Das Bismarck-Denkmal in Goslar
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20.3.2015 | Von:
Andrea Hopp

Warum Bismarck?

Von dem US-amerikanischen Soziologen George Herbert Mead stammt die Aussage, dass "jede Generation ihre Geschichte neu" schreibt. Hinzuzufügen wäre, dass dies vor dem Hintergrund jeweils unterschiedlicher "Erfahrungsräume" und "Erwartungshorizonte" geschieht.[1] Letztere sind dafür verantwortlich, dass von Generation zu Generation die Vergangenheit neu auf dem Prüfstand steht und mit ihr das, was für die Gegenwart als erinnernswert und erinnerungsrelevant betrachtet wird – mithin auch jene Ereignisse und Personen, die als solches gelten und auf diese Weise zu "Erinnerungsorten"[2] werden. Als Fixpunkte aus der Vergangenheit sind sie infolgedessen keine statischen Größen: Erinnerungsorte wandeln den ihnen beigelegten Sinn mit den Kontexten und Bezügen, in denen sie stehen. "Bedeutungszuschreibungen" ändern sich "im Laufe der Zeit", genauso wie "Akteure und Zielpublikum, Akzeptanz und Konfliktträchtigkeit variieren".[3] Dies trifft auch auf den ersten deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) zu: verehrt und umstritten, immer wieder politisch vereinnahmt, zusehends touristisch vermarktet, kontinuierlich erforscht. Wie jüngst der Historiker Eberhard Kolb herausstellte, bleibe dabei auch in der "historischen Einordnung (…) sein Bild durch scharf kontrastierende Bewertungen gekennzeichnet" – aufgrund der unterschiedlichen Beurteilung seines "Erbes" einerseits und des Bismarck-Mythos andererseits.[4]

Jahrestage allein sind also noch kein zwingender Grund für die Beschäftigung mit einer historischen Person. Die Aktivitäten rund um Bismarcks zweihundertsten Geburtstag am 1. April 2015 zeigen jedoch einmal mehr das fortbestehende Interesse an ihm. Sie reichen von wissenschaftlichen Konferenzen und Publikationen über wissenschaftlich begleitete Ausstellungen bis hin zur Sonderbriefmarke und zum Tourismusangebot. In der Presse war zum Jahreswechsel 2014/15 mit Blick auf Ersteres süffisant von "Historiker-Festspielen" die Rede, fand sich die Überschrift "Ein Mann des Jahres?" oder wurde gar lakonisch konstatiert: "Worauf auch immer wir in der deutschen Geschichte stolz sein können, er war dagegen."[5] Diese unübersehbare Ironie zeugt von unaufgeregter Distanz zum Gegenstand, nimmt aber doch auch Bezug darauf, dass mit einer Vielzahl von Akteuren gerechnet wird, die ebenso wenig wie deren Angebote ein einheitliches Bild abgeben. Insofern können Jahrestage auch Anlässe für einen prüfenden Rückblick sein. Angesichts der Wechselwirkung von öffentlicher Meinung und Expertenwissen ist es daher nicht nur legitim, sondern sogar unerlässlich zu fragen, welche Bedeutung Otto von Bismarck 2015 aus wissenschaftlicher Sicht beigemessen wird, und, eng damit verknüpft, welche Rolle ihm dementsprechend im Bereich der historisch-politischen Bildung zukommt.

Schlüsselfigur des 19. Jahrhunderts

Betrachtet man Bismarcks biografisches Grundgerüst, so liegt die Aufmerksamkeit, die er gegenwärtig genießt, nicht unbedingt auf der Hand. Er war ein preußischer Adliger, dessen aus der Stadt Stendal stammende Vorfahren seit 1562 als Gutsherren im altmärkischen Schönhausen lebten. 1846 übernahm er dort als Deichhauptmann ein für den Landadel gängiges erstes öffentliches Amt und trat 1847 im preußischen Vereinigten Landtag als hochkonservativer Nachwuchspolitiker in Erscheinung, ehe er vier Jahre später preußischer Diplomat wurde und 1862 Ministerpräsident von Preußen. Seit 1847 war er verheiratet mit Johanna von Puttkamer, wurde Vater dreier Kinder und schließlich Besitzer dreier Landgüter. Auf einem davon, Friedrichsruh, starb er am 30. Juli 1898 und wurde dort auch beigesetzt.[6]

