Das Bismarck-Denkmal in Goslar

20.3.2015 | Von:
Andreas Wirsching

Bismarck und das Problem eines deutschen "Sonderwegs"

Als Otto von Bismarck Anfang März 1871 von Versailles nach Deutschland zurückkehrte, befand er sich im Zenit seiner Popularität. In der Vergangenheit viel kritisiert, bisweilen verspottet und von nicht wenigen gehasst, wurde er nun – nach dem siegreichen Feldzug gegen Frankreich und der Proklamation des Deutschen Kaiserreiches – mit Ehrungen überhäuft. Bismarck galt als größter Staatsmann seiner Zeit, und es gab nur wenige, die fortfuhren, ihn öffentlich zu kritisieren.

Zu ihnen gehörte Georg Gottfried Gervinus, Veteran der Paulskirche, der das Scheitern von 1848 nie verwunden hatte und seine Hoffnungen auf eine demokratische Bewegung setzte. Während die meisten Liberalen jubelten, unterzog Gervinus die Ereignisse von 1866 bis 1871 schneidender Kritik. Bismarck verkörperte für ihn mehr denn je "Deutschlands bösen Genius", und von der sich abzeichnenden Reichsgründung erwartete er das Schlimmste: "Wir werden in Bahnen gerissen, die uns nicht, die der ganzen Zeit nicht anstehen. Was sollen wir in diesem Jahrhundert mit einer höchst überspannten Erneuerung der Militärstaaten des 17.–18. Jh.? Das war nicht die Mission dieses Jahrhunderts, u. am wenigsten dieses Deutschlands."[1] Für die fernere Zukunft sah er eine große europäische Katastrophe voraus, in deren Verlauf "der Boden der Geschichte (…) zu einer neuen Bestellung" aufgefurcht werde.[2] Mit der Gründung des neuen Deutschen Reiches, die er nur wenige Wochen überlebte, sah Gervinus die föderalen und demokratischen Prinzipien seiner Geschichtsauffassung zerstört, dem Militarismus ein fatales Übergewicht zugestanden und zugleich große Gefahren auf Deutschland zukommen.[3]

Gervinus’ Kritik am Reichsgründungsgeschehen verband sich also mit einem vernichtenden Urteil über die Person Bismarcks. Unabhängig davon, ob dies einem eher vordergründigen Gesinnungsidealismus entsprang oder ob er eine tatsächliche Abweichung der deutschen vom Hauptstrom der westeuropäischen Geschichte analytisch erfasste: Mit seiner Haltung wurde Gervinus zum ersten Vertreter der "Sonderwegsthese". Für die Mehrheit der deutschen Historiker stand hingegen die positive Wertung des Bismarck-Reiches außer Frage. Dessen historische Mission schien es zu sein, eine neue Synthese aus Kultur und Macht, aus Autorität und Freiheit, aus Tradition und Moderne zu schmieden, der die Zukunft gehören würde. Die ideologische Klammer dieser Synthese bildete die Nation: Ihre Einheit galt es in einem starken Staat zu sichern, um kommende Herausforderungen zu meistern und am Ende den Deutschen auch ihren wohlverdienten "Platz an der Sonne" zu sichern. Überdies hegten große Teile der deutschen Eliten ein tiefes Misstrauen gegen den Interessenpluralismus der modernen industriellen Massengesellschaft. Nur eine Minderheit hielt die Methoden der westlichen Demokratie für geeignet, um die Probleme der modernen Gesellschaft in Deutschland politisch zu steuern, sie sozial und kulturell zu bewältigen. Die Mehrheit hielt dagegen die westliche Zivilisation für dekadent, materialistisch und maßlos. Seine schärfste Zuspitzung erhielt dieses Denken in den "Ideen von 1914". Sie bildeten die affirmative Form einer Sonderwegsideologie, welche die deutsche Kultur und Machtentfaltung in einen dezidierten und positiv gewendeten Gegensatz zur "westlichen" Entwicklung seit der Französischen Revolution setzte.[4]

Sonderweg zum Jahr 1933?

