OP-Schwester im Operationssaal einer Augenklinik
Pfeil links 1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Arbeitsmigration im Gesundheitswesen: Trends und Auswirkungen

16.1.2015

Muster grenzüberschreitender Mobilität in Europa



Bei Migration und Mobilität der Arbeitskräfte lassen sich eine Reihe von Trends identifizieren.

Auf dem Weg in die reicheren Länder: Die Abwanderung von Beschäftigten im Gesundheitswesen der neuen EU-Mitgliedsländer muss im Kontext einer signifikanten allgemeinen Abwanderung seit deren Beitritt zur EU 2004 beziehungsweise 2007 betrachtet werden. Besonders deutlich wird dies im Falle von Polen. Dort verließen schätzungsweise eine Million Menschen das Land, um in anderen Bereichen der Europäischen Union, in Großbritannien, insbesondere aber in Schweden und Irland Arbeit aufzunehmen, allesamt Länder, die ihren Arbeitsmarkt uneingeschränkt geöffnet hatten. Es gilt jedoch anzumerken, dass es bereits zwischen 1990 und 2004 einen Trend zu grenzüberschreitender zirkulärer Migration aus den Visegrad-Ländern – Tschechien, Ungarn, Polen und der Slowakei – nach Deutschland gegeben hatte.

Erkennbar ist eine signifikante Abwanderung von Beschäftigten im Gesundheitswesen der neuen Mitgliedsländer Bulgarien, Lettland, Rumänien und Slowakei, und immer sind dabei Deutschland und das Vereinigte Königreich die meistgenannten Zielländer. Andere Zielländer werden bestimmt durch ihre Sprache – Rumänen migrieren in Länder, in denen eine romanische Sprache gesprochen wird – oder ihre Nähe, beispielsweise Slowaken nach Österreich und Tschechien, Letten nach Norwegen und Schweden, Russen und Esten nach Finnland, Pflegekräfte aus Westpolen nach Deutschland. Der Grad an Mobilität und Abwanderung war generell unter Ärzten am höchsten und beim Pflegepersonal am niedrigsten. Einer Schätzung des polnischen Gesundheitsministeriums zufolge migrierten 2011 zwischen 8 und 10 Prozent der Ärzte. Allen Prognosen zum Trotz nimmt sich die Migration von Krankenschwestern und Krankenpflegern hingegen bescheiden aus: Zwischen 2004 und 2007 ließen sich 158 polnische Pflegekräfte in Irland registrieren, 1013 in Großbritannien und 830 in Italien. Rumänien stellte eine Ausnahme dar. Dort geht man davon aus, dass jährlich etwa 3 Prozent der Ärzte sowie zwischen 5 und 10 Prozent des Pflegepersonals das Land verlassen. In der Regel handelt es sich dabei um die jüngeren Arbeitnehmer sowie um diejenigen, die sich wertvolle Fachkompetenz angeeignet haben. Auf der anderen Seite vermeldeten die neuen Mitgliedsländer eine niedrige beziehungsweise sehr niedrige Zahl von Einwanderern, die den Fortzug von Ärzten und Pflegepersonal nicht ausgleichen konnte. Einwanderer stammten in der Regel aus Entwicklungsländern oder benachbarten Nicht-EU-Ländern mit vergleichsweise niedrigeren Löhnen und Gehältern.

Mobilität im Norden: Nordische Länder sowie die Niederlande vermeldeten einen geringen oder zu vernachlässigenden Grad von Auswanderung, was in hohem Maße dem Trend von vor 2004 entspricht. Eine Ausnahme stellt Finnland dar: Von dort wird ein höheres Niveau bei der Aus- und Einwanderung von Ärzten und Pflegepersonal mitgeteilt. Aufgrund höherer Löhne und Gehälter im Ausland waren hier Norwegen, Schweden und England die hauptsächlichen Zielländer. Eingestellt wurden Ärzte und Pflegepersonal zumeist aus den geografisch naheliegenden Ländern Russland und Estland, jedoch auch aus Somalia sowie aus anderen EU-Ländern.

