Blick auf die Landschaft im Projektgebiet Magoma bei Korogwe/Tansania.

6.2.2015 | Von:
Andreas Eckert

Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit

Es ist eine Besonderheit unserer Zeit, konstatiert der Ethnologe James Ferguson, dass das Konzept "Entwicklung" so zentral für das Nachdenken über so viele Gebiete unserer Erde ist. Wie "Zivilisation" im 19. Jahrhundert steht nun seit geraumer Zeit "Entwicklung" für ein dominantes Raster der Interpretation, durch welches uns die ärmeren Regionen der Welt vertraut sind und in dessen Rahmen alltägliche Beobachtungen verständlich werden. Arme Länder sind demnach per definitionem "unterentwickelt", und die Armut und Machtlosigkeit der dort lebenden Menschen sind gleichsam nur die äußeren Anzeichen dieser zugrunde liegenden Bedingung.[1]

Mit der Ubiquität von "Entwicklung" geht massive Kritik an diesem Konzept einher. Es sei, so ein gängiger Vorwurf, zu einem qualligen, amöbengleichen Wort geworden, das nichts mehr fasse, weil seine Konturen verschwinden. Denn ständig entwickelt sich etwas oder wird entwickelt: Beziehungen, Kinder, Theorien. Über das Alltagsverständnis hinaus tragen wissenschaftliche Disziplinen zu diesem Wirrwarr bei. Psychologie, Physiologie und diverse Sozialwissenschaften bezeichnen bestimmte Prozesse jeweils mit "Entwicklung" und konstituieren sehr unterschiedliche Teildisziplinen.[2] Aber auch an der "Entwicklungshilfe" – oder wie es seit einiger Zeit politisch korrekter heißt: Entwicklungszusammenarbeit – gibt es Kritik, seitdem diese Praxis existiert.[3]

Der Entwicklungsgedanke scheint viele Leben zu haben, zumal es zahlreiche Versuche gab, ihm und damit verbundenen Praktiken den Garaus zu machen. Doch Nachrichten über seinen Tod erwiesen sich wiederholt als voreilig. "Die Entwicklungszusammenarbeit", schreiben die Historiker Daniel Speich und Hubertus Büschel, "ist mit ihren Visionen und Utopien, ihren Institutionen, Diskursen und Praktiken längst ein Teil der Geschichte und ein Gegenstand der Geschichtsschreibung geworden. Auch ist die Entwicklungszusammenarbeit nicht als Praxis verschwunden, obwohl man seit den 1980er Jahren häufig ihr baldiges Ende prophezeit hat (…) Vielmehr lässt sich fast überall auf der Welt ihre Vergangenheit erkennen, wodurch sich ihre Gegenwart verfestigt – ob nun durch Institutionen, Redeweisen, Praktiken oder Entwicklungshilferuinen. Entwicklungszusammenarbeit ist längst ein entscheidendes Element in der sozioökonomischen Realität fast aller Empfängerländer von Hilfe geworden, während die Mittelbeschaffungsstrategien der Hilfsagenturen das öffentliche Bild der ‚Dritten Welt‘ innerhalb der Gebergesellschaften stark beeinflussen."[4]

In der Wissenschaft dominiert heute in weiten Teilen eine Sichtweise, die ein Scheitern der Entwicklungszusammenarbeit konstatiert.[5] Besonders marktorthodoxe Ökonomen unternahmen große Anstrengungen, den Entwicklungsgedanken vollständig aus den höheren Rängen der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin zu verbannen. Aber auch Teile der Linken stellen die Legitimität der Ideen von Entwicklung infrage und brandmarken sie etwa als ein Mittel zur Zementierung globaler Hierarchien. Die Spaltung in "entwickelte" und "unterentwickelte" Länder schreibe überdies die alte rassistische Unterscheidung zwischen Kultur und Barbarei fort.[6] All dies steht in deutlichem Kontrast zu den Forderungen einer breiten Koalition aus Politik, Entwicklungsorganisationen und engagierten Prominenten, die Entwicklungshilfe zu erhöhen.[7]

