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"Ich habe doch nichts zu verbergen" - Essay


6.3.2015
Ein Großteil der Debatte über die Zukunft von Datenschutz und Big Data kreist um die verbreitete, jedoch selten hinterfragte Annahme, dass es sich beim Datenschutz lediglich um ein Schutzschild gegen Eingriffe des Staates, der Medien oder Großunternehmen handele. Daher wird oft davon ausgegangen, dass Verletzungen der Privatsphäre einmalige Vorkommnisse aufgrund irgendeines Lecks seien: Vertrauliche persönliche Informationen werden plötzlich mit einem viel größeren Personenkreis geteilt; was einst ein Geheimnis war, wird auf einmal allgemein bekannt – und lässt sich nicht wieder geheim machen; und so weiter.

In dieser Logik gelten Verletzungen der Privatsphäre merkwürdigerweise als eher flüchtige Ereignisse, die eigentlich auf die Enthüllung eines größeren Geheimnisses zielen – eines entwickelten, statischen Guts, das durch verschiedene Datenschutzmaßnahmen gesichert werden soll. Wer also annimmt, dass hinter der schützenden Schicht aus Recht oder Konvention kein solches Gut existiert, hat auch kein Problem damit, wenn sich die flüchtigen Verletzungen der Privatsphäre häufen: Gibt es im "Tresor unserer Privatsphäre" nichts zu holen, ist es egal, wie oft die Bank überfallen wird. Dies ist das theoretische Gerüst, auf das sich die nichtssagende, dennoch überall anzutreffende Phrase stützt: "Ich habe doch nichts zu verbergen."

Ein Problem dieser Argumentation ist, dass sie sich vor allem auf die Vergangenheit, nicht aber auf die Zukunft bezieht. Sie ist hilfreich, um "statische" Güter vor einmaligen Angriffen zu schützen, nicht aber, um im Einklang mit den eigenen Prinzipien und Werten eine Vorstellung von zukünftigen, dynamischen Schutzgütern zu entwickeln. Doch was ist, wenn das wahre Ziel von Datenschutz darin besteht – statt einen gut ausgestalteten Datenbestand an Geheimnissen vor ständigen Angriffen zu schützen –, gute Bedingungen für die Herausbildung einer neuen, zukunftsorientierten Identität zu schaffen, die unabhängig ist von den zahlreichen Beschränkungen durch Staat und Großunternehmen? Mit anderen Worten: Was ist, wenn Datenschutz nicht primär das Ziel hat, sicherzustellen, dass wir verbergen können, was wir verbergen wollen, sondern uns allen zu erlauben, das zu sein, was wir sein könnten – sogar in einer Zeit, in der die Räume zum Experimentieren schrumpfen, weil die Bedürfnisse der Geheimdienste stetig wachsen und sich die Geschäftsmodelle von Konzernen laufend weiterentwickeln?

Wenn dies tatsächlich der Fall ist, wenn es also nicht so sehr um die Wahrung unserer Geheimnisse geht, sondern um die Wahrung ausgedehnter offener Räume, in denen wir weiterhin mit verschiedenen Ideen, Lebensstilen und Identitäten experimentieren können, dann funktioniert das "Ich-habe-doch-nichts-zu-verbergen-Argument" nicht mehr, denn es erfasst nicht den eigentlichen Gegenstand, um den es bei der Aufgabe von Privatsphäre geht. Stattdessen müsste die Parole aktualisiert werden in "Ich habe doch nichts zu tun" oder "Ich habe doch nichts zu wollen", was eine passende Beschreibung der von Byung-Chul Han analysierten "Müdigkeitsgesellschaft" sein könnte: Die Aufgabe des eigenen Raums zum Experimentieren bedeutet die Aufgabe jeder Ambition, das eigene Leben selbst zu bestimmen – also die stillschweigende Akzeptanz des Status quo.

Sollte es gelingen, uns von diesem theoretischen Vorurteil freizumachen, dass es beim Datenschutz um den Schutz eines Gutes aus der Vergangenheit geht, und würden wir Datenschutz stattdessen als Möglichkeit betrachten, eine alternative Zukunft zu leben – eine, die uns von niemandem aufgezwungen wird, sondern die wir uns selbst teilautonom wählen – dann würden wir erkennen, dass die gegenwärtigen Prozesse, die alles quantifizieren und datafizieren, diese Möglichkeit stark einschränken. Ich möchte zwei aktuelle Prozesse skizzieren, von denen einer mit Unternehmen und einer mit dem Staat zu tun hat. Meiner Meinung nach stellen sie die größte Herausforderung für den Schutz jener privaten Räume dar. Gewiss: Diese Zweiteilung ist etwas künstlich, denn – und ich hoffe, dies wird deutlich – die größte Herausforderung ist die wirkmächtige Verschmelzung kommerzieller Interessen heutiger Unternehmen mit den Sicherheitsinteressen heutiger Regierungen.

