Spendenbüchse mit der Aufschrift "Für die Armen" in der Schlosskirche auf Schloss Friedenstein in Gotha.

27.2.2015 | Von:
Christoph Lorke

"Unten" im geteilten Deutschland: Diskursive Konstruktionen und symbolische Anordnungen in Bundesrepublik und DDR

Soziale Debatten, die in den vergangenen Jahren in Deutschland über Menschen am unteren gesellschaftlichen Rand geführt worden sind, brachten Umschreibungsformeln wie die "Neue Unterschicht" oder das "abgehängte Prekariat" hervor. In diesem Zusammenhang war unter anderem auch die Rede vom "Sozialhilfeadel", dessen "Selbstbedienungsmentalität" und "anstrengungslosem Wohlstand", oder es wurden, in auffallender begrifflicher Unbekümmertheit, gar "asoziale" Verhaltensweisen dieser Personengruppe diagnostiziert. Die häufig generalisierende und stereotype Darstellung komplexer Lebensverhältnisse beförderte die Entstehung eines monolithischen Bildes von als "arm" definierten beziehungsweise gesellschaftlich "unten" verorteten Menschen. Sie wurden als faule und dreckige, passiv-lethargische und von affektiven Trieben gesteuerte, häufig kinderreiche und oftmals kriminelle Sozialcharaktere gezeichnet und wiesen als soziokulturelle Schnittmenge ein vermeintlich identisches Moral- und Wertesystem auf. Derartige Versuche, das Phänomen "Armut" in einer der weltweit wohlhabendsten, zumal wohlfahrtsstaatlich verfassten Industriegesellschaften plastisch greifbar zu machen, sind heute in verlässlicher, ja konjunktureller Regelmäßigkeit zu beobachten.[1]

Wenig berücksichtigt bei diesen aktuellen Aushandlungen sind die (zeit)historischen Dimensionen solcher Zuschreibungsmuster, nach deren Relevanz für das geteilte Deutschland im Folgenden gefragt wird. Für die westdeutsche Seite kann dazu auf mehrere sozialwissenschaftliche Arbeiten zurückgegriffen werden, in denen die bundesrepublikanische Armutsthematisierung rekonstruiert wurde;[2] spärlicher gestaltet sich der Forschungsstand zu Armut im sozialistischen Deutschland. Sparte man jedoch die DDR aus solchen Überlegungen aus, resultierte daraus nicht nur eine unvollständige deutsche Zeitgeschichte, sondern würden auch die zeitgenössischen Lesarten wie die einer erfolgreichen "Überwindung von Klassenunterschieden" im Sozialismus unhinterfragt bleiben. Um einerseits dieses Postulat sozialer Gleichheit zu entmythologisieren, andererseits aber auch, um Einsichten in den Umgang mit sozialer Unterprivilegierung in Ost und West zu erhalten, ist es geboten, auf beide deutsche Staaten gleichermaßen zu blicken.

Die bisherigen konzeptionellen Überlegungen zu einer integrativen deutschen Zeitgeschichte aufgreifend, wird ein innerdeutscher Vergleich hinsichtlich der sozialstaatlichen Ausformung und der Logiken sozialer Selbstbeschreibungsformen als lohnenswertes Untersuchungsfeld angenommen: Ausgehend von gemeinsamen sozialstaatlichen Traditionen taugen insbesondere Fragen der Sozialpolitik für einen Vergleich, hatte man doch hier wie dort auf ähnliche Herausforderungen zu reagieren.[3] Das Ergebnis waren zwar systembedingt voneinander abweichende, grundsätzlich und "faktisch aber parallele Politiken und Legitimationsmuster".[4] Gewiss hat es einiges für sich, die "doppelte Nachkriegsgeschichte anhand ausgewählter thematischer Ausschnitte als vergleichende Problemgeschichte"[5] zu konzipieren. Die hierfür von Christoph Kleßmann vorgeschlagene und zwischenzeitlich produktiv ergänzte komparatistische und asymmetrisch aufeinander bezogene Parallelgeschichte[6] wird dabei jedoch an einer entscheidenden Stelle erweitert.