Dass die vielfältigen Angriffe auf den Entwicklungsgedanken bislang nicht ihr Ziel erreicht haben, hat am Ende einen einfachen Grund: "So viel Treffendes die Kritik an eigennützigen Institutionen und Ideologien der Entwicklung auch enthält, sie versorgt keinen Bedürftigen mit Trinkwasser, sie mildert nicht das Joch von Frauen, die zwischen ländlichem Patriarchat und städtischer Ausbeutung gefangen sind, sie verteilt keine Medikamente gegen Malaria und Durchfall bei Kindern."[8] Viele Fragen an die Entwicklungszusammenarbeit stellen sich zudem anders, wenn sie systematisch und differenziert aus historischer Perspektive gestellt werden. In der Tat gibt es, wie im Folgenden am afrikanischen Beispiel skizziert wird, in der Geschichte der "Entwicklung" inzwischen jahrzehntelange Erfahrungen zu analysieren.

Spätkoloniale Ordnung und der Aufstieg des Konzepts "Entwicklung"

Dem Konzept "Entwicklung" kam eine besondere Bedeutung in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg abzeichnenden globalen Neuordnung zu. Denn dieser Begriff sagte den Politikerinnen und Politikern der "unterentwickelten" Gesellschaften ebenso zu wie den Menschen in "entwickelten" Ländern. Er ließ beide teilhaben an dem intellektuellen Universum und der moralischen Gemeinschaft, die nach 1945 im Kontext weltweiter Entwicklungsinitiativen entstand. Diese Gemeinschaft teilte die Überzeugung, dass die Linderung der Armut durch ökonomische und soziale Selbstregulierung allein nicht möglich sei. Vielmehr bedürfe es konzertierter Interventionen von Regierungen armer und reicher Länder in Zusammenarbeit mit der wachsenden Gruppe internationaler Hilfs- und Entwicklungsorganisationen. Im Laufe der Zeit hat sich "Entwicklung" zu einer Großindustrie gemausert, die mehrere Milliarden Dollar, eine Vielzahl von privaten, staatlichen und internationalen Organisationen sowie eine weltweite Gemeinschaft von Expertinnen und Experten involviert.

Viele der Aktivitäten, die heute unter die Rubrik "Entwicklung" fallen, haben eine lange Geschichte.[9] Das Konzept, ökonomischen "Fortschritt" etwa in den afrikanischen Kolonien mithilfe finanzieller Investitionen der Metropole zu erwirken, entstand sowohl im französischen als auch im britischen Kolonialreich nicht erst in den 1940er Jahren, sondern besitzt weitaus ältere Wurzeln. Durch den Bau von Eisenbahnen, Straßen und Häfen versuchten die Kolonialmächte schon bald nach dem "Scramble for Africa", den Kontinent wirtschaftlich zu "öffnen". Initiativen etwa der Kolonialminister Lord Alfred Milner und Albert Sarraut in den 1920er Jahren, metropolitane Gelder für die Ausweitung der Produktion in den Kolonien zu verwenden, stießen jedoch auf den massiven Widerstand ihrer Kollegen in den Regierungen in London und Paris. Diese hielten an der alten Überzeugung fest, Kolonien müssten sich selbst tragen und glaubten im Übrigen, Entwicklungsprogramme würden die soziale Ordnung in den kolonisierten Gebieten durcheinanderbringen.

Die Krise der großen Kolonialreiche änderte diese Haltung. In der Zeit während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg betrachteten die französischen und britischen Kolonialregierungen "Entwicklung" als ein Konzept, welches die koloniale Herrschaft angesichts aufkommender nationalistischer Bewegungen und militanter Arbeitskämpfe wieder kräftigen und neu legitimieren sollte. Doch ironischerweise sollte dieses Konzept die Kolonialherren schon bald zu der Überzeugung bringen, dass sie ihre Kolonien aufgeben könnten. Britische und französische Kolonialpolitiker glaubten zunächst, ihre Entwicklungsinitiativen würden die Kolonien in den turbulenten Nachkriegszeiten zugleich ökonomisch produktiver und politisch stabiler machen. So wurden Wellen von Experten nach Afrika gesandt, um den Bauern neue Wege des Anbaus zu weisen und den Arbeitern neue Formen der Arbeit nahezulegen. Die Neugestaltung der Gesundheitssysteme und des Bildungswesens stand ebenfalls hoch auf der Agenda. Der Nachkriegsimperialismus war ein Imperialismus des Wissens. Entwicklung war in diesem Zusammenhang etwas, das in und für, aber nur sehr bedingt mit Afrika getan werden musste.[10]

