Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)
1|2|3 Auf einer Seite lesen
16.12.2014 | Von:
Dirk Schindelbeck

Vom Überlebensmittel zum Laster: Zur Kulturgeschichte der Zigarette

Vor noch nicht allzu langer Zeit besaß die Zigarette ein bemerkenswertes Verheißungspotenzial. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Heute ist selbst für den bekennenden Raucher der tägliche Gang ins Tabakgeschäft oder zum Automaten, da mit Alterskontrolle der Person verbunden, kein Kauferlebnis mehr, das noch Vergnügen bereiten kann. Auch die Packungen sind, da in ihrer Anmutung auf ein ästhetisches Minimum reduziert, alles andere als eine Augenweide. Und hält der Bedürftige erst sein Schächtelchen in Händen, raunt ihm schwarzumrandet die Stimme des schlechten Gewissens ins Ohr, er ruiniere seine Gesundheit, sei ein der Sucht Verfallener, ja, ein asoziales Wesen.

Das Päckchen an Zumutungen, Drohungen und Angstvorstellungen, das der Raucher von heute vor, während und nach dem Konsum zu ertragen hat, ist riesengroß. Natürlich wird er nach Kräften versuchen, sich diesem Druck zu entziehen, doch der sozialen Ausgrenzung, wie sie allerorten an den rauchenden Menschentrauben vor den Hintertüren der Betriebe, auf Balkonen und in Schmuddelecken zu besichtigen ist, entgeht er nicht. Seine Gemeinde, von der Umwelt in Worten und Gesten misstrauisch beäugt, befindet sich in einem ständigen Abwehrkampf – wobei ihr kaum mehr Möglichkeiten erfolgreicher Gegenwehr geblieben sind.

Im Würgegriff des medizinischen Arguments, das keinen Widerspruch duldet, da es den Kausalzusammenhang zwischen Rauchen und nachhaltiger Schädigung der Kreislauf- und Atemorgane zweifelsfrei bewiesen hat, bleibt dem rauchenden Zeitgenossen nur die Rolle des Charakterschwächlings, der seiner Sucht aus Mangel an Disziplin nicht Einhalt gebieten kann. Sich zu solcherart Bankrotterklärungen gepresst zu sehen, rührt an das Innerste des modernen Menschen, der gewohnt ist, sich als selbstbestimmtes Individuum, als freie und eigen-willige Persönlichkeit zu definieren. Zur Gruppe der Süchtigen und somit Fremdbestimmten gerechnet zu werden, trifft da das Selbstwertgefühl abgrundtief, kommt es doch fast einer öffentlich praktizierten Persönlichkeitsdemontage gleich.

Von solcherart Selbstvorwürfen quellen sogar die Bekenntnisse in Onlineportalen über, auf denen Zeitgenossen Auskunft über "mein größtes Laster" geben. Neben Spielsucht, Shoppen und Süßigkeitenessen stehen "die bösen, bösen Zigaretten" an herausgehobener Stelle. Zigarettenrauchen steht heute nahezu im Rang einer der sieben "Todsünden". Da die alte Verbotstafel das Suchtmittel Rauchen noch nicht kannte, fiele es dort wohl unter die Rubrik der Völlerei – also dem Gegenteil des Tugendideals der Mäßigung. Rauchen jedenfalls ist – so die heutige gesamtgesellschaftliche Übereinkunft – definitiv ein Laster, und zwar ein schweres.

Verklärter Rückblick: Rauchen in der Nachkriegszeit

Heute stützt sich das Generalverdikt gegen das Rauchen im Kern auf den medizinischen Befund. Darüber sind seine mentalitätsgeschichtlichen Facetten in den Hintergrund gerückt. Sie geben allerdings Aufschluss über seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit als Ergebnis eines langen Kommunikationsprozesses. Dieser besagt, dass das Rauchen nicht zuletzt deswegen heute im Ruf eines üblen Lasters steht, weil die positiv besetzten Attribute, welche der Zigarette im 20. Jahrhundert den Weg in die Gesellschaft ebneten, für das Produkt nicht mehr glaubhaft zu vermitteln sind. Schließlich lag bereits in den 1940er Jahren der Befund einer dauerhaften Gesundheitsschädigung von medizinischer Seite vor, fand jedoch in der zeitgenössischen öffentlichen Diskussion nicht jene Resonanz und Prominenz, die er heute besitzt.

