Blick auf die Landschaft im Projektgebiet Magoma bei Korogwe/Tansania.

6.2.2015 | Von:
Thomas Pogge

Weltarmut und Menschenrechte – Essay

Trotz eines hohen und wachsenden globalen Durchschnittseinkommens leben nach wie vor sehr viele Menschen in extremer Armut. Bei einer Weltbevölkerung von gegenwärtig rund 7,25 Milliarden Menschen sind nach offiziellen Angaben 805 Millionen Menschen unterernährt,[1] haben mehr als eine Milliarde keine geeignete Unterkunft,[2] etwa 748 Millionen kein sauberes Trinkwasser,[3] rund 1,8 Milliarden keine ausreichenden sanitären Einrichtungen[4] und 1,2 Milliarden keinen elektrischen Strom.[5] Mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen verlässlichen Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten[6] und 781 Millionen Menschen über 14 Jahre sind Analphabeten.[7] 168 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren leisten Lohnarbeit, oft unter sklavenähnlichen und gefährlichen Bedingungen: als Soldaten, Prostituierte oder Haushaltshilfen, in der Landwirtschaft, im Bauwesen oder in der Textil- und Teppichwirtschaft.[8] Mindestens ein Drittel aller menschlichen Todesfälle, 18 Millionen pro Jahr, geht auf armutsbedingte Ursachen zurück.[9] Das summiert sich auf etwa 450 Millionen vorzeitige Todesfälle seit Ende des Kalten Krieges – viel mehr in 25 Jahren, als durch staatliche Gewalteinwirkung im 20. Jahrhundert ums Leben kamen.

Dieses Problem ist nicht unlösbar – trotz seiner Dimension. Die ärmere Hälfte der Menschheit verfügt über nur 3,3 Prozent des globalen Haushaltseinkommens[10] und könnte, wenn es nur fünf oder sechs Prozent wären, von allen schwerwiegenden Entbehrungen befreit sein. Noch dramatischere Ungleichheiten existieren in der Verteilung von Vermögen: Das Vermögen der ärmeren Hälfte der Menschheit entspricht jenem der reichsten 66 Milliardäre.[11] Es ist offensichtlich, dass gravierende Armut heute vermeidbar ist.

Bewohnerinnen und Bewohner der wohlhabenderen Länder scheinen jedoch konditioniert zu sein, Schwere und Fortdauer der Weltarmut herunterzuspielen und sie als Anlass für Wohltätigkeit zu betrachten. Zum Teil auch aufgrund wirtschaftswissenschaftlicher Erklärungen wird mehrheitlich die Ansicht vertreten, gravierende Armut sei ausschließlich lokalen Ursachen geschuldet. Wenige erkennen, dass gravierende Armut ein anhaltendes Unrecht ist, das den Armen der Welt zugefügt wird. Würden wir in den wohlhabenden Ländern das wahre Ausmaß des Armutsproblems und unsere kausale Beteiligung daran begreifen, könnten wir das Notwendige unternehmen, um sie zu beseitigen.

Dass Weltarmut ein anhaltendes Unrecht ist, das wir zufügen, scheint den meisten Bewohnern der wohlhabenden Länder jedoch völlig unvorstellbar. Wir nennen es tragisch, dass grundlegende Menschenrechte so vieler unerfüllt bleiben, und sind bereit einzugestehen, dass wir mehr Hilfe leisten sollten. Dass wir aktiv verantwortlich für diese Katastrophe sind, ist für uns undenkbar. Denn dann wären wir, die zivilisierten und gebildeten Bewohner der "entwickelten" Länder, des größten je gegen die Menschlichkeit verübten Verbrechens schuldig. Was könnte abwegiger sein?

Denken wir aber einen Moment lang das Undenkbare. Gibt es Maßnahmen, die die wohlhabenden Länder ergreifen könnten, um gravierende Armut in anderen Ländern zu mindern? In Anbetracht der bereits erwähnten enormen Ungleichheiten bei Einkommen und Gesundheit scheint dies höchst wahrscheinlich. Die Annahme ist jedoch weit verbreitet, die Minderung gravierender Armut in anderen Ländern auf Kosten unseres eigenen Wohlstands sei ein Zeichen von Großzügigkeit und keine Verpflichtung; eine Unterlassung unsererseits sei allenfalls ein Mangel an Großzügigkeit und mache uns nicht moralisch verantwortlich für die fortwährenden Entbehrungen der Armen.

Ich bestreite diese weit verbreitete Annahme. Ich bestreite, dass die wohlhabendsten 20 Prozent der Weltbevölkerung angesichts doppelt so vieler in schwerer Armut lebender Menschen ein moralisches Recht auf ihre 84 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts haben. Ist diese Haltung wirklich so abwegig, dass die Argumente, die für sie sprechen, gar nicht erst in Betracht zu ziehen sind? Erlegt uns die radikale Ungleichheit zwischen unserem Wohlstand und deren Notlage nicht zumindest die Bürde auf, zu beweisen, warum uns moralisch so viel zustehen soll, während andere so wenig haben? Im Folgenden möchte ich die gängige Annahme diskutieren und zeigen, dass die üblichen Methoden, unseren großen Vorteil zu rechtfertigen, fehlschlagen.[12] Meine Argumentation stützt sich auf drei voneinander unabhängige Thesen.

