Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Das seltsame Erbe der Sünde - Essay


16.12.2014
Zu den eigenartigsten Ideen, die ausschließlich im westlichen (also nicht im östlich-orthodoxen) Christentum mit einigem Pomp ausgebildet worden sind und in allen möglichen Varianten dann auch dessen nicht mehr christliche Kulturen durchziehen, gehört die Idee der Erbsünde. Tertullian (ca. 160–220) sprach von vitium originalis, dem ursprünglichen "Laster"; und Augustinus von Hippo (354–430) entwickelte unter dem Begriff des peccatum originale die Vorstellung, dass die ursprüngliche Sünde Adams und Evas gegen Gottes Gebot sich auf alle Menschen vererbe. Diese Vorstellung ist für viele Menschen längst so befremdlich geworden, dass man sie in den Sachregistern einschlägiger religionswissenschaftlicher Werke vergeblich sucht. Schon die Schuld haben wir nicht so gern, um wie viel weniger eine ernsthafte Verwendung des Wortes "Sünde". Dabei ist ein entwickelter Sündenbegriff in der europäischen Geschichte eng mit der Idee von individueller Eigenverantwortung verbunden. Deren Entwicklung begann da, wo wir ihren Anfang am wenigsten vermuten: Im Konzept der Erbsünde, das aus griechischen und hebräischen Gedanken synthetisiert wurde. Sein Weg von Adam und Eva über Paulus und Luther bis zur postmodernen Paulusinterpretation von Alain Badiou soll in diesem Essay nachgezeichnet werden.

Insbesondere die Idee der Erbsünde mutet an wie ein Exzess der Unfreiheit, wie eine Entwürdigung der menschlichen Natur. Das ist sie auch – wenn wir sie naiv nehmen. Wer etwas genauer hinsieht, könnte aber bemerken, dass sie auf eine durchaus verständliche Weise mit der Idee der Eigenverantwortung jedes Einzelnen und also mit dem Gedanken der universalen Menschenrechte verbunden ist. Darum lohnt sich der Versuch, dieses seltsame Erbe etwas besser zu verstehen. Es könnte sich herausstellen, dass gerade das "Alleinstellungsmerkmal" der sogenannten westlichen Welt, die Verankerung der Rechte jedes Einzelnen in den allgemeinen Grundsätzen unserer Staaten, auf dem Zusammenhang der Begriffe von Sünde, Erbsünde und Freiheit beruht. Was wir in der biblischen Geschichte von der Erschaffung der ersten Menschen und ihrem Leben im Paradies als erste Sünde kennenlernen, deutet darauf hin: Adam und Eva eigneten sich im Verstoß gegen das Verbot ihres Schöpfers und Herrschers die Fähigkeit an, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

"Der Tod ist der Sünden Sold"



Wer sich den Tod dadurch erklärt, dass er die Folge der Sünde sei, möchte vor allem eines: das Ungeheuerliche in den Griff bekommen. Wer selbst schuld ist an seinem Tod, der hätte es also auch in der Hand, ihm zu entgehen. In diesem Sinne ist die Grundidee der Sünde schon in der frühesten Zeit ein Versuch der Selbstermächtigung durch Moral. Dass diese in ihr immer wieder für möglich gehalten wird, unterscheidet die hebräische Tradition von der griechischen. Die Griechen hielten moralische Verhängnisse für unausweichlich und suchten ihr Glück im Umgang mit den Schrecknissen der Natur in der Erforschung von deren Gesetzmäßigkeiten. Auch sie kannten eine Idee von Schuld – aber diese war von vornherein tragisch, und gegen sie halfen keine Entscheidungen und kein Vorwissen. Dort, wo griechische und hebräische Tradition schließlich zusammenkamen, entstand der Gedanke der Erbsünde.

