Spendenbüchse mit der Aufschrift "Für die Armen" in der Schlosskirche auf Schloss Friedenstein in Gotha.
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27.2.2015 | Von:
Petra Böhnke

Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung

Die Frage nach der Aufrechterhaltung gesellschaftlichen Zusammenhalts gehört zum Kern soziologischer Gegenwartsdiagnosen: Armut hat sich trotz gestiegener Erwerbsquoten nicht verringert,[1] und die steigende Anzahl atypischer Beschäftigungsverhältnisse bringt Verunsicherung mit sich, sowohl materiell als auch für eine langfristige Lebensplanung.[2] Konsumchancen von Arbeitslosen verschlechtern sich;[3] die Vermögenskonzentration hingegen hat sich intensiviert.[4] Das Risiko, dauerhaft in einer von Armut gekennzeichneten Lebenslage zu verbleiben, ist nach wie vor groß und wird bis in die nächste Generation hineingetragen.[5]

Nach offizieller EU-Statistik war 2013 in Deutschland jeder Fünfte von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen.[6] Damit sind nach Definition von Eurostat, dem Statistikamt der EU, Menschen gemeint, auf die mindestens eins der drei folgenden Kriterien zutrifft: Armutsgefährdung, erhebliche materielle Entbehrungen und die Zugehörigkeit zu einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. Aus Sicht der betroffenen Menschen stellen sich Armut und Arbeitslosigkeit als ein Defizit an gesellschaftlicher Teilhabe dar. Wer ist besonders von einem daraus resultierenden Gefühl der sozialen Ausgrenzung betroffen, welche Folgen lassen sich absehen – für das Individuum und für die Gesellschaft – und welche wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen fördern gesellschaftliche Teilhabe?

Soziale Ausgrenzung und gesellschaftliche Teilhabe

Unterversorgung und Armut sind nicht hinreichend erfasst, wenn man lediglich materielle Ressourcendefizite im Blick hat. Mit der seit Ende der 1990er Jahre geführten Debatte um soziale Ausgrenzung wurde der Blick deshalb auf Teilhabeaspekte gerichtet, die zwar mit Einkommensarmut in Verbindung stehen, aber darüber hinaus die Integration in weitere relevante Gesellschaftsbereiche thematisieren, allen voran die Einbindung in den Arbeitsmarkt und daraus abgeleitete Partizipation sozialer, politischer und kultureller Art.[7] Im Mittelpunkt steht, soziale Grundrechte zu gewährleisten und ein soziokulturelles Existenzminimum sicherzustellen. Soziale Ausgrenzung kann vor diesem Hintergrund als kumulativer und interdependenter Prozess der Benachteiligung in einer Vielzahl unterschiedlicher, für die Lebensführung relevanter Funktionsbereiche der Gesellschaft definiert werden. Welche Bereiche das sind, ihre Konkretisierung und Bedeutung für soziale Ausgrenzung, variiert mit dem gesellschaftlichen Kontext: Jede Gesellschaft bietet spezifische Vergleichsmaßstäbe für die Definition kultureller, ökonomischer, sozialer und politischer Zugehörigkeiten an.[8] In Europa wird der dominante Integrationsmodus von der Arbeitsmarktbeteiligung abgeleitet, sodass sich Zugehörigkeit und Ausschluss wesentlich über die Integration in das Erwerbsleben und das soziale Sicherungssystem definieren.

Insbesondere die mit dem Ausgrenzungsbegriff suggerierte simple Gegenüberstellung eines Drinnen und Draußen wird mitunter kritisiert, weil damit die vielfältigen Beziehungen zwischen den In- und Exkludierten aus dem Blickfeld gerieten und eine Stigmatisierung der Ex- und eine Idealisierung der Inkludierten einherginge.[9] Stattdessen schaut man auf Prekarisierungstendenzen und Verunsicherung als Folge von Veränderungen am Arbeitsmarkt und der sozialen Sicherungssysteme. Auch in dieser Debatte werden Teilhabechancen als unmittelbar abhängig von der materiellen Lage und von der Arbeitsmarktintegration gedacht.[10]

