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"Unten" betrifft alle: Ungleichheit als Gefahr für Demokratie, Teilhabe und Stabilität


27.2.2015
Ungleichheit ist das neue Megathema sowohl in der politischen als auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachdebatte. Während in der Politik zunehmend der Zusammenhang zwischen steigender ökonomischer Ungleichheit und gesellschaftlichen Desintegrationstendenzen diskutiert wird, entdecken auch die Wirtschaftswissenschaften die Ungleichheit als zentrales Forschungsthema wieder. Der internationale Bestseller von Thomas Piketty "Das Kapital im 21. Jahrhundert" wirkte in dieser Hinsicht wie ein Paukenschlag. Piketty beschreibt zum einen den Anstieg der ökonomischen Ungleichheit während der vergangenen Jahrzehnte in den reichen Volkswirtschaften. Zum anderen untersucht er, unter welchen Voraussetzungen die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen steigt, und empfiehlt weitgehende politische Maßnahmen, um einen weiteren Anstieg der Ungleichheit zu vermeiden.[1] Zugleich mehren sich Analysen anderer international renommierter Ökonomen, die einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Ungleichheit und den weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrisen seit 2007 feststellen.[2]

Es ist wenig überraschend, dass diese Analysen nicht unwidersprochen bleiben. In einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln etwa wird eine Umfrage nach der Wahrnehmung hinsichtlich der "Gesellschaftsform"[3] herangezogen, und die Antworten werden mit einer bestimmten Verteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen verglichen. Die Studie wurde – überraschend vor dem Hintergrund anderer Forschung – dahin gehend interpretiert, dass die Ungleichheit in Deutschland überschätzt wird.[4] Allerdings bleibt dabei die Verteilung von Vermögen, Status, politischem Einfluss oder anderen Faktoren, die die subjektive Wahrnehmung der bestehenden Gesellschaftsform beeinflussen könnten, unberücksichtigt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung greift zwar – ohne Erörterung der methodischen Probleme – die Ergebnisse der IW-Studie in seinem neusten Jahresgutachten auf, widmet aber der Debatte um Piketty nur wenige beiläufige Sätze.[5] Dabei kommt er sogar zu dem Ergebnis, dass es hinsichtlich von Verteilungsfragen "keinen wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Handlungsbedarf" gibt. Seine Empfehlung: "Mehr Vertrauen in Marktprozesse".

Die IW-Studie zeigt exemplarisch ein fundamentales Problem von Ungleichheitsdebatten auf: Alles hängt davon ab, was wir mit Ungleichheit meinen. Gleichheit in einer Hinsicht kann, ja muss häufig rein logisch Ungleichheit in anderen Hinsichten bedeuten. Eine Bewertung der Ungleichheitsverhältnisse hängt also zentral von der genauen "Metrik" der Ungleichheit ab: Werden Markt- oder Nachsteuereinkommen betrachtet, Haushaltseinkommen oder Personeneinkommen? Sind Unternehmens- und Kapitaleinkommen berücksichtigt? Geht es um die Ungleichheit von Einkommen oder Vermögen? Welche Quellen werden verwendet? Was definiert eigentlich das "Unten" einer Gesellschaft? Und: Gibt es neben moralischen Bedenken weitere Gründe, sich Sorgen über hohe Ungleichheit zu machen, beispielsweise die Gefahr politischer und wirtschaftlicher Instabilität?

Drei Dimensionen ökonomischer Ungleichheit



Inwiefern ist ökonomische Ungleichheit, also zunächst einmal die ungleiche Verteilung von materiellen Ressourcen, überhaupt gesellschaftlich relevant? Drei elementare Dimensionen der ökonomischen Ungleichheit lassen sich voneinander abgrenzen: eine Freiheitsdimension, eine Statusdimension und eine politische Dimension.

Als fundamentale Dimension ökonomischer Ungleichheit lässt sich die unmittelbar mit der Kontrolle von Ressourcen verbundene Freiheit betrachten. Nicht jede Freiheit ist durch Verteilung bestimmt, aber die Verteilung von Ressourcen determiniert unmittelbar die Verteilung der Freiheit, Dinge zu tun und über Dinge zu verfügen, die Geld kosten.