Dass Bismarcks Leben und Werk auch im 21. Jahrhundert noch als bedeutsam und daher erinnerungsrelevant eingestuft werden, resultiert aus seinem letzten Karriereschritt vom preußischen Ministerpräsidenten zum deutschen Reichskanzler. Eng verbunden mit dieser Phase seines Wirkens ist die Gründung des Kaiserreiches von 1871, die nach wie vor als ein klassischer Markstein der deutschen Geschichte und Geschichtsschreibung gilt. Denn mit ihr waren fraglos grundlegende Weichenstellungen verbunden, leitete die Reichsgründung doch zugleich einen langfristigeren Transformationsprozess ein. Eine politische Schlüsselfigur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Bismarck darum gewiss, nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa. Außenpolitisch bezieht sich dies auf die Neuordnung der europäischen Kräfteverhältnisse. Innenpolitisch trieb er den Auf- und Ausbau des neugegründeten Staates voran und stellte mit Justiz- und Wirtschaftsreformen sowie in Verwaltungsstruktur und Sozialverfassung die Weichen für den Durchbruch der Moderne. Diese Schlüsselrolle in der deutschen wie in der europäischen Politik ist ohne Zweifel ein Grund, sich anlässlich seines zweihundertsten Geburtstages mit dem Wirken des Staatsmannes Otto von Bismarck auseinanderzusetzen.

Neue Perspektiven

Dabei gilt die Aufmerksamkeit zugleich dem 19. Jahrhundert und damit einer Zeit, die in praktisch allen Lebensbereichen eine des Umbruchs und des Übergangs war. Diese kombinierte Betrachtung von Person und Zeit hat sich unterdessen in der geschichtswissenschaftlichen Forschung durchgesetzt. Bismarck und sein politisches Werk werden in ihren historischen Zusammenhängen verortet, wodurch er – jenseits kultischer Erhöhung – "eine normalmenschliche Dimension" annimmt.[7] Um diese Einordnung Bismarcks in sein Jahrhundert kommt keine Biografie mehr umhin.[8]

Eine Historisierung von Person und Werk wird nicht nur durch die seit Bismarcks Leben verflossene Zeitspanne begünstigt, sondern auch durch den zu Beginn des 21. Jahrhunderts gewandelten Blick auf Deutschland, Europa und die Welt. Während im 19. Jahrhundert noch Nationalstaaten die größten vorstellbaren "politischen Ordnungseinheiten menschlichen Zusammenlebens" waren und abgesehen davon um 1900 auch die einzigen, "die weltweit ins Gewicht fielen",[9] sind heute weit umfassendere Zusammenschlüsse unterschiedlichsten Zuschnitts denkbar beziehungsweise bereits realisiert. Entsprechend hat sich auch der geschichtswissenschaftliche Horizont von einer sinnstiftenden nationalstaatlich fokussierten Erfolgsgeschichte des eben Erreichten hin zur Frage nach der Rolle Deutschlands im Europa des 19. Jahrhunderts verlagert. In signifikanter Weise kam dieses heutige Selbstverständnis bereits 1990 zum Ausdruck, als die erste große Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin "Bismarck: Preußen, Deutschland und Europa" thematisierte und Bismarck mithin im europäischen Kontext verortete.[10]

Überdies haben sich sowohl die Fragestellungen als auch die methodischen Herangehensweisen der Geschichtsschreibung enorm verändert und aufgefächert. Verbunden mit der transnationalen beziehungsweise vergleichenden Perspektive – die auch die Zusammenarbeit von Historikerinnen und Historikern aus verschiedenen Ländern einschließt – leistet dies einen weiteren Beitrag zu einer nüchterneren Betrachtung Bismarcks.[11] Eines der Resultate der größeren Bandbreite untersuchter Aspekte ist ein vielfältigeres und weniger auf eindeutige Entwicklungen festgelegt erscheinendes Bild von Bismarcks Zeit.

