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24.11.2014 | Von:
Herfried Münkler

Die Entstehung des Mitte-Paradigmas in Politik und Gesellschaft

Mitte oder Fortschritt: zwei alternative Denkmodelle politischer Ordnung

Die Vorstellung von der Mitte, die den aristokratischen Machtkampf pazifiert und den Aufstieg von Tyrannen verhindert, entwickelte sich bei den Griechen und dann erneut bei den Italienern der Renaissance im städtischen Rahmen, während bei großräumlich angelegten Ordnungen die Herrschaft (in der Regel die eines Monarchen) nicht infrage gestellt wurde. Es bedurfte einer Bürgerschaft, die horizontale Zusammengehörigkeitsvorstellungen ausgebildet hatte, um das vertikale Strukturmodell von Herrschaft und Untertanen herauszufordern und abzulösen. Der Anspruch der Mittleren, das Gemeinwesen ordnen und regieren zu können, war historisch an den Aufstieg der Städte gebunden – und zwar selbstständiger Städte mittlerer Größe, während Großstädte im Zentrum von Großreichen gegenüber der Vorstellung der Mitte auf Distanz blieben: Hier wurde Herrschaft mithilfe eines professionellen Apparats und seiner Erzwingungsstäbe ausgeübt, womit klar war, dass die damit verbundenen Aufgaben nicht von einer Honoratioren- beziehungsweise Dilettantenverwaltung durch die mittleren Bürger übernommen werden konnten. Herrschaft der Mittleren beziehungsweise der Mitte hieß über die längste Zeit nämlich auch, dass auf eine Professionalisierung des Politikbetriebs verzichtet wurde und die Bürger im Reihendienst die Ämter und Aufgaben übernahmen. Nur so glaubte man, den mit der Idee der Mitte verbundenen Gedanken der Gleichheit der Mittleren aufrechterhalten zu können. Im Honoratiorensystem der deutschen Kommunalverfassung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist diese Vorstellung noch einmal aufgelebt, bis sie durch die Professionalisierung der kommunalen Spitzen in Form von Verwaltungsjuristen überlagert und allmählich beseitigt worden ist. Inzwischen bringt die Mitte der Gesellschaft kaum noch die Zeit und das Interesse auf, sich um die Gemeinde, in der man lebt, zu kümmern.

Grundsätzlich ist die Vorstellung von der Mitte als Ordnungszentrum von Gesellschaft und Politik alternativ zu der Vorstellung, Politik sei ein beständiger Kampf zwischen den Kräften des Fortschritts und denen der Beharrung, womöglich gar des Rückschritts, also der Reaktion. Die Mitte, gleichgültig, ob sie nun auf "oben und unten" oder "links und rechts" bezogen wird, ist eine Ordnungsprojektion im Raum, während sich die Zuordnungskategorien Fortschritt, Rückschritt und Stillstand auf die Strukturen von Zeit beziehen. Beide Modelle gehen von unterschiedlichen Maßgrößen aus, die sie ihrer Ordnung zugrunde legen, und deswegen widersprechen sie einander nicht unmittelbar, sind aber auch nicht miteinander zu kombinieren. Wo eine politische Ordnung wesentlich durch die Herausstellung der Mitte beschrieben wird, tritt die Idee einer geschichtlichen Entwicklung und der politischen Positionierung in ihr in den Hintergrund. Wenn dagegen die Positionierung in einem geschichtlichen Entwicklungsmodell zum Maßstab der politischen Zuordnung geworden ist, spielt die Mitte kaum noch eine Rolle: Avantgarde und Reaktion sind dann als Hauptkontrahenten ins Zentrum getreten.

Was hier beobachtet und bewertet wird, ist das Gegeneinander von Beschleunigern und Aufhaltern einer Entwicklung, das heißt, die politische Ordnung wird im Hinblick auf einen zentralen Gegensatz beschrieben, um den sich alles dreht, während in der verräumlichten Ordnung von links und rechts, oben und unten eher der Ausgleich zwischen den Gegensätzen und die Bändigung der politischen Fliehkräfte im Zentrum der Beobachtung stehen. Sicherlich kann man die politischen Positionen von links und rechts auch in die von Beschleunigung und Entschleunigung übersetzen (jedenfalls, wenn unter "rechts" politisch konservative Positionen verstanden werden), aber die Beurteilung und Bewertung des damit Bezeichneten unterscheiden sich klar voneinander. Die Vorstellung von der gesellschaftlichen und politischen Mitte sowie deren Rändern folgt erkennbar anderen Parametern als jenen von Fortschritt und Rückschritt. Welches der beiden Modelle jeweils präferiert wird, hat mit kulturellen Rahmenbedingungen, wie etwa der Verzeitlichung von Ordnungsmodellen seit dem 18. Jahrhundert,[7] und den jeweiligen politischen Herausforderungen zu tun. Die Geschichte der Weimarer Republik etwa lässt sich eher in Begriffen des politischen Raumes als der politischen Zeit als Kampf der Extreme und Erosion der Mitte beschreiben. Die Begrifflichkeit von Fortschritt und Rückschritt ist nur schwer anwendbar, ohne selbst zur Partei zu werden. Mitunter nämlich werden die beiden Ordnungsmodelle zu Orientierungsangeboten der politischen Parteien, die darüber auf die Identifikationsmuster und Orientierungsbedürfnisse ihrer Mitglieder und Anhänger Einfluss nehmen. Für die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ist festzuhalten, dass seit etwa zwei Jahrzehnten die Vorstellung von Fortschritt und Rückschritt eine geringere Rolle spielt als die der Mitte und ihrer Ränder.

Fußnoten

7.
Auf diesen Punkt hat Reinhart Koselleck immer wieder hingewiesen. Vgl. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 1979.
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Autor: Herfried Münkler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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