Eben dieser Umstand ermöglichte es der deutschen Zigarettenindustrie, dem Publikum ihre Produkte unter Verweis auf deren besonders hohen Zusatznutzen erfolgreich zu verkaufen. Zigarettenrauchen stand ja noch in den 1970er und 1980er Jahren sinnbildlich für Modernität und Lebensqualität, Überwindung beengender Denkschranken, Horizonterweiterung und Erhöhung des sozialen Status, Aufstieg aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und Verhaltensweisen in "die große weite Welt". Wer zur Rauchergemeinde stieß, sah sich mit dem Lebensgefühl belohnt, ein Weltbürger zu sein oder zu werden. Dieser Verheißungskomplex, in wiederkehrende Sprach- und Bildformeln gegossen, war spätestens mit dem Erscheinen der Marke Peter Stuyvesant Ende der 1950er Jahre am Markt manifest geworden – und wurde in der Folge sogar eine Bewusstseinsmacht im bundesdeutschen Aufstiegsszenario. Ihr wiederum folgte Ende der 1960er Jahre mit der weltweiten Einführung des Marlboro-Cowboys als Ausdrucksbild des "Geschmacks von Freiheit und Abenteuer" die zweite Ausbaustufe, die der Stuyvesant-Ideenwelt die noch anhaftenden kleinbürgerlichen Töne austrieb.

Im Rückblick gesehen gelang es der Zigarettenindustrie mit dieser Strategie sehr lange und überaus erfolgreich, das im Kern fremdbestimmte Konsumverhalten als selbstbestimmte Erfahrung einer Bewusstseinserweiterung glaubhaft zu verkaufen. Seither jedoch hat es keine echte Weiterentwicklung des Verheißungskomplexes mehr gegeben, sodass spätestens mit dem Abzug des Marlboro-Cowboys der radikale Imageeinbruch für das Produkt Zigarette auf breiter Linie erfolgte. Heute ist der gesamte Fundus an Freiheits- und Entgrenzungsbildern längst den Outdoor-Bekleidungsherstellern anheimgefallen. Für die Zigarette dürfte dieses Terrain kaum zurückzugewinnen sein, wenn nicht sogar für unabsehbare Zeit als verloren gelten.

In der Summe trägt das Produkt Zigarette inzwischen an einem dreifachen Defizit: medizinisch-physiologisch betrachtet ist sie ein höchst suspektes, ja gefährliches Produkt, sozial gesehen wird sie auf unabsehbare Zeit geächtet bleiben, und in ihren symbolstiftenden Qualitäten kann sie nicht mehr überzeugen oder gar sinnstiftend wirken.

Goldene Jahre nach 1900

Wird der historische Rückblick weiter gespannt als es die Erinnerungen lebender Zeitzeugen zulassen, stellt sich der Imageverfall der Zigarette noch weit drastischer dar. Vor über hundert Jahren kam die Zigarette als neue Raucherware auf den Markt – als frisches Produkt mit einer großen Zukunft. Vor allem aufgrund ihrer als "leicht" geltenden Orienttabake galt sie – im Gegensatz zur schweren Zigarre – vom medizinisch-physiologischen Standpunkt aus als in keiner Weise bedenklich; unter sozialen Aspekten konnte sie sich in kurzer Zeit große Beliebtheit und Wertschätzung erarbeiten, und symbolisch überzeugte sie mit einem geradezu verschwenderisch anmutenden Reichtum an Bilderwelten auf Packungen, Plakaten und Schaufensteraufstellern. Diese beschworen in Marken und Motiven eine bis dahin nicht gekannte Weltkenntnis und Weltoffenheit herauf, entfalteten Bildkaskaden vom zauberhaften Orient über die Welt des vornehmen Adels bis hin zu Lifestyleszenen aus der internationalen Hautevolée. Mit solchen Qualitäten als Zusatz- oder Geltungsnutzen im Gepäck erlebte die Zigarette bis zum Ersten Weltkrieg einen rasanten Aufstieg.

