Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

Sünde und Laster

Zwar haben Sünde und Buße als machtvolle Instrumente zur sozialen Disziplinierung weitgehend ausgedient, aber die kulturellen Spuren des Sündenkonzeptes sind allgegenwärtig. So hängt die Idee individueller Eigenverantwortung mit der Rezeptionsgeschichte der "Erbsünde" zusammen; zugleich lässt sich die hierarchische Geschlechterordnung auch auf die jahrhundertelange Deutung des "Sündenfalles" zurückführen.
Die Beschäftigung mit Schuld und Sühne führt unweigerlich zu Fragen der Moral – was gilt (noch) als ethisch vertretbar, was nicht? Und welchen Platz hat Moral in der Politik, welche Wertvorstellungen und Menschenbilder liegen Gesetzen zugrunde? Letztlich: Was ist das "gute" Leben?

     

Johannes Piepenbrink

Editorial

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Heiko Ernst

Die Sieben Todsünden: Heute noch relevant? - Essay

Weil die sogenannten Todsünden offensichtlich anthropologische Konstanten erfassen, taugen sie dazu, auch das Verhalten zeitgenössischer Menschen zu reflektieren und den Gestaltwandel der moralischen und ethischen Probleme ihrer Gesellschaften zu untersuchen. Manche Todsünde gilt heute gar als Tugend. Weiter...

Friedrich Wilhelm Graf

Sünde, Schuld(en) und Recht - Essay

Die uralte Sündenlehre kann dafür sensibilisieren, dass auch die Welt der Wirtschaft und der Rechtskultur voraussetzungsreicher und kulturell pfadabhängiger ist, als vielfach angenommen. Es wird der Versuch unternommen, den lebensdienlichen Sinn alter religiöser Symbole wie Sünde und Schuld zu erläutern. Weiter...

Ulrike Auga

Erfindungen von Sünde und Geschlecht

Frauen werden häufig als Verführerinnen und Verantwortliche für das Böse in der Welt gekennzeichnet. Auch christliche Traditionslinien wählten die Erzählung vom „Sündenfall“, um daraus die Lehre von der „Erbsünde“ zu entwickeln. Es zeigt sich jedoch, dass dieses in den Bibeltexten so nicht einmal vorkommt. Weiter...

Gesine Palmer

Das seltsame Erbe der Sünde - Essay

Die Idee der Erbsünde mutet an wie ein Exzess der Unfreiheit, wie eine Entwürdigung der menschlichen Natur. Doch wer genauer hinsieht, könnte bemerken, dass sie auf verständliche Weise mit der Idee der Eigenverantwortung jedes Einzelnen und also mit dem Gedanken universaler Menschenrechte verbunden ist. Weiter...

Detlef Kühn

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Seit Urzeiten ist der Mensch mit sich unzufrieden. Daraus entstand die Sehnsucht nach einem neuen, besseren Menschen. Meist war sie mit der Utopie von einer anderen, besseren Gesellschaft verbunden. Mal sollte am Anfang der neue Mensch stehen, mal die neue Gesellschaft. Bislang ist der Plan nie aufgegangen. Weiter...

Dirk Schindelbeck

Vom Überlebensmittel zum Laster: Zur Kulturgeschichte der Zigarette

Die Symbolwelten, welche die Zigarette des Jahres 2014 von jener des Jahres 1914 unterscheiden, beschreiben einen Gegensatz, der größer nicht sein könnte. Während die Zigarette im Ersten Weltkrieg für viele Soldaten ein Überlebensmittel war, ist sie heute unwiderruflich als Gesundheitsrisiko diskreditiert. Weiter...