Spendenbüchse mit der Aufschrift "Für die Armen" in der Schlosskirche auf Schloss Friedenstein in Gotha.

27.2.2015 | Von:
Klaus Dörre

Unterklassen. Plädoyer für die analytische Verwendung eines zwiespältigen Begriffs

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Diskussion über soziale Ungleichheiten in Bewegung geraten. Gegenwärtig leben 70 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, in denen die Unterschiede zwischen Arm und Reich während der zurückliegenden drei Jahrzehnte zugenommen haben. 2014 verfügten die 80 reichsten Personen über das gleiche Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit (etwa 3,5 Milliarden Menschen).[1] Einer dramatischen Konzentration von Vermögen innerhalb des obersten einen Prozents der Weltbevölkerung stehen expandierende Gruppen gegenüber, die wirtschaftlich scheinbar "überflüssig" sind. Während sich die – zwar expandierende, nichtsdestotrotz winzige – Gruppe superreicher Vermögensbesitzer nach oben "exkludiert", fallen selbst in manchen Wohlfahrtsstaaten 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung aus geschützter Erwerbsarbeit und kollektiven Sicherungssystemen heraus.

Sozialwissenschaftliche Versuche, "grobe" soziale Unterschiede zu deuten, greifen auf Konzepte zurück, die eine vornehmlich an der Individualisierung und Pluralisierung sozialer Ungleichheiten interessierte Soziologie längst ad acta gelegt hatte. So diagnostiziert Göran Therborn einen Rückgang der Unterschiede zwischen Nationalstaaten bei gleichzeitiger Zunahme klassenspezifischer Ungleichheiten innerhalb von Nationalstaaten. In den reichen Gesellschaften des globalen Nordens habe die Deindustrialisierung zu einem Niedergang der Arbeiterschaft und ihrer Machtressourcen geführt. Hingegen hätten die wachsenden Arbeiterklassen der großen Schwellenländer den Aufstieg in die ebenfalls expandierenden Mittelklassen als lebenspraktische Vision vor Augen. Eine Konsequenz sei, dass sich die Konfliktdynamik in Richtung der gebildeten, beruflich jedoch chancenlosen Gruppen oder hin zu jenen "plebejischen Massen" verschiebe, die unterhalb der Arbeiterschaft und ihrer geschwächten Organisationen quantitativ wie qualitativ die Sozialstruktur prägten.[2]

Therborn argumentiert mit dem Klassenbegriff, auf die "plebejischen Massen" wendet er ihn aber nicht an. Das ist kein Zufall. Die Kategorie der underclass ist im englischen Sprachkreis ebenso kontaminiert wie die der Unterschicht im deutschsprachigen Raum. Wer diese Begriffe benutzt, läuft Gefahr, Stereotype zu transportieren, die in der Konsequenz auf eine kollektive Abwertung der so Bezeichneten hinauslaufen. Die deutsche Unterschichtendebatte lieferte Anschauungsunterricht. Als der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck von einer Unterschicht sprach, der es an Aufstiegswillen mangele,[3] konterte sein Parteigenosse Franz Müntefering, indem er die Existenz einer solchen Schicht in Abrede stellte.[4] In der begrifflichen Unsicherheit von Politikern offenbart sich ein reales Dilemma. Wie können jene, die sich in sozialer Nähe zu den "sozial Verachteten"[5] der Gesellschaft befinden, angemessen bezeichnet werden?

Nachfolgend schlage ich vor, den Begriff der Unterklasse analytisch zu nutzen. Dazu ist es sinnvoll, kollektive Abwertungen selbst als Triebkräfte von Klassenbildung zu begreifen. Die Entstehung von Unterklassen in den reichen Gesellschaften des Nordens hängt eng mit der Wiederkehr und Ausbreitung entwürdigender Arbeit zusammen, wie wir sie aus der Vor- und Frühgeschichte des Industriekapitalismus kennen. Feudale Gesellschaften ließen Bettler und Vagabunden die disziplinierende Gewalt der Zünfte und der Armenpolizei spüren. Freisetzung aus der hierarchischen Ordnung, wie sie sich im Übergang zur industriell-kapitalistischen Produktionsweise vollzog, bedeutete häufig Zwangspauperisierung. Potenzielle Arbeitskräfte wurden einem Disziplinarregime unterworfen, das seinen Ursprung noch in der Feudalzeit hatte. Sie verrichteten "unwürdige Lohnarbeit",[6] nützliche abhängige Arbeit, die nicht mit gesellschaftlicher Wertschätzung verbunden war. Wer sie ausübte, zog negative Klassifikationen auf sich und war in den Augen besser gestellter Bevölkerungskreise selbst unwürdig. Aufgrund der Freisetzung von Lohnabhängigen aus wohlfahrtsstaatlichen Sicherungen kommt es, auf einem völlig neuen Reichtumsniveau, heute zu einer massenhaften Wiederkehr dieses Phänomens. Die "Vagabunden"[7] des 21. Jahrhunderts sind weder "überflüssig" noch "entbehrlich". Sie leisten jedoch Arbeit, die ihnen weder zu gesellschaftlicher Anerkennung noch zu einer sicheren Existenz verhilft. "Unwürdige" Arbeit bringt, so die These, eine in sich heterogene, hierarchisch gegliederte Unterklasse ohne positive Kollektividentität hervor. Wie lässt sich diese Sichtweise begründen?