Aber nicht einmal ein Jahrzehnt später hatte die koloniale Entwicklungsinitiative ihren Reformeifer verloren. Entwicklung erschien nun nicht mehr vornehmlich als koloniales Projekt, das Autorität und Expertise verlangte, sondern wurde sozusagen als natürliche Entfaltung eines universalen sozialen Prozesses diskutiert. Diesen Prozess konnten menschliche Gestalterinnen und Gestalter erleichtern, aber im Grunde wurde er, so die damalige Lesart, von der Geschichte vorangetrieben. Daher konnte er sowohl von Afrikanern als auch von Europäern verwaltet werden. Das Entwicklungskonstrukt schöpfte dabei einen beträchtlichen Teil seiner Ausstrahlung aus der Ablehnung der Vergangenheit bei gleichzeitiger Verheißung für die Zukunft, weniger hingegen aus seiner Kapazität, die Probleme der Gegenwart adäquat anzusprechen oder gar zu lösen. Genau diese Dichotomie erlaubte es Frankreich und Großbritannien, das Bewusstsein der Notwendigkeit ihrer künftigen Mission auch angesichts des Scheiterns ihrer gegenwärtigen Mission zu bewahren. Im Übrigen vermochte Entwicklung im Gegensatz zu anderen imperialen Rechtfertigungen eine beträchtliche Anziehungskraft auf die nationalistischen Eliten zu entfalten. Am Ende übernahmen die Afrikaner das Projekt Entwicklung zusammen mit dem von den Kolonialregimen aufgebauten Staatsapparat und die sich zurückziehenden Kolonialherren konnten sich einreden, dass ihre Nachfolger zwangsläufig den von den Europäern angelegten Pfaden folgen würden.

Die wachsende Konvergenz von nordamerikanischen und europäischen Interessen bezüglich der Notwendigkeit, "Entwicklung" durch technische Hilfsprogramme zu erzeugen, spielte überdies eine wichtige Rolle für die Gründung einer Reihe von internationalen Organisationen in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds erweiterten zunehmend ihr Aktionsfeld. Hatten sie in den ersten Jahren nach Kriegsende den Wiederaufbau und die finanzielle Stabilität in Europa unterstützt, förderten sie bald die "internationale Entwicklung". Von ebenso großer Bedeutung war das Netz von Entwicklungsorganisationen, das unter dem Dach der Vereinten Nationen entstand: die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, die Weltgesundheitsorganisation WHO, das Kinderhilfswerk UNICEF, das Entwicklungsprogramm UNDP und die Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur UNESCO. Die Gründung dieser multilateralen Agenturen trug entscheidend zur Internationalisierung des Entwicklungskonzepts im Zeitalter der Dekolonisation bei. Obwohl die Verwaltung dieser Organisationen zunächst von Europäern und US-Amerikanern dominiert wurde und die Debatten vornehmlich spezifische nationale Interessen reflektierten, etablierte sich doch zunehmend als "gemeinsames Ziel" eine prosperierende, stabile Welt. Die wachsende Präsenz von "Entwicklungsländern" in den UN-Organisationen erleichterte es den Vertreterinnen und Vertretern aus Afrika, Asien und Lateinamerika, ihre Konzeption von Entwicklung in die Debatten einzubringen. Gleichwohl blieb die "Partnerschaft für den Fortschritt" eine ungleiche Beziehung, zumal die Ströme an Information, Wissen, Technologie und Expertise größtenteils von der "entwickelten" zur "unterentwickelten" Welt verliefen.[11]