Einwanderung nach Großbritannien: Hinsichtlich der Einwanderungsmuster beim Gesundheitspersonal wies Großbritannien eine deutliche Diskontinuität auf. Zu Beginn der 1990er-Jahre wurden dort zwischen 10.000 und 16.000 internationale Pflegekräfte zusätzlich registriert. 2010 war diese Zahl auf 2.500 gesunken.[5] Die Anwerbung von Krankenschwestern und Krankenpflegern aus Nicht-EU-Ländern wurde praktisch eingestellt. Teils geht dies auf einen geringeren Bedarf seitens Großbritanniens zurück, teils darauf, dass die Einreise nach Großbritannien für Pflegepersonal aus Nicht-EU-Ländern schwieriger und kostspieliger geworden ist. Verschärfte Registrierungsanforderungen seitens des nationalen Gesundheits-, Krankenpflege- und Hebammenverbands Nursing and Midwifery Council (NMC) sowie die Verlagerung zu einem auf Punkten basierenden Genehmigungssystem bekräftigen den Kurs der Regierung, Arbeitgebern eine internationale Anwerbung zu erschweren. Der Zustrom weist folglich zwei wesentliche Merkmale auf. Zum einen lässt sich ein signifikanter Gesamtrückgang verzeichnen, zum anderen eine deutliche Verlagerung zu EU-Neumitgliedern. 2009/2010 stammten 78 Prozent der internationalen registrierten Arbeitnehmer aus der EU, verglichen mit weniger als 7 Prozent in den Jahren 2001/2002. Zwar sind vergleichbare Zahlen für das Pflegepersonal nicht verfügbar, doch wurde berichtet, dass Schwierigkeiten beim Erlangen oder der Verlängerung von Arbeitsgenehmigungen aus Nicht-EU-Ländern zu einer wachsenden Zahl von Beschäftigten aus den neuen EU-Mitgliedsländern in diesem Bereich führen. Darüber hinaus ließ die Abhängigkeit in Bezug auf Ärzte aus Nicht-EU-Ländern nach.

Dynamischer Markt: Alternde Bevölkerungen, demografischer Wandel und sich verändernde Strukturen in der Arbeitswelt und Familie in Europa führen dazu, dass der Arbeitsmarkt für Pflegeberufe einer der dynamischsten in der EU ist und sich seine weitere Ausweitung prognostizieren lässt. Doch geht dieser drastische Anstieg bei der Nachfrage nach Langzeitpflegedienstleistungen nicht mit einem ausreichenden Angebot an Pflegekräften einher. Die Charakterisierung dieses Bereichs als schlecht bezahlt und mit geringem Status gilt als Problem bei der Bereitstellung eines angemessenen Angebots an Arbeitskräften. Zwar unterscheiden sich die EU-Länder hier, doch besteht in diesem Bereich eine signifikante und zunehmende Abhängigkeit von Wanderarbeitskräften.

Bei der Betrachtung des Arbeitsmarkts für Pflegepersonal treten Fragen und Probleme zutage. Sind Ärzte und Pflegepersonal den gleichen breiten institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen innerhalb von Ländern unterworfen und findet hier innerhalb der EU eine ständige Harmonisierung in Bezug auf Qualifikationen statt, so wird die Pflege von ganz unterschiedlichen Anbietern erbracht. Zu diesen gehören die Familie, der Staat, der Markt oder die Gemeinde, die Pflegedienste erbringt, und sie können im öffentlichen wie im privaten Sektor angesiedelt sein, öffentlich oder privat bezahlt oder nicht bezahlt sein, informell oder formell organisiert. Wo es einen formellen Markt für Pflegedienstleistungen mit institutionalisierten Bestimmungen für die Altenpflege gibt, beispielsweise in skandinavischen Ländern und Frankreich, herrschen stabilere Beschäftigungsbedingungen. In Ländern, in denen Geldzuwendungen Teil der staatlichen Gesundheitsleistungen sind, existieren demgegenüber auf häuslicher Pflege basierende und weitgehend informelle Pflegearrangements, die von der Familie oder von bezahlten "Hilfen" geleistet werden.[6]

