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Politikfeld Big Data: Hoffnungen, Vorhaben und viele offene Fragen


6.3.2015
Für Hugo Campos ist es eine Frage der Freiheit. Der US-Bürger, der in San Francisco lebt, leidet an einem Herzfehler. Zur Überwachung seines Gesundheitszustandes ist ihm ein sogenannter Kardioverter-Defibrillator eingepflanzt worden, ein etwa handtellergroßes Gerät, das seinen Herzrhythmus überwacht, bei Bedarf Campos’ Arzt alarmieren und das Herz im Notfall mit Hilfe eines elektrischen Schocks wieder zum rhythmischen Schlagen bringen kann. Permanent erzeugt das Gerät Daten über Funktion und Zustand von Campos’ Herz. Er selbst aber bekommt diese Daten nicht zu Gesicht. Sie werden über Funk abgeleitet und landen direkt beim Hersteller des Implantats. Seit Jahren kämpft Campos gemeinsam mit anderen darum, Zugriff auf die Daten zu bekommen, die doch immerhin sein eigener Körper produziert.[1]

Wertvoll sind derartige Daten nicht nur für den einzelnen Patienten und dessen Ärzte. Sie könnten auch anderen Herzpatientinnen und -patienten nutzen. Drei Forscher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der University of Michigan konnten vor einigen Jahren beispielsweise zeigen, dass gewaltige Mengen von Elektrokardiogramm-Daten (EKG), die bislang häufig einfach weggeworfen werden, wertvolle Informationen für die weitere Gesundheitsprognose von Infarktpatienten enthalten. Drei Anomalien in den EKG-Daten, die mittels eines speziellen Computermodells ausfindig gemacht wurden, wiesen auf eine zwei- bis dreifach erhöhte Gefahr eines weiteren Infarkts binnen eines Jahres hin. Sie können nun Hochrisikopatienten identifizieren helfen, die zusätzliche Unterstützung benötigen.[2]

Das US-Start-up Practice Fusion bekommt derartige Daten direkt von Patienten und Ärzten. Das Unternehmen, das Geld von den bedeutendsten Wagniskapitalgebern des Silicon Valley bekommen hat, bietet eine elektronische Krankenakte an, die Ärzten und Patienten schnellen und direkten Zugang zu Gesundheitsdaten bieten soll, etwa über Apps für Tablet und Smartphone. Einige der Daten, die dabei anfallen, stellt Practice Fusion der Allgemeinheit zur Verfügung – wer sich registriert, kann beispielsweise auf Informationen darüber zugreifen, welche Medikamente bei laut Practice Fusion über 110000 Ärzten, Schwestern und Pflegern, die das System nutzen, wie häufig zum Einsatz kommen, oder welche Erkrankungen in welchen Altersgruppen besonders häufig diagnostiziert werden. Das aber funktioniert nur, weil Gesundheitsdaten Hunderttausender Patienten auf den Rechnern des Unternehmens gespeichert und ausgewertet werden.[3] Geld verdient Practice Fusion derzeit vor allem mit Werbung – etwa für ein großes Pharmaunternehmen.[4]

Die Beispiele rund um Gesundheitsdaten[5] illustrieren die Chancen und Herausforderungen, die das Phänomen Big Data auch für den Gesetzgeber mit sich bringt. Wem gehören eigentlich persönliche Daten – auch die aus dem eigenen Körper? Wer darf solche Daten erfassen, speichern, zusammenführen und auswerten? Welches Mitspracherecht haben jene Menschen, die all die Daten erst erzeugen? Und wer darf die Daten zu Geld machen?