Aus dem beschriebenen Perspektivwandel und den damit zusammenhängenden neuen Interessengebieten und Fragestellungen resultiert auch eine neu ausgerichtete, intensivierte Grundlagenforschung.[12] Dabei wird durch die Berücksichtigung eines breiten Spektrums von Quellenbeständen das Panorama des politischen "Tagesgeschäfts" Bismarcks in ein klareres Licht gerückt. Besser erkennbar wird auf diese Weise, welche Position er tatsächlich innerhalb des monarchischen Herrschaftsgefüges einnahm. Denn so fraglos Bismarck das politische System und die politische Kultur prägte, war er doch dem Kaiser gegenüber verantwortlich, musste er vor ihm Rechenschaft ablegen und ihn von seiner Politik überzeugen.[13] Daher endete die Ära Bismarck schließlich nicht allein, weil das "System Bismarck" nicht mehr funktionierte und es etlichen Zeitgenossen überholt erschien, sondern weil allen voran Kaiser Wilhelm II. dieser Ansicht war. Nach mehreren schweren Konflikten, unter anderem um ein unbefristetes Sozialistengesetz, entließ er Bismarck am 20. März 1890.

Unfreiwillig fortschrittlich

Gleichwohl besteht kein Zweifel daran, dass Probleme wie Lösungen in Deutschland und Europa in diesem Zeitalter des Übergangs mit der Person Bismarcks aufs Engste verknüpft waren. Als historische Leistung bleibt festzuhalten, dass Bismarck in dieser Umbruchphase die Umsicht besaß, auf Kernprobleme mit Initiativen zu reagieren, die weit über seine Zeit hinaus für Politik und Gesellschaft nicht an Bedeutung verloren. Eine "List der Geschichte" ist es indessen, dass er mit eben diesen Maßnahmen konsequent das Ziel verfolgte, das hergebrachte Gesellschaftsideal einer vergangenen Epoche zu bewahren, stattdessen aber – einem "Zauberlehrling" gleich – unbeabsichtigt in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft der Moderne zum Durchbruch verhalf.[14]

Dieses Paradox gilt vor allem für zwei der wichtigsten zukunftsweisenden innenpolitischen Errungenschaften. Zum einen war etwa die Verfassung von 1867/71 sein Werk und sah ein Parlament vor, das auf einem allgemeinen und gleichen (Männer-)Wahlrecht basierte. Vergeblich versprach sich Bismarck davon jedoch nicht zuletzt die Mobilisierung der konservativen, königstreuen Wählerschichten gegen das liberale Bürgertum. Zum anderen sollte die Sozialgesetzgebung mit ihren Facetten einer Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung freilich der "Daseinsvorsorge" dienen – und zwar, was neu war, als Aufgabe des gerade erst geschaffenen bürokratischen Interventionsstaates. Seine Bemühungen, den offensichtlichen Herausforderungen des Zeitalters der Industrialisierung und der Urbanisierung zu begegnen, verband Bismarck jedoch mit dem Ziel, der Sozialdemokratie durch Staatsbindung das Wasser abzugraben. Die dahintersteckenden Polarisierungsabsichten sowie jene, die auch den Kulturkampf gegen den politischen Katholizismus oder das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" begleiteten, blieben nicht ohne langfristige Nachwirkungen. Noch 1988 betonte der Historiker Lothar Gall, dass all jene, "auf denen der politische Grundkonsens der Bundesrepublik" beruhe – er meinte damals Christdemokraten, Liberale und Sozialdemokraten –, "bei aller gelassenen Distanz nicht vergessen, dass ihre politischen Vorväter Bismarcks ‚Reichsfeinde‘ waren".[15]

Die außenpolitische Bilanz fällt aus heutiger Sicht besser aus, wenn auch nicht in Bezug auf die Reichsgründung "durch Eisen und Blut" infolge dreier Kriege (gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870/71), sondern auf die nachfolgende Politik des Maßhaltens und den damit verbundenen Appell an die Solidarität der Mächte für Frieden und Sicherheit in Europa. Dem Historiker Jürgen Osterhammel zufolge sind in allen Zivilisationen die "Stifter und Bewahrer des Friedens" im Urteil der Nachwelt stets Eroberern vorgezogen worden. Doch "wem beides gelang, dem war das höchste Ansehen gewiss: ein Reich erobert und ihm dann Frieden gebracht zu haben."[16] Otto von Bismarck wird – wenn auch nicht als "Eroberer", so doch als "Reichsgründer" – Anspruch auf beides attestiert.