Dabei waren die Anfänge in den frühen 1860er Jahren, als in Dresden die ersten russischen Immigranten begonnen hatten, von Hand Zigaretten herzustellen, noch überaus bescheiden gewesen. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich daraus im Deutschen Reich eine blühende Industrie mit um 1913 gut 400 größeren Herstellern und 600 Familienbetrieben mit insgesamt etwa 20.000 Beschäftigten, die über 8.000 (meist nur regional erhältliche) verschiedene Marken herstellten und vertrieben. Bereits 1906, als der Staat mit der Einführung der Banderolensteuer auf das rasche Wachstum der neuen Industrie reagiert hatte, war die Zigarette im Zentrum der Gesellschaft angekommen. Durch zunehmenden Maschineneinsatz in der Herstellung von Jahr zu Jahr rentabler, besser und preisgünstiger, überholte ihr Absatz 1911 den der Zigarre. Ständig erschloss sie sich neue Verbraucherschichten, wurde zunehmend auch für Frauen attraktiv und demokratisierte so den Konsum mit.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs galt die Zigarette als Produkt der Moderne schlechthin – ein Befund, welchen die "Manoli-Post", die Kundenzeitschrift des gleichnamigen Berliner Zigarettenherstellers, im April 1914 so zusammenfasste: "Die Zigarette gehört zu uns wie die feine Wäsche, das Bad, der Lackschuh, der Smoking, wie die Elektrizität, das Auto, der Aeroplan und tausend andere Dinge. Nicht nur, weil unsere Zeit das Zu-Ende-Qualmen mächtiger Cigarren, das Reinigen umständlicher Pfeifen nicht mehr gestattet. Nicht nur, weil der leicht aromatische Duft des türkischen Cigarettentabaks unsere Räume und seine Bewohner angenehm parfümiert, während kalter Cigarren- oder Pfeifenrauch widerlich riecht; nein, ich glaube, dass das ästhetische Moment auch hierbei ausschlaggebend war. Die abgeknabberte Pfeife, die schmuddelig zerkaute Cigarre müssen zwischen den Zähnen gehalten werden und bedingen dadurch eine mehr oder minder hässliche Grimasse des Rauchers; die leichte Cigarette liegt appetitlich und graziös zwischen den Lippen."[1]

Erster Weltkrieg: Zigarette als Überlebensgut

Der Beginn des Ersten Weltkriegs stürzte die deutsche Gesellschaft in eine bis dahin nicht gekannte Belastungsprobe – vor allem durch die Trennung der Geschlechter einerseits in die Männer im Feld, andererseits in die in der Heimat verbliebenen Frauen. Natürlich wirkten sich die Kriegsverhältnisse auch auf Produktion, Absatz und Konsum der Zigarette unmittelbar und massiv aus; es begann die Zeit ihrer Bewirtschaftung und Kontingentierung. Um das Millionenheer soldatischer Verbraucher mit Tabakfabrikaten zu versorgen, wurde eine Zentrale eingerichtet, die deren Produktion und Verteilung organisierte. Jeder im Felde stehende Soldat erhielt fortan zu seiner täglichen Lebensmittelration auch ein Quantum an Tabakwaren als sogenannte Feldkost. Die in Deutschland auch während des Krieges noch privatwirtschaftlich arbeitende Zigarren- und Zigarettenindustrie wurde verpflichtet, diese Raucherwaren "für Heer und Flotte" zu fertigen.