Auch nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg blieb die große Mehrheit der deutschen Historiker dem Ideal des Bismarck-Reiches verpflichtet und sah in ihm trotz Niederlage und Revolution den Höhepunkt der nationalen Geschichte und den Fixpunkt der politischen Identität der Deutschen. Für die Geschichtswissenschaft ergaben sich daraus als "nächstliegende und dringendste Tagesaufgaben" die "Kriegsschuld- und die Bismarckforschung."[5] Nicht zufällig entfalteten sich in der Weimarer Republik Bismarck-Mythos und Bismarck-Kult zu voller Blüte.[6] Der Rekurs auf den großen Staatsmann diente als rückwärtsgewandte Idealisierung einer Größe, die das Deutsche Reich verloren hatte und nach der sich die meisten Angehörigen des Bürgertums und der Aristokratie zurücksehnten. Das Unglück des Weltkrieges konnte dagegen Wilhelm II. zugerechnet werden. Wenn gegenüber dem schwächlichen Epigonen die Lichtgestalt Bismarcks umso heller strahlte, war auch die Dignität des Kaiserreiches trotz Niederlage, Zusammenbruch und Revolution bewahrt. So ließ sich die gescheiterte Reichsgründung des "Eisernen Kanzlers" auf Kosten des letzten deutschen Kaisers rehabilitieren.

Nur eine kleine Minderheit der deutschen Historiker blickte tiefer und legte strukturelle Widersprüche der Bismarckschen Schöpfung selbst offen. Insbesondere Arthur Rosenberg betrachtete es als "historischen Fehler von ungeheurem Ausmaß", dass Bismarck die Verfassung geradezu auf seine Person zugeschnitten hatte.[7] Von hier aus konstruierte er eine Art Geburtsfehlerthese: Die konstitutionellen Defizite der Bismarckschen Reichsgründung und die mangelhafte Integration der auseinanderstrebenden sozialen Kräfte, nicht aber persönliche Schuld bildeten demzufolge die Ursache für das Versagen Wilhelms II. und den Zusammenbruch im Ersten Weltkrieg. Für Rosenberg kennzeichnete daher von Beginn an eine nur mühsam überdeckte "Dauerkrise" die Geschichte des Kaiserreiches, die sich im Weltkrieg definitiv und unumkehrbar offenbarte: Das Bismarcksche Reich war "von Anfang an todkrank".[8]

Was Rosenberg verfassungsgeschichtlich diagnostizierte, suchte Eckart Kehr strukturgeschichtlich zu erhärten. Die Flottenrüstung, die Außenpolitik und den wilhelminischen Imperialismus begriff er ebenso kritisch wie systematisch von ihren inneren sozialen, ökonomischen und kulturellen Voraussetzungen her.[9] Er betrachtete den Dualismus zwischen Militär und ziviler Politik als entscheidende Strukturschwäche der Bismarckschen Schöpfung. In den 1960er und 1970er Jahren knüpften dann Hans-Ulrich Wehler und die sogenannte Bielefelder Schule an Autoren wie Rosenberg und Kehr an und stellten das Bismarck-Reich in eine dezidiert kritische Perspektive. Dabei ging es weniger um Bismarck als historische Persönlichkeit als um die Frage, inwieweit der Reichsgründer die strukturellen Widersprüche der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts und den damit verbundenen "Rückstau politischer Modernisierung" repräsentierte.[10]

Damit war die Frage nach einem deutschen "Sonderweg" in neuer Form auf die Tagesordnung gesetzt worden. Ihren eigentlichen Stachel erhielt sie durch den Blick auf die Jahre 1933 bis 1945. Bis in die 1960er Jahre hinein bestand ja durchaus die Versuchung, den Nationalsozialismus durch eine Überbetonung des "Dämonischen" bei Hitler, durch allgemeine europäische Kräfte der "Vermassung" und Säkularisierung oder auch durch die Vorstellung eines "Betriebsunfalls" der deutschen Geschichte zu erklären. Ergaben sich Hitler und der Nationalsozialismus indes aus der Entwicklungslogik des 1871 gegründeten preußisch-deutschen Nationalstaates, wie die Anhänger der Sonderwegsthese überwiegend argumentierten, dann wandelte sich das Bild fundamental.

