Das Bismarck-Denkmal in Goslar
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Der Mythos Bismarck und die Deutschen


20.3.2015
Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt/Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." Auf kaum einen anderen deutschen Staatsmann treffen diese Verse aus dem Prolog zu Schillers "Wallensteins Lager" so zu wie auf Otto von Bismarck.[1] Während der langen Periode seines politischen Wirkens war er stets umstritten, war das Bild, das man sich von ihm machte, heftigen Schwankungen ausgesetzt. Auch nach seiner Entlassung als Reichskanzler im März 1890 bewegten sich die Urteile über ihn zwischen kultischer Verehrung und vehementer Ablehnung.

Vom Konfliktminister zum Reichsgründer



Am Anfang war Bismarck geradezu verhasst. Als Wilhelm I. ihn im September 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannte, interpretierte die liberale Mehrheit im Abgeordnetenhaus dies als offene Kampfansage. Denn seit seinen ersten Auftritten im Vereinigten Landtag 1847 und noch mehr seit seinen gegenrevolutionären Aktivitäten 1848/49 haftete dem Junker aus Schönhausen der Ruf eines reaktionären Scharfmachers an. Dass er während seiner diplomatischen Lehrjahre als preußischer Gesandter im Bundestag in Frankfurt am Main und danach an den Botschaften von St. Petersburg und Paris gereift war und sich von den Anschauungen seiner ultrakonservativen Mentoren, der Brüder Ludwig und Leopold von Gerlach, abgewandt hatte – das war der Öffentlichkeit verborgen geblieben. Bismarcks Berufung bedeute "Säbelregiment im Innern" und "Krieg nach außen", prophezeite einer der Wortführer der Liberalen, Max von Forckenbeck.[2]

In den ersten Jahren seiner Regierung schien es, als würde Bismarck seinem Image als skrupellosem Gewaltpolitiker entsprechen. "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut",[3] bemerkte er am 30. September 1862 in der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses und warf damit der liberalen Opposition den Fehdehandschuh hin. "Höre ich aber einen so flachen Junker, wie diesen Bismarck, von dem ‚Eisen und Blut‘ prahlen, womit er Deutschland unterjochen will, so scheint mir die Gemeinheit nur noch durch die Lächerlichkeit überboten", empörte sich der junge Leipziger Privatdozent für Geschichte Heinrich von Treitschke, später als einflussreicher Professor in Berlin einer der glühendsten Bewunderer Bismarcks.[4]

Seit Herbst 1862 regierte der "Konfliktminister" verfassungswidrig, also ohne den gesetzlich vorgeschriebenen Haushalt. Oppositionelle Beamte wurden gemaßregelt, liberale Zeitungen einer strengen Zensur unterworfen. Das gegenwärtige Ministerium sei "in einer Weise mißliebig, wie selten eines in Preußen war", stellte Gerson Bleichröder, Bismarcks Bankier, im Februar 1863 fest.[5] Im Frühjahr 1866 war Bismarcks Ansehen auf einem Tiefpunkt angelangt. Immer deutlicher zeichnete sich ab, dass der preußische Ministerpräsident es darauf anlegte, den Konflikt mit Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland mit Gewalt zu lösen. Noch nie sei ein Krieg "mit einer solchen Schamlosigkeit, einer solchen grauenvollen Frivolität" angezettelt worden, klagte der Göttinger Rechtsgelehrte Rudolf von Ihering.[6] Selbst Bismarcks hochkonservative Freunde distanzierten sich von ihm, als er Anfang April 1866, um Österreich zu provozieren, einen Antrag auf die Einberufung eines Nationalparlaments in den Frankfurter Bundestag einbringen ließ. In einem Leitartikel in der "Kreuzzeitung" vom 8. Mai brach Ludwig von Gerlach den Stab über die zum Kriege treibende Politik. Zugleich verurteilte er den Bundesreformantrag als einen "grundrevolutionären Versuch, (…) der das Herz Deutschlands und zugleich das Herz Preußens und Österreichs tief verwundet".[7]

