Das Bismarck-Denkmal in Goslar
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Bismarck-Bilder in Frankreich und Europa


20.3.2015
Bundeskanzlerin Angela Merkel betreibe eine "Bismarck-Politik", kommentierte der französische Politiker der Sozialistischen Partei und zukünftige Minister Arnaud Montebourg am 30. November 2011 die deutsche Währungspolitik in Europa. Diese Bemerkung war und ist kein Einzelfall, sondern vielmehr bezeichnend für den vermehrten Bezug auf den ersten deutschen Kanzler durch französische Politiker und Publizisten angesichts einer empfundenen "Rückkehr" der deutschen Macht seit der zweiten deutschen Einheit. Arnaud Montebourg wurde für seine Tirade stark kritisiert, galt manchen gar als Populist und Germanophob.[1] Dennoch wäre es zu simpel, diese kritische Bismarck-Referenz auf einen einfachen nationalen Konflikt zu reduzieren.

Wie schon nach der ersten deutschen Einheit dient Bismarck, der als Akteur und Sinnbild deutscher Macht wahrgenommen wird, in erster Linie als Projektionsfläche für die Ängste vor einem Niedergang Frankreichs[2] sowie für die politischen Unstimmigkeiten in Frankreich und Europa. Davon zeugt auch Montebourgs Rechtfertigung, die er einen Tag später auf seinem Blog veröffentlichte: "Bismarck traf die politische Entscheidung, die deutschen Fürstentümer zu vereinen, indem er die europäischen Länder und insbesondere Frankreich zu dominieren suchte. In frappierender Ähnlichkeit sucht die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ihre innenpolitischen Probleme zu lösen, indem sie die Wirtschafts- und Finanzordnung der deutschen Konservativen dem ganzen übrigen Europa aufzwingt." [3] Durch die Figur Bismarck wird also weniger Deutschland im Allgemeinen infrage gestellt, als gewisse wirtschafts- und sozialpolitische Entscheidungen sowie eine "autoritäre" Konzeption Europas. Ausgehend von diesen Spannungen werde ich die Wahrnehmung Bismarcks in Europa und insbesondere in Frankreich untersuchen und analysieren, wie Bismarck für die Europäerinnen und Europäer einerseits das "schlechte", konservative und kriegerische Deutschland verkörpern konnte und andererseits den die europäischen Gleichgewichte respektierenden "Schmied" der neuen Nation, bevor ich die rein europäische Dimension Bismarcks diskutiere.

Dämon der Deutschen



Als Bismarck in den 1860er Jahren erstmals im politischen Betrieb Frankreichs in Erscheinung trat, herrschte unter den französischen Eliten noch ein positives, gar engelsgleiches Bild des gespaltenen und schwachen Deutschlands vor. Die Deutschen galten im Sinne Madame de Staëls als ein kosmopolitisches und progressives Volk von Dichtern und Denkern. Für republikanische Intellektuelle wie den Historiker Jules Michelet und die Philosophen Henri Taine und Ernest Renan war Deutschland das Land der Aufklärung, waren die deutschen Universitäten Orte der Freiheit des Geistes.[4] Vor diesem Hintergrund galt Bismarck nach dem Sieg Preußens bei der Schlacht von Königgrätz zunächst weitgehend als Verteidiger von Fortschritt und Freiheit gegen den von Österreich verkörperten katholischen Obskurantismus.[5]

Dennoch wurden angesichts der Brutalität der preußischen Armee zugleich besorgte Stimmen laut. In der liberalen "Revue des deux Mondes" wurde mehrfach betont, dass in Wahrheit der Eroberungswille überwiege.[6] Der Journalist Emile de Girardin sah in Bismarck eine Gefahr für das Deutschland der Aufklärung: "Mit der einen Hand schmeichelt der Oger von Berlin Deutschland, mit der anderen droht er, es gewaltsam zu verschlingen."[7] Diese Einschätzung äußerte 1870 auch der Germanist Alfred Mezières: "Das friedliche, gemäßigte Deutschland, das wir für das große, wahre Deutschland hielten, von dem wir dachten, dass es mehrheitlich das Land ausmache, wurde von Preußen überwältigt. Dann sahen wir ein ehrgeiziges, gieriges, eroberungslustiges Deutschland, wie es letztlich von Herrn von Bismarcks Hand geformt worden war, sich auf uns stürzen."[8] Dieses Bild eines guten und sanften, westlichen und rheinischen Deutschlands, das durch Bismarck, den preußischen Menschenfresser slawisch vermuteter Herkunft,[9] verroht worden war, überwog nach der Schlacht von Sedan und der Belagerung von Paris im deutsch-französischen Krieg 1870/71 deutlich.[10]