Unter den zunehmend schärfer werdenden Mangelbedingungen veränderten sich Funktion, Gebrauchswert und Bedeutung der Zigarette im Lebensalltag ihrer Konsumenten radikal. Schon zuvor als positiv konnotierte Raucherware wahrgenommen, die gemeinschaftsstiftend wirken und die Gestensprache geschlechterübergreifend bereichern konnte, wurde sie in der soldatischen Männergesellschaft an der Front zu einem Überlebensmittel. Kein anderes Konsumgut kam ihnen physisch wie psychisch so nah wie sie, wurde ebenso inständig begehrt und zugleich auch verflucht – vor allem wegen der ständig nachlassenden Qualität im Kriegsverlauf durch Streckungen des Tabaks mithilfe von Ersatzstoffen wie Hopfen oder gedörrtem Buchenlaub.

Auto(bio)grafische Zeugnisse von Soldaten wie Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Kriegsromane, Zeichnungen und Fotografien geben Auskunft darüber, welch überragende Bedeutung die Zigarette im Kriegsalltag für viele von ihnen dennoch besaß. Wo immer sich inmitten von fühlbarem materiellen Mangel und Fremdbestimmung durch militärische Befehlsstrukturen noch kleine bis kleinste Freiräume ergaben, war sie präsent, konnte Entlastung bieten, Bei-sich-Sein zulassen, Träume befördern und selbst noch dort das Gefühl eines selbstbestimmten Handelns vermitteln, wo in der Realität nur die bedrückende Erfahrung des Ausgeliefertseins herrschte. Was die heutigen Defizite der Zigarette zu beschreiben so präzise ermöglicht, machte sie in der Notgemeinschaft des Krieges in jeder Hinsicht also umso wertvoller und unverzichtbarer: physiologisch, sozial und symbolisch.

Physiologischer Mehrwert

Immer wieder räumen Soldaten in Selbstaussagen ein, dass sie den Krieg nur ertragen und überstanden hätten, da sie durch ihn zu Rauchern geworden seien. Schließlich musste ihnen die Zigarette allzu oft sogar Nahrungsersatz werden, etwa wenn die Essensträger aufgrund von Feindbeschuss nicht bis in die vorderen Schützengräben durchkamen, in denen sie tagelang ausharren mussten. Immer wieder war sie ihnen auch das einzig verfügbare Mittel, die Müdigkeit zu vertreiben und die Konzentration während öder Wachdienste oder stundenlangen angestrengten Beobachtens feindlicher Stellungen und Drahtverhaue aufrecht zu erhalten. Sie war ebenso unverzichtbar, die sich endlos hinziehenden Stunden des Leerlaufs im rückwärtigen Unterstand zu ertragen wie umgekehrt in Momenten höchster Anspannung im Gefecht die Nerven zu beruhigen. Davor konnte sie aufputschen, danach Entspannung verschaffen.

Natürlich waren sich die Soldaten über die nicht nur positiven Wirkungen des Rauchens auf ihr Nervensystem und ihren Gesundheitszustand bewusst – allein der psychische Dauerstress und die vielfältigen Entbehrungen an der Front machten den Griff zur Zigarette für sie unausweichlich. Stellvertretend für viele ähnliche Tagebucheinträge fasste der Soldat Franz Kögler im März 1915 seine Erfahrungen an der Front so zusammen: "Der Verlauf eines solchen Schützengrabentages brachte (…) eine Unsumme von Arbeit und Ärger in Fülle. Und solche Tage reihten sich zu Wochen, die Wochen zu Monaten. Es ist merkwürdig, dass man das alles erträgt. Der Mangel an Schlaf ist wohl am empfindlichsten. Ich habe mich freilich durch große Mengen schwarzen Kaffees und starkes Rauchen aufreizen müssen, um immer, wenn es notwendig war, wach zu bleiben. Wenn man nicht ununterbrochen im Freien gewesen wäre, hätte das nicht unbedenkliche gesundheitliche Störungen bringen müssen."[2]