Diese Diskussion beschäftigte die westdeutsche Geschichtswissenschaft während der späten 1970er und der 1980er Jahre intensiv. Argumente pro und contra hielten sich dabei in etwa die Waage: Vertreter der Sonderwegsthese beharrten darauf, dass die Geschichte des Bismarck-Reiches und der durch sie geformten "verspäteten Nation" (Helmuth Plessner) durch eine strukturelle Gleichzeitigkeit von industriewirtschaftlicher Moderne, sozialer Hierarchisierung und verfassungspolitischer Rückständigkeit gekennzeichnet war. Zusammen mit dem antiwestlichen Sonderbewusstsein der deutschen Eliten sei das damit gegebene Modernisierungsdefizit eine wichtige strukturelle Ursache für den Aufstieg des Nationalsozialismus gewesen.[11] Die Gegner der Sonderwegsthese warnten indes vor der Entkoppelung der deutschen von der europäischen Geschichte ebenso wie vor einer verkürzten oder gar negativ teleologischen Sichtweise auf das Jahr 1933. Überdies wirkte die dem "Sonderweg" stets implizite Konstruktion eines westlichen "Normalweges" problematisch und zu normativ an einer idealen Modernisierungsentwicklung ausgerichtet.[12]

Solche Gegensätze waren auch methodisch begründet. Dezidiert strukturgeschichtlich (und auch normativ) argumentierende Wissenschaftler wie Hans-Ulrich Wehler, Jürgen Kocka oder Hans-Jürgen Puhle[13] unterschieden sich in ihren erkenntnistheoretischen Prämissen grundlegend von jenen Historikern, die wie Thomas Nipperdey auf das Verstehens- und Objektivitätspostulat der Geschichtswissenschaft und deren individualisierende und differenzierende Prinzipien pochten.[14] Zugleich wurde der internationale Vergleich als notwendige empirische Basis für die These vom "Sonderweg" eingefordert. Eine eher überraschende Kritik kam überdies von den beiden britischen Historikern David Blackbourn und Geoff Eley. Sie attackierten die Sonderwegsthese von dezidiert (neo-)marxistischer Seite und verwiesen insbesondere die Vorstellung von einer in Deutschland gescheiterten "bürgerlichen Revolution" in den Bereich der historiografischen Mythen. Statt deutsche Besonderheiten zu betonen, gelte es, die Krisenanfälligkeit moderner kapitalistischer Gesellschaften hervorzuheben.[15]

Von Bismarck selbst und seiner Persönlichkeit war im Kontext dieser eher generalisierend-interpretatorischen Debatten kaum mehr die Rede. Es blieb daher der großen, eigentlich ersten modernen Bismarck-Biografie von Lothar Gall vorbehalten, den preußischen Staatsmann wieder ins Rampenlicht zu rücken. Seine Biografie zeichnete sich durch ein souveränes, stets balanciertes Urteil aus. Gall verdeutlichte, wie stark Bismarck den tief in seiner Zeit wurzelnden geschichtlichen Widersprüchen verhaftet blieb, und wie es ihm immer schwerer fiel, sie in einer gestaltenden Politik aufzuheben. Am Ende erscheint Bismarck denn auch keineswegs mehr als der "große", vorausschauende Staatsmann, sondern schlicht als der "Zauberlehrling", dem die gewaltigen nationalstaatlichen Kräfte, die er gerufen hatte, über den Kopf wuchsen.[16]