Gestützt durch das Sozialberichterstattungssystem der EU wohnt dem Begriff der sozialen Ausgrenzung aber nach wie vor politische Schlagkraft inne. Soziale Benachteiligungen unterliegen dabei einem spezifischen Deutungsmuster – sie werden mehrdimensional und prozesshaft gedacht und mit Rahmenbedingungen verknüpft, die gesellschaftliche Teilhabechancen ermöglichen sollen. Auch der Teilhabebegriff hat keine klar zu umreißende theoretische Heimat und umschreibt vor allem eine politische Handlungsperspektive.[11] Wie die Armutsforschung ist auch die Ausgrenzungs- und Teilhabeperspektive nur normativ und innerhalb gesellschaftlicher Kontexte mit Inhalt zu füllen.

Wie wird soziale Ausgrenzung gemessen?

Bisherige Versuche, soziale Ausgrenzung empirisch zu messen, konzentrieren sich in der Hauptsache auf Einkommen, Erwerbstätigkeit und Lebensstandard. Entsprechende Indikatoren, die aufsummiert auf ein Ausgrenzungsrisiko hindeuten sollen, sind zumeist relative Einkommensarmut, (Langzeit-)Arbeitslosigkeit und ein geringes Konsumpotenzial, gemessen daran, ob man sich bestimmte Dinge leisten kann, etwa die Beheizung der Wohnung, eine warme Mahlzeit am Tag, eine Waschmaschine oder eine Urlaubsreise. Es werden relativ willkürlich Schwellenwerte definiert, ab denen soziale Benachteiligung in Ausgrenzung umschlägt. Operationalisierungen dieser Art markieren keinen Ort außerhalb der Gesellschaft, sondern kennzeichnen soziale Benachteiligung in einer extremen Form. Dass vor allem Armut und Arbeitslosigkeit für eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe stehen, ist insofern plausibel, als dass sich aus der Arbeitsmarktanbindung sozialversicherungsrechtliche sowie lebensstandardsichernde und identitätsstiftende Momente ableiten lassen. Das Verständnis von benachteiligten Lebenslagen erfährt eine Erweiterung, wenn auch subjektive Indikatoren, in diesem Fall das subjektive Teilhabe- oder Ausgrenzungsempfinden, erhoben werden, beispielsweise durch die Frage nach der Zufriedenheit mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben oder ob man sich ausgeschlossen fühlt.

Integration und Ausgrenzung werden individuell erfahren und spiegeln nicht ohne Weiteres die nach objektiven Kriterien gute oder schlechte Lebenslage wider. Die Messung gesellschaftlicher Teilhabe über subjektive Indikatoren gewährleistet deshalb ein tiefer gehendes Verständnis von Unterversorgungslagen. So lassen sich Dissonanzen freilegen, zum Beispiel, ob und warum Ausgrenzungsempfinden trotz objektiv guter Lebenslage vorherrscht oder umgekehrt, wie es zu der positiven Wahrnehmung ausgeprägter Teilhabechancen trotz einer Unterversorgung in zentralen Lebensbereichen kommt. Die eigene Sicht auf individuelle Teilhabechancen sagt etwas darüber aus, wie Handlungsmöglichkeiten eingeschätzt werden und wie mit zur Verfügung stehenden Ressourcen umgegangen wird. Daraus kann auch auf Schutzmechanismen geschlossen werden.

Objektive Lebenslage und subjektive Einschätzung der Teilhabechancen

Ressourcen- und integrationstheoretische Überlegungen gehen davon aus, dass die subjektive Wahrnehmung der eigenen Teilhabechancen den Zugang zu materiellen Ressourcen und sozialer Absicherung im Großen und Ganzen widerspiegelt. Teilhabemöglichkeiten werden dann als verwirklicht angesehen, wenn die basalen Integrationsdimensionen wie Lebensstandard und Versorgungssicherheit garantiert sind und der normativen Erwartung an die Gewährleistung sozialer Grundrechte entsprochen wird. Die Arbeitsmarktanbindung ist dabei dominant, denn sie steuert auch Anerkennungs- und Integrationsprozesse.