Die "nationalstaatliche Einheit" erreichte er in "einem begrenzten Rahmen", der "für das europäische Umfeld gerade noch verträglich war".[17] Danach erhob er, von Sicherheitsinteressen geleitet, das Prinzip der "Saturiertheit" des kleindeutschen Nationalstaates zum Gebot. Dass er zum selben Zweck auch ein Bündnissystem auf den Weg brachte, für das die Nachbarn Österreich und Russland zentral waren, lag am gestörten Verhältnis zu Frankreich. Sein Ziel war es, einen Zweifrontenkrieg gegen den Nachbarn im Westen und Russland unbedingt zu vermeiden.[18] Dieses Bündnis war indessen, so Lothar Gall, weniger "Krönung souveräner Staatskunst" als ein "System von Aushilfen", das dazu dienen sollte, den cauchemar des coalitions zu bannen – den Albtraum der Koalitionen, der Bismarck nie losließ.[19] Die Notwendigkeit, sich auf diese Weise Bündnispartnerschaften zu sichern, resultierte aus der "halbhegemonialen Stellung" (Ludwig Dehio) des neugegründeten Nationalstaates im damaligen Europa.[20] Weit entfernt von heutigen Vorstellungen europäischer Zusammenarbeit und Gemeinschaft war er Gefährdungen, auch durch Kriege, ausgesetzt, wie man sie unterdessen – eigentlich – überwunden glaubte.

Mythos und Dämon

Was bei seiner Entlassung niemand vermutet hätte: Länger noch als Bismarcks Amtszeit dauerte sein Nachleben als Mythos.[21] Dieses nahm seinen Anfang, als die Absicht des jungen Kaisers Wilhelm II. fehlschlug, "sein eigener Kanzler" zu sein und innen- wie außenpolitisch einen "neuen Kurs" einzuschlagen. Bismarcks Stellenwert als nationale traditions- und legitimationsstiftende Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Interessen hat sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein behauptet: während des Ersten Weltkrieges hundert Jahre nach seiner Geburt, auf Kriegsbroschüren als "Eiserner Kanzler" in Kürassieruniform und Held der Einigungskriege; in der Weimarer Republik sowohl als moderater, umsichtiger Friedensbewahrer als auch als Galionsfigur der Republikgegner; und im Nationalsozialismus aufgrund dieser ungebrochenen Anziehungskraft "als Lockvogel für die politische Rechte und für das nationale Bürgertum".[22] Diese politische Vereinnahmung trug ihren Teil zu einer Distanzierung von Bismarck nach 1945 bei. In der Bundesrepublik überwog Zurückhaltung,[23] in der DDR war die Trendwende radikal. Die Auswirkungen lassen sich im geteilten Deutschland an zwei zentralen mit Bismarck verbundenen Erinnerungsorten aufzeigen: an seinem Geburtsort Schönhausen im Osten und seinem Sterbeort Friedrichsruh im Westen.

Friedrichsruh war schon zu Bismarcks Lebzeiten Schauplatz des Kultes um seine Person gewesen und nach dem Untergang der Monarchie vermehrt ein Ort antirepublikanischer Bekenntnisse.[24] Anlässlich Bismarcks 150. Todestag im Jahr 1965 war es indessen ruhig geworden im Sachsenwald. "Die Welt" vom 4. April 1965 vermerkte unter der Überschrift "Der Eiserne Kanzler – rostfrei" eine "Bismarck-Feier in Friedrichsruh" als ein geradezu "rührendes Schauspiel". Dies korrespondierte mit vergleichsweise wenig Aufsehen auf der Bundesebene.[25] Währenddessen wurden nicht nur in Bismarcks Geburtsort Schönhausen, sondern überall in der DDR sämtliche Bismarck-Straßen umbenannt. Die ihm zu Ehren errichteten Denkmäler, Säulen und Türme verfielen oder wurden neu genutzt. Nach langen Debatten wurde überdies 1958 in Schönhausen Bismarcks Geburtshaus gesprengt, als Konsequenz des Erlasses Walter Ulbrichts aus dem Jahr 1948, die Spuren adliger Existenz auf dem Land zu beseitigen.[26]