Bezogen auf das Thema "Armut" ist es wenig zielführend, scheinbar "harte" Daten wie Warenpreise oder die Höhe von Existenzminima und Einkommen schlicht nebeneinanderzustellen. Eine Konzentration auf diese Kennzahlen würde auf die DDR bezogen allzu schnell zu einem Urteil einer "nach unten nivellierten Gesellschaft"[7] führen. Unberücksichtigt bliebe dabei unter anderem die Tatsache, dass diese Faktoren aufgrund der Verstaatlichung des Produktionssystems keine auch nur annähernd so starke Rolle wie in westlichen Marktgesellschaften spielten.[8] Um sich dem deutsch-deutschen "Unten" zu nähern, erscheint es gewinnbringender, die Etablierung und Vermittlung von Sinndeutungen in den Blick zu nehmen.[9] Ausgehend von einem sozialkonstruktivistischen Verständnis von "Armut" als Kategorie, die als Ergebnis öffentlicher Wahrnehmung, gesellschaftlicher Reaktionen und Definitionen zu verstehen ist,[10] lassen sich dominante Sprach- und Visualisierungsformen sowie hegemoniale Kategoriensysteme, Zuschreibungsformen, Deutungsweisen, Wertungen und damit Charakterisierungen des/der "Armen" in deutsch-deutscher Perspektive herausarbeiten. Die nachstehende, schlaglichtartig verdichtete historische Analyse von Deutungsformen zeigt auf, welche Erwartungen und Ängste im geteilten Deutschland mit nach unten abweichenden sozialen Lebensformen verbunden waren.Auf diese Weise können die Leitlinien zeitgenössischer Sozialvorstellungen und Deutungssujets erfasst und davon ausgehend die sozialsymbolische Ordnung beider deutschen Gesellschaften dekonstruiert werden. Letztlich wird so ein deutsch-deutscher Erfahrungs- und Kommunikationsraum des Sozialen fassbar.

Nachkriegsordnung(en): Neubeginn und Tradition

Die unmittelbaren Folgen des Zweiten Weltkrieges wie Hunger, Not, Arbeits- und Wohnungslosigkeit, die Ströme von Flüchtlingen und Vertriebenen und weitere Problemlagen führten in der Besatzungszeit sowie in den ersten Jahren nach den beiden deutschen Staatsgründungen auf sozialpolitischem Terrain zu "beträchtliche(n) Übereinstimmungen im Handlungsbedarf".[11] Im Westen Deutschlands war diese Situation sozialer Not Ausgangspunkt und wesentlicher "Kern des nach 1945 in vielen europäischen Staaten kraftvoll umgesetzten Sicherungsversprechens".[12] Der wohlfahrtsstaatliche Anspruch wurde von einem ganzen Maßnahmenbündel pragmatischer Sozialpolitik (Soforthilfegesetz, Lastenausgleich, sozialer Wohnungsbau, Institutionalisierung des "Warenkorbes", Rentenreform) flankiert und ebnete so die rasche Transformation der "Zusammenbruchsgesellschaft" (Christoph Kleßmann) hin zu wachsendem gesellschaftlichen Wohlstand. Eingängige Egalitäts- und Selbstbeschreibungspostulate wie das der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Helmut Schelsky) und die Verabschiedung des Bundessozialhilfegesetzes von 1961/62 sorgten dafür, Armut im öffentlichen Raum als etwas Überwundenes (oder prinzipiell Überwindbares) anzusehen.[13]