Wenn Menschen den Anschluss an den durchschnittlichen Lebensstandard einer Gesellschaft verlieren, kann ihre Bindung an den allgemeinen Wertekonsens loser werden, der Abstand zur allgemein gültigen Gesellschaftsordnung größer. Teilhabechancen erscheinen dadurch möglicherweise eingeschränkt.[12] Kann man sich bestimmte Dinge nicht mehr leisten, führt der Vergleich mit Freunden oder Arbeitskollegen dazu, dass der eigene Lebensstandard als defizitär wahrgenommen wird. Dies kann Rückzug, Scham und Resignation zur Folge haben, sodass sich diejenigen mit einem unterdurchschnittlichen Lebensstandard der Gesellschaft nicht voll und ganz zugehörig fühlen.[13]

Auch die Einbettung in soziale Netzwerke kann eine entscheidende Integrationsdimension sein. Die Qualität und Quantität sozialer Interaktionen in der Familie, Verbindlichkeiten mit Freunden, Bekanntschaften und Beziehungen zu Arbeitskollegen spielen eine Rolle, um sich gesellschaftlich integriert zu fühlen. Auch die Mitgliedschaft in Vereinen und ehrenamtliches Engagement nähren das Gefühl, anerkannt zu sein und eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge zu spielen. Möglicherweise wird auf diesen sozialen Nahbereich sogar verstärkt zurückgegriffen, wenn andere Lebensbereiche von Benachteiligungen gekennzeichnet sind, sodass eine Verlagerung und ein Ausgleich stattfinden – statt aus der Arbeitsmarktintegration speist sich Teilhabeempfinden dann verstärkt aus der Einbindung in den sozialen Nahbereich. Wie wichtig Unterstützungsressourcen dieser Art aus dem privaten Bereich für gesellschaftliche Teilhabe sind, hängt davon ab, in welcher Art und Weise ein Wohlfahrtsstaat soziale Sicherheit gewährleistet.

Die bisherige Forschung hebt insbesondere die Arbeitsmarktanbindung als Determinante für Teilhabeeinschätzungen hervor: Vor allem Arbeitslose fühlen sich der Gesellschaft nicht mehr zugehörig. Der Bezug von Leistungen nach Sozialgesetzbuch II ist mit einer sich verschlechternden Wahrnehmung von Teilhabechancen verknüpft, mit der Beendigung des Leistungsbezugs verbessert sich diese.[14] Das Normalarbeitsverhältnis ist am stärksten mit einer positiven Einschätzung der gesellschaftlichen Teilhabe verbunden. Davon abweichende Beschäftigungsformen wie beispielsweise Befristungen und Leiharbeit können dieses positive Integrationsgefühl nicht im gleichen Ausmaß vermitteln, was zu großen Teilen auf die damit verbundenen ökonomischen Benachteiligungen zurückzuführen ist.[15] Zugleich ist die mit atypischer Beschäftigung verbundene Bewertung von Teilhabe stark abhängig davon, wie sie im Erwerbsverlauf kontextualisiert ist, ob sie beispielsweise als Einstieg in die Vollbeschäftigung am Anfang einer Erwerbsbiografie steht oder die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit darstellt.

Wer in mehreren Lebensbereichen materieller und immaterieller Art dauerhaft benachteiligt ist, beklagt am häufigsten ein Ausgrenzungsgefühl.[16] Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass materielle und soziale Benachteiligungen kumulieren: Arbeitslosigkeit und Armut wirken sich auf lange Sicht negativ auf die Qualität und Quantität der sozialen Beziehungen aus. Funktionierende und stabile soziale Netzwerke können aber auch negative Konsequenzen von prekären Lebensbedingungen abschwächen. Daraus folgt, dass objektive und subjektive Exklusion nicht immer übereinstimmen und es alters- und bildungsbedingte Abweichungen gibt.[17]

