gewonnen hatte. Der Gegenentwurf, den Platon in seiner Politeia entwickelt, läuft auf eine Herrschaft der Besten hinaus: Frieden und Gerechtigkeit in den Städten, so die These, würden erst dann herrschen, wenn die Philosophen Könige oder die Könige Philosophen geworden seien, wie die berühmte Formel bei Platon lautet.

Das Qualifikationskriterium für die Herrschaftsausübung ist danach nicht die Herkunft oder die Macht der Familie, wie im alten aristokratischen Modell, sondern Weisheit im Sinne eines Wissens um das optimale Zusammenwirken der gesellschaftlichen Teile, und das nicht nur in funktionaler, sondern auch in ethischer Hinsicht. Platon ist der Begründer einer normativ ausgerichteten Theorie der Eliteherrschaft, wenn denn unter Elite nicht das bloße Innehaben von Macht verstanden wird, wie das in den modernen Elitetheorien der Sozialtheoretiker Gaetano Mosca und Vilfredo Pareto oder dem Soziologen Robert Michels der Fall ist,[5] sondern der Elitegedanke mit einem komplexen Auswahlprozess verknüpft ist, in dem Qualifikationskriterien über den Zugang zur Macht entscheiden. Weisheit, so Platons Vorstellung, soll in Verbindung mit Eigentumslosigkeit sowie einer Nichtidentifizierbarkeit der eigenen Kinder in den Kohorten des Nachwuchses dafür sorgen, dass Machtmissbrauch und sittliche Korruption der Elite ausgeschlossen ist.

Das war ein dezidierter Gegenentwurf zum Modell der Machtausübung durch die Mittleren, die immer im Verdacht stehen, bloß mittelmäßig zu sein und gerade nicht die Besten zu sein, die in einer Gesellschaft zu finden sind. Dementsprechend haben sich die Vertreter elitistischer Politikmodelle immer wieder über die Mitte lustig gemacht. Insbesondere die Philosophie Friedrich Nietzsches ist – auch wenn sie selbst darin gar nicht so eindeutig ist – von vielen ihrer Anhänger als eine scharfe Absage an die Mitte im Sinne der Mittelmäßigkeit verstanden worden. Inbegriff und Symbol dieser Mittelmäßigkeit ist der Spießer beziehungsweise Spießbürger, der gerade nicht das Herausragende und Hervorstechende verkörpert, sondern in einer Verbindung von Traditionalität und Gewöhnlichkeit auf der Gesellschaft lastet und alles erdrückt, was in ihr nach Besonderheit strebt. Eine gemilderte Variante dieser Mitte-Kritik findet sich bei Wilhelm Busch, dessen Bildergeschichten im Anschluss an Arthur Schopenhauer davon erzählen, wie ein unbändiger Wille nur Unheil und Zerstörung anrichtet, während genügsame Selbstbescheidung für die meisten Menschen die klügste Vorgabe ihres Lebensentwurfs wäre – wäre, weil die meisten nicht von sich aus dazu fähig sind, sondern dafür erst Rückschläge und Enttäuschungen, Krisen und Katastrophen erfahren müssten. Das Sich-Abfinden mit dem Mittleren ist danach Einsicht in die beschränkten eigenen Fähigkeiten; es ist kluge Resignation angesichts der zerstörerischen Folgen von Selbstüberschätzung. Die Mitte wird von Busch mit einem milden Lächeln als das den meisten Menschen Angemessene und Bekömmliche empfohlen: "Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt." Mitte ist danach kluge Resignation.[6]

Diese vornehmlich ethisch und ästhetisch ausgelegte Kritik an der Mitte, zumindest diese Distanzbekundung ihr gegenüber, hat insofern politische Implikationen, als sie die Mitte in den Ruch der bloß zweit- oder drittbesten Lösung des Problems stellt. Das haben die antiken Politiktheoretiker, die auf die Mitte als Antwort auf das Problem des Zerfalls der traditionalen Ordnung gesetzt haben, nicht so gesehen. Aristoteles, der Platons Ideal der Philosophenherrschaft verworfen hat, weil es, wenn es tatsächlich realisiert würde, völlig inflexibel sei gegenüber innergesellschaftlichen Dynamiken und Veränderungen der äußeren Konstellationen, hat die Herrschaft der Mittleren ausdrücklich nicht als Resignation gegenüber einer unmöglichen Herrschaft der Besten angesehen, sondern hat die Mitte und das Beste konzeptionell miteinander verbunden. Für Aristoteles waren die Mittleren nämlich gerade nicht die große Masse der Gesellschaft, die es zu mehr als zum Mittelmaß nicht gebracht hatte, wie eine nietzscheanisch inspirierte Sicht sie klassifizieren würde, sondern die Mittleren waren für ihn die Virtuosen beim schwierigen Treffen eines Ziels, das in der Mitte zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig lag. In diesem Sinne ist für Aristoteles die Mitte kein Zustand, sondern eine permanente Herausforderung, der man sich immer wieder aufs Neue stellen muss.

