Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.

30.1.2015 | Von:
Arndt Kremer

Brisante Sprache? Deutsch in Palästina und Israel

Singuläre Ereignisse eignen sich nicht für Verallgemeinerungen. Aber sie eignen sich durchaus für Symbolik. Und das deutsch-israelische Verhältnis ist nach den Schrecken der Shoah hochgradig symbolisch aufgeladen. Kleinste rhetorisch-symbolische Verfehlungen, geringfügigste Unebenheiten können zu kommunikativen Katastrophen führen. Wie sehr sich jedoch die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland seit ihrer offiziellen Aufnahme 1965 entwickelt haben, und zwar positiv, lässt sich gut an drei Ereignissen aufzeigen, die einige Jahre auseinander liegen – und die symbolisch reichste und fragilste Ebene betreffen: die Sprache.

Noch bevor Bundespräsident Johannes Rau am 16. Februar 2000 als erster nichtjüdischer Deutscher überhaupt in der Knesset sprechen durfte, und das auch noch in seiner Muttersprache, hatte es heftige Proteste gehagelt. Der Likud-Abgeordnete Danny Navh merkte an, dass die Zeit noch nicht gekommen sei, um in der Knesset Deutsch zu sprechen und zu hören, und für den ehemaligen Parlamentspräsidenten Dov Shilanski bedeutete die Rede eines deutschen Politikers in deutscher Sprache gar "eine Schändung des Holocaust-Andenkens."[1] Der Sondersitzung selbst, in welcher Rau das israelische Volk um Vergebung für die Verbrechen des Nationalsozialismus an den Juden bat, blieb ein Drittel der Abgeordneten fern.

Auch die Rede des auf Rau folgenden Bundespräsidenten Horst Köhler am 2. Februar 2005 geriet schon im Vorfeld in die Kritik, weil Köhler Deutsch sprechen wollte. Gesundheitsminister Dani Naveh kündigte seinen Boykott der Feier zum 40-jährigen Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland an, und der stellvertretende Parlamentspräsident Hemi Doron brachte die Gefühle vieler anderer Shoah-Überlebender zum Ausdruck, als er in der Tageszeitung "Ma’ariv" schrieb: "Ich kann es nicht ertragen, diese Sprache im Abgeordnetenhaus des jüdischen Volkes zu hören."[2]

Angela Merkels Rede in der Knesset am 18. März 2008, die sie wie Köhler mit einem Gruß auf Hebräisch begann und auf Deutsch fortführte, war indes schon kaum mehr von Protesten begleitet.[3] Und als am 12. Februar 2014 der deutsche EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der Knesset eine Rede hielt, wiederum auf Deutsch, kam es zwar zu einem Eklat, bei dem elf Mitglieder der rechten Regierungspartei "Jüdisches Heim" während der Rede demonstrativ und lautstark den Saal verließen. Dies jedoch war kritischen Äußerungen von Schulz zur israelischen Siedlungspolitik und zum ungleichen Wasserverbrauch von Israelis und Palästinensern geschuldet. Zwar merkte die israelische Kulturministerin Limor Livnat von der Likud-Partei an, dass der Protest der israelischen Abgeordneten verständlich sei, wenn ein EU-Politiker sich hinstelle und "solche Sachen sagt, und noch dazu auf Deutsch",[4] aber es war gerade nicht die Form – die Sprache –, sondern der Inhalt, der für Aufregung sorgte. Zugleich distanzierten sich auch viele andere Abgeordnete von der Protestaktion gegen Schulz.[5] Hätte er seine kritischen Bemerkungen unterlassen, hätte wohl niemand den Saal verlassen. Dies zeigt: Deutsch als Sprache im höchsten israelischen Repräsentantenhaus – bis weit in die 1990er Jahre undenkbar – ist sicher noch keine Normalität oder Selbstverständlichkeit, aber sie ist an sich nur noch bedingt ein Impulsgeber für Konflikte.