Die Ungleichheit der gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten hat sich in der Wahrnehmung der Befragten zwischen 1998 und 2007 verstärkt:[18] Privilegierte Bevölkerungsgruppen – hohes Einkommen, hoher beruflicher Status, Selbsteinordnung in einer hohen Gesellschaftsschicht – sehen für sich in diesem Zehnjahreszeitraum einen Chancenzuwachs; benachteiligte Gruppen – niedriges Einkommen, Arbeitslose, Selbsteinstufung unten in der gesellschaftlichen Hierarchie – eine Schwächung ihrer Möglichkeiten. Weitere Spaltungstendenzen lassen sich erkennen: Aus dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu sein, bedeutet nach der Umsetzung der Arbeitslosengeld-II-Reformen mehr denn je, sich seiner gesellschaftlichen Teilhabechancen beraubt zu sehen. Im Folgenden konzentriere ich mich auf einen europäischen Datensatz (European Quality of Life Survey) der Jahre 2007 und 2012, um die subjektive Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung für Deutschland und im europäischen Ländervergleich darzustellen.[19]

Subjektive Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung in Deutschland und Europa

Abbildung 1: Subjektive Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung
in Deutschland 2007 und 2012Abbildung 1: Subjektive Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung in Deutschland 2007 und 2012
Die gute Nachricht ist, dass sich die Wahrnehmung der individuellen Teilhabechancen von 2007 auf 2012 insgesamt nicht weiter verschlechtert hat. Allerdings blickten 2012 immer noch 18 Prozent der deutschen Bevölkerung pessimistisch in die Zukunft, 13 bis 15 Prozent gaben an, dass sie sich nicht zurecht fänden, weil ihnen das Leben zu kompliziert erscheine, oder sie vermissten Wertschätzung für das, was sie tun. Jeweils neun Prozent der Bevölkerung in Deutschland beklagten fehlenden Respekt oder fühlten sich aus der Gesellschaft ausgegrenzt (Abbildung 1). Jeder Fünfte konnte sowohl 2007 als auch 2012 zwei oder mehr dieser Aussagen zustimmen. Im nächsten Schritt wird gezeigt, welche Lebensumstände zu einer solchen Selbsteinschätzung beitragen.
Abbildung 2: Subjektives Ausgrenzungsempfinden nach Bevölkerungsgruppen,
durchschnittliche IndexwerteAbbildung 2: Subjektives Ausgrenzungsempfinden nach Bevölkerungsgruppen, durchschnittliche Indexwerte
Dafür wurde ein Index über die Ablehnung und Zustimmung hinsichtlich dieser fünf verschiedenen Aussagen gebildet. Je höher der Indexwert, desto höher die aufsummierte Zustimmung zu den fünf Aussagen, desto höher das Ausgrenzungsempfinden. Der Index ist unter Berücksichtigung fehlender Werte auf eine Reichweite von 0 bis 5 normiert und zeigt für 2012 einen Mittelwert von 1,94 an, nahezu auf dem gleichen Niveau wie 2007 (2,0). Abbildung 2 zeigt die Abweichungen vom Mittelwert im Jahr 2012 für verschiedene Bevölkerungsgruppen.

Insbesondere Arbeitslose sind in hohem Maße durch das Gefühl belastet, nicht mehr Teil der Gesellschaft zu sein. Langzeitarbeitslose beklagen mit Abstand am häufigsten die Einschränkung ihrer Teilhabechancen. Erwerbstätigkeit transportiert also auch 2012 in starkem Maße die Wahrnehmung, zur Gesellschaft dazuzugehören. Unbefristet Beschäftigte bringen das stärkste Integrationsempfinden zum Ausdruck. Geringe Bildung, niedriges Einkommen und Armut – Faktoren, die eng verknüpft sind mit Arbeitslosigkeit – gehen ebenfalls mit einem überdurchschnittlichen Ausgrenzungsempfinden einher. Multivariate Analysen bestätigen, dass bei unabhängiger Betrachtung dieser Faktoren Arbeitslosigkeit für sich genommen den stärksten Einfluss auf das Ausgrenzungsempfinden ausübt, auch wenn damit im Haushaltskontext keine Verarmung einhergeht. Armut wirkt ebenfalls unter Kontrolle anderer Faktoren stark auf das Ausgrenzungsempfinden. Ein geringes Bildungsniveau hingegen bedeutet nur im Zusammenhang mit Armut oder Arbeitslosigkeit, dass man sich nicht der Gesellschaft zugehörig fühlt. Das gleiche gilt für Alleinerziehende, eine Bevölkerungsgruppe mit einem überdurchschnittlichen Ausgrenzungsempfinden, das sich aber in der Hauptsache über Armut und geringe Erwerbseinbindung erklären lässt. Keine deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen – anders lässt sich mit diesen Daten eine Annäherung an Personen mit Migrationshintergrund nicht operationalisieren – ist ebenfalls nicht mit einem ausgeprägten Ausgrenzungsempfinden verknüpft, es sei denn, in dieser Bevölkerungsgruppe kumulieren die Hauptmerkmale für soziale Ausgrenzung – Armut und Arbeitslosigkeit.

