Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.

30.1.2015 | Von:
Yoav Sapir

Berlin, Berlin! Junge Israelis und die deutsche Hauptstadt. Kritische Auseinandersetzung eines Befangenen - Essay

Kaum ein Monat vergeht, ohne dass ein deutsches, oft ein Berliner Medium über uns schreibt oder sendet. Auch wenn die faktische Existenz einer großen Community sich kaum nachweisen lässt, sind wir zumindest als mediales Phänomen objektiv vorhanden. Gelegentlich wirkt sich der hiesige Enthusiasmus auch auf die israelische Medienlandschaft aus, die seit einigen Jahren begonnen hat, sich für die Israelis in Berlin zu interessieren. Ihren vorläufigen Höhepunkt hat diese Entwicklung 2014 mit dem sogenannten Schokopudding-Protest erlebt: Ein vorläufig in der deutschen Hauptstadt weilender Israeli hat auf Facebook seine Landsleute zur Auswanderung nach Berlin aufgerufen, weil Schokopudding (als Symbol für die allgemeinen Lebenskosten) hier billiger ist. Einige Wochen später ist der Initiator selbst nach Israel zurückgekehrt, und das Thema Berlin scheint, ohne dass eine tiefer eingehende Auseinandersetzung mit der etwaigen Existenz einer israelischen Community in Berlin stattgefunden hätte, bis auf Weiteres wieder in Vergessenheit geraten zu sein. In diesem Zusammenhang sei auch an die frühere Affäre um den israelischen Finanzminister Yair Lapid erinnert, der (ebenfalls auf Facebook) seine Kritik an der jüdischen Auswanderung nach Berlin zum Ausdruck brachte, wobei "Berlin" in diesem Fall eher als Projektionsfläche für einen innerisraelischen politischen Schlagabtausch diente.

Zugegebenermaßen haben auch wir Israelis in Berlin an diesem medialen Boom mitgewirkt. 2012 gelang einigen von uns die Gründung eines hebräischen Stadtmagazins namens "Spitz", das wir gerne als das erste seit den 1930er Jahren feiern. Dieses erscheint zweimonatlich und wird dank Sponsoren kostenlos an etwa 2.000 Personen geschickt, die mehrheitlich in Berlin wohnen. Nicht nur aufgrund des persönlichen Bezugs erscheint mir unser Magazin als passende Metapher für uns Israelis in Berlin – gefangen in dem großen Abstand zwischen dem medialen Phänomen und den tatsächlichen Bedingungen. Denn unterm Strich ist es eine sehr beschauliche Existenz, die unserem kleinen Projekt (noch?) vergönnt ist. Dies trifft auch verallgemeinert auf uns zu: Ja, wir sind hier, aber unsere Community entfaltet sich in einem wesentlich weniger glamourösen Umfang als dies angesichts mancher Berichterstattung zu sein scheint. Denn obwohl seit Kurzem ein gewisses Gemeinschaftsgefühl nicht mehr zu bestreiten ist, befindet sich das Ganze noch in den Anfängen, keineswegs vergleichbar zu anderen, sehr aktiven israelischen Communities weltweit, über die jedoch kaum berichtet wird.

Somit gelangen wir zu der Frage, warum die Israelis in Berlin trotz alledem ein Phänomen geworden sind. Die Antwort, die ich auf diese Frage bieten kann, wird kaum überraschen, aber sie vermag zu erklären, warum israelische Palästinenser, obwohl nicht weniger israelisch als ihre jüdischen Mitbürger, in diesem medialen Phänomen kaum eine Rolle spielen. Auch hier sei dahingestellt, inwiefern meine Situation – diesmal als Nichtdeutscher – mir helfen kann, das deutsche Phänomen zu verstehen, in dem ich sozusagen unwillkürlich eine kleine Rolle spiele.

Unsere Gegenwart als Israelis in Berlin ist, wie mir scheint, in erster Linie eine Gegenwart als Juden. So banal dies klingt, so wichtig ist es wohl, darüber nachzudenken: Unsere Bezeichnung als "Israelis" ist oft nur ein Hinweis auf unser Jüdischsein. Dies könnte erklären, wie manche Medien Zahlen nennen, die nur dann Sinn ergeben, wenn man die rund 10.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde dazurechnet.