Den Tod erleben wir immer als Zeugen des Todes der anderen. Der Anblick ihres Todes macht uns klar, dass wir ihn selbst auch einmal erleiden werden. Einerseits sind wir für diese Klarheit gemacht. Andererseits schreckt sie uns so sehr, dass wir ihretwegen an der Welt verzweifeln können. Der erste Impuls des Menschen ist also, die Überreizung durch volle Klarheit über die Situation abzuwehren. Und er stellt seinen Verstand in den Dienst des Reizschutzes, aber auch der Vorsorge. So sucht der schreckgeplagte frühe Mensch, wie die europäische Geistesgeschichte ihn sich gern vorstellt, in den natürlichen Abläufen nach Regeln, an die er sich halten kann, um sich vor der erschreckenden Willkür der Naturgewalten zu schützen, und er sucht nach Mitteln, die Ereignisse in seinem Sinne zu beeinflussen. Dabei dürften – angesichts der langwierigen Hilflosigkeit des menschlichen Nachwuchses – die ersten Gewalten, die ein jedes Menschenkind kennenlernt, die sozialen sein. Bevor der Held sich einsam durch den Dschungel schlägt oder das All erforscht, ist er zunächst ein paar Jahre den ersten Beziehungen zu den nächsten Erwachsenen und anderen Kindern ausgesetzt.

Schon in frühen Gemeinschaften wurde Zugehörigkeit durch Schutz und Gehorsam hergestellt: Der Mächtige, der schützt und versorgt, darf dafür Loyalität erwarten. Wer in so einer Konstellation seinen Gehorsamspflichten nicht genügt, gilt als schuldig und hat mit Strafen zu rechnen. Deswegen sagte der Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, was Gewissen genannt werde, sei zuerst soziale Angst. Als "Sünde" gilt ihr alles, was mit dem bewussten Aufstand gegen den alleinmächtigen Vater verbunden ist. In diesem Sinne wird auch der Satz des Apostels Paulus aus seinem Brief an die Römer – "Der Tod ist der Sünde Sold" (Röm. 6,23) – zumeist verstanden: entweder "affirmativ" – also so, dass er mit der Aufforderung verbunden wird, sich von Sünde fernzuhalten, gehorsam zu bleiben und dann wenigstens, wenn schon nicht das diesseitige, so doch wenigstens das jenseitige Leben zu erlangen; oder "kritisch" – also mit der Aufforderung, sich von solchen "primitiven" Annahmen zu befreien und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

In der Zeit der Aufklärung – seit Immanuel Kant im Deutschen definiert als "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" – ist die Erbsünde als "unschicklich" verworfen worden. Aber der sogenannten Postmoderne ist das Aufklärungsprojekt selbst fraglich geworden – und manche Philosophen lesen Paulus neu als einen Kämpfer für einen neuen Universalismus – aber gegen Kant. Interessanterweise kann ihre Erklärung der Paulusbriefe tatsächlich erklären helfen, was "Sünde" in der Geschichte der westlichen Kultur bedeutet. Die Idee der Sünde kommt dabei als ein erster Abstraktionsversuch in den Blick, der aus den alten Einschüchterungen herausführen soll. Demnach könnte die Idee der Erbsünde zum Protest ermutigen: Wenn wir alle sündig sind, ist es auch der Gehorsam einfordernde Mächtige, der "Hordenvater" (Freud) – und späterhin vielleicht sogar seine Abstraktion, der "Vatergott".

Wenn wir aber ganz damit aufhören, den Tod als eine Folge von Schuld und Sünde gegen irgendeinen Herren aufzufassen, dann haben wir zwar den Vorteil, dass wir uns alle dem grausamen oder freundlichen Zufall ausgeliefert sehen. Wir haben andererseits jedoch den Nachteil, hinnehmen zu müssen, dass er uns genauso treffen kann wie den anderen, der "sündiger" gelebt hat als wir. Und wir müssen neue Motivationen für sozialverträgliche und freundliche Verhaltensweisen finden. In der Zeit der europäischen Aufklärung hatten auch deren Vorreiter oftmals Angst vor "gottlosen" Atheisten, die vermeintlich gefährlich zügellos würden, wenn die Furcht vor jenseitigen Strafen sie nicht mehr in Schach hielte. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute wissen wir sicher, dass gerade auch Menschen, die sich einem Gott stärker verpflichtet fühlen als ihren Mitmenschen, besonders brutal und menschenfeindlich handeln können.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Gesine Palmer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.