Um dies zu verdeutlichen, hat sich Aristoteles des Bildes der Bogenschützen bedient, die dann die besten sind, wenn sie die Mitte und nicht die Ränder einer Zielscheibe treffen. Die Mitte zu treffen ist darum so schwer, weil sie die geringste Ausdehnung hat und man sie am ehesten verfehlt. So muss man beim Anvisieren des Ziels die Schwerkraft des Pfeils und die Auswirkung dessen auf seine Flugbahn einrechnen. Mit anderen Worten: Man muss so tun, als wolle man über das Ziel hinausschießen, um es optimal, das heißt in der Mitte, zu treffen. Auf das Verhalten der Menschen bezogen, heißt das für Aristoteles, dass man die eigenen Neigungen, Vorlieben und Abneigungen immer im Auge haben muss, wenn man die Mitte treffen will. Tapferkeit, so Aristoteles’ Überlegung, ist die Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit, Freigebigkeit die Mitte zwischen Geiz und Verschwendungssucht. Wer weiß, dass er zu Feigheit neigt, muss sich so verhalten, als sei er tollkühn, um tatsächlich tapfer zu sein; wer wiederum zu Verschwendungssucht neigt, muss sich seinen eigenen Vorstellungen zufolge wie ein Geizkragen benehmen, um als freigebig angesehen zu werden.

Diese zunächst ethischen Überlegungen hat Aristoteles auf die Ordnung des Politischen übertragen und die politische Mitte als die Position definiert, die nicht nur gegenüber den Reichen und Mächtigen sowie gegenüber den Armen und Abhängigen gleichen Abstand hält, sondern die auch die größte Distanz zu den mit den jeweiligen gesellschaftlichen Positionen verbundenen ethischen Dispositionen und Verhaltensweisen hat. Ein mittleres Einkommen beziehungsweise Vermögen war dabei nach Aristoteles’ Auffassung eine gute Voraussetzung, aber es war bei Weitem nicht hinreichend, um den Anforderungen der Mitte zu genügen. Dafür war es vielmehr erforderlich, immer wieder die Dynamik von Oben und Unten, Reich und Arm auszugleichen, um das Gefüge des Stadtstaates in der Balance zu halten. Die Mitte war somit die ethisch wie politisch anspruchsvollste Position, an der man sich orientieren konnte, und insofern stellte sie für Aristoteles das eigentliche Elitemodell dar. Die aristotelische Mitte-Philosophie ist für all diejenigen, die sich heute der gesellschaftlichen und politischen Mitte zurechnen, alles andere als ein politisch-ethischer Tranquilizer, sondern ein Anreger und Aufreger, der die Mitte als eine kolossale Herausforderung und Anstrengung herausstellt. Das wird gerne übersehen, und zwar gerade von denen, die sich selbst als Mitte begreifen und bezeichnen.

In Aristoteles’ Definition ist die Mitte also kein Rabatt gegenüber den Anforderungen der Exzellenz, sondern vielmehr deren Akzentuierung. Das hat mit dem Erfordernis des Ausbalancierens der Extreme zu tun, wie man das Bild der die Mitte einer Zielscheibe anvisierenden Bogenschützen ins Politische übersetzen kann. Die Mittleren müssen das rechte Maß kennen, um eine Gesellschaft in der Balance zu halten. Sie müssen die einen fordern und die anderen beruhigen und zurückhalten, und dazu müssen sie genau wissen, auf wen sie wie einzuwirken haben. Um die Mitte zu halten und zu bewahren, bedürfen deren Angehörige nicht nur ethische Eigenschaften, sondern auch gesellschaftliche Kenntnisse und politisches Wissen. Sie müssten gerecht und politisch klug sein – eine Verbindung, die nicht gerade häufig anzutreffen ist und von der Aristoteles gemeint hat, dass sie, wenn überhaupt, in der politischen Mitte zu verorten sei.

Fußnoten

4.
Eine detaillierte Darstellung der ideengeschichtlichen Kontroversen um die politische Rolle der Mitte findet sich bei Herfried Münkler, Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung, Berlin 2010, S. 75–136. Dort Einzelnachweise der nachfolgend angezogenen Autoren, auf die hier verzichtet wird.
5.
Zur Debatte dessen vgl. Herfried Münkler/Grit Straßenberger/Matthias Bohlender (Hrsg.), Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt/M.–New York 2006.
6.
Vgl. Wilhelm Ehrlich, Wilhelm Busch, der Pessimist. Sein Verhältnis zu Arthur Schopenhauer, München 1962.
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Autor: Herfried Münkler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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