Blick auf die Landschaft im Projektgebiet Magoma bei Korogwe/Tansania.

6.2.2015 | Von:
Franziska Müller
Aram Ziai

Eurozentrismus in der Entwicklungszusammenarbeit

Spätestens seit der postkolonialen und Post-Development-Kritik[1] ist die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) mit dem Vorwurf des Eurozentrismus konfrontiert worden. Doch was genau ist darunter zu verstehen? Ist EZ per se eurozentrisch? Wie könnte eine nicht eurozentrische Entwicklungspolitik aussehen? Lösen "neue" Geber derlei Problematiken – oder wiederholen sich kontroverse Geberpraktiken etwa in Form einer "sinozentrischen" EZ? Diese Fragen sollen im vorliegenden Artikel erörtert werden. Zunächst betrachten wir das Phänomen des Eurozentrismus und seine Verknüpfung mit den Grundannahmen der EZ. Anschließend widmen wir uns der Frage, inwiefern die Herausbildung einer zusehends polyzentrischen Weltordnung und die zunehmende Relevanz der neuen Geber Auswirkungen auf das Rollenverhalten der beteiligten Akteure und das Phänomen des Eurozentrismus haben. Im letzten Abschnitt diskutieren wir Alternativen in Form eines anderen, nicht eurozentrischen EZ-Bezugsrahmens und entsprechender politischer Arenen.

Eurozentrismus als Phänomen

Eurozentrismus kann definiert werden als ein spezifisch europäischer Ethnozentrismus. Ethnozentrismus äußert sich laut dem Politikwissenschaftler und Aktivisten Henning Melber, indem "bewußt oder unbewußt unsere Haltung gegenüber Angehörigen einer anderen Kultur in hohem Maße durch die in unserer eigenen Kultur erlernten Wahrnehmungs-, Wertungs- und Verhaltensmuster (gesteuert wird)".[2] Die Bewertung der Anderen erfolgt mithin auf der Grundlage der eigenen kulturell geprägten Normen und der Annahme ihrer Überlegenheit.

Eurozentrismus repräsentiert demgegenüber ein verschiedene partikulare Ethnozentrismen transzendierendes, universalistisches Bewertungsmuster, das geprägt ist von den Normen des Industriekapitalismus und der Aufklärung, und historisch mit dem Kolonialismus global wirkungsmächtig geworden ist. Dieses Bewertungsmuster ist geprägt von der Annahme nicht nur der Unterlegenheit, sondern der historischen Rückständigkeit nichteuropäischer Kulturen und der Mission ihrer Zivilisierung, von einer "universellen Theorie der Fremdheit und ihrer notwendigen Aufhebung".[3] Das heißt, die Fremden sind nicht nur anders, sondern so, wie wir selbst in einem früheren "Entwicklungsstadium" waren – Melber bezeichnet dies als eine "Verzeitlichung des räumlichen Nebeneinander";[4] bei "guter Führung" werden sie einmal so sein, wie wir jetzt sind. Die sich daraus ergebende Sichtweise auf die vermeintlich rückständigen und "zu entwickelnden" Anderen und die damit verbundene Annahme universaler Übertragbarkeit der eigenen normativen Ordnung an beliebige andere Orte nennt Melber den "kolonialen Blick",[5] dem stets die Gefahr des Rassismus innewohnt. Eurozentrismus hat dabei einen gewissen Formwandel durchlaufen, etwa indem neue Normen wie ökologische Nachhaltigkeit, Chancengleichheit oder westliche Vorstellungen von individueller Geschlechtergleichstellung integriert wurden. Eurozentrisch ist dabei nicht die Norm von der Gleichberechtigung der Geschlechter an sich, sondern ihre Instrumentalisierung zur sozialen Konstruktion der rückständigen Anderen.

Ausgehend von diesen Überlegungen müssen wir schlussfolgern, dass Eurozentrismus in der Grundstruktur der EZ verankert ist – jedenfalls sofern sie davon ausgeht, dass die Gesellschaften des Nordens "entwickelt" (also die Norm), die des Südens jedoch "weniger entwickelt" (also die defizitäre Abweichung) sind, und Erstere Letztere beim Prozess der "Entwicklung" durch den Transfer von Wissen, Normen, Technologie und Kapital unterstützen. Dies geht nämlich davon aus, dass es im Süden gesellschaftliche Probleme gibt, für die im Norden Problemlösungskompetenz vorhanden ist – nicht aber umgekehrt. Obwohl die Rhetorik einer "Partnerschaft auf Augenhöhe" Einzug in die EZ gehalten hat und Konzepte wie die Dreieckskooperation[6] wechselseitige Lernprozesse anstreben, verläuft EZ in der Regel immer noch in Form einer Einbahnstraße, die von Norden nach Süden führt: Afrikanische Expertinnen und Experten, die Projekte zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von Europäerinnen und Europäern durchführen, kommen in der offiziellen Politik schlicht nicht vor.