Die Debatten rührten an eine alte Frage: Kann Sprache unschuldig sein, lässt sich Sprache also von den Untaten derjenigen, die sie sprechen, trennen? Oder sind nicht vielmehr die Worte, vor allem bestimmte Worte, unrettbar diskreditiert, weil die Nationalsozialisten sie missbraucht, manipuliert und für ihre brutalen Zwecke eingesetzt haben? Wer Letzteres bejaht, übersieht, dass Sprache kein lebendiger Organismus mit einem ethischen Bewusstsein ist, sondern ein Kulturmittel des Menschen, wenn auch sein vielleicht wichtigstes. Wer andererseits die erste These von der Unschuld oder besser: moralischen Unabhängigkeit der Sprache bejaht, vergisst, dass Worte immer auch unsere emotionale Seite berühren. Zwar stimmt, was der (inzwischen gestorbene) letzte Shoah-Überlebende unter den Knessetabgeordneten, Josef Lapid, angesichts der Rede Köhlers angemerkt hatte: Deutsch sei die Sprache von Hitler, Goebbels und Eichmann, aber eben "auch die Sprache von Goethe, Schiller und Heine".[6] Doch auch Hemi Dorons Einwand ist zweifelsfrei richtig, dass die Mördermaschinerie nun mal auf Deutsch erdacht, geplant und ausgeführt wurde. Zudem wird wohl kaum jemand, dem das Gebrüll von KZ-Aufsehern, Nazi-Schergen und SS-Leuten in der Erinnerung nachhallt, dadurch von seinen Wunden geheilt, dass er an Goethes Maigedichte denkt.

Doch es gibt eine Gruppe von Juden in Israel, die den Querstand zwischen beiden Thesen – von der moralischen Diskreditiertheit der Sprache einerseits und der Bindung an die Sprache als unschuldiger Liebe andererseits – selbst erfahren hat. Es handelt sich um die immer kleiner werdende Gruppe der aus Deutschland und Österreich stammenden Juden, der sogenannten Jeckes. Sie können Zeugnis ablegen von den Schwierigkeiten, Chancen und Erfolgen, die sie erlebten, als sie in den 1930er Jahren aus Deutschland fliehen mussten. Sie kamen in ein Land, in dem ihre Muttersprache als Sprache der Judenfeinde diskreditiert war – die aber dennoch ihre Muttersprache blieb, da man sie nicht abstreifen konnte "wie eine Haut".[7]

Frühe Siedlungen, erste Kontroversen

Die Geschichte der Präsenz der deutschen Sprache in Palästina ist älter, als gemeinhin angenommen wird. Und es ist eine Geschichte von Sprachkonflikten. In größerer Zahl emigrierten Deutsche zum ersten Mal 1868 nach Palästina, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte.[8] In diesem Jahr kamen einige Hundert protestantische Bauern von der christlichen Gemeinschaft der Templer aus Baden-Württemberg mit dem Schiff über Genua ins Heilige Land. Sie gründeten Kolonien, unter anderem in Jaffa, Haifa und Jerusalem, deren Spuren noch heute sichtbar sind: Kirchen, Schulen, Friedhöfe mit deutschen Namen, Bürgerhäuser, an deren Türen Segenssprüche auf Deutsch zu lesen sind. Nach den Weltkriegen jedoch geriet Deutsch zur lingua non grata. Weil zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 auch viele Mitglieder der Templergemeinschaft dem "Führer" zujubelten, internierte die britische Mandatsregierung die Templer und vertrieb sie. Als stumme Zeugen einer protestantisch-deutschen Vergangenheit blieben Häuser und Namen wie HaMoshava HaGermanit, das deutsche Quartier in Jerusalem.

Einige Jahrzehnte zuvor, im Jahre 1913, war Deutsch in Palästina auch im innerjüdischen Diskurs erstmalig zum Objekt einer heftigen Kontroverse geworden.[9] Der "Hilfsverein der deutschen Juden",[10] dessen bekannteste Persönlichkeit Paul Nathan zugleich Vorstandsmitglied im "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" war, unterhielt seit den ersten größeren Einwanderungswellen russischer Juden nach Palästina ab 1905 eigene Schulen in dieser Provinz des kränkelnden Osmanischen Reiches. Die Bildungsarbeit in Palästina warf rasch die Frage nach der ersten Unterrichtssprache an den jüdischen Schulen und höheren Lehranstalten auf. An ihr entzündete sich ein langwieriger Konflikt zwischen meist antizionistischen Antihebraisten und zumeist prozionistischen Hebraisten, der in den deutschsprachigen jüdischen Presseorganen des wilhelminischen Kaiserreichs offen ausgetragen wurde.[11]