Mittlerweile sind Friedrichsruh (seit 1997) und Schönhausen (seit 2007) Standorte der Otto-von-Bismarck-Stiftung, eine der fünf Politikergedenkstiftungen des Bundes, die am historischen Ort unter dem Motto "Biografien erzählen – Geschichte entdecken" einen Bildungsauftrag erfüllen und sich gleichzeitig der wissenschaftlichen Forschung widmen. Allesamt informieren sie vor dem historischen Hintergrund der jeweiligen geschichtlichen Epoche über Lebenswege, politisches Denken und Wirken sowie das jeweilige "historische Erbe" der einzelnen Staatsmänner.[27] Da es mittlerweile zu den Forderungen der Geschichtsdidaktik zählt, neben dem Lernort Schule auch andere didaktische Situationen für das historische Lernen einzubeziehen, steigt die Bedeutung derartiger Lernorte, die zudem die Möglichkeit bieten, am historischen Ort vorhandene Quellen aufzugreifen.

Bismarck in der historisch-politischen Bildung

Was als Wissenschaftsstandard oben beschrieben wurde, wird als Kompetenzorientierung zum "Paradigma des 21. Jahrhunderts" im Schulunterricht. Dort wie in der historisch-politischen Bildung insgesamt hat sich mittlerweile der nüchterne historisierte Blick auf Bismarck durchgesetzt.[28] Dazu zählen auch das Hinterfragen gängiger Bismarck-Bilder sowie die Auseinandersetzung mit Erinnerungsorten. Die Präsenz Bismarcks im "kollektiven Geschichtsbewusstsein" als eine zentrale Kategorie der Geschichtsdidaktik macht ihn im Hinblick auf die didaktische Zielsetzung, die Metaebene der "Geschichte hinter der Geschichte" anzusprechen, sogar besonders interessant.[29]

Ein Beispiel für eine im Schulunterricht realisierte transnationale Perspektiverweiterung bietet das in Deutschland und Frankreich parallel erscheinende deutsch-französische Geschichtsbuch. Der zweite Band vergleicht die politische Entwicklung Frankreichs und Deutschlands zwischen 1870 und 1914 und integriert darin die Betrachtung Bismarcks. Gefragt wird beispielsweise einerseits, wie sich die republikanische Ordnung in Frankreich in der Praxis bewährte, sowie andererseits, welche Grenzen der politischen Partizipation im Kaiserreich gesetzt waren. Dossiers setzen sich mit den Herausforderungen des 19. Jahrhunderts auseinander, wie etwa die Einführung einer Verfassung, die soziale Frage, das Verhältnis von Staat und Religion oder Nation und Nationalismus.[30] Dieser im Schulunterricht vollzogene Perspektivwandel verdeutlicht, wie historisch-politische Bildungsarbeit zu Bismarck gelingen kann. Im Unterschied zu den vier anderen, ihrerseits demokratischen Leitfiguren des 20. Jahrhunderts gewidmeten Politikergedenkstiftungen liegt eine reflektierte Rückbesinnung auf die deutsche Geschichte mit dem Ziel, das Bewusstsein für heutige demokratische Grundwerte zu festigen, im Fall Bismarcks nämlich nicht auf der Hand. Voraussetzung hierfür ist vielmehr eine Betrachtung jenseits von Glorifizierung, Trivialisierung oder Dämonisierung, auf dem neuesten Stand der Forschung, eingebettet in den historischen Kontext des Kaiserreiches. Am historischen Ort mit seiner vorgeblichen "Authentizität" ist diese Herangehensweise von besonderem Gewicht.[31] Realisiert wird sie in Ausstellungen, Vorträgen und museumspädagogischen Programmen, die beispielsweise Parlamentarisierungs- und Demokratisierungsprozesse im 19. Jahrhundert erläutern und sie mit Bismarcks politischem Denken und Handeln in Beziehung setzen.