Eurozentrismus ist jedoch nur ein problematischer Aspekt von entwicklungspolitischen Beziehungen. Bei näherem Hinsehen müssen drei Ebenen asymmetrischer Beziehungen in der EZ voneinander unterschieden werden: die Expertenhierarchie, die Geberhierarchie und die Normenhierarchie. Die Expertenhierarchie besteht zwischen denjenigen, die über privilegiertes Wissen über die Defizite der Lebensweisen Anderer und deren Verbesserung verfügen – Michael Cowen und Robert Shenton sprechen hier von "Treuhandschaft"[7] – und den Objekten dieser Sozialtechnologie. Die Geberhierarchie besteht zwischen Geber- und Empfängerländern finanzieller Transfers in der EZ. Sie verfestigt bestehende materielle Abhängigkeiten und stellt darüber hinaus Formen symbolischer Dominanz und ökonomischer Bedürftigkeit her, da der Mittelfluss nur einseitig erfolgt und die Möglichkeit eines wechselseitigen Transfers zumeist nicht gegeben ist. Eurozentrismus im obigen Sinne ist auf einer dritten Ebene angesiedelt, jener der kulturellen Normen. Zwar sind diese Ebenen in der Praxis oft miteinander verflochten, die Geber sind jedoch heute nicht mehr notwendigerweise aus dem Norden, die Treuhandschaft ist mit der Dekolonisation ohnehin zum großen Teil an die nationalen Eliten übergegangen und eurozentrische Sichtweisen im Sinne einer Geringschätzung nichtwestlicher Normen und Modelle finden sich durchaus auch bei Menschen aus Afrika, Asien und Lateinamerika.[8]

Als praktisches Beispiel für Eurozentrismus in der EZ kann der Bereich der Demokratieförderung angeführt werden. Hier wird – etwa im Rahmen der Kooperation zwischen EU und AKP-Staaten[9] – das Modell einer liberal-kapitalistischen, repräsentativen Mehrparteiendemokratie, das sich im westeuropäisch-nordamerikanischen Kontext herausgebildet hat, als das erfolgreichste und damit wünschenswerteste Modell einer Demokratie angesehen. Andere Modelle gelten demgegenüber als defizitär und nicht wirklich demokratisch, mithin als Objekte, die im Rahmen der EZ zu reformieren sind. Die Herausbildung eigenständiger demokratischer Regierungsformen tritt davor in den Hintergrund. Dies betrifft beispielsweise das von weiten Teilen der Bevölkerung Botswanas favorisierte Modell des Einparteienstaates, das als eine partizipativere und substanziellere Form von Demokratie angesehen wird als das bestehende prozedurale, auf den Wahlakt alle vier Jahre reduzierte Modell.[10] Dies betrifft auch Formen kommunitärer Direktdemokratie und indigener Autonomie, die durch die Regierung Morales seit 2006 in Bolivien eingeführt worden sind,[11] während laut der Nichtregierungsorganisation Freedom House der Staat durch diese Reformen unfreier und undemokratischer geworden ist.[12] Auch in Ecuador sah sich die deutsche Demokratieförderung einer Demokratisierung gegenüber, die von dem Idealbild einer liberal-repräsentativen Demokratie zunehmend abwich.[13] Durch die Abwesenheit deutscher Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen in diesen Ländern zeigte die deutsche EZ jedoch eine gewisse Toleranz gegenüber diesen Abweichungen, wie der Politikwissenschaftler Jonas Wolff feststellt. Dies allerdings impliziert bereits die Präsenz geopolitischer und außenwirtschaftlicher Ziele in der EZ und deutet auf die Verflechtung der verschiedenen Ebenen hin: Wenn im konkreten Fall die Geberinteressen nicht sehr ausgeprägt sind, nimmt auch der Eurozentrismus ab und der mit der Förderung von Partizipation und Selbstbestimmung verknüpfte Abbau der Expertenhierarchie wird zugelassen.

Fußnoten

1.
Vgl. Henning Melber, Der Weißheit letzter Schluß. Rassismus und kolonialer Blick, Frankfurt/M. 1992; Wolfgang Sachs (Hrsg.), Wie im Westen, so auf Erden. Ein polemisches Handbuch zur Entwicklungspolitik, Reinbek 1993.
2.
H. Melber (Anm. 1), S. 10f.
3.
Ebd., S. 12.
4.
Ebd., S. 32.
5.
Ebd., S. 12.
6.
Als Dreieckskooperation wird in der EZ die gemeinsame Kooperation von traditionellen und neuen Gebern mit Entwicklungsländern bezeichnet.
7.
Michael Cowen/Robert W. Shenton, Doctrines of Development, London 1996, S. ixf.
8.
Welche Rolle hierbei Normendiffusion, mediale Manipulation oder die transformierende Aneignung von Normen spielen, ist im Einzelfall zu klären.
9.
AKP steht für den afrikanischen, karibischen und pazifischen Raum.
10.
Vgl. Jean Comaroff/John L. Comaroff, Der Süden als Vorreiter der Globalisierung. Neue postkoloniale Perspektiven. Frankfurt/M. 2012, Kap. 5.
11.
Vgl. Tanja Ernst, Postkoloniale Theorie und politische Praxis: Die Dekolonisierung Boliviens, in: Prokla Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 40 (2010) 158, S. 49–66.
12.
Vgl. Freedom House, Freedom in the World 2014, Bolivia, http://www.freedomhouse.org/report/freedom-world/2014/bolivia-0« (29.12.2014); Bolivien wird als "teilweise frei" eingestuft, ebenso wie das ungleich stärker von Eliten beherrschte Kolumbien.
13.
Vgl. Jonas Wolff, Demokratieförderung als Suchprozess. Die Bolivien- und Ecuadorpolitik Deutschlands in Zeiten demokratischer Revolution, Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung Report 2/2010.
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Autoren: Franziska Müller, Aram Ziai für bpb.de
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