Fußnoten

1.
Vgl. James Ferguson, The Anti-Politics Machine. Development, Depoliticization, and Bureaucratic Power, Cambridge, MA 1990.
2.
Vgl. Reinhart Kößler, Entwicklung, Münster 1998.
3.
Für die Begrifflichkeiten und ihre Bedeutung im Feld der Entwicklungspolitik vgl. Hubertus Büschel, Geschichte der Entwicklungspolitik, 11.2.2010, docupedia.de/zg/Geschichte_der_Entwicklungspolitik (16.1.2015); Franz Nuscheler, Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik, Bonn 20045.
4.
Daniel Speich/Hubertus Büschel, Einleitung – Konjunkturen, Probleme und Perspektiven der Globalgeschichte von Entwicklungszusammenarbeit, in: dies. (Hrsg.), Entwicklungswelten. Globalgeschichte der Entwicklungszusammenarbeit, Frankfurt/M. 2009, S. 7–29, hier: S. 10.
5.
In der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Forschung wird dieses "Scheitern" seit geraumer Zeit und häufig sehr differenziert und gelegentlich auch mit einer historischen Perspektive analysiert. Vgl. etwa Thomas Bierschenk/Georg Elwert (Hrsg.), Entwicklungshilfe und ihre Folgen. Ergebnisse empirischer Untersuchungen in Afrika, Frankfurt/M. 1993; Dieter Neubert, Entwicklungspolitische Hoffnungen und gesellschaftspolitische Wirklichkeit. Eine vergleichende Länderfallstudie von Nicht-Regierungsorganisationen in Kenia und Ruanda, Frankfurt/M. 1997; Aram Ziai, Zwischen Global Governance und Post-Development. Entwicklungspolitik aus diskursanalytischer Perspektive, Münster 2006; F. Nuscheler (Anm. 3).
6.
Grundlegend für diese Perspektive vgl. Arturo Escobar, Encountering Development. The Making and Unmaking of the Third World, Princeton 1995; Wolfgang Sachs (Hrsg.), The Development Dictionary. A Guide to Knowledge as Power, London–New York 1992. Die hierzulande erste lautstarke und medienwirksame Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit aus linker Perspektive, verknüpft mit der Forderung, diese abzuschaffen, formulierte Brigitte Erler, Tödliche Hilfe. Bericht von meiner letzten Dienstreise in Sachen Entwicklungshilfe, Freiburg/Br. 1985.
7.
Besonders nachdrücklich hat sich der angesehene Ökonom Jeffrey Sachs von der Position abgewandt, dass die "Entwicklungsländer" der Marktdisziplin zu unterwerfen seien. Er wurde zu einem dezidierten Befürworter kostenintensiver Armutsbekämpfungsprogramme von Staaten und internationalen Organisationen. Vgl. Jeffrey Sachs, Das Ende der Armut, München 2005; ders., Wohlstand für alle, München 2007.
8.
Frederick Cooper, Writing the History of Development, in: Journal of Modern European History, 8 (2010) 1, S. 5–23, hier: S. 6.
9.
Die Geschichte von Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit wird inzwischen recht breit erforscht. Vgl. grundlegend Frederick Cooper/Randall Packard (Hrsg.), International Development and the Social Sciences. Essays on the History and Politics of Knowledge, Berkeley 1997. Die folgenden Abschnitte basieren auf der Einleitung zu diesem Buch. Aus der Fülle der neueren Publikationen vgl. Hubertus Büschel, Hilfe zur Selbsthilfe. Deutsche Entwicklungsarbeit in Afrika 1960–1975, Frankfurt/M. 2014; Joseph Hodge et al. (Hrsg.), Developing Africa. Concepts and Practices in Twentieth-Century Colonialism, Manchester 2014. Für gute historiografische Überblicke vgl. Corinna Unger, Histories of Development and Modernization: Findings, Reflections, Future Research, 9.12.2010, hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2010-12-001.pdf (16.1.2015) sowie H. Büschel (Anm. 3).
10.
Vgl. die sehr instruktive Fallstudie von Monica M. van Beusekom, Negotiating Development. African Farmers and Colonial Experts at the Office du Niger, 1920–1960, Oxford 2002.
11.
Vgl. Marc Frey et al. (Hrsg.), International Organizations and Development 1945–1990, New York 2014.
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