Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.
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Deutsche Israelbilder - Essay


30.1.2015
Dass "Öffentlichkeiten" im Netz mit ungeheurer Geschwindigkeit geschaffen werden, ist längst kein neues Phänomen mehr. Günter Grass kommt jedoch das eher zweifelhafte Verdienst zu, eine der – im deutschen Kontext jedenfalls – auffälligsten digitalen "Meinungslawinen" losgetreten zu haben. "Was gesagt werden muss" heißt das Gedicht, das am 4. April 2012 parallel von der "New York Times", dem "Corriere della Sera" und der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht wurde und vor allem in Deutschland eine über mehrere Wochen andauernde Debatte auslöste.

Mit wenigen, inhaltlich wie literarisch eher klobigen Zeilen war es dem Nobelpreisträger für Literatur gelungen, Leitmotive anklingen zu lassen, die in der Diskussion über Israel und damit auch in der Wahrnehmung Israels immer wieder auftauchen: Nicht nur der Titel, auch der Beginn des Gedichts ("Warum schweige ich, verschweige zu lange …") impliziert, es gebe ein aus der historischen Verantwortung Deutschlands für den Holocaust entstandenes Tabu, Israel zu kritisieren, das, wenn gebrochen, geradezu unweigerlich mit dem Vorwurf des Antisemitismus belegt werde: "Das allgemeine Verschweigen (…) empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig."[1]

Israel wird in Deutschland vorwiegend im Kontext eines seit Jahrzehnten andauernden Konflikts wahrgenommen, in Grass’ Gedicht obendrein als die Partei, die durch beständige Aggression die Haupt-, wenn nicht die alleinige Verantwortung dafür trage. Der israelisch-palästinensische Konflikt, oder besser, Israels Verhalten, berge Grass zufolge sogar die Gefährdung des "Weltfriedens". Mit seinem Gedicht traf Grass offensichtlich eine Stimmungslage weiter Teile der deutschen Öffentlichkeit. Die Zustimmung in den Onlineforen quer durch die Medienlandschaft jedenfalls war überwältigend und reichte von Dank, dass nun "endlich mal ausgesprochen wird", was man ja "nicht sagen darf" bis hin zu ganz offen antisemitischen Postings.

Dass der Nahostkonflikt zu den Aufregern in sozialen Medien und Leserkommentaren gehört, ist nicht neu. Dennoch erstaunte, in welcher Geschwindigkeit und Masse sich die Zustimmung manifestierte – und dass diese in gewaltigem Gegensatz zur "veröffentlichten Meinung" zu stehen schien. Wie schon bei früheren vergangenheitspolitischen Debatten waren auch in der Diskussion um das Gedicht zahlreiche Intellektuelle und Publizisten vertreten. Und fast alle (mit Ausnahme des französischen Publizisten Alfred Grosser und des Präsidenten der Akademie der Künste, Klaus Staeck) äußerten sich ablehnend zum einseitigen Bild, das der Autor von der politischen Situation Israels gezeichnet hatte. Dass Grass die Medien ob dieser ungewöhnlich einhelligen Kritik als "gleichgeschaltet" bezeichnete – und dass dieser Vorwurf heute in den Pegida-Demonstrationen mit dem ebenfalls aus der Terminologie des Nationalsozialismus stammenden Begriff "Lügenpresse" aufgenommen wird –, ist schon eine besondere Ironie.

Wie das Umfrageinstitut Infratest/dimap im Auftrag der "Welt am Sonntag" in einer repräsentativen Umfrage im selben Jahr herausfand, spiegelte die überwältigende Zustimmung zum Grass-Gedicht in den Onlineforen jedoch nicht die Mehrheitsmeinung wider: 58 Prozent der Deutschen waren demnach der Meinung, das iranische Atomprogramm bedrohe Israel, und 49 Prozent empfanden Iran als größere Gefahr für den Frieden (18 Prozent behaupteten dies für Israel, 22 Prozent waren der Ansicht, von beiden Länder gehe eine Gefahr für den Frieden aus). 75 Prozent gaben an, Israel könnte in Deutschland genauso kritisiert werden wie andere Länder.[2] Die Parteipräferenz spielte bei diesen Ergebnissen übrigens kaum eine Rolle – mit einer Ausnahme: Anhänger von Die Linke antworteten zu 46 Prozent, dass es eben doch ein Tabu gebe, Israel zu kritisieren – obgleich gerade diese Partei durch eine konsequente und zuweilen extrem kritische Haltung gegenüber Israel auffällt.[3]