Sozial(psychologisch)er Mehrwert

Abbildung 1: Soldat mit Zigarette vor Mörserkanone, Isonzofront, Slowenien 1917Abbildung 1: Soldat mit Zigarette vor Mörserkanone, Isonzofront, Slowenien 1917 (© ÖNB/Wien, Kriegspressequartier (WK1/ALB071/ 20445))
In den Schützengräben verlor das Geld die Funktion, die es im Zivilleben zuvor besessen hatte, mit einem Schlag. Dafür entwickelte sich eine rege Tauschwirtschaft, da fast jeder Handel unter den Soldaten nur noch über das Wertzeichen "Zigarette" ablief. Dieses System regelte aber nicht nur untereinander den Warenaustausch, sondern diese geldwerte Tabakware bestimmte zunehmend auch den Handel mit der Bevölkerung besetzter Gebiete. Selbstverständlich war sie darüber hinaus das gegebene Mittel für jede Form von Bestechung. Ebenso bildeten sich über ihren Besitz und Nichtbesitz beziehungsweise über gute und schlechtere Qualitäten ("Offizierszigaretten") Rangordnungen und Hierarchien ab, die damit auf subtile Weise sogar den militärischen Apparat stabilisierten.

Auffällig ist, welch große Rolle die Zigarette auch in überlieferten Bilddokumenten spielt, die Soldaten im Feld zeigen. Kein anderes Requisit erschien ja besser geeignet, die Abgebildeten in Heldenpose als besonders männlich oder weltmännisch erscheinen zu lassen. Unwillkürlich erinnern viele solcher Aufnahmen an Idealvorstellungen vom tapferen Krieger, wie sie sich bereits zuvor als stehender Topos in zeitgenössischen Studiofotografien herausgebildet hatten. Ein sinnfälliges Beispiel dafür stellt die Aufnahme dar, die einen Soldaten vor einer großen Kanone zeigt (Abbildung 1). Er präsentiert sich mit geradezu aufreizend lässig gehaltener Zigarette als souveräner Beherrscher dieses gewaltigen Mörsers mit seinem 30-cm-Kaliber, der bezeichnenderweise den Spitznamen "Rosa" trug.

Abbildung 2: Anzeige der Dresdner Firma Yenidze, vor 1916Abbildung 2: Anzeige der Dresdner Firma Yenidze, vor 1916 (© Karin Plessing)
Sicherlich gefiel dieses Bild, das Unerschrockenheit, ja Unbezwingbarkeit vermittelte, auch dem Abgebildeten selbst. Aufnahmen, die solche Botschaften transportierten, machte sich natürlich die Propaganda zunutze und brachte sie gezielt in Umlauf, um dadurch die Heimatfront zu beruhigen, Siegesgewissheit zu verbreiten und den Durchhaltewillen zu stärken. Auch den Zigarettenproduzenten waren solche Motive, die sie für die Bewerbung ihrer Produkte nutzen konnten, höchst willkommen. Als vom Schlachtentoben hinter ihm völlig unbeeindruckt präsentiert sich so der Krieger mit der Pickelhaube als Musterkonsument der Marke Salem Aleikum von 1915 (Abbildung 2).

Die soziale und psychologische Bedeutung der Zigarette im Feld ist also kaum zu unterschätzen; einerseits konnte sie Gleichheit schaffen und Gemeinschaft stiften, ebenso gut aber auch helfen, Distanz zu wahren und (Befehls-)Hierarchien zu betonen oder gar zu untermauern. Ernst Jünger, der als Offizier gewöhnlich nur Pfeife oder gute Zigarren rauchte, nutzte sie sehr geschickt, um einerseits die Nähe zu den ihm untergebenen, "nur" Zigarette rauchenden Mannschaftsdienstgraden zu suchen, andererseits ihnen gerade dadurch seine Überlegenheit an Mut und Coolness eindrucksvoll zu demonstrieren: "Als das Schießen kein Ende nahm, zündete ich mir, allen sichtbar, stehend eine Cigarette an und befahl, bis zur Hecke vorzugehn und dort mit geringem Abstand Deckung zu nehmen (…) Dies war das erste Mal, dass ich einen Zug im Feuer kommandierte und ich merkte den Leuten auch an, dass mein Benehmen ihnen imponiert hatte."[3]