Mithin gelang Gall eine methodisch bedeutsame Synthese von biografisch-individualisierender und strukturgeschichtlich informierter Betrachtungsweise. Sie nahm im Grunde auch der Sonderwegsdiskussion viel von ihrer Schärfe. Und seit dem Ende der 1980er Jahre ist diese Diskussion verstummt. Seinen Grund hatte das zum einen in der seit 1989/90 historisch veränderten Situation der Deutschen. Leicht ließ sich nun davon ausgehen, die Deutschen hätten mit der Wiedervereinigung und der Restitution des deutschen Nationalstaates ihren "Sonderweg" beendet und seien nunmehr im "Westen" angekommen.[17] Zum anderen gilt die Sonderwegsthese heute aber auch methodisch als überholt, dominieren doch in der Geschichtswissenschaft kultur- und globalhistorische, vergleichende und transnationale Fragestellungen.

Fußnoten

1.
Gervinus an J. F. Minnsen, 6.5.1867, in: Jonathan F. Wagner, Gervinus über die Einigung Deutschlands. Briefe aus den Jahren 1866–70, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, 121 (1973), S. 371–392, hier: S. 382.
2.
Gervinus an Ewald, 28.4.1867, in: ebd., S. 380.
3.
Siehe vor allem Georg Gottfried Gervinus, Denkschrift zum Frieden. An das Preußische Königshaus, in: ders., Hinterlassene Schriften, hrsg. von Victorie Gervinus, Wien 1872, S. 3–32.
4.
Vgl. Bernd Faulenbach, Ideologie des deutschen Weges. Die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München 1980.
5.
So rückblickend Gerhard Ritter, Gegenwärtige Lage und Zukunftsaufgaben deutscher Geschichtswissenschaft, in: Historische Zeitschrift, 170 (1950), S. 1–22, hier: S. 17.
6.
Vgl. Robert Gerwarth, Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler, München 2007. Siehe auch Volker Ullrichs Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Arthur Rosenberg, Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik, hrsg. von Kurt Kersten, Frankfurt/M. (zahlreiche Nachdrucke), S. 13.
8.
Ebd., S. 12.
9.
Vgl. Eckart Kehr, Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894 bis 1901. Versuch eines Querschnitts durch die innenpolitischen, sozialen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus, Berlin 1930.
10.
Hans-Ulrich Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen 19804, S. 230.
11.
Prägnant hierzu: Jürgen Kocka, Ursachen des Nationalsozialismus, in: APuZ, (1980) 25, S. 3–15.
12.
Vgl. Deutscher Sonderweg – Mythos oder Realität?, Kolloquien des Instituts für Zeitgeschichte, München 1982; vgl. insgesamt zum Thema Helga Grebing, Der "deutsche Sonderweg" in Europa 1806–1945. Eine Kritik, Stuttgart u.a. 1986.
13.
Vgl. Hans-Jürgen Puhle, Agrarische Interessenpolitik und preußischer Konservatismus im wilhelminischen Reich, Bonn 19752.
14.
Vgl. beispielsweise Thomas Nipperdey, 1933 und die Kontinuität der deutschen Geschichte, in: Historische Zeitschrift, 227 (1978), S. 86–111.
15.
Vgl. David Blackbourn/Geoff Eley, Mythen deutscher Geschichtsschreibung. Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848, Frankfurt/M. 1980.
16.
Vgl. Lothar Gall, Bismarck. Der weiße Revolutionär, Frankfurt/M. 1980; unter den zahlreichen weiteren seitdem erschienenen Biografien sind zu nennen: Ernst Engelberg, Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer, Berlin 1985; Otto Pflanze, Bismarck, 2 Bde., München 1997/98.
17.
Vgl. Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, München 2000.
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Autor: Andreas Wirsching für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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