In diesem Zusammenhang gilt es, einem Missverständnis vorzubeugen: Häufig werden Freiheit und Gleichheit diskutiert, als bestünde zwingend ein Zielkonflikt zwischen diesen beiden Werten. Dies basiert jedoch auf einer logisch nicht konsistenten, dennoch weit verbreiteten, in sogenannten (rechts)libertaristischen Theorien wurzelnden Freiheitsrhetorik.[6] Der Freiheitsbegriff wird in solchen Fällen konzeptuell in Eigentumsrechten verankert: Eine Beschränkung von Eigentumsrechten wird demnach automatisch als Freiheitsreduzierung betrachtet. Zugleich jedoch wird dieser libertaristische Freiheitsbegriff dann typischerweise als vermeintlich "rechteneutraler" Begriff verwendet, der Freiheit schlicht als "Abwesenheit von Zwang" suggeriert. Es ist wahr, dass Eigentumsrechte Freiheit in diesem neutralen Sinne garantieren, weil deren Einschränkung die Freiheit der Eigentümer reduziert. Es wird dabei jedoch regelmäßig unterschlagen, dass im gleichen Zuge mit Eigentumsrechten Unfreiheit für Nicht-Eigentümer einhergeht, die möglicherweise durch Einschränkung der Freiheit von Eigentümern verringert werden kann, beispielsweise durch umverteilende Politik. Insofern ist eine Wirtschaftsordnung, die staatliche Eingriffe in private Eigentumsrechte minimiert, nicht per se freiheitsmaximierend, sondern kann im Gegenteil dazu führen, dass sie vor allem die "Freiheit der Reichen" schützt statt die Freiheit aller.[7]

Eine zweite Dimension ökonomischer Ungleichheit löst sich von der unmittelbaren Freiheitsdimension und der Frage individueller Kontrolle von Ressourcen. Diese neue Perspektive unterscheidet vielmehr zwei Qualitäten ökonomischer Güter: Der Nutzen, den Menschen aus Gütern ziehen, kann sowohl eine nicht-positionale als auch eine positionale Seite haben. In nicht-positionaler Hinsicht ist der Nutzen eines Gutes unabhängig davon, wie viel davon anderen zugänglich ist. In positionaler Hinsicht hängt der Nutzen jedoch davon ab, ob oder wie dieses Gut anderen zugänglich ist. Für die individuellen Karriereaussichten auf dem Arbeitsmarkt etwa ist weniger die absolute Qualität der eigenen Berufsausbildung relevant als vielmehr deren Güte und Anerkennung im Vergleich zur Ausbildung potenzieller Wettbewerber. Und definitionsgemäß können nicht alle Menschen in Wohnungen leben oder Autos besitzen, die überdurchschnittlich teuer und statusträchtig sind.

Diese Statusdimension der Ungleichheit wird in Verteilungsdebatten häufig unterschätzt oder gar als "Neiddebatte" abgetan. Dabei hat sie weitreichende theoretische Auswirkungen für die gesamte ökonomische Wohlfahrtstheorie. Wenn der Nutzen, den Menschen aus Gütern ziehen, vom Konsum der jeweiligen Referenzgruppe abhängt, werden die in der neoklassischen Theorie unterstellten Nutzenfunktionen instabil. Aus dieser Perspektive wird ab einem gewissen Wohlfahrtsniveau die Verteilung der Einkommen für die durchschnittliche Zufriedenheit der Bevölkerung wichtiger als ihre absolute Höhe.[8]

Schließlich lässt sich eine dritte wichtige Dimension ökonomischer Ungleichheit jenseits der mit Eigentum verbundenen Freiheit und jenseits der Frage der Positionalität von Gütern ausmachen: Auch in politischer Hinsicht ist die Verteilung von Ressourcen von zentraler Bedeutung, da damit politische Einflusschancen erkauft werden können. Dies bedroht das demokratische Prinzip politischer Gleichheit. Und der Zusammenhang droht sich selbst zu verstärken: Aus ökonomischer Ungleichheit resultierende politische Ungleichheit kann Spielregeln im Marktprozess hervorbringen, die Verteilungsergebnisse zu Gunsten der bereits Wohlhabenden wiederum verfestigen – man denke beispielsweise an Steuersenkungen für Wohlhabende. Geringe Beteiligung am politischen Prozess am unteren Rand der Verteilung verstärkt das Problem. Auf den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und politischen Einflusschancen verweist eine Vielzahl von Autoren sowohl in theoretischer Hinsicht[9] als auch in einem wachsenden empirischen Forschungszweig zur Frage demokratischer Responsivität und Ungleichheit.[10]

Wo liegt das "Unten" einer Gesellschaft?



