Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)
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Der neue Mensch. Zur trügerischen Vision menschlicher Vollkommenheit - Essay


16.12.2014
Seit Urzeiten ist der Mensch mit sich unzufrieden. Daraus entstand die Sehnsucht nach einem neuen, besseren Menschen. Meist war sie mit der Utopie von einer anderen, besseren Gesellschaft verbunden. Mal sollte am Anfang der neue Mensch stehen, mal die neue Gesellschaft.

Die Unzufriedenheit des Menschen mit sich selbst liegt darin begründet, dass er es auf dieser Erde nie leicht hatte. Widrige Lebensbedingungen, Krankheiten, andere Menschen, die ihm Böses wollten: Schon das nackte Überleben war für ihn schwer. Der Mensch wusste um seine Sterblichkeit. Er empfand sich zurecht als schwach und unvollkommen. Auch in moralischer Hinsicht. Denn die sich selbst auferlegten Regeln für ein geordnetes und friedliches Zusammenleben mit anderen Menschen konnte er kaum einmal einhalten.

Und so verband sich in den alten Kulturen das Gefühl der Schwäche und Ohnmacht mit dem Bewusstsein der eigenen moralischen Unvollkommenheit. Es entstand so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Schon die Mythen der antiken Kulturen wussten von einer Sintflut zu berichten. Sie kam als Strafe Gottes über die Menschen. Auch das Alte Testament erzählt vom Zorn Gottes und davon, dass er einen Neuanfang mit neuen, besseren Menschen versuchte:

"Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. Der Herr sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben. Nur Noah fand Gnade in den Augen des Herrn. Noah war ein gerechter, untadeliger Mann. Er ging seinen Weg mit Gott."

Gott gab Noah Zeit, eine große Arche zu bauen. Für sich und seine Familie, aus der ein neues, besseres Menschengeschlecht hervorgehen sollte. Und obwohl Gott auch mit den Tieren unzufrieden war, durfte sich auch von ihnen jeweils ein Paar auf die Arche retten. Heute wissen wir, dass die Sintflut keine Erfolgsgeschichte war. Die Nachkommen Noahs waren keinen Deut besser als jene Menschen, die damals ihr Leben lassen mussten – in der großen Erneuerungswelle.

Besserer Mensch, bessere Welt?



Die Vorstellung, ein Neuanfang mit einem neuen Menschen sei notwendig, weil es mit dem alten Menschen einfach nicht mehr weiter geht, diese Vorstellung ist ebenso alt wie illusionär. Und – wie schon die Sintflut demonstriert hat – sehr gefährlich: für alle, die dem neuen Menschen im Wege stehen. Das zeigen bis heute alle Versuche der Menschheit, es Gott gleich zu tun und einen Neuanfang zu erzwingen.

Die Französische Revolution bescherte uns die bürgerlichen Freiheiten. Aber obwohl man in Paris ein furchtbares Blutbad anrichtete und Adlige und Gegner der Revolution zu Tausenden mit der Guillotine enthauptete, entstand durch diese Schreckensherrschaft lediglich eine neue politische Ordnung. Aber der neue Mensch, der Bürger, ist bis heute nicht besser als all seine Vorgänger.

Sozialismus und Kommunismus sollten die Menschheit in ihrer Entwicklung noch weiter voranschreiten lassen. Der Bürger war in den Augen von Marx und Engels nur ein egoistischer Individualist. Durch die Diktatur des Proletariats sollte im Kommunismus ein Mensch entstehen, der nicht mehr sich selbst entfremdet ist, sondern endlich er selbst sein kann, befreit auch von der Bevormundung durch die Religion. Friedrich Engels erklärte:

"Wir wollen alles, was sich als übernatürlich und übermenschlich ankündigt, aus dem Wege schaffen, und dadurch die Unwahrhaftigkeit entfernen, denn übermenschlich, übernatürlich sein zu wollen, ist die Wurzel aller Unwahrheit und Lüge."

Engels und Marx wollten das Übermenschliche der Religion hinter sich lassen. Und doch klingt es nach einer religiösen Verheißung, wenn Engels davon spricht, dass die menschliche Gattung auf dem Wege sei zu einer "freien selbständigen Schöpfung einer auf rein menschliche, sittliche Lebensverhältnisse begründeten neuen Welt".

Für Marx und Engels war die Religion "das Opium des Volks". Und doch scheuten sie sich nicht, ihre Anhänger durch große wohlklingende Worte zu berauschen. Auch dadurch, dass sie dem Menschen unterschwellig den Rang eines Gottes zuerkannten. Eines Gottes, der in aller Freiheit eine neue Welt schaffen kann – und zwar eine gute, sittliche. Marx und Engels waren Propheten. Sie versprachen Erlösung – in einer neuen, besseren Welt mit wahren Menschen. Engels kündigte den Kommunismus an, als sei er das Paradies auf Erden: "Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit."