Dies weist auf den eigentlichen Kern der Klagen über ein vermeintliches Tabu hin. Kritik an Israel ist nicht "verboten"; eher beklagen jene, die Israel überzogen, einseitig oder verzerrend darstellen, die Kritik an der Kritik. Es geht ihnen also nicht darum, das Recht auf Kritik zu verteidigen, sondern vielmehr darum, die eigenen Vorurteile gegen Einwände zu verwahren. Das Tabu-"Argument", so die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Stefanie Schüler-Springorum, sei mithin selbst "Teil des antisemitischen Diskurses".[4]

Nichts als Konfliktpartei



Alles nur ein medialer beziehungsweise digitaler Hype also? Schön wäre es. Der Konflikt mit den Palästinensern ist (und bleibt vermutlich) der wesentliche Rahmen, auf den sich die Berichterstattung beschränkt und in dem Israel wahrgenommen wird. Dies mag gerade in den Anfangszeiten des Osloer Verhandlungsprozesses noch positive Auswirkungen auf das Bild Israels gehabt haben – die Initiative für die Verhandlungen war ja von israelischer Seite ausgegangen. Premier Jitzchak Rabin und dessen Außenminister Shimon Peres galten als glaubwürdig an einem umfassenden Frieden interessiert, und die israelische Armee zog sich nach dem Abschluss des Grundsatzabkommens im September 1993 in kürzester Zeit aus fast allen palästinensischen Städten zurück. Die Attentate der radikalislamischen Hamas auf die Zivilbevölkerung in Israel wurden (noch) als das gesehen, als was die Hamas sie selbst bezeichnete: als Versuche, eine Kompromisslösung und die Errichtung eines Palästinenserstaates "nur" innerhalb der Grenzen von 1967 zu torpedieren.[5]

Die auf wiederholte Anschläge folgenden Abriegelungen des Westjordanlandes durch die israelische Armee wurden in den deutschen Medien jedoch überwiegend als "Vergeltungsmaßnahme" porträtiert, die nur zu "größerer Frustration" unter den Palästinensern führe. Der Begriff "Vergeltung" wurde (und wird) dabei meist nicht im Kontext einer durchaus existierenden sicherheitspolitischen Doktrin der Abschreckung verwendet, sondern mit der immer wiederkehrenden Metapher einer Politik von "Auge um Auge, Zahn um Zahn" verknüpft, was eine Verbindung zwischen "jüdischem Staat" und "alttestamentarischem Rachegeist" suggeriert.[6]

Der positive, wenn nicht gar enthusiastische Moment in den Monaten nach der Verhandlungsaufnahme vor mittlerweile über 20 Jahren ist längst verflogen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen scheinen aus dem Nahen Osten schlechte Nachrichten nur von noch schlechteren Nachrichten abgelöst zu werden. In besonders dramatischen Krisenzeiten wie während der Gaza-Kriege, zuletzt im August 2014, mag die Aufmerksamkeit wieder wachsen und die Anzahl der Sondersendungen zum Thema "Frieden in Nahost" wieder hochschnellen. Generell aber hat sich ein Gefühl der Ermüdung für einen Konflikt breit gemacht, der auf kaum zu entwirrende Weise politische, religiöse und soziale Elemente enthält. Als Haupthindernis für einen Frieden machen Medien und Öffentlichkeit dabei häufig den (ohne Zweifel politisch destruktiven und völkerrechtlich inakzeptablen) Bau israelischer Siedlungen in den besetzten Gebieten aus. Den Attentaten der Hamas wird diese Bedeutung dagegen nicht zugemessen – sie werden in der medialen Darstellung in Deutschland bisweilen als eine Art "Frustrationsabbau" (wahlweise über Arbeitslosigkeit oder Perspektivlosigkeit palästinensischer Jugendlicher) interpretiert.

Nur selten wird als weiterer Erklärungsgrund für das andauernde Scheitern aller großen Verhandlungsrunden seit 1994 die Weigerung der palästinensischen Führung ausgemacht, einen Kompromiss in der Frage des Rückkehrrechts palästinensischer Flüchtlinge zu finden. Dass Israels Premier Ehud Olmert 2008 hingegen ein weitgehendes Verhandlungsangebot unterbreitete, das von der palästinensischen Seite als "unzureichend" abgelehnt wurde,[7] hat die deutsche Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen.