Tatsächliche Geschichte

Viele vertreten die Ansicht, die bestehende radikale Ungleichheit ließe sich mit der Art und Weise ihrer Entstehung rechtfertigen, beispielsweise aufgrund von Unterschieden in Fleiß, Kultur, Gesellschaftsinstitutionen, Bodenqualität, Klima oder schlicht Glück beziehungsweise Pech. Ein Blick auf die den wohlhabenden und ärmeren Ländern gemeinsame blutige Geschichte, durch die diese Ungleichheit entstanden ist, hinterfragt eine solche Rechtfertigung: Zum Großteil entwickelte sie sich in der Kolonialzeit, als die heute wohlhabenden Länder die heute armen Regionen der Welt beherrschten, mit ihren Völkern wie mit Vieh handelten, ihre politischen Institutionen und Kulturen zerstörten, ihnen Land und natürliche Ressourcen raubten und ihnen Produkte und Zölle aufzwangen. Die tatsächlichen geschichtlichen Verbrechen waren so schlimm, vielfältig und folgenreich, dass keine Konzeption historisch legitimierter Eigentumsrechte glaubhaft die Annahme stützen könnte, unsere gemeinsame Geschichte sei gutartig genug, um die heute herrschende gewaltige Ungleichheit in sozioökonomischen Ausgangspositionen zu rechtfertigen.

Thesen wie diese werden häufig mit der bequemen Erwiderung abgetan, wir könnten nicht verantwortlich gemacht werden für die Taten anderer vor unserer Zeit. Diese Erwiderung ist zwar richtig, aber irrelevant. Tatsächlich können wir nicht die Verantwortung für die Sünden unserer Vorväter erben. Doch wie können wir dann glaubhaft die Früchte ihrer Sünden für uns beanspruchen? Wie können wir Anspruch erheben auf den großen Vorsprung, den unsere Länder beim Übergang in das postkoloniale Zeitalter genossen haben, und auf unsere daraus resultierenden gewaltigen Vorteile gegenüber den Armen der Welt?

Ich sage: "Die Aufrechterhaltung von radikaler Ungleichheit ist verwerflich, wenn diese Ungleichheit durch einen moralisch skandalösen historischen Prozess zustande gekommen ist."[13] Demnach schwächt der historische Prozess, der zu unserem außerordentlichen Wohlstand führte, unseren moralischen Anspruch auf diesen in hohem Maße – ganz sicher angesichts derer, die derselbe historische Prozess akuter Entbehrung ausgeliefert hat. Die ärmere Hälfte der Menschheit hat einen wesentlich stärkeren moralischen Anspruch auf jene zusätzlichen zwei Prozent des globalen Bruttosozialprodukts, die sie benötigt, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, als wir wohlhabenden 20 Prozent auf unsere 84 statt 82 Prozent.

Fußnoten

1.
Vgl. Food and Agriculture Organization/International Fund for Agricultural Development/World Food Programme, The State of Food Insecurity in the World 2014. Strengthening the Enabling Environment for Food Security and Nutrition, Rome 2014, S. 8, 11, 40.
2.
Vgl. Raquel Rolnik, The Right to Adequate Housing, Genf 2014, S. 1.
3.
Vgl. Tessa Too-Kong (Hrsg.), The Millennium Development Goals Report 2014, New York 2014, S. 47.
4.
Vgl. ebd., S. 45.
5.
Vgl. World Bank, Energy, http://www.worldbank.org/en/topic/energy« (15.1.2015).
6.
Vgl. Edmund Mohammed Nyanwura/Reuben K. Esena, Essential Medicines Availability and Affordability: A Case Study of the Top Ten Registered Diseases in Builsa District of Ghana, in: International Journal of Scientific and Technological Research, 2 (2013) 8, S. 208.
7.
Vgl. UNESCO Institute for Statistics, International Literacy Data 2014, http://www.uis.unesco.org/literacy/Pages/literacy-data-release-2014.aspx« (15.1.2015).
8.
Vgl. International Labour Organization, Child Labour, http://www.ilo.org/global/topics/child-labour/lang--en/index.htm« (15.1.2015).
9.
Vgl. World Health Organization, Global Burden of Disease: 2004 Update, Genf 2008, S. 54–59.
10.
Diese Zahl wurde von Branko Milanovic, City University of New York, zur Verfügung gestellt.
11.
Vgl. Kasia Moreno, The 67 People as Wealthy as the World’s Poorest 3.5 Billion, 25.3.2014, http://www.forbes.com/sites/forbesinsights/2014/03/25/the-67-people-as-wealthy-as-the-worlds-poorest-3-5-billion« (15.1.2015).
12.
Vgl. hier und im Folgenden Thomas W. Pogge, Weltarmut und Menschenrechte: Kosmopolitische Verantwortung und Reformen, Berlin 2011.
13.
Ebd., S. 254.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Thomas Pogge für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.