Sprache kann verräterisch sein. Ob in der Religion oder in der Politik. Wenn von Wahrheit und Unwahrheit die Rede ist, dann wird es gefährlich für die, die angeblich auf der Seite der Lüge stehen. Dann muss man sie, wie Engels ankündigte, "aus dem Wege schaffen, und dadurch die Unwahrhaftigkeit entfernen." All das ist auf furchtbare Weise und millionenfach geschehen, dort wo man das kommunistische Reich der Freiheit und der wahren Menschen errichten wollte: vor allem in Russland, China und Kambodscha.

Vergöttlichung des Menschen



Die Idee des neuen Menschen und eines Neuanfangs der menschlichen Geschichte ist, wie der Mythos der Sintflut zeigt, uralt. Im Abendland war es das Christentum, das die Vision eines neuen Menschen immer wieder neu belebte. Und dabei auch das Denken weltlicher Geistesströmungen beeinflusste. Der Ruf nach dem neuen Menschen begegnet uns im Neuen Testament bei Paulus. An die Gemeinde in Ephesus appellierte er:

"Legt den alten Menschen ab. Ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn! Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit."

Eine Idee, die allgemein Nietzsche zugeschrieben wird, die Idee des Übermenschen, findet sich bereits im Alten wie im Neuen Testament. In beiden ist der Mensch Ebenbild Gottes. Und damit weit mehr als nur ein Mensch. So wie Christus Menschensohn und Gottessohn war. An die Gemeinde in Korinth schrieb Paulus:

"Von jetzt an schätzen wir niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein. Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden."

In der Tat wollte auch Jesus einen radikal veränderten, einen neuen Menschen. Er verkündete in der Bergpredigt das Gebot der Feindesliebe und sagte:

"Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt vollkommen sein, wie es euer himmlischer Vater ist."

Der neue Mensch, das hielt Jesus offenbar für möglich, kann so vollkommen werden wie Gott. Nach göttlicher Vollkommenheit zu streben, das scheint uns heute eine absolute Überforderung. Bis heute ist es uns unmöglich, unsere Feinde zu lieben. Selbst seinen Nächsten so zu lieben wie sich selbst, schaffen die allerwenigsten.

Die römische Kirche nahm im dritten Jahrhundert offiziell Abstand von einem göttlichen Menschenbild. Aber bis dahin und auch darüber hinaus gab es viele christliche Gemeinden und Geistesströmungen, die den neuen, göttlichen Menschen für eine mögliche und schon bald zu erwartende Wirklichkeit hielten – bei der angekündigten Wiederkehr Christi und der Errichtung eines Gottesreiches auf Erden. Immer wieder beriefen sich die Theologen jener Zeit dabei auch auf den sechsten Vers des Psalms 82 im Alten Testament. Dort sagt Gott: "Ihr seid Götter und allzumal Söhne des Höchsten."

Heute scheint es offenkundig, dass Gott hier nicht zu den Menschen gesprochen hat, sondern zu anderen Göttern. Zu heidnischen Göttern, denn er sagt ihnen voraus, dass sie wie Menschen sterben und wie Tyrannen zugrunde gehen werden. Aber im Johannesevangelium wird Jesus zitiert, wie er sich auf gerade dieses Wort aus dem Alten Testament beruft. Als man Jesus wegen seiner Aussage "Ich und der Vater sind eins" vorwirft, er setze sich mit Gott gleich, und ihn steinigen will, verteidigt er sich: "Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz, ‚ich habe gesagt, ihr seid Götter‘?" Jesus schien den Menschen tatsächlich übermenschliche Fähigkeiten zuzutrauen. In seiner Abschiedsrede vor seiner Verhaftung verheißt er den Jüngern und allen, die an ihn glauben: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue und wird Größeres als dies tun."

Die Vergöttlichung des Menschen, die Vorstellung von seiner Allmacht, findet sich nicht nur im Christentum, nicht nur in den Religionen. Auch die klugen Denker der Aufklärung, die den Menschen aus religiöser Bevormundung befreien wollten, auch antireligiöse Bewegungen wie der Marxismus und auch ein Gegner des Christentums wie Nietzsche sprachen dem Menschen Fähigkeiten zu, die einer göttlichen Schöpferkraft gleich kommen. Ein neuer, besserer Mensch und ein neues, paradiesisches Reich auf Erden, beide geschaffen vom Menschen selbst, sie sollten Wirklichkeit werden.