Nichtsdestotrotz bleibt zu konstatieren, dass Bismarcks innen- wie außenpolitisches Agieren als Repräsentant des deutschen "Machtstaats vor der Demokratie"[32] ihn weiterhin für obrigkeitsstaatlich orientierte beziehungsweise antidemokratische Instrumentalisierungen attraktiv macht. Auch damit muss sich die historisch-politische Bildung auseinandersetzen. Schönhausen als einziger Standort einer Politikergedenkstiftung in Ostdeutschland, noch dazu in einer der strukturschwächsten ländlichen Regionen Deutschlands, stellt in dieser Hinsicht eine mehrfache Herausforderung dar. Denn nicht zuletzt die geschichtspolitischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts haben dort für eine spezifische Zusammensetzung konkurrierender Geschichtsbilder rund um Bismarck gesorgt.[33]

Bedarf an einer Entmystifizierung Bismarcks besteht also nach wie vor. Ein prüfendes Erinnern an Werk und Person an ihrem runden Jahrestag kann dabei hilfreich sein. Im Sinne des eingangs zitierten George Herbert Mead wird Bismarcks Geschichte 2015 "neu geschrieben", wenn der Blick in die Vergangenheit in Form einer differenzierten Auseinandersetzung mit Leistungen und Defiziten erfolgt und Zwänge ebenso wie Handlungsspielräume einer Einzelperson in ihrer Zeit zur Kenntnis genommen werden. So gewendet vermag das Wissen um die Geschichte dazu beizutragen, künftig an gefährlichen Irrwegen wie etwa dem Aufbau von Feindbildern im Innern vorbeizusteuern und außenpolitisch die Verbindung von Augenhöhe und Augenmaß beizubehalten – nicht zuletzt angesichts der Umbrüche und Krisen, mit denen Deutschland, Europa und die Welt derzeit konfrontiert sind. Warum also Bismarck? Weil insofern die "Akte Bismarck" noch lange nicht "geschlossen" werden kann.[34]
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Fußnoten

