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Kartografie der Ungleichheit: Wachstum, Arbeit und Einkommen in Europa


16.1.2015
Europa – und damit ist hier die Europäische Union (EU) gemeint – ist verunsichert. Das Wachstum stockt, die Arbeitslosigkeit ist hoch und die Ungleichheit der Einkommen beunruhigt die Öffentlichkeit. Dabei sind die Entwicklungen in den einzelnen Mitgliedstaaten recht unterschiedlich und addieren sich auch nicht einfach zu einem europäischen Gesamtbild. In den folgenden Abschnitten wird zunächst die Entwicklung und Struktur des Wachstums in Europa gezeigt, um danach die damit verbundene Beschäftigungsentwicklung zu untersuchen und schließlich die Auswirkungen auf die Entwicklung und Verteilung der Einkommen zu erläutern.

Wachstum: Von einer Krise in die nächste



Die EU erscheint derzeit nicht gerade als wirtschaftliche Erfolgsstory, tatsächlich hat sie aber im langfristigen Vergleich, etwa mit den USA, gar nicht so schlecht abgeschnitten. Während das reale Prokopfeinkommen in Amerika zwischen 1995 und 2013 um 30,1 Prozent stieg, nahm es in der EU nur etwas weniger, nämlich um 27,5 Prozent zu. Schaut man auf die Zeit vor der globalen Finanzmarktkrise zurück, so kehrt sich das Bild sogar um: Die EU wies da zwischen 1995 und 2008 30,2 Prozent auf, die USA nur 27,7 Prozent. Das schwächere Abschneiden der EU ist also jüngeren Datums und Folge der Krise und der europäischen Reaktionen auf die Krise. Das zeigt sich deutlich beim Vergleich in der Periode 2008 bis 2013: Das reale Prokopfeinkommen in der EU schrumpfte um 2,1 Prozent, in den USA stieg es um 1,9 Prozent. Angesichts ähnlicher Geldpolitik (Niedrigzinsen) dürfte der US-Erfolg vor allem der expansiven amerikanischen Fiskalpolitik zu verdanken sein.

Abbildung 1: Wachstumsraten des realen Prokopfeinkommens 1995–2013 (in Prozent)Abbildung 1: Wachstumsraten des realen Prokopfeinkommens 1995–2013 (in Prozent)
Das Wachstum in der langen Perspektive verteilte sich allerdings sehr unterschiedlich auf die Mitgliedstaaten (siehe Abbildung 1). Spitzenreiter des Wachstums waren die ärmsten Länder in Mittel- und Osteuropa (MOE), die ab 1995 aus ihrer Transformationskrise kamen, sich dann schon mit vielfältigen Reformen und westlicher Hilfe auf den EU-Beitritt vorbereiteten und 2004 (acht Länder), 2007 (Bulgarien und Rumänien) und 2013 (Kroatien) der EU auch beitraten. Für diese Länder erfüllten sich also die Wachstumshoffnungen, die sie mit der europäischen Integration verbanden.

Unterdurchschnittlich (im Vergleich zur EU-27/28) schnitt die Eurozone ab, wobei von den großen Volkswirtschaften Italien besonders schwächelte, während Deutschland etwas über dem Durchschnitt der Eurozone (aber nicht der EU!) wuchs. Generell wäre es aber falsch, den Euro verantwortlich zu machen, denn auch einige Euroländer wuchsen relativ stark, allen voran Irland, aber auch Finnland oder die Slowakei.

Aber hinter dieser langfristigen Betrachtung verbirgt sich ein viel bedenklicherer Befund, wenn man die Auswirkungen der Krise genauer untersucht. Wie der Vergleich mit den USA zeigt, liegen gerade darin die Probleme Europas. Dabei ist es notwendig, drei Krisen zu unterscheiden: Die erste ist die Finanzmarktkrise von 2007/2008, die mit der Lehmann-Pleite im September 2008 zu einem Kollaps des globalen Finanzsystems führte, dessen totale Implosion nur durch massive Rettungsaktionen für die betroffenen Staaten vermieden werden konnte. 2009 folgte die durch die Bankenkrise ausgelöste große Rezession mit Einbrüchen beim Wachstum von durchschnittlich 5 Prozent in der EU (3,6 Prozent in den USA). Während fast überall auf der Welt dank umfangreicher Konjunkturprogramme diese Rezession rasch überwunden wurde, folgte in der Eurozone eine dritte Krise, die Staatsschuldenpanik. Ausgelöst durch überraschend schlechte Haushaltsdaten in Griechenland kam es zur Ansteckung weiterer Euroländer wie Irland, Portugal und Spanien. Diese vier GIPS genannten Länder erhielten, wenn auch zögerlich und mit hohen Sparauflagen, europäische Finanzhilfen. Aber die Verteufelung der Schuldner, die kontraproduktive Austerität und die verspätete Intervention der Europäischen Zentralbank stürzten die Eurozone in eine weitere Krise, die nun in eine längere Stagnationsphase zu münden droht.

Dabei zeichnete sich auch die Eurozone bis zum Schock der Finanzkrise 2008 durch ordentliches Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Da sie überwiegend aus reicheren Mitgliedstaaten besteht, war ihre durchschnittliche Wachstumsrate mit 24 Prozent zwischen 1995 und 2008 niedriger als der EU-Durchschnitt von über 30 Prozent, der durch das aufholende Wachstum in MOE hochgezogen wurde. Aber gerade auch viele ärmere westliche Euroländer wuchsen überdurchschnittlich schnell: Irland um 80 Prozent, Griechenland um 49 Prozent, Spanien um fast 35 Prozent.