Gleichzeitig geht es aber nicht nur um das bloße Jüdischsein. Was die Deutschen so sehr interessiert, ist das Phänomen eines besonderen Jüdischseins, das sich vom Gemeindeleben der Diasporajuden abhebt. Unter diesem Aspekt erscheinen die Israelis als die "Neuen Hebräer", wie eine an das deutsche Publikum gerichtete Ausstellung in Berlin vor einigen Jahren betitelt wurde. Denn wir Israelis kommen ja aus einem Land, in dem wir – ganz im Gegensatz zu allen anderen Juden weltweit – keine Minderheit sind. Im Gegenteil: Dort entfaltet sich die jüdische Identität, die hierzulande (wie überall in der Diaspora) doch sehr auf das Religiöse beschränkt ist, in allen, ja auch machtpolitischen Aspekten. Das typische Bild eines jungen Israelis in Berlin ist das eines gewesenen Soldaten (oder Soldatin) – für manche Einheimischen vielleicht das Bild eines Täters. Der hiesige Kontext verleiht uns also eine ganz neue Brisanz, die aus Individuen ein Thema macht, ein Phänomen.

In der deutschen Hauptstadt erscheinen die Israelis folglich nicht als Fortsetzung oder Wiederbelebung der jüdischen Existenz vor der Katastrophe der Shoah (diese Rolle beziehungsweise Wahrnehmung ist den Diasporajuden vorbehalten), sondern als etwas anderes, ganz anderes. Denn eine Community von Israelis in Berlin ist zweifelsohne ein historisches Novum, während es hier schließlich seit 1671 immer schon Diasporajuden gegeben hat – nicht nur vor dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch währenddessen, danach und erst recht heute, infolge der jüdischen Immigration aus der ehemaligen Sowjetunion. Doch die ehemals sowjetischen Juden wurden hergeholt, ihre Einwanderung wurde vom deutschen Staat gewollt, gefördert und organisiert. Ganz anders – abermals anders – verhält es sich bei den Israelis, deren Weg nach Berlin von keiner offiziellen Seite unterstützt, geschweige denn organisiert wird. Warum kommen sie bloß?

Dieser Frage gehe ich im nächsten Teil nach. Doch vorab ist festzuhalten: Es sind nicht die innerisraelischen Beweggründe der (relativ wenigen) Migranten, die sie zu dem Phänomen werden lassen, das von deutschen Medien als solches wahrgenommen wird. Im Gegenteil: Unsere bescheidene Existenz und der mediale Hype scheinen sich zu widersprechen. Dies sind die Rahmenbedingungen, innerhalb derer das Leben einzelner Israelis in Berlin stattfindet. Diese Widersprüchlichkeit, die ich hier zu schildern versucht habe, ist wohl das wichtigste Charakteristikum von "Israelis in Berlin".

Wirklichkeit von Israelis in Berlin

Schauen wir nun nicht mehr auf den deutschen Hype, sondern fokussieren uns auf die Lebensrealität der hier lebenden Israelis. Wie zuletzt beim Pudding-Protest, geht es auf der israelischen Seite beim Thema "Berlin" – wohl gegen deutsche Erwartungen – nicht so sehr um Geschichte, sondern um die Wirtschaft. Es ist immer wieder die Wirtschaft.

Man muss schon zugeben, dass der Hype in den israelischen Medien um den Pudding-Protest, wie auch der Protest selbst, nicht unberechtigt war. Milchprodukte sind in Israel etwa fünfmal so teuer wie in Deutschland, weil der israelische Milchmarkt seit Jahrzehnten mit einer zentralistischen, konkurrenzlosen Planwirtschaft staatlich verwaltet wird. Dabei ist der Milchmarkt nur ein Beispiel für viele objektiv vorhandene Probleme. Tatsächlich hat Israel noch einen langen Weg vor sich, um das sozialistische Erbe seiner Gründungsväter zu überwinden. Weder dem Initiator des Pudding-Protestes noch der israelischen Öffentlichkeit ging es wirklich um den Pudding, sondern um die allgemeinen Lebenshaltungskosten, bis hin zu den Immobilienpreisen.

Tatsächlich ist die israelische Migration nach Berlin in den vergangenen Jahren durch die Suche nach einem höheren Lebensstandard gekennzeichnet. Die Geschichte, die in den deutschen Medien verständlicherweise eine große Rolle spielt, ist den meisten Israelis von zweitrangiger Bedeutung. Wie schwer es Deutschen fällt, sich die wirtschaftliche Problematik in Israel vorzustellen, zeigt sich in der Diskrepanz zwischen der allgegenwärtigen Kritik in Berlin an den gestiegenen Wohnungs- und Mietpreisen und der israelischen Wahrnehmung derselben Preise als sehr billig. Um es mit einem zufälligen, aber treffenden Beispiel zu veranschaulichen: Während ich diesen Text schreibe, habe ich eine Mail bekommen, in der Bekannte meiner Mutter um meine Hilfe bitten, in Berlin eine Wohnung zu erwerben, da sie sich auf dem israelischen Markt, wo sich fast alle Grundstücke landesweit im staatlichen Besitz befinden, keine Wohnung leisten können.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Yoav Sapir für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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