Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)
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Der neue Mensch. Zur trügerischen Vision menschlicher Vollkommenheit - Essay

16.12.2014

Immun gegen neue Versprechungen?



Aus dem Bewusstsein seiner Schwäche hat der Mensch eine große Sehnsucht entwickelt – die Sehnsucht nach persönlicher Vollkommenheit und nach Befreiung von allen Widrigkeiten des Lebens. Jeder religiöse und politische Führer, der den Menschen verspricht, sie zu befreien, darf bis heute auf eine große Gefolgschaft hoffen. Man folgt ihm wie dem Erlöser.

Die Deutschen scheinen zurzeit immun zu sein gegen Versprechungen eines goldenen Zeitalters mit neuen Menschen. Die Erfahrungen des "Dritten Reiches" wirken noch immer nach. Hitlers Vision eines neuen Menschen, den er in der "arischen Rasse" erblickte, führte Millionen Menschen in eine teuflische Falle. Millionen Juden und zahllose andere ließ er von willigen Gefolgsleuten ermorden. Und Millionen Soldaten und Zivilisten vieler Völker starben im Zweiten Weltkrieg.

Auch der Glaube an den neuen sozialistischen Menschen ist verloren gegangen. In der DDR gab es ihn – vor allen in den Anfangsjahren. Aber auch noch 1961, kurz vor dem Mauerbau, appellierte der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, Walter Ulbricht, an die Schriftsteller der DDR, immer wieder das Bild "des neuen Menschen mit seinen Problemen und Konflikten, mit seiner Schönheit und Würde" zu zeichnen. Ein Arbeiter aus Eisenhüttenstadt bat die Schriftsteller, in ihren Büchern, "das moralische Antlitz des neuen Menschen" zu gestalten. Und so befand der V. Deutsche Schriftstellerkongress der DDR im Mai 1961:

"Wir sind aufgerufen, das Bild des neuen Menschen zu gestalten, der unsere Epoche bestimmt, seine neuen Beziehungen zum Mitmenschen und zur Welt."

Am Ende der DDR gab es keinen neuen sozialistischen Menschen. Aber erfreulicherweise konnte sich ein relativ alter Menschentypus behaupten und durchsetzen: der Mensch, der nach Freiheit verlangt. Nicht nach verheißener, sondern nach tatsächlicher.

Und doch gibt es auch in Deutschland Anzeichen dafür, dass die verständliche, aber eben oft auch verhängnisvolle Sehnsucht nach einem ganz anderen, göttlich verklärten Menschen und nach einer ganz anderen endzeitlichen und himmlischen Welt in den Genen des alten Menschen alle Zeiten überlebt hat – und auch künftig überleben wird. In Deutschland wie auch in Österreich, Belgien oder Großbritannien beschließen junge Menschen, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben und schließen sich dem Kampf islamistischer "Gotteskämpfer" in Syrien und dem Irak an. Begeistert folgen sie Männern, deren Unduldsamkeit und Grausamkeit gegenüber Andersgläubigen durch nichts zu überbieten ist.

Von einem Tag zum anderen sind 18-jährige Jungen bereit, Menschen umzubringen. Minderjährige Mädchen reisen nach Syrien, um sich dort zu verschleiern und dann ihnen unbekannte Männer zu heiraten. Männer, deren Lebenssinn darin besteht, andere Menschen auf grausamste Weise zu töten: um einen Gottesstaat mit neuen, gottesfürchtigen Menschen zu begründen. Die sunnitischen Führer und Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates sind nicht die ersten und werden leider auch nicht die letzten sein, die sich zu Herren über Leben und Tod machen – den Göttern gleich.

Unmenschen und Übermenschen



Die Sehnsucht nach dem neuen Menschen ging meist einher mit der Vergöttlichung des Menschen, mit der Selbsterhebung in einen göttlichen Rang. Letztlich auch bei denen, die das Religiöse entschieden ablehnten, wie die Propheten des neuen kommunistischen Zeitalters. Und auch bei Friedrich Nietzsche, dem Philosophen des Übermenschen. Schon lange vor Nietzsche fand sich der Begriff des Übermenschen auch immer wieder bei christlichen Denkern.

