Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.
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Berlin, Berlin! Junge Israelis und die deutsche Hauptstadt. Kritische Auseinandersetzung eines Befangenen - Essay


30.1.2015
Über Israelis in Berlin zu schreiben und sie als Phänomen zu beschreiben, gestaltet sich für mich als ziemlich schwierige Aufgabe, obwohl oder vielleicht gerade deswegen, weil ich meinen Lebensmittelpunkt vor knapp neun Jahren in diese Stadt verlegt habe. Oft habe ich über uns in der einen oder anderen Zeitung gelesen, ohne mich und die anderen Israelis, die ich hier kenne, in dem Beschriebenen wiederzufinden. Es scheint sich bei diesem Thema um zweierlei zu handeln, um zwei verschiedene Aspekte, die nur bedingt miteinander zu tun haben, auch wenn beide unter dem Titel "Israelis in Berlin" stehen.

Zum einen geht es um die Lebenswirklichkeit Berliner Israelis: Warum ist Berlin bei manchen so beliebt, und was macht für uns die Faszination der Stadt aus? Was sind die Motive zu kommen oder gar zu bleiben? Wie geht es Israelis in Berlin? Mit welchen Erwartungen kommen sie, welche erfüllen sich, welche sind illusorisch? Und nicht zuletzt: Welche Rolle spielt die Geschichte? Hier geht es also um Einzelschicksale, die zu verallgemeinern kaum möglich ist. Ob meine persönliche Situation als Israeli in Berlin von Vorteil ist oder eine hinderliche Befangenheit darstellt, sei an dieser Stelle dahingestellt.

Zum anderen aber geht es um die deutsche Wahrnehmung, um das von Einzelschicksalen losgelöste Phänomen, das deutsche Medien "Israelis in Berlin" nennen. Inwiefern wird das mediale Phänomen durch die tatsächliche Praxis gedeckt? Und warum ist das deutsche Interesse, die deutsche Neugier so groß?

Da dieser Text in deutscher Sprache erscheint und an eine deutsche Leserschaft gerichtet ist, möchte ich mit Letzterem beginnen, um die mehr oder weniger objektiven Rahmenbedingungen zu erklären, bevor ich zu den eher subjektiven Aspekten israelischen Lebens komme. Zum Schluss möchte ich über die jeweilige Bedeutung nachdenken, die in diesen beiden Zusammenhängen der Vergangenheit beigemessen wird.

"Israelis in Berlin" als Phänomen



Sprechen wir von Israelis in Berlin, so stellt sich eine grundlegende Herausforderung: Wie groß ist dieses Phänomen? In der Praxis ist es sehr schwer, herauszufinden, inwiefern es dieses Phänomen tatsächlich gibt. Wie viele Israelis genau in dieser Stadt leben, weiß niemand, es lässt sich auch kaum schätzen. Lokale Medien haben in den vergangenen Jahren unterschiedliche Zahlen genannt, häufig ist von 20.000, 30.000 und jüngst in der "Berliner Zeitung" (17. Januar 2015) sogar von 50.000 die Rede. Es liegt der Verdacht nahe, dass hier jüdische Israelis und nichtisraelische Juden zu einer Menge vermischt werden – ein Problem, das ich später noch näher erörtere. Solche Zahlen werden zuweilen auch von Israelis angegeben, und zwar mit der Begründung, man höre auf Berliner Straßen ja so oft Hebräisch. Dass dem so ist, kann ich bestätigen, jedoch ist das in erster Linie auf Touristen zurückzuführen: Verglichen mit der sehr beschaulichen Größe des Landes und seiner (hebräischsprachigen, also jüdischen) Bevölkerung spielt Israel eine relativ große Rolle in der Berliner Tourismusindustrie. Knapp 85.000 Israelis sind allein 2013 nach Berlin gekommen (aus den ganzen USA waren es im selben Zeitraum 327.000 Menschen). Aber nicht um die Touristen geht es hier, sondern um die Existenz einer echten Community von Israelis, die in Berlin leben. Wie steht es also um diese?