Wo liegt vor dem Hintergrund dieser drei Dimensionen ökonomischer Ungleichheit das "Unten" in einer Gesellschaft? Mit Blick auf die Geschichte und die gegenwärtige Situation in Entwicklungsländern wird zumeist ein absoluter Armutsbegriff verwendet, um die Menschen, die "unten" stehen, zu erfassen. Dazu wird ein monetärer Wert festgelegt – beispielsweise 1 US-Dollar täglich –, der in etwa zur Befriedigung absoluter menschlicher Grundbedürfnisse nötig ist. Hier geht es unmittelbar um die Freiheit, über Grundgüter zu verfügen, unabhängig davon, ob und wie diese anderen zugänglich sind.

In Industrieländern hat sich der Armutsbegriff aufgrund des weitgehenden Verschwindens absoluter Armut zu einem relativen Armutsbegriff gewandelt. Dieser, häufig auch als "Armutsrisiko" bezeichnet, wird typischerweise als ein äquivalenzgewichtetes Haushaltseinkommen von unter 60 Prozent des Medianeinkommens eines Landes definiert.[11] Hier zeigt sich die zweite Ungleichheitsdimension, nach der die positionale Qualität von Gütern mit wachsendem gesellschaftlichem Wohlstand an Bedeutung gewinnt. Armut – so definiert – heißt, von gesellschaftlichen Teilhabechancen ausgeschlossen zu sein.

Allerdings verschleiert auch der relative Armutsbegriff Aspekte ökonomischer Ungleichheit, die erst im Lichte einer breiteren empirischen Betrachtung sichtbar werden. Grund hierfür sind zweierlei methodische Eigenschaften des relativen Armutskonzepts: Zum einen ist das Medianeinkommen, auf das es sich bezieht, unempfindlich gegenüber Veränderungen der Verteilung oberhalb des Medians. Nimmt etwa der Anteil der Spitzeneinkommen am Gesamteinkommen stark zu, so kann das Medianeinkommen davon unberührt bleiben. Aufgrund aufwärtsgerichteter Statusvergleiche kann dies jedoch sehr wohl auf die untersten Einkommensgruppen ausstrahlen: Wenn die reichen Haushalte im Zuge steigender Einkommen mehr Geld für Wohnen, Autos, Bildung und so weiter ausgeben, kann zunächst die obere Mittelschicht unter Zugzwang geraten. Wenn sie nun ebenfalls die Ausgaben für positionale Güter steigert, hat dies Auswirkungen auf die Teilhabemöglichkeiten der direkt darunter liegenden Einkommensgruppen. Ein regelrechtes "positionales Wettrüsten" kann einsetzen, das sich kaskadenartig von oben über die gesamte Verteilung erstreckt.[12]

Zum anderen werden in der Regel die Einkommen und nicht die Vermögen, die häufig eine langfristigere Komponente der Ressourcen Einzelner widerspiegeln, betrachtet. Die Vermögen jedoch sind typischerweise viel stärker konzentriert als die Einkommen. Eine hohe Ungleichheit der Vermögen bedroht angesichts daraus resultierender ungleicher politischer Einflusschancen nicht zuletzt das demokratische Prinzip politischer Gleichheit, betrifft also ebenfalls die gesamte Gesellschaft inklusive derer, die "unten" stehen.

Zunahme der Ungleichheit



Neben der Wahl des genauen Ungleichheitsmaßes sind die Datenquellen entscheidend für die Befunde einer Ungleichheitsbetrachtung. So haben Daten aus freiwilligen Haushaltsbefragungen (beispielsweise das Sozio-oekonomische Panel, SOEP) gegenüber Daten aus der Steuerstatistik und der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung den Nachteil, dass Personen mit sehr hohen Einkommen und Vermögen sich kaum daran beteiligen. In Deutschland besteht bei Steuerdaten wiederum das Problem, dass es seit langem keine Vermögensteuer mehr gibt und seit der Einführung der Abgeltungssteuer 2009 auch Kapitaleinkünfte nicht mehr personenbezogen erfasst werden. Entsprechend gibt es – und das ist auch ein Demokratieproblem – keine umfassenden und verlässlichen Daten mehr über die Verteilung von Kapitaleinkommen und Vermögen in Deutschland.[13]