Unscharfe Begriffe

Im angelsächsischen Sprachraum bezeichnet underclass häufig eine "wohlfahrtsabhängige" Großgruppe, die sich angeblich daran gewöhnt hat, von staatlichen Almosen zu leben.[8] In Deutschland erfüllt der Begriff der Unterschicht eine ähnliche Funktion. Die Kategorie wird genutzt, um kulturelle Merkmale zuzuschreiben, die die so Bezeichneten diskreditieren.[9] Für einen kulturalistisch aufgeladenen Begriff der Unterschicht ist nicht Ausgrenzung, sondern die zersetzende Wirkung von Amoralität, Leistungsunwilligkeit, Fast Food und Unterschichtenfernsehen das eigentliche Problem.[10] Stets schwingt in den Bildern vermeintlich "parasitärer" Unterklassen eine Urangst der Mittelklassen mit, die Wohlstandsverwahrlosung könne zur Ausbreitung eines Virus führen, der bürgerliche Tugenden zersetze und den Aufstiegswillen auch beim eigenen Nachwuchs erlahmen lasse.

Wer solche Distinktionsstrategien ablehnt, scheint gut beraten, Begriffe wie Unterklasse oder Unterschicht zu meiden. Doch was sind die begrifflichen Alternativen? Soziale Exklusion benennt Ausschlussmechanismen, kann aber soziale Großgruppen, deren innere Strukturierung, Lebensformen und Praktiken nur unzureichend beschreiben. Letzteres soll der Begriff der Randschicht leisten. Diese Kategorie zielt auf Bevölkerungsgruppen, "die aufgrund gravierender Benachteiligungen unterschiedlicher Art vom ‚normalen‘ Leben der Gesellschaft ausgeschlossen sind".[11] In einer sehr unscharfen Fassung kann er auf Migranten und Spätaussiedler, Vorbestrafte und Homosexuelle, Sozialhilfeempfänger und Obdachlose, Menschen mit Behinderungen und alte Menschen, Drogenabhängige und Arbeitslose angewendet werden. Der Begriff wird geschärft, wenn er sich auf ökonomisch unterversorgte Gruppen (Arme, Langzeitarbeitslose, Obdachlose, Sozialhilfebezieher) bezieht, die in relativer Armut leben. Arbeitslosigkeit und Armut werden als Hauptursachen für die Randschichtenbildung benannt. "Rand" signalisiert allerdings, dass es sich um gesellschaftliche Minderheiten handelt, deren Leben von der Norm abweicht. "Schicht" soll darauf hinweisen, dass der Wohlfahrtsstaat Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg bietet: Zwar werde die relative Armutskluft in Deutschland immer größer, dennoch gebe es keine ausgedehnte "Subkultur der Randständigkeit", keine "Unterklasse".[12]

Letzteres kann man bezweifeln. In einer Einwanderungsgesellschaft, in der das sogenannte Normalarbeitsverhältnis samt der mit ihm verbundenen Lebensformen und geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung seit Jahrzehnten auf dem Rückzug ist, werden die Maßstäbe für Normalität brüchig. Hinzu kommt, dass es nicht nur eine zeitliche Verflüssigung, sondern auch die Ausweitung und Verfestigung von Armutslagen gibt. In der Bundesrepublik zeigt sich eine klassenspezifische Kontinuität von Armutsrisiken,[13] die soziale Aufwärtsmobilität ist insbesondere in Ostdeutschland ins Stocken geraten,[14] und die Lage von Erwerbslosen hat sich infolge der Hartz-Reformen auch im europäischen Vergleich deutlich verschlechtert.[15] Der klassenspezifischen Kontinuität von Ungleichheiten tragen Ansätze Rechnung, die sozial-moralische Milieus untersuchen. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die seinerzeit die Unterschichtendebatte ausgelöst hatte, zählte acht Prozent der Bevölkerung, unter ihnen überdurchschnittlich viele männliche Facharbeiter und einfache Angestellte im berufsaktiven Alter, zum abgehängten Prekariat. Allerdings gehörten nur 49 Prozent der Personen, die diesem Milieu zugeordnet wurden, der Unter- oder der unteren Mittelschicht an.[16] Nach Michael Vester, der ebenfalls mit den Sinus-Milieus arbeitet, sind etwa elf Prozent der Bevölkerung Unterschichtenmilieus zuzurechnen.[17]