Davon losgelöst sind es zwei Lebensumstände, die ein Ausgrenzungsempfinden mit sich bringen können: auf wenig Sozialkontakte zählen zu können, die im Bedarfsfall mit Rat und Tat sowohl finanziell als auch emotional unter die Arme greifen. Und: Fehlen die gesundheitlichen Voraussetzungen für Interaktion, ist Ausgrenzungsempfinden wahrscheinlich – Krankheit ist mit einem überdurchschnittlich ausgeprägtem Empfinden von Ausschluss verknüpft. Im Vergleich zu 2007, hier nicht ausgewiesen, gibt es keine Abweichungen bei der Betroffenheit dieser einzelnen Bevölkerungsgruppen, die Werte sind auf gleichem Niveau oder nur geringfügig niedriger. Wie auch in den Jahren davor sind es Arbeitslosigkeit, Armut und mangelnde soziale Unterstützungsbezüge, die Ausgrenzungsempfinden verursachen.

Abbildung 3: Wahrgenommene soziale Ausgrenzung in EuropaAbbildung 3: Wahrgenommene soziale Ausgrenzung in Europa
Im Vergleich zu anderen Ländern der EU ist das durchschnittliche Ausgrenzungsempfinden in Deutschland relativ niedrig. Nur die Bevölkerung in Dänemark, Island und Schweden äußert sich noch positiver über ihre wahrgenommenen Teilhabechancen. Es sind viele ost- und südeuropäische Länder, deren Bevölkerung sich am wenigsten integriert fühlt: EU-Schlusslichter in dieser Hinsicht sind Griechenland, Bulgarien und Zypern. Abbildung 3 zeigt das durchschnittliche Ausgrenzungsempfinden in der EU entlang einiger Länderspezifika: dem Bruttoinlandsprodukt als materiellem Wohlstandsindikator, dem Gini-Index als Maß für die Ungleichverteilung der Einkommen, der Verbreitung von Langzeitarbeitslosigkeit sowie dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen, der Einkommen, Bildung und Lebenserwartung in einem Maß verdichtet.