1.
Vgl. George H. Mead, Das Wesen der Vergangenheit, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Bd. 2, hrsg. von Hans Joas, Frankfurt/M. 1987 (1929), S. 337–346, hier: S. 344; zu "Erfahrungsraum" und "Erwartungshorizont" als Rezeptions- und Deutungskategorien vgl. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 19922, S. 349–375.
2.
Vgl. Pierre Nora (Hrsg.), Les lieux de mémoire, Paris 1984–1992.
3.
So im Kontext von Gedenktagen Harald Schmid, Erinnern an den "Tag der Schuld". Das Novemberpogrom von 1938 in der deutschen Geschichtspolitik, Hamburg 2001, S. 47.
4.
Eberhard Kolb, Otto von Bismarck. Eine Biographie, München 2014, S. 175.
5.
In der genannten Reihenfolge: Georg Meck, Die Köpfe des Jahres 2015, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) vom 28.12.2014, S. 30; Albert Funk, Ein Mann des Jahres?, in: Tagesspiegel vom 4.1.2015, S. 3; Nils Minkmar, Urahn der Putinfreunde, in: FAS vom 4.1.2015, S. 34.
6.
Zur Familiengeschichte Bismarcks vgl. Ernst Engelberg, Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer. Berlin 19883, S. 1–84.
7.
Formulierung beispielsweise bei Beate Althammer, Das Bismarckreich 1871–1890, Paderborn u.a. 2009, S. 266.
8.
Für die spätere Forschung wegweisend Lothar Gall, Bismarck. Der weiße Revolutionär, Neuausgabe, Berlin 1997, S. 17–25; eine detaillierte Einbettung in den historischen Kontext auch bei Otto Pflanze, Bismarck, Bd. 1: Der Reichsgründer, sowie Bd. 2: Der Reichskanzler, München 1998; jüngst E. Kolb (Anm. 4), S. 7ff.; mit dem Anspruch der Einbettung in die europäische Geschichte Christoph Nonn, Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert, München 2015.
9.
Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 565.
10.
Vgl. Bismarck – Preußen, Deutschland und Europa, Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin 1990.
11.
Vgl. etwa Klaus Hildebrand/Eberhard Kolb (Hrsg.), Bismarck im Spiegel Europas, Paderborn u.a. 2006, mit Beiträgen von Historikerinnen und Historikern aus ganz Europa; innovativ hinsichtlich der Auswertung sonst weithin übergangener Quellenbestände beispielsweise Guido Thiemeyer, Internationalismus als Vorläufer wirtschaftlicher Integration? Otto von Bismarck, das Phänomen der Supranationalität und die Internationalisierung der Wirtschaft im 19. Jahrhundert, in: Ulrich Lappenküper/Guido Thiemeyer (Hrsg.), Europäische Einigung im 19. und 20. Jahrhundert. Akteure und Antriebskräfte, Paderborn u.a. 2013, S. 71–93.
12.
Vgl. etwa, seit 2004 erscheinend, Otto von Bismarck, Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe, Paderborn u.a.
13.
Zum Forschungsdesiderat einer systematischen Untersuchung der "Herrschaftspraxis im frühen Kaiserreich" vgl. Hans-Peter Ullmann, Politik im deutschen Kaiserreich 1871–1918, Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 52, München 1999, S. 68.
14.
Die Überschrift "Der Zauberlehrling" trägt das dritte Kapitel bei L. Gall (Anm. 8), S. 529–845; zum Geburtshelfer der Moderne "wider Willen" ebd., S. 844f.
15.
Ders., Die Deutschen und Bismarck, in: Ralph Melville et al. (Hrsg.), Deutschland und Europa in der Neuzeit, Stuttgart 1988, S. 525–536, hier: S. 536.
16.
J. Osterhammel (Anm. 9), S. 566.
17.
Klaus Hildebrand, Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, Durchgesehene Ausgabe, Berlin 1999, S. 20.
18.
Vgl. Otto von Bismarck, Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe, Abt. III: Schriften 1871–1898, Bd. 8: 1888–1890, Paderborn u.a. 2014, beispielsweise die Dokumente Nr. 92 und 160.
19.
L. Gall (Anm. 8), S. 689. Zur Außenpolitik der Ära Bismarck vgl. Konrad Canis, Bismarcks Außenpolitik 1870 bis 1890. Aufstieg und Gefährdung, Paderborn u.a. 2004.
20.
Vgl. Hildebrand (Anm. 17), S. 13–33.
21.
Siehe auch Volker Ullrichs Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
22.
L. Gall (Anm. 15), S. 532; vgl. auch Christoph Studt, Das Bismarckbild der deutschen Öffentlichkeit (1898–1998), Friedrichsruh 1999; Robert Gerwarth, The Bismarck Myth. Weimar Germany and the Legacy of the Iron Chancellor, Oxford 2005; Richard E. Frankel, Bismarck’s Shadow. The Cult of Leadership and the Transformation of the German Right, 1898–1945, Oxford 2005; Christoph Nübel, Der Bismarck-Mythos in den Reden und Schriften Hitlers. Vergangenheitsbilder und Zukunftsversprechen in der Auseinandersetzung von NSDAP und DNVP bis 1933, in: Historische Zeitschrift, 298 (2014), S. 349–380.