Der Milieuansatz bietet eine gute Grundlage, um Distinktionskämpfe zwischen sozialen Großgruppen zu entschlüsseln; in manchen Verwendungen tendiert er jedoch dazu, die Angehörigen der unteren Sozialmilieus vorzugsweise als Mängelwesen zu begreifen. Letzteres suchen klassenanalytische Betrachtungen zu vermeiden, die das Prekariat ("the Precariat") als "a class-in-the-making" betrachten.[18] Wie die "gefährlichen Klassen" früherer Perioden neigen die Prekarier zu regelverletzenden Protesten und Revolten. Anders als ihre historischen Vorläufer seien sie jedoch in der Lage, eine spezifische Klassenidentität zu entwickeln. Diese Identität sei subjektive Triebkraft sozialer Bewegungen, deren Mitglieder sich nicht als Teil einer solidarischen labour community fühlten. Gerade der Ausschluss aus regulärer Erwerbsarbeit ermögliche ihnen jedoch ein spezifisches Freiheitsverständnis, das Unsicherheit in eine soziale Produktivkraft verwandele.[19]

Fußnoten

1.
Vgl. Oxfam (Hrsg.), Besser gleich. Die wachsende Lücke zwischen Arm und Reich – ein Kernproblem des 21. Jahrhunderts, o.O. 2015.
2.
Vgl. Göran Therborn, Class in the 21st Century, in: New Left Review, 78 (2012), S. 5–29.
3.
Vgl. Interview mit Kurt Beck, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8.10.2006.
4.
Vgl. Karl August Chassé, Unterschicht, prekäre Lebenslagen, Exklusion – Versuch einer Dechiffrierung der Unterschichtendebatte, in: Fabian Kessl/Christian Reutlinger/Holger Ziegler (Hrsg.), Erziehung zur Armut? Soziale Arbeit und die "neue Unterschicht", Wiesbaden 2007, S. 17–38.
5.
Dahrendorf bezeichnet so die fünf Prozent am untersten Rand der westdeutschen Gesellschaft. Ralf Dahrendorf, Society and Democracy in Germany, New York 1967, S. 88.
6.
Robert Castel, Die Krise der Arbeit. Neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums, Hamburg 2011, S. 63.
7.
Ebd.
8.
Stilbildend: Charles Murray, The Emerging British Underclass, London 1990. Kritisch: Martin Kronauer, Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt/M. 2002.
9.
Vgl. Paul Nolte, Riskante Moderne. Die Deutschen und der Neue Kapitalismus, München 2006, S. 96.
10.
Vgl. ders., Das große Fressen. Nicht Armut ist das Hauptproblem der Unterschicht. Sondern der massenhafte Konsum von Fast Food und TV, in: Die Zeit vom 17.12.2003.
11.
Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung, Wiesbaden 20064, S. 201.
12.
Ebd., S. 226f.
13.
Vgl. Olaf Groh-Samberg, Die Verfestigung der Armut, in: Siegfried Frech/ders., Armut in Wohlstandsgesellschaften, Schwalbach/Ts. 2014, S. 155–171.
14.
Siehe Destatis/Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Hrsg.), Datenreport 2013, Bonn 2013, S. 189ff.
15.
Vgl. Roland Verwiebe, Armut in Europa – Armutskonzepte und empirische Strukturdaten, in: S. Frech/O. Groh-Samberg (Anm. 13), S. 173–189, hier: S. 189.
16.
Vgl. Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland. Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2007, S. 74.
17.
Vgl. Michael Vester, Sozialstaat und Sozialstruktur im Umbruch, in: Peter Hammerschmidt/Juliane Sagebiel (Hrsg.), Die soziale Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2011, S. 55–76.
18.
Guy Standing, The Precariat. The New Dangerous Class, London 2011, S. 7.
19.
Ebd., S. 284f.
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Autor: Klaus Dörre für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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