Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)
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Vom Überlebensmittel zum Laster: Zur Kulturgeschichte der Zigarette


16.12.2014
Vor noch nicht allzu langer Zeit besaß die Zigarette ein bemerkenswertes Verheißungspotenzial. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Heute ist selbst für den bekennenden Raucher der tägliche Gang ins Tabakgeschäft oder zum Automaten, da mit Alterskontrolle der Person verbunden, kein Kauferlebnis mehr, das noch Vergnügen bereiten kann. Auch die Packungen sind, da in ihrer Anmutung auf ein ästhetisches Minimum reduziert, alles andere als eine Augenweide. Und hält der Bedürftige erst sein Schächtelchen in Händen, raunt ihm schwarzumrandet die Stimme des schlechten Gewissens ins Ohr, er ruiniere seine Gesundheit, sei ein der Sucht Verfallener, ja, ein asoziales Wesen.

Das Päckchen an Zumutungen, Drohungen und Angstvorstellungen, das der Raucher von heute vor, während und nach dem Konsum zu ertragen hat, ist riesengroß. Natürlich wird er nach Kräften versuchen, sich diesem Druck zu entziehen, doch der sozialen Ausgrenzung, wie sie allerorten an den rauchenden Menschentrauben vor den Hintertüren der Betriebe, auf Balkonen und in Schmuddelecken zu besichtigen ist, entgeht er nicht. Seine Gemeinde, von der Umwelt in Worten und Gesten misstrauisch beäugt, befindet sich in einem ständigen Abwehrkampf – wobei ihr kaum mehr Möglichkeiten erfolgreicher Gegenwehr geblieben sind.

Im Würgegriff des medizinischen Arguments, das keinen Widerspruch duldet, da es den Kausalzusammenhang zwischen Rauchen und nachhaltiger Schädigung der Kreislauf- und Atemorgane zweifelsfrei bewiesen hat, bleibt dem rauchenden Zeitgenossen nur die Rolle des Charakterschwächlings, der seiner Sucht aus Mangel an Disziplin nicht Einhalt gebieten kann. Sich zu solcherart Bankrotterklärungen gepresst zu sehen, rührt an das Innerste des modernen Menschen, der gewohnt ist, sich als selbstbestimmtes Individuum, als freie und eigen-willige Persönlichkeit zu definieren. Zur Gruppe der Süchtigen und somit Fremdbestimmten gerechnet zu werden, trifft da das Selbstwertgefühl abgrundtief, kommt es doch fast einer öffentlich praktizierten Persönlichkeitsdemontage gleich.

Von solcherart Selbstvorwürfen quellen sogar die Bekenntnisse in Onlineportalen über, auf denen Zeitgenossen Auskunft über "mein größtes Laster" geben. Neben Spielsucht, Shoppen und Süßigkeitenessen stehen "die bösen, bösen Zigaretten" an herausgehobener Stelle. Zigarettenrauchen steht heute nahezu im Rang einer der sieben "Todsünden". Da die alte Verbotstafel das Suchtmittel Rauchen noch nicht kannte, fiele es dort wohl unter die Rubrik der Völlerei – also dem Gegenteil des Tugendideals der Mäßigung. Rauchen jedenfalls ist – so die heutige gesamtgesellschaftliche Übereinkunft – definitiv ein Laster, und zwar ein schweres.

Verklärter Rückblick: Rauchen in der Nachkriegszeit



Heute stützt sich das Generalverdikt gegen das Rauchen im Kern auf den medizinischen Befund. Darüber sind seine mentalitätsgeschichtlichen Facetten in den Hintergrund gerückt. Sie geben allerdings Aufschluss über seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit als Ergebnis eines langen Kommunikationsprozesses. Dieser besagt, dass das Rauchen nicht zuletzt deswegen heute im Ruf eines üblen Lasters steht, weil die positiv besetzten Attribute, welche der Zigarette im 20. Jahrhundert den Weg in die Gesellschaft ebneten, für das Produkt nicht mehr glaubhaft zu vermitteln sind. Schließlich lag bereits in den 1940er Jahren der Befund einer dauerhaften Gesundheitsschädigung von medizinischer Seite vor, fand jedoch in der zeitgenössischen öffentlichen Diskussion nicht jene Resonanz und Prominenz, die er heute besitzt.

Eben dieser Umstand ermöglichte es der deutschen Zigarettenindustrie, dem Publikum ihre Produkte unter Verweis auf deren besonders hohen Zusatznutzen erfolgreich zu verkaufen. Zigarettenrauchen stand ja noch in den 1970er und 1980er Jahren sinnbildlich für Modernität und Lebensqualität, Überwindung beengender Denkschranken, Horizonterweiterung und Erhöhung des sozialen Status, Aufstieg aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und Verhaltensweisen in "die große weite Welt". Wer zur Rauchergemeinde stieß, sah sich mit dem Lebensgefühl belohnt, ein Weltbürger zu sein oder zu werden. Dieser Verheißungskomplex, in wiederkehrende Sprach- und Bildformeln gegossen, war spätestens mit dem Erscheinen der Marke Peter Stuyvesant Ende der 1950er Jahre am Markt manifest geworden – und wurde in der Folge sogar eine Bewusstseinsmacht im bundesdeutschen Aufstiegsszenario. Ihr wiederum folgte Ende der 1960er Jahre mit der weltweiten Einführung des Marlboro-Cowboys als Ausdrucksbild des "Geschmacks von Freiheit und Abenteuer" die zweite Ausbaustufe, die der Stuyvesant-Ideenwelt die noch anhaftenden kleinbürgerlichen Töne austrieb.