Die nächstliegende Quelle für aufschlussreiche Informationen stellt die israelische Botschaft dar. Als israelische Staatsbürger sind wir nämlich, so steht es ausdrücklich im Reisepass, zur Anmeldung in der israelischen Botschaft verpflichtet. Doch wie hoch der Anteil derer ist, die dieser Pflicht nicht nachkommen, bleibt ebenfalls unklar; im Konsulat scheint man dies jedenfalls mit mediterraner Gelassenheit zu nehmen und spricht von etwa 3.000 Israelis in Berlin, was den Glauben an die tatsächliche Existenz eines großen Phänomens wesentlich unterminiert.

Wie sehen es die deutschen Behörden? Auch das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg dementiert alle Gerüchte fünfstelliger Zahlen und spricht von weniger als 4.000 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit, die in Berlin gemeldet sind. Allerdings gibt es gute Gründe, sich nicht auf diese Statistik zu verlassen: Während bei anderen Nationalitäten mit ziemlicher Sicherheit auf die Anmeldestatistik zurückgegriffen wird, zeigt sich bei Israelis eine andere Situation. Zum einen ist Israel in puncto Staatsangehörigkeit liberaler als Deutschland, sodass der Besitz mehrerer Staatsangehörigkeiten für Israelis unproblematisch und eine relativ weit verbreitete Erscheinung ist. Zum anderen stammen bekanntermaßen viele Israelis aus Europa, was ihnen den Erwerb von Staatsangehörigkeiten europäischer Länder ermöglicht. Dank des europäischen Einigungsprozesses wird diese Möglichkeit seit ungefähr anderthalb Jahrzehnten von immer mehr Israelis in Anspruch genommen. Sie oder ihre Kinder können dann in Deutschland die europäische Freizügigkeit beanspruchen und melden sich folglich nicht als Israelis, sondern als Polen, Tschechen, Rumänen oder Angehörige anderer Staaten. Manchen Israelis ebnet Artikel 116, Absatz 2 des deutschen Grundgesetzes den Weg, denn als Nachkommen ehemaliger, verfolgter Reichsbürger können sie sich hier als Deutsche niederlassen. Das statistische Amt zählt etwas mehr als 2.000 Menschen, auf die das zutrifft. Kann es sein, dass die Rede von "Israelis in Berlin" ein eher mediales als tatsächliches Phänomen ist?

Nicht ganz. Denn bei der Anmeldung in Berlin hat der Zugezogene auch seine vorherige Adresse anzugeben. Somit lässt sich behördlich ermitteln, wie viele Einwohner – egal welcher Staatsangehörigkeit – bei ihrer ersten Anmeldung in Berlin angegeben haben, aus Israel gekommen zu sein. Von diesen gab es 2013 etwas mehr als 9.000.[1] 2015 könnten es also schon knapp 10.000 sein, womit wir immerhin, wenn auch mit Verspätung, im fünfstelligen Bereich gelandet sind. Es muss jedoch angemerkt werden, dass hierin auch Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit enthalten sind. Es ist wiederum unmöglich zu wissen, wie hoch ihr Anteil ist, doch meinem Eindruck nach sind es nicht wenige, die hier ihr Glück suchen. Nichtsdestoweniger kommen sie als "Israelis in Berlin" kaum zu Wort und werden sehr selten als solche wahrgenommen.

Doch wenn die real existierenden Israelis in Berlin eine verschwindend kleine Minderheit unter fast 3,5 Millionen Einwohnern sind, woher rührt die Vorstellung, der Begriff von "Israelis in Berlin"?


Fußnoten

1.
Alle aktuell, nämlich Ende 2014, vorliegenden Statistiken beziehen sich sinngemäß auf 2013. Dabei ist das Thema "Israelis in Berlin" seit etwa einem halben Jahrzehnt in den Medien präsent. Es gibt keinerlei Gründe anzunehmen, dass die von den Medien behaupteten 20.000 oder gar 50.000 gerade in den vergangenen Monaten schlagartig in Berlin aufgetaucht wären.
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Autor: Yoav Sapir für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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