Abbildung 1: Gini-Koeffizienten der HaushaltseinkommenAbbildung 1: Gini-Koeffizienten der Haushaltseinkommen
Verschiedene verbreitete Maße beschreiben – bei allen Unvollkommenheiten – die Entwicklung der Ungleichheit in Deutschland in den vergangenen Jahren. Der Gini-Koeffizient der Haushaltseinkommen als allgemeines Verteilungsmaß[14] zeigt einen Anstieg der Ungleichheit in den vergangenen rund 25 Jahren sowohl hinsichtlich der Markt- als auch der Nachsteuereinkommen (Abbildung 1). Eine in dieser Darstellung sichtbare jüngste Unterbrechung des Trends ist vor allem durch den vorübergehenden Einbruch der Kapitaleinkommen während der globalen Finanzkrise zu erklären.[15] Berücksichtigt werden muss zudem die konjunkturelle Situation, die Veränderung der Erwerbspersonen pro Haushalt sowie die Verschiebung hin zu atypischer Beschäftigung. Bei einer direkten Betrachtung der Erwerbseinkommen lässt sich auch nach 2005 eine wachsende Ungleichheit feststellen, allgemein und sogar innerhalb der Gruppe der Vollzeitbeschäftigten – also auch bereinigt um die Zunahme atypischer Beschäftigung.[16] Die Armutsrisikoquote zeigt ebenfalls einen insgesamt steigenden Verlauf (Abbildung 2). Beide genannten Maße beruhen jedoch auf freiwilligen
Abbildung 2: ArmutsrisikoquoteAbbildung 2: Armutsrisikoquote
Haushaltsbefragungen und untererfassen daher die sehr hohen Einkommen. Deren Anteile an den gesamten Haushaltseinkommen, ein drittes wichtiges Maß, betrugen für die einkommensstärksten zehn Prozent der Haushalte kurz vor der Krise fast 40 Prozent, der Anteil des oberen ein Prozents betrug deutlich über zehn Prozent (jeweils vor staatlicher Umverteilung) (Abbildung 3). Neuere Daten zu den Spitzeneinkommen liegen bisher nur lückenhaft vor. Eine Schwäche der bisherigen Maße ist, dass sie die einbehaltenen Gewinne der Unternehmen unberücksichtigt lassen, die im vergangenen Jahrzehnt stark gestiegen sind (Abbildung 4). Die Unternehmenseigner gehören aber überwiegend zu den oberen Einkommensgruppen.[17] Des Weiteren sind die Vermögen (Abbildung 5) sehr viel stärker konzentriert als die Einkommen. Der Gini-Koeffizient der Vermögen wies 2012 einen
Abbildung 3: Top-Haushaltseinkommen in Prozent
der gesamten HaushaltseinkommenAbbildung 3: Top-Haushaltseinkommen in Prozent der gesamten Haushaltseinkommen
Wert von 0,78 auf, im Vergleich zu 0,49 beziehungsweise 0,29 bei den Einkommen. Die obersten zehn Prozent besitzen rund 60 Prozent der im SOEP erfassten Vermögen in Deutschland, die oberen 20 Prozent besitzen rund 80 Prozent. Es ist daher nicht übertrieben, die untersten 80 bis 90 Prozent der Haushalte zumindest hinsichtlich der Vermögen als "Unten" zu bezeichnen. Zwar werden im SOEP die Ansprüche aus der Gesetzlichen Rentenversicherung, von denen gerade auch die Mittelschicht profitiert, nicht als Vermögen erfasst. Mit der Zunahme prekärer Beschäftigung lässt sich jedoch vermehrte Altersarmut erwarten. Zugleich dürften die in Haushaltsbefragungen angegebenen hohen Vermögen noch deutlich unterschätzt sein. Angesichts der gestiegenen Einkommensungleichheit und weil die oberen Einkommensgruppen überdurchschnittlich viel sparen, dürfte auch die Vermögensungleichheit zugenommen haben beziehungsweise in Zukunft weiter zunehmen.[18]