In einem der meist gelesenen christlichen Erbauungsbücher des 17. und 18. Jahrhunderts wurde unterschieden zwischen Unmenschen und Übermenschen. Wer sich nicht im Glauben an Christus zum neuen Menschen mache, der sei kein wahrer Mensch, sondern nur ein Ohn-Mensch, schrieb der evangelische Superintendent Heinrich Müller. In seinen 1673 veröffentlichten "Geistlichen Erkwickstunden" heißt es über den alten und den neuen Menschen:

"Jener ist ein Ohn-Mensch, dieser ein wahrer Mensch: Jener nach Adam, dieser nach Gott gebildet: Jenem musst du ab-, diesem musst du anhangen. Im neuen Menschen bist du ein wahrer Mensch, ein Über-Mensch, ein Gottes- und ein Christen-Mensch."

Nietzsches Übermensch hatte vor allem ein Ziel: den Christen-Menschen und alles Religiöse hinter sich zu lassen. Interessanterweise verkündete Nietzsche seinen Aufruf zur Überwindung der Religion und der herkömmlichen Moral durch den Mund eines Propheten. Bezug nehmend auf Darwins Abstammungslehre lässt Nietzsche den persischen Religionsstifter Zarathustra sagen:

"Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden? Alle Wesen bisher schufen etwas über sie hinaus.

Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und eben das soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.

Ihr habt den Weg vom Wurm zum Menschen gemacht, und vieles in euch ist noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgendein Affe.

Seht ich lehre euch den Übermenschen. Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: Der Übermensch sei der Sinn der Erde."

Wenn Nietzsche behauptet, dass der Übermensch der Sinn der Erde sei, dann hat er in gewisser Weise recht: Der Mensch versucht immer wieder, seinem Leben dadurch einen Sinn zu geben, dass er über die eigene unvollkommene Existenz hinaus strebt. Indem er Zuflucht nimmt in der Idee eines neuen und vollkommenen Über-Menschen und in dessen Geborgenheit im Göttlichen.

Gefährliche Sehnsucht



Doch wie gefährlich diese Sehnsucht ist, hat die Geschichte immer wieder gezeigt. Und zugleich, dass dieser neue Mensch wohl nie unsere Erde bevölkern wird. Bislang jedenfalls ist der Plan nicht aufgegangen.

Als Charles Darwin die Evolutionstheorie entwarf, mit ihrem Prinzip der Höherentwicklung des Lebens, da glaubten einige seiner enthusiastischen Anhänger, der Mensch könne sich noch in wunderbarer Weise weiter entwickeln. Vor allem in geistiger und moralischer Hinsicht. Auch Darwin äußerte – ganz vorsichtig – diese Hoffnung, war aber letztlich skeptisch.

Die Menschheit ist heute in ihrer moralischen Entwicklung nicht weiter als sie es vor mehr als 3000 Jahren war zu Zeiten von Moses. Auch er wollte einen neuen Menschen. Das Volk Israel sollte ein Volk werden, das nur einen Gott anbetet, den einzig wahren. Im Alten Testament erfahren wir, dass Moses 3000 Menschen, darunter Frauen und Kinder, erschlagen ließ, weil sie, statt ihm und seinem Gott zu folgen, um ein goldenes Kalb tanzten. Er rief zu einem Massenmord auf, unmittelbar nachdem er vom Berg Sinai zurückgekehrt war – mit den Gesetzestafeln der Zehn Gebote. Das fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten. Der neue Mensch bleibt eine Illusion und eine gefährliche dazu. Zumal heute nicht mehr nur religiöse und politische Propheten mit dieser Idee auf Menschenfang gehen.

Die Idee des neuen Menschen hat längst Einzug gehalten in die Labore von Biologen, Medizinern und Genforschern. Doch die Vorstellung, man könne durch Eingriffe in das Erbmaterial bessere Menschen züchten, ist nichts, was uns als Verheißung erscheinen sollte. Mit Sicherheit wird auch aus diesem Schöpfungsversuch kein fehlerfreier Mensch hervorgehen. Und er wird auch nicht unsterblich und göttlich werden. Aber unternehmen wird man ihn wohl, diesen Versuch. Sie ist einfach zu groß, die Sehnsucht nach dem neuen Menschen und seiner göttlichen Vollkommenheit.