Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

Editorial


16.12.2014
"Und, heute schon gesündigt?" Meist wird mit Fragen dieser Art auf kleine, alltägliche Verfehlungen angespielt – die vielleicht in der Summe sprichwörtlich, aber für sich gesehen nicht weiter ins Gewicht fallen. Das Konzept "Sünde" hat nicht nur im heutigen Sprachgebrauch seinen Schrecken verloren. Gerade zu Weihnachten stößt man allenthalben auf "Sünden": Es ist – überspitzt gesagt – für viele (auch) ein Fest der Völlerei und Trägheit.

Ist das nun schlimm, gar verwerflich? Sicherlich bietet sich zum Jahreswechsel eine Reflexion darüber an, ob man sein Leben angemessen führt – ob von manchem nicht auch weniger ausreichen würde, ob man sich bestimmter "Laster" entledigen sollte. Dass Sünde und Buße hingegen als machtvolle Instrumente zur sozialen Disziplinierung weitgehend ausgedient haben, ist zweifellos ein Fortschritt. Dennoch sind die kulturellen Spuren des Sündenkonzeptes allgegenwärtig. So hängt die Idee individueller Eigenverantwortung nicht zuletzt mit der Rezeptionsgeschichte der "Erbsünde" zusammen; zugleich lässt sich die hierarchische Geschlechterordnung auch auf die jahrhundertelange Deutung des "Sündenfalles" zurückführen.

Die Beschäftigung mit Schuld und Sühne führt unweigerlich zu Fragen der Moral – was gilt (noch) als ethisch vertretbar, was nicht? Und welchen Platz hat Moral in der Politik, welche Wertvorstellungen und Menschenbilder liegen Gesetzen zugrunde? All dies ist heute gesellschaftliche Aushandlungssache. Letztlich steht hinter jeder Abwägung die philosophische Frage: Was ist das "gute" Leben?