Große Erwartungen, große Förderprogramme



Über den Wert der Datenberge herrscht auch in der Politik längst Einigkeit. "Analysten prognostizieren einen rasanten Anstieg des weltweiten Umsatzvolumens für Big-Data-Technologien auf über 15 Milliarden Euro im Jahr 2016", lässt das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) auf Anfrage wissen. Rund 1,6 Milliarden Euro könnten auf Deutschland entfallen. Das Ministerium warnt aber auch: "Europa und Deutschland hinken den USA bei der Anwendung von Big-Data-Technologien hinterher." Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich schon zum Thema geäußert: "Wir müssen die Stelle finden, wo die Daten in anonymer Form mit Big Data neue sinnvolle Produkte möglich machen", sagte sie im Oktober 2014 auf dem nationalen IT-Gipfel in Hamburg. Sonst drohe die Gefahr, dass "Innovationen, die wir noch nicht kennen", durch zu viel Regulierung verhindert würden.

Die politische Gestaltung dieses Themenbereichs spielt sich derzeit allerdings weniger in Berlin als in Brüssel und Straßburg ab. Die europäische Datenschutz-Grundverordnung, die noch 2015 in Kraft treten soll, wird die Weichen für die Zukunft des Themas Big Data in Europa stellen. Einige Bereiche der Verordnung sind nach wie vor höchst umstritten – etwa die von Merkel angerissene Frage, wie sich Daten so anonymisieren lassen, dass Auswertungen möglich, Rückschlüsse auf einzelne Betroffene aber unmöglich werden. Was wirklich anonym oder auch nur pseudonym ist, ist selbst unter Fachleuten umstritten. Die politische Debatte dreht sich deshalb nicht zuletzt um Definitionen: Wann erlaubt ein Datensatz keine Rückschlüsse auf Einzelne? Große Datenmengen ermöglichen nämlich nicht nur sinnvolle Anwendungen, sie stellen auch die Prinzipien dessen auf den Kopf, was bislang als ausreichender Datenschutz galt. Je größer der Heuhaufen, so scheint es, desto einfacher wird es, darin versteckte Nadeln zu finden.

Das BMWi sucht derzeit vor allem nach Möglichkeiten, deutsche Unternehmen in den Wachstumsbereichen Informations- und Kommunikationstechnologie zu fördern. Im November 2013 erschien eine vom BMWi in Auftrag gegebene Studie, in der Innovationspotenziale "für die neuen Technologien für das Verwalten und Analysieren von großen Datenmengen (Big Data Management)" ausgelotet werden. "Die Analyse dieser Daten wird wirtschaftliche, wissenschaftliche und gesellschaftliche Prozesse revolutionieren", heißt es darin. Die Autoren identifizieren jedoch auch eine Vielzahl von politisch-rechtlichen Problemfeldern. Fragen ergäben sich insbesondere mit Blick auf das Datenschutz-, das Urheber- und das Vertragsrecht. In der Rechtswissenschaft sei eine Diskussion im Gange, deren Ergebnis "gravierende Folgen" für die Big-Data-Branche haben dürfte: Es geht um die Frage, "ob Daten eigentumsfähig sind und, falls dies so ist, wem das Eigentum daran zusteht".[6]

2014 hat das BMWi ein eigenes Förderprogramm aufgelegt. Unter dem Titel "Smart Data – Innovationen aus Daten" werden 13 Projekte deutscher Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Branchen gefördert, "in denen unsere Wirtschaft komparative Vorteile besitzt und wo wir Potenziale für Forschung und Entwicklung in den nächsten 3–5 Jahren sehen", teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Es gehe dabei auch um die Entwicklung von Standards, und zwar "sowohl technologisch als auch bei den ebenso wichtigen Aspekten des Datenschutzes und der Datensicherheit". Gerade bei personenbezogenen Daten sei "der Datenschutz unbedingt zu beachten, auch um das notwendige Vertrauen und die Akzeptanz bei Anwendern und Bevölkerung zu gewährleisten". Von 2014 bis 2017 sollen insgesamt circa 30 Millionen Euro in die Förderung gesteckt werden.[7]