Mit dem "Aufbau des Sozialismus" und dem damit verbundenen Ende des kapitalistischen Systems der Ausbeutung und Unterdrückung, so lautete die ideologische Prämisse in SBZ und DDR, werde das gesellschaftlich bedingte Phänomen Armut bezwingbar. Die getroffenen soziopolitischen Maßnahmen dienten der Vorbereitung auf die "klassenlose Gesellschaft"[14] – ein Anspruch, der für das gesamte Bestehen der DDR durch unermüdliche Inszenierungen des (gewünschten) Egalitarismus im politisch-öffentlichen Diskurs symbolisiert werden sollte. In der konkreten Umsetzung griff die Parteiführung auf Vorbilder aus der Arbeiterbewegung zurück, indem sie umfangreiche sozialpolitische Maßnahmen mit autoritären Traditionen staatlicher Reglementierung zu kombinieren suchte – ablesbar etwa an der grundlegenden Skepsis gegenüber potenziellen Empfängern staatlicher Gratifikationen.[15] Dieses Herangehen, das die schrittweise Abnahme der Zahl von Fürsorgeempfängern zur Folge hatte, keinesfalls aber soziale Ungleichheit beseitigen konnte, ist einzubetten in den Kontext der Systemkonkurrenz beider deutschen Staaten. Im Rahmen eines Egalitätswettbewerbes waren solche Entwicklungen ebenso wichtige Elemente für die Legitimierung west- wie ostdeutscher Sozialstaatlichkeit, wie auch Erhöhungen von Löhnen und Gehältern, Renten und Fürsorgesätzen auf beiden Seiten der Mauer. Waren Themen wie soziale Ausgrenzung und Elend in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten ohnehin schlechterdings inkompatibel mit den wohlfahrtsstaatlichen beziehungsweise staatssozialistischen Selbstentwürfen, so trug die beiderseitige Befürchtung, die sozialen Sicherungsversprechen des eigenen Gesellschaftsmodells könnten an Glaubwürdigkeit verlieren, vermutlich nicht unwesentlich zu einer fortschreitenden Vermeidung der Kategorie "Armut" bei.[16] Diese auffällige Strategie des Exterritorialisierens sozialer Problemlagen war im Übrigen nicht nur Resultat des Systemwettkampfs. Als eine Art "Stellvertreterfunktion"[17] war dieses Vorgehen auch in den Folgejahren auf beiden Seiten ein beliebtes Muster, um sich mit Verweisen auf eine "schlimmere Armut" jenseits der eigenen Grenzen über den eigenen Wohlstand beziehungsweise die Ausformung sozialer Not zu vergewissern.

Ungeachtet dieser zeit- und systemimmanenten Besonderheiten fokussierten west- und ostdeutsche Sozialkommentator(inn)en durchaus Formen individueller Vergesellschaftungsdefizite – wenngleich weniger innerhalb einer breiten Öffentlichkeit, sondern eher in Verbindung mit sozial- und fürsorgepolitischen Maßnahmen. Zusammen mit den noch spärlichen medialen Aneignungen zum sozialen "Unten" ist in beiden Nachkriegsgesellschaften frühzeitig eine Reetablierung überkommener sozialer Vorstellungswelten erkennbar. Diese sind allen voran auf personelle beziehungsweise mentale Kontinuitäten aufseiten wichtiger Entscheidungsträger zurückzuführen.[18] Die Nutzung altbewährter Beschreibungsformeln und herabsetzender Sozialklischees beförderte folglich eine Individualisierung sozialer Randständigkeit, sowohl im Zuge des "Aufbaus des Sozialismus" als auch in der westdeutschen Wiederaufbaugesellschaft. Die Orientierung an überkommenen bürgerlichen Werten, um das Soziale zu kategorisieren, zeigte sich in wirkmächtigen Leitnarrativen mit markanten Beschreibungskonstanten, etwa zum "gestörten" Verhältnis zur Arbeit, psychischer Labilität, Bildungs-, Kultur- und Morallosigkeit, normativen Festlegungen zu positiv konnotierten Leitbegriffen, wie "gute", da geregelte Arbeit, stabile Familienverhältnisse, Ordnung, Leistung sowie bezüglich "guter", "verschämter" Armer wie Altersrentner(inne)n oder Kindern.

Darüber hinaus zementierte die zeitweilige (Bundesrepublik) beziehungsweise letztlich dauerhafte (DDR) Renaissance eugenischer und sozialhygienischer Deutungsformen im Rahmen eines tradierten "Asozialen"-Diskurses[19] das Wiederaufleben der Zweiteilung in "würdige" und "unwürdige" Bedürftige. Diese Art der Sozialhierarchisierung in den beiden Nachkriegsgesellschaften konnte wohl vor allem deswegen reüssieren, weil hier wie dort ein "fundamentales Bedürfnis nach Sicherheit und Normalität",[20] nach einer Stabilisierung wie Balancierung sozialer Ordnung herrschte.