Der Sieg Preußens in der Schlacht von Königgrätz am 3. Juli änderte alles: Bismarcks riskantes Spiel war aufgegangen, mit einem Schlage war er "der Held des Tages".[8] Selbst die prinzipienfestesten Liberalen ließ der Triumph nicht unbeeindruckt. Der Berliner Althistoriker Theodor Mommsen empfand "ein wunderbares Gefühl, dabei zu sein, wenn die Weltgeschichte um die Ecke biegt".[9] Die gemäßigten Anhänger der liberalen Fortschrittspartei, die sich zur Nationalliberalen Partei zusammenschlossen, beeilten sich, ihren Frieden mit Bismarck zu machen. Und der kam ihnen seinerseits entgegen, indem er im Landtag um Indemnität bat, also um die nachträgliche Billigung seines budgetlosen Regiments. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die öffentliche Wertschätzung Bismarcks nach dem Sieg über Frankreich und der Gründung des Kaiserreiches 1870/71. Die Nationalliberalen sahen sich, was die deutsche Einheit betraf, am Ziel ihrer Wünsche. "Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und so mächtige Dinge erleben zu dürfen?", schwärmte der Bonner Historiker Heinrich Sybel wenige Tage nach der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 in Versailles. "Was zwanzig Jahre der Inhalt alles Wünschens und Strebens gewesen, das ist nun in so unendlich herrlicher Weise erfüllt!"[10]

Idolisierter Pensionär



Schon bald kehrte jedoch Ernüchterung ein. Der Börsenkrach vom Herbst 1873 beendete die Hochkonjunkturphase der Reichsgründungsära; es folgte eine lang anhaltende Wirtschaftsflaute. Die von Bismarck vom Zaun gebrochene Verfolgung von Katholiken und Sozialdemokraten verschärfte die gesellschaftlichen Spannungen. Nach der innenpolitischen Wende von 1878/79, durch die der Reichskanzler die Zusammenarbeit mit den Nationalliberalen beendete, schwand die Hoffnung auf eine Weiterentwicklung der Reichsverfassung in Richtung eines parlamentarischen Systems. Vor allem in linksliberalen Kreisen wuchs nun wieder die Kritik an Bismarcks autoritärem Regierungsstil. Damit einher ging seit den frühen 1880er Jahren ein Gefühl lähmender Stagnation in der Innen- wie in der Außenpolitik. Unter den Zeitgenossen verstärkte sich der Eindruck, dass die Rezepte des alternden Kanzlers, der schon so lange die politischen Geschäfte führte, sich verbraucht hätten und ein frischer Wind vonnöten sei, um die Zukunft des Reiches zu sichern. So verwundert es nicht, dass Bismarcks Entlassung durch Wilhelm II. im März 1890 in weiten Kreisen der Öffentlichkeit mit Erleichterung aufgenommen wurde. "Gott sei Dank, dass er fort ist", gab der linksliberale Eugen Richter, neben dem Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst der bedeutendste parlamentarische Gegenspieler Bismarcks, einer verbreiteten Stimmung Ausdruck.[11]

Bald jedoch setzte ein abermaliger Umschwung in der öffentlichen Meinung ein. Friedrichsruh, Bismarcks Alterssitz vor den Toren Hamburgs, wurde zum Ziel einer wachsenden Schar von Verehrern. Dass der grollende Exkanzler kaum eine Gelegenheit ausließ, seinen Nachfolger Leo von Caprivi als unfähig hinzustellen, schadete seinem Nimbus nicht. Im Gegenteil: In dem Maße, wie seine Gegner nun ihrerseits begannen, ihn zu attackieren, stieg seine Popularität. Die wachsende Idolisierung des "Reichsgründers" war ein Politikum, das der kaiserlichen Entourage zunehmend Sorge bereitete. Denn unüberhörbar schwang darin ja auch Unmut über den Monarchen mit, der sich durch seine selbstherrlichen Allüren und seine rhetorischen Entgleisungen bereits um viel Ansehen gebracht hatte. Schließlich ließ sich Wilhelm II. von seinen Ratgebern zu einem Treffen mit Bismarck im Januar 1894 überreden, das als großes Versöhnungsfest inszeniert wurde und in der Öffentlichkeit begeisterten Widerhall fand. An Bismarcks abschätzigem Urteil über den jungen Kaiser änderte das Spektakel freilich nicht das Geringste: Noch auf seinem Sterbebett sollte er ihn einen "dummen Jungen" nennen.[12]