Die Finanzmarktkrise und die große Rezession trafen alle Länder heftig. Aber der Einbruch zwischen 2008 und 2009 (EU-weit: –5 Prozent) fiel sehr unterschiedlich aus. Er war im Euroraum sogar schwächer (–4,5 Prozent). Am schlimmsten waren die baltischen Länder betroffen, als die dort vom Ausland dominierten Banken den Kredithahn abdrehten. Ihre Volkswirtschaften schrumpften um etwa 15 Prozent. Griechenland, Spanien und Portugal hatten Rückgänge von "nur" etwa 3 Prozent zu verzeichnen. Irlands Volkswirtschaft, die eine dramatische Bankenkrise erlebte, brach um 7,4 Prozent ein. Als einziges EU-Mitgliedsland konnte Polen diese Krise relativ schadlos mit einem positiven Wachstum von 2,6 Prozent überwinden.

Ein gänzlich anderes Bild bot sich dem Betrachter ab 2009. Der V-förmige Verlauf der Rezession führte dazu, dass von 2009 bis 2013 das BIP der EU um 2,7 Prozent wuchs. Sie erreichte aber das durchschnittliche Prokopfeinkommen von 2007 (23.800 Euro) nicht mehr. Dies stieg bis 2011 nur auf 23.300 Euro, um anschließend zu stagnieren. Der Euroraum wuchs jedoch nur um 1,2 Prozent und sein Prokopfeinkommen blieb noch stärker hinter dem Niveau von 2007. Die Kartografie des Aufschwungs war aber äußerst vielfältig.

Die baltischen Länder erholten sich rasch mit einem Wachstum von etwa 20 Prozent, womit aber das Prokopfeinkommen in Estland und Lettland real immer noch unter dem Niveau von 2007 blieb. Allgemein kehrte MOE wieder auf den Pfad aufholenden Wachstums zurück (siehe Abbildung 1). Die Verlierer waren die ärmeren Euroländer, die unter dem Diktat der Haushaltskonsolidierung standen. Griechenland schrumpfte um 17 Prozent, Zypern um 12,3 Prozent, Spanien um 2,9 Prozent, Portugal um 2,1 Prozent, Irland immer noch um 0,5 Prozent. Diese Verluste kamen zu den oben dargestellten, direkt rezessionsbedingten Einbrüchen im Jahr 2009 hinzu.

Abbildung 2: Wachstum der Stundenproduktivität in ProzentAbbildung 2: Wachstum der Stundenproduktivität in Prozent
Was waren die Treiber des Wachstums und die Ursachen der Krise? Die hohen Wachstumsraten der europäischen Peripherie lassen sich durch den Aufholbedarf und die Aufholmöglichkeiten erklären. Die Menschen wollten mehr und bessere Konsumgüter, Wohnungen und Infrastruktur. Gleichzeitig gab es noch gewaltige Produktivitätsreserven. Da das BIP gleich der Stundenproduktivität (BIP/Stunde) mal der Anzahl der gearbeiteten Stunden ist, sind Produktivitätssteigerungen eine zentrale Quelle des Wohlstands. Sie erlauben Lohnsteigerungen, ohne dass die Lohnstückkosten zunehmen und damit die Wettbewerbsfähigkeit abnähme. Tatsächlich stieg die Arbeitsproduktivität in diesen Ländern ähnlich stark wie das BIP beziehungsweise Prokopfeinkommen (siehe Abbildung 2).

Tabelle 1: Indikatoren der Wirtschaftslage ausgewählter Euroländer vor der Krise
(Durchschnitt der Jahre 1998–2008)Tabelle 1: Indikatoren der Wirtschaftslage ausgewählter Euroländer vor der Krise (Durchschnitt der Jahre 1998–2008)
Auch in den GIPS-Ländern, denen nach der Krise unterstellt wurde, sie hätten nur ein schuldengetriebenes Scheinwachstum gehabt, kann man recht ordentliches Export- und Produktivitätswachstum vor der Krise feststellen (siehe Tabelle 1). Bis auf die griechische war auch deren Haushaltspolitik solider als in Deutschland. Alle Länder hatten aber Kapitalzuflüsse zu verzeichnen, die hohe Leistungsbilanzdefizite finanzierten, von denen der deutsche Export profitierte.

Die Kapitalzuflüsse in die Peripherie, die dort auch zu höheren Schuldenständen führten – weniger aber beim Staat als vielmehr im Privatsektor –, brachen in der Finanzmarktkrise ein. Mit Staatsschulden hatte dies außer in Griechenland wenig zu tun. Problematischer waren die Lohnanstiege, die über die Produktivität hinausgingen und die Wettbewerbsfähigkeit schwächten. Die Lohnstückkosten stiegen in der Peripherie stark, während sie im Überschussland Deutschland sanken, da die Löhne hinter der Produktivität zurückblieben. Insofern waren bestimmte Aspekte des Vorkrisenwachstumsmodells sicher korrekturbedürftig, aber ohne Finanzmarktkrise und Staatsschuldenpanik wäre diese Korrektur als soft landing ohne die dramatischen Verwerfungen, sozialen Kosten und die Krise der europäischen Integration möglich gewesen. Mitverantwortlich dafür war die falsche Reaktion der EU (vor allem auf Drängen Deutschlands), die die Panik viel zu spät durch klare politische Ansagen, vor allem der Europäischen Zentralbank, beendete.


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/ Autor: Michael Dauderstädt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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