Sollte den jüdischen Einwandererkindern nach Palästina, viele davon aus Deutschland oder dem jiddischsprachigen Russland und Polen, der Lehrstoff primär auf Hebräisch oder auf Deutsch vermittelt werden? Wie zu erwarten, plädierte der Hilfsverein für die deutsche Sprache. Das war ideologisch, aber auch machtpolitisch begründet. Schließlich hatte sich der Hilfsverein gegenüber der kaiserlichen Regierung verpflichtet, Rücksicht auf den "deutschen Charakter" der Schulen zu nehmen.[12] Während der "Sitzung des Kuratoriums des Technikums in Berlin" am 26. Oktober 1913, in der eine endgültige Regelung des Sprachenstreits für das Technikum in Palästina getroffen werden sollte, standen sich schließlich zwei nur schwer versöhnliche Standpunkte gegenüber. Die zionistischen Vertreter, unter ihnen der bekannte Kulturzionist Achad Haam, wollten Hebräisch als pädagogische Leitvarietät etablieren; denn das Hebräische diene, wie Haam betonte, nicht allein dem Zweck der Verständigung: "Für uns handelt es sich nicht darum, daß die Kinder hebräisch sprechen können, es handelt sich darum, daß die Kinder hebräisch fühlen."[13]

Paul Nathan und der Hilfsverein hielten dem entgegen, dass fehlende Lehrmaterialien sowie mangelnde Berufsperspektiven der Schulabsolventen eine derartige Bevorzugung des Hebräischen unmöglich machten. Das Zünglein an der Waage spielten schließlich die US-amerikanischen Kuratoren des Technikums, auf deren finanzielle Unterstützung der Hilfsverein angewiesen war. Sie drängten erfolgreich darauf, Hebräisch nach einer Übergangsfrist von sieben Jahren als alleinige Unterrichtssprache in allen Fächern des Technikums zu etablieren.[14] Und so konnte das Zionistische Actions-Comité 1914 in einer eigens publizierten Schrift zufrieden verkünden: "Die Prinzipien, für die wir gekämpft haben, haben sich durchgesetzt."[15]

Fußnoten

1.
Zit. nach: Peter Pragal, Rau bittet Israel um Vergebung, 17.2.2000, http://www.berliner-zeitung.de/10810590,9770356.html« (12.1.2015).
2.
Zit. nach: Deutsch in der Knesset: Abgeordnete drohen mit Boykott der Köhler-Rede, 17.1.2005, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/-a-337123.html« (12.1.2015).
3.
Vgl. Merkel: Wir sind mit Israel auf immer verbunden, 18.3.2008, http://www.faz.net/-1513658.html« (12.1.2015).
4.
Zit. nach: Torsten Teichmann, Präsident des EU-Parlaments spricht in Jerusalem: Empörung über Schulz in der Knesset, 12.2.2014, http://www.tagesschau.de/schulz-rede-knesset100.html« (12.1.2015).
5.
Vgl. Inge Günther, Israel zeigt sich gespalten, 13.2.2014, http://www.fr-online.de/1472602,26187904.html« (12.1.2015).
6.
Zit. nach: Köhler vor der Knesset: "Ich verneige mich in Scham und Demut", 2.2.2005, http://www.spiegel.de/politik/ausland/-a-339825.html« (12.1.2015).
7.
Diese Metapher wurde von liberalen deutschen Juden früh benutzt, um die Unmöglichkeit einer Trennung von der deutschen Sprache und Kultur zu illustrieren. Vgl. zum Beispiel Alphonse Levy, Umschau, in: Im deutschen Reich, (1903) 1, S. 73.
8.
Vgl. Kurt-Jürgen Voigt, Deutsche Emigranten in Palästina: Schwaben im gelobten Ländle, 19.4.2010, http://www.spiegel.de/einestages/-a-950043.html« (12.1.2015).
9.
Die folgenden Ausführungen basieren auf meiner Dissertation: Deutsche Juden – deutsche Sprache. Jüdische und judenfeindliche Sprachkonzepte und -konflikte 1893–1933, Berlin 2007, S. 306–319.
10.
Der 1901 mit Hauptsitz in Berlin gegründete Verein hatte vor 1914 rund 20.000 Mitglieder. Er widmete sich vor allem der Erziehungstätigkeit in Palästina und Osteuropa und war liberaljüdisch und tendenziell antizionistisch orientiert.
11.
Vgl. vor allem Yehuda Eloni, Zionismus in Deutschland, Gerlingen 1987.
12.
Vgl. ebd., S. 320.
13.
Protokoll der Sitzung des Kuratoriums des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina am 26.10.1913, CZA Z3/1569, zit. nach: ebd.
14.
Vgl. ebd., S. 341f., S. 354.
15.
Zionistisches Actions-Comité (Hrsg.), Im Kampf um die hebräische Sprache, Berlin 1914, S. 71.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Arndt Kremer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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