Die Zugehörigkeit zur Gesellschaft wird tendenziell in Ländern mit mehr Einkommensgleichheit, mehr materiellem Wohlstand, besseren Lebensbedingungen und weniger Langzeitarbeitslosigkeit positiver wahrgenommen. Bei dieser Darstellung handelt es sich nur um eine grobe Annäherung an Ländercharakteristika, die die Wahrnehmung von Ausgrenzungsempfinden tendenziell vermindern helfen. Deutschland, Spanien und Dänemark fallen dabei beispielsweise hinsichtlich der Einkommensungleichheit aus dem Rahmen. Eine vergleichsweise starke Polarisierung zwischen Arm und Reich übersetzt sich in diesen Ländern nicht in ein entsprechendes Ausmaß an durchschnittlichem Ausgrenzungsempfinden. Zeigt der HDI ein bestimmtes Niveau an Lebensbedingungen an, verliert sich der Zusammenhang mit dem Ausgrenzungsempfinden. Das gleiche gilt für Länder mit niedriger Langzeitarbeitslosigkeit. Eine weiterführende Mehrebenenanalyse, die die Zusammensetzung der Bevölkerung nach sozioökonomischen Faktoren berücksichtigt, zeigt, dass es in erster Linie die oben beschriebenen Individualmerkmale (Erwerbsstatus, Einkommen, Bildung und andere) in den einzelnen Ländern sind, die das Ausgrenzungsempfinden dominant erklären. Sie haben einen stärkeren Einfluss als allgemeiner Wohlstand und Gleichheit im Ländervergleich. Die Abbildung ist somit vor allem ein Hinweis darauf, dass in Ländern, in denen die Haushaltseinkommen dichter beieinander liegen und das Wohlstandsniveau höher ist, auch weniger Menschen in Armut leben und die Integration der Bevölkerung in den Arbeitsmarkt besser gelingt. Unter Berücksichtigung weiterer Ländercharakteristika zu sozialer Sicherheit und Flexibilitätsmerkmalen von Arbeitsmarktpolitik zeigt sich, dass es insbesondere ein ausgewogener Mix von Sicherheits- und Flexibilisierungsmaßnahmen ist, der Menschen mit prekärer Erwerbssituation vor starkem Ausgrenzungsempfinden bewahrt.[20] Die Erklärungssuche für unterschiedlich ausgeprägtes Ausgrenzungsempfinden im Ländervergleich steht erst am Anfang und muss sich verstärkt der länderspezifischen Gewichtung einzelner Integrationsdimensionen widmen und die wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen differenzierter berücksichtigen. Zwar moderiert EU-weit die Arbeitsmarkteinbindung die Einschätzung der gesellschaftlichen Teilhabe. Nicht in allen Ländern trägt Arbeitslosigkeit und fehlende Bildung aber so stark zum Ausgrenzungsempfinden bei wie in Deutschland.

Fazit

Die Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung zeigt Defizite an, die die Menschen in der Verwirklichung ihrer Lebenschancen stark beeinträchtigen. Das Gefühl, kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, belastet nicht nur die Gesundheit und das Wohlergehen der betroffenen Personen. Mündet es in Perspektiv- und Orientierungslosigkeit, können daraus Proteste und kriminelle Handlungen entstehen, die die Stabilität der Gesellschaft im Ganzen gefährden. Die im europäischen Vergleich moderate Ausprägung von Ausgrenzungsempfinden in Deutschland sowie die Stabilität der Ausgrenzungsquote seit Mitte der 2000er Jahre sind kein Grund zur Zurückhaltung in der sozialpolitischen Bearbeitung dieses Phänomens. Mit der Verfestigung von Armut, die sich in den vergangenen Jahren herauskristallisiert, verstetigt sich auch die Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Die hier vorgestellten Befunde zeigen, wie stark Ausgrenzungsempfinden auf soziale Benachteiligungen zurückzuführen ist, die arbeitsmarkt- und integrationspolitisch sowie wohlfahrtsstaatlich steuerbar sind: Arbeitslosigkeit und Armut, die an geringe Qualifikation gebunden sind, prekäre Erwerbsverhältnisse oder Krankheit, die in Perspektivlosigkeit münden. Um den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, braucht es eine verstärkte Konzentration auf diejenigen, die sich dauerhaft in einer von Armut und sozialer Ausgrenzung gekennzeichneten Lebenslage befinden und deren soziale Netzwerke die Unterstützung, die sie brauchen, nicht aufbringen können – eine weniger arbeitsmarktfixierte Politik der Anerkennung und eine über soziale Sicherungssysteme transportierte Wertschätzung von Menschen, die ihre Lebenslage nicht aus eigener Kraft stabilisieren können.
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Fußnoten

1.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Armutsschwelle und Armutsgefährdung in Deutschland, http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/
LebensbedingungenArmutsgefaehrdung/Tabellen/EUArmutsschwelleGefaehrdung_SILC.html