Bismarcks achtzigster Geburtstag am 1. April 1895 wurde zu einem gigantischen Event. Aus allen Regionen des Reiches reisten Delegationen an, um dem "Alten im Sachsenwald" zu huldigen. Hunderte von Städten verliehen ihm die Ehrenbürgerschaft, Tausende Telegramme und Briefe überschwemmten das kleine Friedrichsruher Postamt.[13] Im Reichstag jedoch lehnte eine Mehrheit aus Linksliberalen, katholischem Zentrum und Sozialdemokraten eine Glückwunschadresse an den "Reichsgründer" ab – ein Zeichen, dass die Wunden, die Bismarcks innenpolitischer Konfliktkurs geschlagen hatte, noch keineswegs verheilt waren. Im nationalliberalen Bürgertum empörte man sich über den Beschluss des Parlaments, doch unter Sozialdemokraten erntete er viel Zustimmung. Ob denn "die Welt verrückt" geworden sei, fragte man sich in Hamburger Arbeiterkneipen, so viel Aufhebens um "einen Mann zu machen, der genug Unglück heraufbeschworen hat".[14] Die Erinnerung an das 1890 ausgelaufene Sozialistengesetz war in diesem Milieu noch höchst lebendig.


Fußnoten

1.
Friedrich Schiller, Sämtliche Werke, hrsg. von Peter-André Alt, Bd. 2, München 2004, S. 273.
2.
Zit. nach: Otto Nirrnheim, Das erste Jahr des Ministeriums Bismarck und die öffentliche Meinung, Heidelberg 1908, S. 70.
3.
Horst Kohl (Hrsg.), Die politischen Reden des Fürsten Bismarck 1847–1897, Bd. 2, Stuttgart 1893, S. 30.
4.
Max Cornelicius (Hrsg.), Heinrich von Treitschkes Briefe, Leipzig 1918, S. 238 (29.9.1862).
5.
Zit. nach: Fritz Stern, Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder, Reinbek 1998, S. 60.
6.
Rudolf von Ihering in Briefen an seine Freunde, Leipzig 1913, S. 196 (1.5.1866).
7.
Zit. nach: Hans-Christof Kraus, Ernst Ludwig von Gerlach. Politisches Denken und Handeln eines preußischen Altkonservativen, Bd. 1, Göttingen 1994, S. 805.
8.
Hajo Holborn (Hrsg.), Aufzeichnungen und Erinnerungen aus dem Leben des Botschafters Joseph Maria von Radowitz, Bd. 2, Berlin–Leipzig 1925, S. 120 (20.9.1866).
9.
Zit. nach: Stefan Rebenich, Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002, S. 167.
10.
Zit. nach: Julius Heyderhoff/Paul Wentzke (Hrsg.), Deutscher Liberalismus im Zeitalter Bismarcks. Eine politische Briefsammlung, Bd. 1, Bonn 1925, S. 494.
11.
Zit. nach: Hans-Joachim Schoeps (Hrsg.), Bismarck über Zeitgenossen – Zeitgenossen über Bismarck, Frankfurt/M.–Berlin–Wien 1981, S. 218.
12.
Lothar Machtan, Bismarcks Tod und Deutschlands Tränen. Reportage einer Tragödie, München 1998, S. 66.
13.
Vgl. Manfred Hank, Kanzler ohne Amt. Fürst Bismarck nach seiner Entlassung 1890–1898, S. 413f.
14.
Richard J. Evans, Kneipengespräche im Kaiserreich. Die Stimmungsberichte der Hamburger Politischen Polizei 1892–1914, Reinbek 1989, S. 337.
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Autor: Volker Ullrich für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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