Abbildung 4: Verfügbares Unternehmenseinkommen
in Prozent des verfügbaren privaten EinkommensAbbildung 4: Verfügbares Unternehmenseinkommen in Prozent des verfügbaren privaten Einkommens
Abbildung 5: Vermögensverteilung (Perzentiluntergrenzen)
2012Abbildung 5: Vermögensverteilung (Perzentiluntergrenzen) 2012

Krisenphänomene



Die Daten sprechen also eine relativ klare Sprache. Seit der deutschen Wiedervereinigung hat das Armutsrisiko zugenommen, die Gewinne sind stärker gestiegen als die Löhne, die Löhne sind auseinandergedriftet, und auch die Einkommen haben sich auseinanderentwickelt. Die Vermögen sind sehr ungleich verteilt, und ohne entsprechende politische Maßnahmen droht eine weitere Zunahme der Ungleichheit. Hierdurch werden fundamentale Fragen nach der Verteilung von Freiheit, Teilhabe und politischen Einflusschancen aufgeworfen. Doch wachsende Ungleichheit stellt nicht nur den sozialen Zusammenhalt und die Demokratie vor eine Zerreißprobe. In den vergangenen Jahren ist in der internationalen Debatte zunehmend die Sicht vertreten worden, dass eine steigende Einkommensungleichheit auch eine Ursache für gesamtwirtschaftliche Instabilität sein kann. Dabei spielen Statusvergleiche und die Sorge um die relative Position in der Gesellschaft eine wichtige Rolle.[19]

Ein zentrales Problem liegt in der Frage, wie bei hoher beziehungsweise stark steigender Einkommensungleichheit ausreichend Nachfrage generiert werden kann, um hohe Arbeitslosigkeit zu verhindern. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Entwicklung des privaten Konsums, der in den entwickelten Volkswirtschaften in der Regel zwischen 60 und 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Vor der weltweiten Finanzkrise ab 2007, als die Ungleichheit vielerorts stark anstieg, ist dieses latente Nachfrageproblem in verschiedenen Ländern im Wesentlichen auf zwei Arten verdeckt worden: In den USA reduzierten die Haushalte unterhalb der Spitzenverdiener seit Beginn der 1980er Jahre ihre Sparquote und verschuldeten sich stark. Häufig war dies verbunden mit dem Bestreben, mit den gestiegenen Ausgaben der Spitzenverdiener mitzuhalten und weiterhin positionale Güter wie eine "gute" Wohnlage und Bildung zu finanzieren. Dies stabilisierte zunächst den privaten Konsum, führte jedoch schließlich in die private Überschuldungskrise ab 2007. Außerdem ging diese Entwicklung mit hohen Leistungsbilanzdefiziten einher. Ein weiteres Beispiel für ein solches kreditbasiertes Entwicklungsmodell vor der Krise ist Großbritannien. Erklärt werden kann die zunehmende Verschuldung der privaten Haushalte als Folge steigender Ungleichheit in den angelsächsischen Ländern mit sozialen Normen und Institutionen (überwiegend private Finanzierung von Bildung, Gesundheit, Wohnraum, leichter Zugang zu Krediten).

In Deutschland hatte der Anstieg der Ungleichheit in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten andere makroökonomische Konsequenzen. Weil sich die privaten Haushalte auf Grund anderer sozialer Normen und Institutionen nicht vermehrt verschulden wollten beziehungsweise konnten, entstand eine zähe Konsumnachfrageschwäche. Da gleichzeitig die stark steigenden Unternehmensgewinne nicht in entsprechend höhere Investitionen mündeten, erzielt der private Unternehmenssektor nunmehr seit 2002 systematisch Finanzierungsüberschüsse. Diese sind ein wichtiger Grund für die strukturelle Schwäche der Binnennachfrage, die damit verbundenen Leistungsbilanzüberschüsse und somit für die Abhängigkeit von der Verschuldung des Auslands. Es ist unklar, woher angesichts der hohen und vielerorts weiter steigenden Ungleichheit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kommen soll. Manche Ökonomen sprechen schon von einer zu erwartenden dauerhaften Stagnation entwickelter Volkswirtschaften.[20]

Fazit



Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Ungleichheit in Deutschland und vielen anderen relativ reichen Ländern im vergangenen Vierteljahrhundert zugenommen hat. Sie stellt ein Problem dar, weil sie eine ungleiche Verteilung von Freiheit und politischen Einflusschancen mit sich bringt, zu makroökonomischer Instabilität beiträgt und Teilhabechancen untergräbt. Somit ist die Ungleichheit gleich mit drei Krisen verwoben, die nicht getrennt voneinander betrachtet werden können: eine Krise der Demokratie, der sozialen Teilhabe und der ökonomischen Stabilität – eine Melange mit Sprengkraft, wie am wachsenden Erfolg demokratie- und menschenverachtender Ideologien deutlich wird. Vor diesem Hintergrund ist es für uns nicht nachvollziehbar, hinsichtlich Verteilungsfragen einen wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf abzustreiten.