(2.2.2015).
2.
Vgl. Robert Castel/Klaus Dörre (Hrsg.), Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2009.
3.
Vgl. Bernhard Christoph/Torsten Lietzmann, Je länger, je weniger? Zum Zusammenhang zwischen der Dauer des ALG-II-Leistungsbezugs und den materiellen Lebensbedingungen der Betroffenen, in: Zeitschrift für Sozialreform, 59 (2013) 2, S. 167–196.
4.
Vgl. Markus M. Grabka/Christian Westermeier, Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, in: DIW-Wochenbericht, 81 (2014) 9, S. 151–164.
5.
Vgl. Petra Böhnke/Boris Heizmann, Die intergenerationale Weitergabe von Armut bei MigrantInnen zweiter Generation, in: Hildegard Weiss et al. (Hrsg.), Zwischen den Generationen, Wiesbaden 2014, S. 137–166; Olaf Groh-Samberg, No Way Out – Dimensionen und Trends der Verfestigung der Armut in Deutschland, in: Sozialer Fortschritt, 12 (2014), S. 307–315.
6.
Vgl. Statistisches Bundesamt 2014, http://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/
Pressemitteilungen/2014/12/PD14_454_634.html
(2.2.2015).
7.
Vgl. Heinz Bude, Die Überflüssigen als transversale Kategorie, in: Peter. A. Berger/Michael Vester (Hrsg.), Alte Ungleichheiten, neue Spaltungen, Opladen 1998; Petra Böhnke, Am Rande der Gesellschaft. Risiken sozialer Ausgrenzung, Opladen 2006; Martin Kronauer, Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt/M. 2010.
8.
Vgl. Petra Böhnke/Hilary Silver, Social Exclusion, in: Alex C. Michalos (Hrsg.), Encyclopedia of Quality of Life and Well-Being Research, Dordrecht 2014, S. 6064–6069.
9.
Vgl. Janina Zeh, Exklusion: Ursprung, Debatten, Probleme, 21.2.2013, http://www.weiterdenken.de/de/2013/02/21/exklusion-ursprung-debatten-probleme« (2.2.2015).
10.
Vgl. Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000; R. Castel/K. Dörre (Anm. 2).
11.
Vgl. Peter Bartelheimer, Politik der Teilhabe. Ein soziologischer Beipackzettel, FES Working Paper 1/2007.
12.
Vgl. Emile Durkheim, Der Selbstmord, Frankfurt/M. 1997 (1897); Robert K. Merton, Social Theory and Social Structure, New York 1968 (1938).
13.
Vgl. Walter G. Runicman, Relative Deprivation and Social Justice, London 1972.
14.
Vgl. Evelyn Sthamer/Jan Brülle/Lena Opitz, Inklusive Gesellschaft – Teilhabe in Deutschland. Soziale Teilhabe von Menschen in prekären Lebenslagen, ISS-aktuell 19/2013.
15.
Vgl. Stefanie Gundert/Christian Hohendanner, Do Fixed-Term and Temporary Agency Workers Feel Socially Excluded? Labour Market Integration and Social Well-Being in Germany, in: Acta Sociologica, 57 (2014) 2, S. 135–152.
16.
Vgl. Duncan Gallie/Serge Paugam, Social Precarity and Social Integration, Luxemburg 2003; P. Böhnke (Anm. 8); Sandra Popp/Brigitte Schels, Do You Feel Excluded? The Subjective Experience of Young State Benefit Recipients in Germany, in: Journal of Youth Studies, 11 (2008) 2, S. 165–191.
17.
Vgl. Heinz Bude/Ernst-Dieter Lantermann, Soziale Exklusion und Exklusionsempfinden, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 58 (2006) 2, S. 233–252.
18.
Vgl. Petra Böhnke, Determinanten und Entwicklung subjektiv wahrgenommener Teilhabechancen, in: Martina Löw (Hrsg.), Vielfalt und Zusammenhalt. Verhandlungen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bochum und Dortmund 2012, Frankfurt/M.–New York 2014 (CD-ROM).
19.
Mein Dank geht an Isabel Valdés Cifuentes, die die statistische Auswertung des Datenmaterials freundlicherweise unterstützt hat.
20.
Vgl. Isabel Valdés Cifuentes/Petra Böhnke, Unsichere Beschäftigung und sozialer Zusammenhalt in Europa, Vortrag, 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Trier, 6.–10.10.2014, http://www.soziologie.de/fileadmin/user_upload/Sektion_Soziale_Indikatoren/
Sektionstagung2014/ST2014_Valdes_Boehnke.pdf
(2.2.2015).
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Autor: Petra Böhnke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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