Die Projekte zeigen, wie breit das Themenfeld Big Data tatsächlich ist: Sie sind grob in die Bereiche Industrie, Mobilität, Energie und Gesundheit unterteilt; die Themen reichen von der Entwicklung von Verfahren für "die intelligente und datengetriebene Vernetzung von Logistikprozessen im Krankenhaus mit klarer Zentrierung auf den Operationssaal" über Plattformen für Energie-, Verkehrs- und Katastrophenmanagement bis hin zur Entwicklung von Methoden, mit denen "industrielle Massendaten in Echtzeit analysiert und zu entscheidungsrelevanten Informationen aufbereitet werden können". Die Bandbreite führt vor Augen, was Big Data eigentlich bedeutet: Grundsätzliche Veränderung in nahezu allen Bereichen, in denen in irgendeiner Form Technologie zum Einsatz kommt. Dies schlägt sich auch in der Anzahl der damit befassten Ressorts nieder. Neben dem Wirtschaftsministerium sind auch das Bildungs- und Forschungs-, das Verbraucherschutz- sowie das Innenministerium damit befasst.

Das Bildungs- und Forschungsministerium betreibt schon seit 2013 ein Förderprojekt mit dem Ziel, "die Forschung zum Umgang mit großen Datenmengen in Deutschland gezielt zu unterstützen und auszubauen". Konkret geht es dabei um die Förderung von Kompetenzzentren. Bislang profitieren davon zwei neue Forschungseinrichtungen: Das Berlin Big Data Center (BBDC) unter der Leitung der TU Berlin und das Competence Center for Scalable Data Services and Solutions (ScaDS) unter der Leitung der TU Dresden. Beide sollen forschen, an Lösungen für die Industrie mitarbeiten, aber durch die Ausbildung von "Data Scientists" auch dabei helfen, die nötigen Fachkräfte für das Wachstumsgebiet heranzuziehen. Dieses neue Berufsbild, irgendwo zwischen Statistiker, Softwareentwickler, Ingenieur und Datenanalyst, hat der "Harvard Business Review" einmal als "sexiest job of the 21st century" bezeichnet, in Anlehnung an ein berühmt gewordenes Zitat von Googles Chefökonom Hal Varian über den künftigen Sex-Appeal von Statistikern und Statistikerinnen.[8] Tatsächlich gibt es weltweit einen wachsenden Bedarf an Fachkräften, die sowohl die mathematischen Grundlagen als auch die programmiertechnische Kompetenz und das betriebswirtschaftliche Know-how mitbringen, um mit den neuen Datenmassen nutzbringend umzugehen.


Fußnoten

1.
Vgl. Amy Dockser Marcus/Christopher Weaver, Heart Gadgets Test Privacy-Law Limits, 28.11.2012, http://www.wsj.com/articles/SB10001424052970203937004578078820874744076« (24.2.2015).
2.
Vgl. Zeeshan Syed et al., Computationally Generated Cardiac Biomarkers for Risk Stratification After Acute Coronary Syndrome, 28.9.2011, http://stm.sciencemag.org/content/3/102/102ra95« (24.2.2015).
3.
Vgl. die Practise-Fusion-Seite: https://insight.practicefusion.com« (24.2.2015).
4.
Vgl. Christina Farr, Practice Fusion Owes Its Success – and Its Culture – to a Motorcycle Crash, 29.1.2013, http://venturebeat.com/2013/01/29/practice-fusion-owes-its-success-and-its-culture-to-a-motorcycle-crash« (24.2.2015).
5.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Peter Langkafel in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Volker Markl et al., Innovationspotenzialanalyse für die neuen Technologien für das Verwalten und Analysieren von großen Datenmengen (Big Data Management), November 2013, S. 8, S. 165, http://www.dima.tu-berlin.de/fileadmin/fg131/Publikation/BDM_Studie/StudieBiDaMa-online-v2.pdf« (24.2.2015).
7.
Vgl. BMWi (Hrsg.), Smart Data – Innovationen aus Daten, November 2013, http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/Publikationen/smart-data-innovationen-aus-daten-ein-technologiewettbewerb,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf« (24.2.2015).
8.
Thomas H. Davenport/D.J. Patil, Data Scientist: The Sexiest Job of the 21st Century, Oktober 2012, https://hbr.org/2012/10/data-scientist-the-sexiest-job-of-the-21st-century/« (24.2.2015).
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Autor: Christian Stöcker für bpb.de
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