Vor diesem Hintergrund konnten die Ergebnisse einer Umfrage des Magazins "Stern", die kurz vor dem Staatsbesuch von Bundespräsident Joachim Gauck in Israel im Mai 2012 veröffentlicht wurde, nicht weiter verwundern. 70 Prozent der Befragten waren der Auffassung, Israel verfolge seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker. Dies waren immerhin elf Prozentpunkte mehr als bei einer vergleichbaren Umfrage vom Januar 2009, unmittelbar nach dem ersten Gaza-Krieg, in dem Israel von vielen Kommentatoren Unverhältnismäßigkeit in seiner militärischen Antwort auf den Raketenbeschuss der Hamas vorgeworfen worden war. 59 Prozent der Befragten beurteilten Israel in der "Stern"-Umfrage als "aggressiv", drei Jahre zuvor waren es noch 50 Prozent gewesen. 36 Prozent fanden Israel "sympathisch" – ein Rückgang um neun Prozentpunkte im Vergleich zu 2009.[8]

Einiges weist darauf hin, dass Israel besonders dann an Sympathiepunkten verliert, wenn es direkt im Kontext des Nahostkonflikts bewertet werden soll – was durch Fragen nach einer grundsätzlichen "Aggressivität" beziehungsweise nach der Art der Durchsetzung seiner Interessen ja impliziert wird. Wird aber allgemeiner gefragt, so ergeben sich weniger dramatische Werte. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung gibt immerhin knapp die Hälfte, nämlich 46 Prozent, der Deutschen an, eine positive Meinung von Israel zu haben. Diejenigen aber, die Israel ablehnen, hegen offensichtlich fast zur Gänze eine radikale, ja in der Forschung sogar als antisemitisch geltende Abneigung gegen den jüdischen Staat. 42 Prozent der Befragten haben eine negative Meinung von Israel, 41 Prozent stimmen sogar der Aussage zu, dass das Verhalten des israelischen Staates gegenüber den Palästinensern vergleichbar sei mit dem der Nazis gegenüber den Juden im "Dritten Reich". Dass es hauptsächlich der Filter "Konflikt" ist, durch den Israel wahrgenommen wird, legen auch die Werte zur israelischen Regierung nah: Nur 19 Prozent der Befragten haben eine gute Meinung von ihr.[9]


Fußnoten

1.
Das Gedicht im Wortlaut: http://www.sueddeutsche.de/kultur/-1.1325809« (14.1.2015).
2.
Vgl. Klare Mehrheit der Deutschen steht an Israels Seite, 21.4.2012, http://www.welt.de/article106211569« (14.1.2015).
3.
So nahmen die Abgeordneten Annette Groth und Ingo Hoeger sowie der ehemalige außenpolitische Sprecher der Partei, Norman Paech, an der umstrittenen und von türkischen Islamisten organisierten Mission der Flottilla "Mavi Marnara" teil, die am 31. Mai 2010 von der israelischen Armee aufgebracht wurde.
4.
"Die Fixierung der Linken auf Israel ist seltsam", 13.9.2011, http://www.welt.de/article13601179« (14.1.2015).
5.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Antisemitismus und Antizionismus in der Charta der Hamas, 4.7.2011, http://www.bpb.de/36358« (14.1.2015).
6.
Es handelt sich hier um ein grundsätzliches (theologisches) Miss- oder Unverständnis der entsprechenden Stellen im 2. Buch Mose, Kap. 21: Mit dieser Formel ist eben keine Rache beabsichtigt, sondern das Gegenteil: das Verbot von Willkür und Rache, an deren Stelle eine der Tat angemessene Strafe tritt.
7.
Vgl. PA Rejects Olmert’s Offer to Withdraw From 93% of West Bank, 12.8.2008, http://www.haaretz.com/-1.251578« (14.1.2015).
8.
Vgl. Israel verliert bei den Deutschen an Ansehen, 12.5.2012, http://www.stern.de/1830648.html« (14.1.2015).
9.
Vgl. Stefan Hagemann/Roby Nathanson, Deutschland und Israel. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart?, Gütersloh 2015 (i.E.).
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