Lautlose Schlacht um unsere Optionen



Unternehmen wissen inzwischen, dass detaillierteste Kenntnisse über ihre Kundinnen und Kunden größere Profite ergeben. Sie sammeln daher so viele Daten wie möglich und richten sich nach denjenigen, die die besten Plattformen zur Beobachtung unseres Verhaltens bieten – derzeit sind das Facebook und Google. Was machen sie jedoch mit all den Daten? Nun, sie analysieren sie, um zu gewährleisten, dass wir noch mehr ihrer Produkte konsumieren, indem sie uns auf eine gezielte, schwer zu widerstehende Art und Weise ansprechen: Streamingdienste versuchen, unseren Musik- oder Filmgeschmack zu analysieren und empfehlen uns immer wieder Produkte, die uns wahrscheinlich gefallen. In diesem Fall ist die Manipulation minimal und nicht besonders besorgniserregend (natürlich nur, sofern Sie nicht der Ansicht sind, dass hier eine Abwärtsspirale wirkt, die uns zu Gefangenen unseres eigenen Geschmacks zu machen droht, weil wir nichts mehr erfahren, das auch nur leicht davon abweicht).

Will man jedoch verstehen, welche Art social engineering diese enormen Datensammlungen tatsächlich leisten können, muss man sich andere Wirtschaftszweige ansehen. Nehmen wir zum Beispiel die Glücksspielbranche in den USA. Dort haben Casinos herausgefunden, wie sie durch detaillierte Datenanalysen und sorgfältig zugeschnittene Angebote Kunden wieder nach Las Vegas locken können – etwa, indem Konzerttickets der Lieblingsband in Aussicht gestellt werden oder kostenlose Dinners und Hotelübernachtungen zu bestimmten Terminen, die den Kunden etwas bedeuten. Die Grundidee dabei ist, dass Firmen durch die Dauerbeobachtung ihrer Kunden verborgene emotionale Anreize setzen können. Diese sind nicht unbedingt leicht auf jene Firmen zurückzuführen, führen jedoch dazu, dass mehr Produkte konsumiert werden. Natürlich ist dieser Trend älter als die digitalen Medien, aber die digitalen Medien liefern den Datenrohstoff, der solches emotional engineering ermöglicht.

Das Albtraumszenario sieht folgendermaßen aus: Durch eine Google-Suche, einen Tweet oder indem Sie etwas auf Facebook posten, zeigen Sie an, dass Sie irgendetwas vorhaben. Sie brauchen sich noch nicht einmal Ihrer Absichten bewusst zu sein: Genau wie unsere Körpersprache gibt auch unsere verbale Kommunikation Emotionen und Absichten preis, die uns noch unbekannt sind. Technologieunternehmen können sowohl verbale als auch nonverbale Äußerungen analysieren und zur Vorhersage unseres Verhaltens einsetzen. Da Sie also eine Absicht kundgetan haben, etwas zu tun oder zu kaufen – oder eventuell Ihr bisheriges Verhalten radikal zu ändern – beginnt im Hintergrund plötzlich eine unsichtbare Auktion um Ihr Leben. Manche Firmen würden es gern sehen, wenn Sie X täten (etwa Vegetarierin oder Vegetarier werden), während anderen Y lieber wäre (dass Sie weiterhin Fleisch essen) – die lautlose mathematische Schlacht zwischen den Firmen (und ihren Algorithmen) gestaltet den sozioökonomischen Hintergrund, vor dem Sie entscheiden.

Natürlich muss man diesen postmodernen Weg nicht vollständig mitgehen und kann darauf verweisen, dass die Entscheidung letztlich in unserer Hand liegt; das ist zwar sicherlich der Fall, aber es scheint mir unbestreitbar, dass die Faktoren, die unsere Entscheidungen heute mitbestimmen, weitaus komplexer – und weitaus stärker marktgesteuert – sind als beispielsweise vor dreißig Jahren. Damals wurden unsere Einstellungen und Entscheidungen viel stärker von anderen Faktoren beeinflusst; die Wahrscheinlichkeit war viel größer, dass wir unser Handeln an irgendeiner Art religiösem oder spirituellem Paradigma ausrichteten, ähnlich wie unsere Eltern oder nächsten Verwandten entschieden oder uns einfach so verhielten, dass wir in einer kleineren Gemeinschaft nicht auffielen. Man kann sicherlich froh darüber sein, dass uns die Moderne von einigen dieser Einschränkungen befreit hat. Doch man müsste schon recht naiv sein, um zu glauben, dass das Vakuum, das durch die Auflösung von Traditionen entstanden ist, nicht vom heutigen kybernetischen Kapitalismus gefüllt worden sei; er ersetzt das herkömmliche dogmatische Denken mit einer intransparenten, verdeckten Manipulation der uns verfügbaren Optionen. Uns wird glauben gemacht, wir wären "free to choose", wie eine berühmte Wendung der Ökonomen Milton und Rose Friedman lautet, doch die Optionen, die uns offen stehen, sind im Voraus bestimmt.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Evgeny Morozov für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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