Wo angesichts des mörderischen Kriegsgeschehens schließlich die Worte versagten, konnte eine gemeinsam gerauchte Zigarette als einzig verbliebene Austauschhandlung noch Kontakt zwischen Kameraden schaffen oder halten. Das beschreibt Edlef Koeppen in seinem Roman "Heeresbericht": "Der Feind trommelt. Hunger? Nein. Durst? Nein. Rauchen? Ja. Reisiger langt in die Tasche, in der das Verbandszeug ist, zieht zwei Zigaretten heraus. Eine bekommt Winkelmann (…) Sie reißen den Rauch in die Lungen, sie blasen ihn zwischen ihren Knien hindurch an die Erde. Der Feind trommelt. Reisiger sieht Winkelmann in die Augen, lächelt, zeigt auf die Zigarette, nickt. Winkelmann lächelt auch, nickt wieder. Der Feind trommelt. Es beginnt zu regnen. Der Regen ist dicht wie Nebel. Die beiden nehmen ihre Zigaretten in die Höhlung zwischen die Hände, dass sie nicht feucht werden. Feuer am Rand des Loches. Die beiden rutschen auf den Boden, müssen beim Fall die Zigaretten in die Lehmschmiere stecken. Aus. Der Feind trommelt …"[4]

Symbolischer Mehrwert

Abbildung 3: Soldat im Mannschaftsunterstand Obere Luggauer Alm, Österreich 1915Abbildung 3: Soldat im Mannschaftsunterstand Obere Luggauer Alm, Österreich 1915 (© ÖNB/Wien, Kriegspressequartier (WK1/ALB033/09252))
Was uns heute aufgrund ihrer existenziellen Wucht besonders anrührt, sind die symbolischen Qualitäten, welche dem Rauchen von Zigaretten in den Schützengräben zuwuchsen. Einen Begriff davon mag eine Aufnahme vermitteln, die einen Soldat in einem Unterstand auf einer Pritsche liegend zeigt (Abbildung 3). Was er an der Holzwand hinter sich an Bildern und Karten aufgehängt hat, beschreibt das Ziel seiner Träume: Es sind Fotografien von Frauen, Kameradschaftsszenen, Heiligenbildchen sowie an Heimat und Frieden erinnernde Zeichnungen – in der Summe Ausdruck seines Bestrebens, sich einen kleinen Rest von Privatheit und Intimität zu erhalten. Und es ist die Zigarette, die ihm immer wieder hilft, in diese selbst gestaltete Traumwelt hinüberzugleiten. Solange er sie raucht, kann er kurzzeitig vielleicht sogar Intimität leben – denn der Rauch, in diesem Moment inhaliert, gehört nur ihm. Insofern wird die Zigarette hier ein Medium der Begegnung mit dem Ich, erlaubt und gewährt ein Stückchen Selbstbestimmung inmitten eines von Befehlen und Dienstanweisungen geprägten Frontalltags.

Was für den einzelnen Soldaten eine imaginierte Friedenssehnsucht bedeutete, wurde in seltenen Fällen sogar zu einer realen Grenzüberschreitung. Es gibt Tagebuchaufzeichnungen, die an hohen christlichen Feiertagen wie Weihnachten von temporären Verbrüderungen zwischen verfeindeten Truppen berichten, wobei neben dem reichlichen gemeinsamen Genuss von Alkohol auch der von Tabakwaren unverzichtbar war. Der Jäger Karl Groppe beschreibt, wie er den Heiligabend des Jahres 1914 erlebte: "Rechts von uns brannte ein elektrisch erleuchteter Christbaum. Erst schossen die Franzosen darauf, als aber die Weihnachtslieder durch die Nacht tönten, hörten sie auf. Am 1. Weihnachtstag kommen ein französischer Offizier und einige Leute unbewaffnet und mit einem weißen Tuch winkend auf unsre Stellung zu. Die gleiche Anzahl von unseren geht ihnen entgegen. Der Franzose entschuldigt sich wegen der Schießerei und bringt Wein und Zeitungen mit. Unsre holen Zigarren und deutsche Zeitungen. Es dauert nicht lange, dann kommen Freund und Feind aus den Gräben und geben sich die Hände. Es entstehen große Massensammlungen zwischen beiden Stellungen (…) Es wurde vereinbart, sich die Festtage nicht zu beschießen und nachher wieder zusammen zu feiern. Zu der Feier wollten die Franzosen die Getränke, unsere Lebensmittel und Rauchmaterial liefern. Als dann die englische Artillerie dazwischen schoss, gingen bei den 15ern 120 Mann freiwillig mit in unsre Gräben."[5]