Im Rückblick gesehen gelang es der Zigarettenindustrie mit dieser Strategie sehr lange und überaus erfolgreich, das im Kern fremdbestimmte Konsumverhalten als selbstbestimmte Erfahrung einer Bewusstseinserweiterung glaubhaft zu verkaufen. Seither jedoch hat es keine echte Weiterentwicklung des Verheißungskomplexes mehr gegeben, sodass spätestens mit dem Abzug des Marlboro-Cowboys der radikale Imageeinbruch für das Produkt Zigarette auf breiter Linie erfolgte. Heute ist der gesamte Fundus an Freiheits- und Entgrenzungsbildern längst den Outdoor-Bekleidungsherstellern anheimgefallen. Für die Zigarette dürfte dieses Terrain kaum zurückzugewinnen sein, wenn nicht sogar für unabsehbare Zeit als verloren gelten.

In der Summe trägt das Produkt Zigarette inzwischen an einem dreifachen Defizit: medizinisch-physiologisch betrachtet ist sie ein höchst suspektes, ja gefährliches Produkt, sozial gesehen wird sie auf unabsehbare Zeit geächtet bleiben, und in ihren symbolstiftenden Qualitäten kann sie nicht mehr überzeugen oder gar sinnstiftend wirken.

Goldene Jahre nach 1900



Wird der historische Rückblick weiter gespannt als es die Erinnerungen lebender Zeitzeugen zulassen, stellt sich der Imageverfall der Zigarette noch weit drastischer dar. Vor über hundert Jahren kam die Zigarette als neue Raucherware auf den Markt – als frisches Produkt mit einer großen Zukunft. Vor allem aufgrund ihrer als "leicht" geltenden Orienttabake galt sie – im Gegensatz zur schweren Zigarre – vom medizinisch-physiologischen Standpunkt aus als in keiner Weise bedenklich; unter sozialen Aspekten konnte sie sich in kurzer Zeit große Beliebtheit und Wertschätzung erarbeiten, und symbolisch überzeugte sie mit einem geradezu verschwenderisch anmutenden Reichtum an Bilderwelten auf Packungen, Plakaten und Schaufensteraufstellern. Diese beschworen in Marken und Motiven eine bis dahin nicht gekannte Weltkenntnis und Weltoffenheit herauf, entfalteten Bildkaskaden vom zauberhaften Orient über die Welt des vornehmen Adels bis hin zu Lifestyleszenen aus der internationalen Hautevolée. Mit solchen Qualitäten als Zusatz- oder Geltungsnutzen im Gepäck erlebte die Zigarette bis zum Ersten Weltkrieg einen rasanten Aufstieg.

Dabei waren die Anfänge in den frühen 1860er Jahren, als in Dresden die ersten russischen Immigranten begonnen hatten, von Hand Zigaretten herzustellen, noch überaus bescheiden gewesen. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich daraus im Deutschen Reich eine blühende Industrie mit um 1913 gut 400 größeren Herstellern und 600 Familienbetrieben mit insgesamt etwa 20.000 Beschäftigten, die über 8.000 (meist nur regional erhältliche) verschiedene Marken herstellten und vertrieben. Bereits 1906, als der Staat mit der Einführung der Banderolensteuer auf das rasche Wachstum der neuen Industrie reagiert hatte, war die Zigarette im Zentrum der Gesellschaft angekommen. Durch zunehmenden Maschineneinsatz in der Herstellung von Jahr zu Jahr rentabler, besser und preisgünstiger, überholte ihr Absatz 1911 den der Zigarre. Ständig erschloss sie sich neue Verbraucherschichten, wurde zunehmend auch für Frauen attraktiv und demokratisierte so den Konsum mit.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs galt die Zigarette als Produkt der Moderne schlechthin – ein Befund, welchen die "Manoli-Post", die Kundenzeitschrift des gleichnamigen Berliner Zigarettenherstellers, im April 1914 so zusammenfasste: "Die Zigarette gehört zu uns wie die feine Wäsche, das Bad, der Lackschuh, der Smoking, wie die Elektrizität, das Auto, der Aeroplan und tausend andere Dinge. Nicht nur, weil unsere Zeit das Zu-Ende-Qualmen mächtiger Cigarren, das Reinigen umständlicher Pfeifen nicht mehr gestattet. Nicht nur, weil der leicht aromatische Duft des türkischen Cigarettentabaks unsere Räume und seine Bewohner angenehm parfümiert, während kalter Cigarren- oder Pfeifenrauch widerlich riecht; nein, ich glaube, dass das ästhetische Moment auch hierbei ausschlaggebend war. Die abgeknabberte Pfeife, die schmuddelig zerkaute Cigarre müssen zwischen den Zähnen gehalten werden und bedingen dadurch eine mehr oder minder hässliche Grimasse des Rauchers; die leichte Cigarette liegt appetitlich und graziös zwischen den Lippen."[1]


Fußnoten

1.
Rauchwolken. Skizze von Mayflower, in: Manoli-Post, 1 (1914) 4, S. 15–17, hier: S. 17.
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Autor: Dirk Schindelbeck für bpb.de
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