Fußnoten

1.
Bilanzierend Karl August Chassé, Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte, Wiesbaden 2010.
2.
Nebst vielen Lutz Leisering, Zwischen Verdrängung und Dramatisierung. Zur Wissenssoziologie der Armut in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, in: Soziale Welt, 44 (1993), S. 486–511.
3.
Vgl. Horst Möller, Demokratie und Diktatur, in: APuZ, (2007) 1–2, S. 3–7, hier: S. 6.
4.
Andreas Wirsching, Für eine pragmatische Zeitgeschichtsforschung, in: APuZ, (2007) 1–2, S. 13–18, hier: S. 16.
5.
Konrad H. Jarausch, Geschichte der Deutschen "diesseits der Katastrophe". Anmerkungen zu einem großen Werk, in: Potsdamer Bulletin für zeithistorische Studien, (2001) 23–24, S. 16–18, hier: S. 18.
6.
Vgl. Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung, in: APuZ, (1993) 29–30, S. 30–41; Konrad H. Jarausch, "Die Teile als Ganzes erkennen". Zur Integration der beiden deutschen Nachkriegsgeschichten, in: Zeithistorische Forschungen, 1 (2004) 1, S. 10–30.
7.
Heinz-Herbert Noll/Friedrich Schuster, Soziale Schichtung und Wahrnehmung sozialer Ungleichheiten im Ost-West-Vergleich, in: Wolfgang Glatzer/Heinz-Herbert Noll (Hrsg.), Lebensverhältnisse in Deutschland. Ungleichheit und Angleichung, Frankfurt/M.–New York 1992, S. 210–230, hier: S. 210.
8.
Vgl. Jens Gieseke, Ungleichheit in der Gesellschaftsgeschichte der DDR, in: ZeitRäume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschungen, (2009), S. 48–57.
9.
Vgl. die Forderungen bei Ralph Jessen, Alles schon erforscht? Beobachtungen zur zeithistorischen DDR-Forschung der letzten 20 Jahre, in: Deutschland Archiv, 43 (2010) 6, S. 1052–1064.
10.
Grundlegend Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Leipzig 1908.
11.
Hans Günter Hockerts, West und Ost – Vergleich der Sozialpolitik in den beiden deutschen Staaten, in: Zeitschrift für Sozialreform, 55 (2009) 1, S. 41–56, hier: S. 42.
12.
Winfried Süß, Armut im Wohlfahrtsstaat, in: Hans Günter Hockerts/ders. (Hrsg.), Soziale Ungleichheit im Sozialstaat. Die Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien im Vergleich, München 2010, S. 19–42, hier: S. 21
13.
Vgl. L. Leisering (Anm. 2), S. 508.
14.
Heike Solga, Klassenlagen und soziale Ungleichheit in der DDR, in: APuZ, (1996) 46, S. 18–27, hier: S. 18.
15.
Vgl. Marcel Boldorf, Sozialfürsorge, in: Hans Günter Hockerts et al. (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Bd. 8: 1949–1961. Deutsche Demokratische Republik. Im Zeichen des Aufbaus des Sozialismus, Baden-Baden 2004, S. 477–494.
16.
Vgl. Christoph Butterwegge, Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird, Frankfurt/M. 2009, S. 105.
17.
Bernd Schäfers, Zum öffentlichen Stellenwert von Armut im sozialen Wandel der Bundesrepublik Deutschland, in: ders. (Hrsg.), Soziologie und Gesellschaftsentwicklung. Aufsätze 1966–1996, Opladen 1996, S. 243–270, hier: S. 253.
18.
Vgl. für die Bundesrepublik Friederike Föcking, Fürsorge im Wirtschaftsboom. Die Entstehung des Bundessozialhilfegesetzes von 1961, München 2007.
19.
Thomas Lindenberger, "Asoziale Lebensweise". Herrschaftslegitimation, Sozialdisziplinierung und die Konstruktion eines "negativen Milieus" in der SED-Diktatur, in: Geschichte und Gesellschaft, 31 (2005), S. 227–254, hier: S. 230.
20.
Christoph Sachße/Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, Bd. 4: Fürsorge und Wohlfahrtspflege in der Nachkriegszeit 1945–53, Stuttgart 2012, S. 26.
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Autor: Christoph Lorke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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