Nach Mirco Di Rosa[7] ist überwiegend in südeuropäischen Ländern eine ansteigende Beschäftigungsquote von migrierten Pflegekräften zu verzeichnen. Vor allem in Ländern, in denen der Schwerpunkt auf Geldleistungen statt auf Sozialdiensten liegt, kommt es in Privathaushalten zu Pflegearrangements mit Migranten; zu diesen Ländern gehören Deutschland, Irland, England, Spanien, Italien und Österreich. Seit den 1990er-Jahren haben sich Mittel- und Osteuropa zu einer bedeutenden Herkunftsregion entwickelt. Dies hat zu einer Abwanderungswelle von Frauen geführt, die in West- und Südeuropa Pflegedienstleistungen erbringen. Hardy geht davon aus, dass Arbeitnehmer aus den neuen Mitgliedsländern einen zunehmenden Anteil der Erwerbstätigen bilden; 7 Prozent der EU-8-Arbeitskräfte sind im Pflegesektor in Großbritannien beschäftigt, in Deutschland sind 19 Prozent der in der Altenpflege Beschäftigten im Ausland geboren, und in Norwegen sind 7,4 Prozent der im Gesundheitswesen Beschäftigten Wanderarbeiter.[8]

Push- und Pull-Faktoren: Innerhalb der allgemeinen Migrationstendenzen lässt sich in Bezug auf Fachkenntnisse und die Beschäftigung im Privatsektor ein wesentlich detaillierteres und "feinkörnigeres" Bild erkennen. In Polen war die Abwanderung aus bestimmten Fachbereichen besonders hoch; 2011 waren Anästhesisten die erste und stärkste Gruppe derer, die migrierten (18,3 Prozent), gefolgt von plastischen Chirurgen (17 Prozent) und Lungenfachärzten (15,5 Prozent). Ein ähnliches Bild ergab sich in Rumänien. Hier lag die höchste Abwanderungsrate von Fachärzten und Pflegekräften in Anästhesie, Radiologie, Geburtshilfe, Gynäkologie, im Intensivpflegedienst sowie in der Psychiatrie.

Unterschiedliche Gehälter und Arbeitsbedingungen, sowohl zwischen neuen und alten EU-Mitgliedsländern als auch zwischen Volkswirtschaften mit höherem Einkommen, sind ein Grund für Migration und grenzüberschreitende Mobilität innerhalb der EU. Diese Mobilität wird noch verkompliziert durch Binnenmigration aus ländlichen in städtische Gebiete und aus dem öffentlichen in den privaten Sektor.[9] Da die Pflegeberufe bei jungen Menschen als unattraktiv gelten, verschärft sich der Arbeitskräftemangel im Gesundheitssektor weiter, vor allem in der Pflege.

Die Muster der Aufenthaltsdauer waren ausgesprochen uneinheitlich, und harte Daten liegen nicht vor. Ärzte und Pflegekräfte führten an, dass sie eher zu einer dauerhaften Migration tendierten. Doch neben diesem Modell von "Reise- und Niederlassungsfreiheit" gab es auch Ärzte, die über das Beschäftigungsverhältnis in ihrer Heimat hinaus nach Großbritannien flogen, um dort Schichtdienst zu verrichten. Angehörige der Gesundheitsberufe stellten den höchsten Anteil an zirkulärer Migration, etwa aus Bulgarien nach Italien und aus der Slowakei nach Österreich. In Rumänien tendierten Krankenschwestern dazu, nach drei bis fünf Jahren im Ausland wieder eine Arbeitsstelle in Rumänien anzutreten, kehrten dann jedoch eher in den privaten, nicht in den öffentlichen Sektor zurück. Ärzte hingegen kehren offenbar seltener zurück.


Fußnoten

5.
Vgl. James. Buchan/Ian J. Seccombe, RCN Labour Market Review, London 2011.
6.
Vgl. Annamaria Simonazzi, Reforms and Job Quality: The Case of Elder Care, in: Work Organisation, Labour and Globalisation, 4 (2010) 1, S. 41–56.
7.
Vgl. Mirco Di Rosa et al.,The Impact of Migrant Workers in the Elder Care Sector: Recent Trends and Empirical Evidence in Italy, in: European Journal of Social Work, 15 (2012) 1, S. 9–27.
8.
Vgl. Jane Hardy et al., Opportunities and Challenges Related to Cross Border Mobility and Recruitment of the Health Sector Workforce, commissioned by the European Public Service Union 2012, http://www.epsu.org/a/8920« (22.12.2014).
9.
Vgl. Jane Hardy, Scaling the Mobility of Health Workers in an Enlarged Europe: An Open Political-Economy Perspective, in: European Urban and Regional Studies 16 (2014) 3, S. 219–223.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Jane Hardy, Moira Calveley, Steve Shelley für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.