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Fußnoten

1.
Vgl. Till van Treeck, Zur Bedeutung von r > g in Pikettys "Kapital im 21. Jahrhundert", in: Peter Bofinger et al. (Hrsg.), Thomas Piketty und die Verteilungsfrage. Analysen, Bewertungen und wirtschaftspolitische Implikationen für Deutschland, London 2015 (i.E.).
2.
Vgl. Till van Treeck, Globale Ungleichgewichte im Außenhandel und der deutsche Exportüberschuss, in: APuZ, (2013) 1–3, S. 22–27.
3.
Die "Gesellschaftsform" bezieht sich auf die Sozialstruktur und reicht von Typ A "Eine kleine Elite oben, nur sehr wenige Menschen in der Mitte und die große Masse der Bevölkerung unten" bis Typ E "Viele Menschen im oberen Bereich und nur wenige Menschen im unteren Bereich".
4.
Vgl. Judith Niehues, Subjektive Ungleichheitswahrnehmung und Umverteilungspräferenzen – ein internationaler Vergleich, IW Trends 2/2014; zur Debatte um die Studie des IW, Thomas Piketty und die Verteilungssituation in Deutschland finden sich zahlreiche Beiträge im Blog »http://www.verteilungsfrage.org«.
5.
Vgl. T. van Treeck (Anm. 1).
6.
Vgl. G.A. Cohen, Capitalism, Freedom, and the Proletariat, in: David Miller (Hrsg.), The Liberty Reader, Edinburgh 2006, S. 163–182; ders., Self-Ownership, Freedom, and Equality, Cambridge 1995.
7.
Vgl. Lisa Herzog, Freiheit gehört nicht nur den Reichen – Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus, München 2014.
8.
Vgl. Robert H. Frank, Falling Behind, Berkeley u.a. 2007.
9.
Vgl. z.B. Colin Crouch, Postdemokratie, Frankfurt/M. 2008; Joseph E. Stiglitz, Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, München 2012.
10.
Vgl. z.B. Sebastian Bödeker, Soziale Ungleichheit und politische Partizipation in Deutschland, OBS-Arbeitspapier 1/2012; Martin Gilens, Affluence and Influence: Economic Inequality and Political Power in America, New York 2012.
11.
Durch die Äquivalenzgewichtung wird die Zusammensetzung von Haushalten (Anzahl von Erwachsenen, Kindern) berücksichtigt. Das Medianeinkommen bezeichnet das mittlere Einkommen in der Einkommensverteilung, also des Haushalts, der genau in der Mitte steht, wenn man alle Haushalte nach deren Einkommen sortiert.
12.
Vgl. R.H. Frank (Anm. 8).
13.
Vgl. Jan Behringer et al., Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland: Eine makroökonomische Sicht, IMK Report 99/2014.
14.
Der Gini-Koeffizient misst die Abweichung von einer Gleichverteilung: Bei einem Wert von 0 herrscht völlige Gleichverteilung, bei einem Wert von 1 hätte eine Person alle Einkommen.
15.
Vgl. Gustav Horn et al., Wirtschaftskrise unterbricht Anstieg der Ungleichheit, IMK Report 97/2015.
16.
Vgl. Ulrike Stein, Einkommensungleichheit: Das vernachlässigte Problem der steigenden Lohnungleichheit, in: P. Bofinger et al. (Anm. 1).
17.
Vgl. J. Behringer et al. (Anm. 13).
18.
Vgl. ebd.
19.
Vgl. R.H. Frank (Anm. 8); für einen Überblick vgl. J. Behringer et al. (Anm. 13).
20.
Vgl. Coen Teulings/Richard Baldwin, Secular Stagnation: Facts, Causes and Cures, London 2014.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Julian Bank, Till van Treeck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de