Zum Medium einer existenziell besonders bewegenden Begegnung wurde die Zigarette letztlich dann, wenn Kameraden schwer verwundet wurden oder im Sterben lagen. Die letzte Zigarette, brüderlich geteilt und gemeinsam geraucht, bekam als materieller Ausdruck eines "letzten Dinges" den Charakter einer Liebesgabe und Abschiedsgeste.

Vom Frieden im Krieg zum Krieg im Frieden

Vergleicht man Konnotationen und Symbolwelten, welche die Zigarette des Jahres 2014 von jener des Jahres 1914 unterscheiden, so beschreiben sie einen Gegensatz, der größer gar nicht gedacht werden kann, als er in Wirklichkeit ist. In der Summe betrachtet war die Zigarette vor hundert Jahren immer wieder ein Zeichen des Friedens mitten im Krieg, wogegen sie heutzutage häufig Anlass ist, geradezu kriegerisch anmutende Auseinandersetzungen mitten im Frieden heraufzubeschwören (zwischen Rauchern und Nichtrauchern). Die Unschuld in der Wahrnehmung, im Gebrauch und in der Symbolhaftigkeit, welche diese Tabakware vor hundert Jahren besaß, wird sie mit Sicherheit nie mehr wiedergewinnen, dazu ist allein der sie diskreditierende medizinische Befund zu erdrückend.

Weil sie uns heute durchgängig mit negativen Assoziationen versetzt begegnet, mag uns die Unschuld und Naivität, mit welcher die "Manoli-Post" im Frühjahr 1918 die Zigarette als universale Friedensstifterin pries, vielleicht befremden, vielleicht aber auch berühren und nachdenklich machen. Nur der Tabak, so heißt es da, verscheuche "üble Gedanken und bedeutet keine tierische Befriedigung, sondern eine menschliche. Er erhitzt nicht, entfacht keine Wollust und führt zu keiner Sucht. Kein Mann kommt ins Heim getrottet, um infolge von Tabakgenuss ein Weib zu schlagen. Der Geist der Zigarette verursacht das Gegenteil von Wildheit. Tabak ist ein Friedensschätzer, reich an Milde, und kann deshalb beanspruchen, als Segen der Menschheit betrachtet zu werden."[6]
1|2|3 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Rauchwolken. Skizze von Mayflower, in: Manoli-Post, 1 (1914) 4, S. 15–17, hier: S. 17.
2.
Franz Kögler, Meine Kriegserlebnisse. 1. Weltkrieg, Ostfront, Juni 1914 bis September 1915, o.O., ca. 1920, aus: http://www.europeana1914-1918.eu/en/contributions/170« (21.12.2014), S. 42f.
3.
Ernst Jünger, Kriegstagebuch 1914–1918, hrsg. von Wolfgang Kiesel. Historisch-kritische Ausgabe, Stuttgart 2010, S. 42.
4.
Edlef Koeppen, Heeresbericht, Hamburg 2004 (zuerst 1930, 1933 verboten), S. 248.
5.
Karl Groppe, Impressionen vom Kriegsanfang 1914, Westfront, o.O., o.J., Deutsches Tagebucharchiv Emmendingen, Fasz. 3140 pdf.
6.
Tabak ist Lebensfreude, in: Manoli-Post, 5 (1918) 5, S. 58.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Dirk Schindelbeck für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.