23.
Vgl. den auch mit einem Hinweis auf die (west-)deutsche Öffentlichkeit versehenen Sammelband zum Stand der Nachkriegshistoriografie von Lothar Gall (Hrsg.), Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung nach 1945, Köln–Berlin 1971.
24.
Vgl. Andrea Hopp, Otto von Bismarck in Friedrichsruh – Ort und Politik der Erinnerung, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik, 32 (2004) 3–4, S. 231–242; zu Weimarer Republik und Nationalsozialismus Sandrine Kott, Bismarck, Paris 2003, S. 130f., S. 135.
25.
Ch. Studt (Anm. 22), S. 21. Zwar gab 1965 die Deutsche Bundespost eine Sonderbriefmarke heraus und die Bundesregierung veranstaltete eine Gedenkfeier. Bundeskanzler Ludwig Erhard übte sich jedoch in seiner kurzen Ansprache in expliziter Distanz, als er hervorhob, die Bundesrepublik sei "fern davon", ihren "Willen zur Wiedervereinigung mit der Idee des Reiches Bismarckscher Prägung" zu verknüpfen; vgl. Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 59 vom 2.4.1965.
26.
Zu Schönhausen vgl. Andrea Hopp/Katja Gosdek, Schönhausen: Geschichte erleben an Bismarcks Geburtsort, in: Ulrich Lappenküper/Andreas von Seggern (Hrsg.), Bismarck-Erinnerungsorte. Ein Begleiter durch die Museen in Friedrichsruh und Schönhausen, Friedrichsruh 2010, S. 109–117, hier: S. 112.
27.
Zu den fünf Politikergedenkstiftungen des Bundes für Konrad Adenauer in Rhöndorf, Friedrich Ebert in Heidelberg, Theodor Heuss in Stuttgart, Willy Brandt in Berlin und Lübeck sowie Otto von Bismarck in Friedrichsruh und Schönhausen vgl. http://www.politikergedenkstiftungen.de«.
28.
Vgl. Waltraud Schreiber, Kompetenzorientierter Geschichtsunterricht am Beispiel Otto von Bismarck, in: Markus Raasch (Hrsg.), Die deutsche Gesellschaft und der konservative Heroe. Der Bismarckmythos im Wandel der Zeit, Aachen 2010, S. 315–344, hier: S. 324.
29.
Dies war Gegenstand eines Schulprojekts mit der Otto-von-Bismarck-Stiftung; vgl. Martin Liepach, Schule und Erinnerungsort, Friedrichsruh 2007, S. 13; ders., Bismarck – Dekonstruktion eines Mythos, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik, 32 (2004) 3–4, S. 242–248.
30.
Vgl. Daniel Henri/Guillaume Le Quintrec/Peter Geiss (Hrsg.), Histoire/Geschichte. Europa und die Welt vom Wiener Kongress bis 1945. Deutsch-französisches Geschichtsbuch, Stuttgart–Leipzig 2008, S. 3, S. 30–63.
31.
Zu dieser Erwartung an die "Aussagekraft" der Orte, die gleichwohl "gesellschaftlich vermittelt" ist, vgl. Justus H. Ulbricht, "Schwierige Orte" als "Erbe der Provinz", in: ders. (Hrsg.), Schwierige Orte. Regionale Erinnerung, Gedenkstätten, Museen, Halle/S. 2013, S. 17f.
32.
Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, München 19923.
33.
In dieser Hinsicht ist Schönhausen ein "schwieriger Ort" als "Erbe der Provinz" im "Spannungsverhältnis von Heimatgefühl, lokalen Geschichtsaneignungen und vergangenen Ereignissen". Bezogen auf Gedenkstätten zur Geschichte des Nationalsozialismus und der DDR vgl. J. H. Ulbricht (Anm. 31), S. 20; zum Projekt "Kunst für Demokratie" gegen die rechtsextremistische Vereinnahmung des Ortes, das 2012 im Rahmen des Programms "Zusammenhalt durch Teilhabe" des Bundesministeriums des Innern gefördert und 2013/14 unter dem Motto "Ideen finden Stadt" "Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen" wurde, vgl. http://www.zusammenhalt-durch-teilhabe.de/akteure/142071/elbe-havel-land« sowie http://www.land-der-ideen.de/ausgezeichnete-orte/preistraeger/kunst-f-r-demokratie« (20.2.2015).
34.
Die Aktenschließung für ausgemacht hielt Lothar Machtan, Bismarck, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 2, München 2001, S. 86–104, hier: S. 86.
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Autor: Andrea Hopp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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