OP-Schwester im Operationssaal einer Augenklinik
Pfeil links 1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Arbeitsmigration im Gesundheitswesen: Trends und Auswirkungen

16.1.2015

Antriebsfaktoren



Die Situation in den neuen Mitgliedsländern: Schlechte Bezahlung war der im Rahmen der Untersuchungen am häufigsten genannte Grund für Abwanderung aus den neuen Mitgliedsländern. Durchschnittsgehälter sind ein allgemeiner Indikator für das Missverhältnis bei Löhnen und Gehältern in Volkswirtschaften mit hohem, mittlerem und niedrigem Einkommen, wobei die neuen Mitgliedsländer ausschließlich der Kategorie der Niedriglohnländer angehören. Das Verhältnis zwischen dem Gehalt eines Allgemeinmediziners und dem Durchschnittsgehalt war 2009 in den neuen Mitgliedsländern niedriger – 1,4 in Ungarn und 1,7 in Estland – im Vergleich zu Großbritannien (3,6) und Deutschland (3,7). Auch bei der Vergütung von Pflegekräften gab es erhebliche Diskrepanzen. In den alten Mitgliedsländern bewegt sich die jährliche Vergütung zwischen 37.000 und 80.000 US-Dollar und liegt damit auf gleicher Höhe oder über dem Durchschnittsgehalt. In den neuen Mitgliedsländern, ausgenommen Slowenien, variiert die Vergütung zwischen 17.000 und 22.000 US-Dollar, was dem Durchschnittsgehalt entspricht oder unter diesem liegt.

Der am zweithäufigsten genannte Grund für Migration, vor allem in den neuen Mitgliedsländern, waren schlechte Arbeitsbedingungen. Eurostat-Zahlen belegen, dass sich die neuen Mitgliedsländer am Ende der Tabelle befinden, was die gesamten Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben betrifft. In den alten Mitgliedsländern rangieren die Gesundheitsausgaben pro Kopf zwischen 2.703 US-Dollar (Portugal) und 6.526 US-Dollar (Luxemburg), während sie sich in den neuen Mitgliedsländern zwischen 773 US-Dollar (Rumänien) und 1924 US-Dollar (Tschechien) bewegen. Dies spiegelt auch Missverhältnisse zwischen alten und neuen Mitgliedsländern bei den gesamten Gesundheitsausgaben als prozentualem Anteil am BIP wider. Dieser bewegt sich in den alten Mitgliedsländern zwischen 9,3 Prozent (Großbritannien) und 11,8 Prozent (Belgien), verglichen mit einem Spektrum von 5,4 Prozent (Rumänien) bis 7,6 Prozent (Tschechien) in den neuen. Die Unzufriedenheit mit Gehältern und Arbeitsbedingungen tritt angesichts der hohen Zahl von Arbeitskonflikten im Gesundheitswesen dieser Volkswirtschaften offen zutage.[10]

Länder mit höherem Einkommensniveau: Auch Ärzte und Pflegepersonal in Ländern mit höherem Einkommensniveau pendeln nachweislich zwischen Ländern hin und her, um sich in Hinsicht auf Bezahlung und Arbeitsbedingungen vorteilhaftere Arbeitsmärkte zu erschließen. Als Beweggrund für Mobilität zwischen alten Mitgliedsländern wurde insbesondere bei Ärzten auch die Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben angegeben. In Frankreich wurden die Arbeitsbedingungen von Ärzten wegen mehr Urlaubstagen und höherer Bezahlung besser als in Deutschland bewertet. In der Schweiz wurden Ärzte nicht nur besser bezahlt, sondern im Gegensatz zu Deutschland auch für ihren Bereitschaftsdienst entlohnt. In manchen Fällen erwies sich eine Beschäftigung außerhalb des Gesundheitssektors als attraktiver. Gegen Ende ihrer Ausbildung in Deutschland gaben einige Ärzte an, sie würden in die Industrie wechseln, vor allem in die pharmazeutische Industrie, wo Gehalt und Arbeitsbedingungen vorteilhafter seien.

Mobilitätsbarrieren



Namentlich und am häufigsten nannten die im Gesundheitswesen Beschäftigten die Sprache sowie die mangelnde Anerkennung von Qualifikationen als Hindernisse für Mobilität. Die Mobilität von Fachkräften im Gesundheitswesen wird von der EU-Richtlinie 2005/36/EC zur Anerkennung beruflicher Qualifikationen ermöglicht. Diese stellt die Regeln auf für die gegenseitige Anerkennung von Berufsabschlüssen und Befähigungsnachweisen zwischen Mitgliedsländern.[11] Sie sieht eine automatische Anerkennung von Qualifikationen vor, die auf harmonisierten Mindestanforderungen für sieben sogenannte sektorale Berufe beruht, darunter Ärzte, Zahnärzte, Pflegekräfte, Hebammen und Apotheker. Doch wird die Harmonisierung von Qualifikationen nicht gänzlich umgesetzt. So pflegen Mitgliedsländer gegenwärtig unterschiedliche Praktiken in Bezug auf die Anerkennung und Regulierung spezialisierter Unterberufe, die als solche in anderen Mitgliedsländern nicht existieren oder dort nicht anerkannt und in gleicher Weise geregelt werden.[12]

Weiterhin existieren in vielen Mitgliedsländern über Registrierungserfordernisse der jeweiligen Berufskammer spezifische Regelungen. Bei diesen müssen Fachkräfte im Gesundheitswesen nachweisen, dass sie auf dem neuesten Stand und praxistauglich sind. Zu diesen Berufskammern gehören beispielsweise der General Medical Council (GMC) für Ärzte und das Royal College of Nurses (RCN) in Großbritannien und in Schweden Svenska Barnmorskeforbundet (SBF, der schwedische Verband der Hebammen) sowie Svensk Sjukskoerskeforening, die schwedische Pflegevereinigung.

Die aus dem Jahr 2005 stammende EU-Richtlinie legt fest, dass Fachkräfte die zur Ausübung ihrer Tätigkeit im Aufnahmemitgliedsland notwendigen Sprachkenntnisse nachweisen müssen. Das Fehlen erforderlicher Fremdsprachenkenntnisse betraf insbesondere Pflegekräfte; die Notwendigkeit, die Sprache des Ziellandes fließend zu beherrschen, stellte ein Hindernis dar, eine Beschäftigung anzunehmen.[13] Ärzte wiesen eher sprachliche Fähigkeiten auf, während diese bei Pflegekräften weniger wichtig waren.


Fußnoten

10.
Vgl. Jane Hardy, Labour Strategies, Cross-Border Solidarity and the Mobility of Health Workers: Evidence from five New Member States, in: European Journal of Industrial Relations, 2014, ejd.sagepub.com/content/early/2014/10/15/0959680114553159.refs (14.12.2014).
11.
Vgl. European Commission, Directive on the Recognition of Professional Qualifications (2005/36/EC) 2005, http://eur-lex.europa.eu/LexUri?Serv?LexUriServ.do?uri=OJ:L:2005:255:022:0142:en.PDF« (10.8.2012).
12.
Vgl. European Commission, Modernising the Professional Qualifications Directive, Green paper COM 365 final, Brussels 2012.
13.
Vgl. Hospital Management, Should EU Healthcare Workers Speak English – Paving the Way to a Modernised Directive, 2012, http://www.hospitalmanagement.net/features/featurehealthy-europe-paving-the-way-for-a-modernised-directive/« (22.12.2014).
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Jane Hardy, Moira Calveley, Steve Shelley für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.