Bismarck wurde zum Sinnbild eines feudalen und barbarischen Preußens. Während der Bonapartist Victor de Persigny ihn 1850 als "schönen Mann mit angenehmen Umgangsformen"[11] beschrieben und der Republikaner Jules Favre ihm 1870 noch "eine natürliche Unkompliziertheit beinahe bis zur Bonhomie"[12] zugeschrieben hatte, war Bismarck im großen republikanischen Geschichtsbuch von 1929 zu einem "Koloss" geworden, "aus dessen geradem und kühnem Blick seiner blauen Augen die Stärke sprach, der Mut, die Kämpfernatur", sowie zu einem "(s)krupellose(n) Mann der Tat und des Kampfes, (…) mit einzigem Glaube und Ziel die Macht; Preuße bis ins Mark".[13] Mitunter wurde er als Menschenfresser betitelt, wie 1898 nach seinem Tod in dem Lied "Der Oger von Berlin ist tot",[14] oder als Tier: "Der erste Vergleich, der einem in den Sinn kommt, ist die Bulldogge."[15] "Bismarck" war im Paris der 1870er Jahre tatsächlich ein Hundename. Die Grausamkeit, die er beim Frankreichfeldzug bewiesen habe – er habe sogar den Geruch der Leichen mit dem gebratener Zwiebeln verglichen[16] – galt als Zeugnis seiner Unmenschlichkeit. Viele Republikaner und Liberale in Frankreich wie in ganz Europa[17] und auch in Deutschland führten selbst diese Grausamkeit auf den preußischen Konservatismus und Militarismus zurück, die Bismarck verkörperte.[18]

Die Rezeption seiner Politik als Reichskanzler im Laufe der von Kulturkampf und Sozialistengesetz geprägten 1870er Jahre nährte dieses negative Bild. In den Augen der Mehrheit der französischen Politiker betrieb der Junker Bismarck eine autoritäre und brutale Politik nach der Formel "Macht vor Recht". Diese Wahrnehmung teilten die meisten liberalen, sozialistischen und katholischen Kreise in Europa. Die bedeutende liberale Tageszeitung "Le Temps",[19] die als "Zeitung der Republik" galt, und ihr kompromissloses katholisches Pendant "L’Univers" waren trotz ihrer gegensätzlichen Weltanschauungen in diesem Falle einer Meinung: Die zeitgenössischen Artikel beider Zeitungen zeugen von der Entstehung einer Art "antibismarckschen" Konsenses in der französischen Öffentlichkeit. In beiden Zeitungen spielte das politische Geschehen in Deutschland unter Bismarck nur eine bescheidene Rolle, und beide schenkten den im Zuge des Kulturkampfes und des Sozialistengesetzes ergriffenen repressiven Maßnahmen die meiste Aufmerksamkeit. Obwohl die liberalen Journalisten des "Temps" zuvor eine starke Abneigung gegenüber den politischen Leitlinien des Papstes an den Tag gelegt hatten, betrachteten sie die gegen die Katholiken ergriffenen Maßnahmen als schwerwiegende Verletzung der Grundfreiheiten und bedauerten, dass nur eine Minderheit der deutschen Liberalen sich dagegen widersetzte. In diesem "Verrat" der Liberalen sahen sie das Ergebnis des grundsätzlich korrumpierenden Einflusses Bismarcks auf die deutsche Politik, dessen autoritäres Verhalten die gesamte Gesellschaft anstecke.[20]

Ähnlich interpretierten die liberale und die katholische Presse auch das Sozialistengesetz.[21] Die Liberalen warfen Bismarck in diesem Zusammenhang vor, die Integration der Sozialdemokratie in den deutschen Politikbetrieb zu blockieren: "Ausnahmezustand und Parlamentarismus sind inkompatibel. Vom Kaiserreich geächtet können sich die Führer des Sozialismus nicht auf Verfassungsebene positionieren."[22] Für die französischen Liberalen, die in dieser Hinsicht einem Teil der deutschen liberalen Linken sehr nahe standen, verhinderte die autoritäre Politik Bismarcks die Entwicklung Deutschlands zum Parlamentarismus sowie jeglichen Fortschritt hin zu einer freien und demokratischen politischen Kultur.[23] Bismarcks Sozialpolitik der 1880er Jahre und insbesondere die Gesetze zur Versicherungspflicht der Arbeiter stießen bei den französischen und europäischen Kommentatoren ebenso wenig auf Zustimmung und wurden vielmehr als Ausdruck des Autoritarismus und des politischen "Rückstandes" Deutschlands wahrgenommen.[24] "Le Temps" lieferte anlässlich der Eröffnung der Internationalen Arbeitsschutzkonferenz in Berlin 1890 folgende Interpretation, die mit jener britischer Beobachter übereinstimmte: "Der Staatssozialismus ist die jüngste Form des Feudalismus. Es handelt sich um den feudalen Schutz der Untertanen durch den Lehnsherren."[25] Erst um die Jahrhundertwende waren in der sozialliberalen und sozialistischen Bewegung Stimmen zugunsten verpflichtender Sozialversicherungen nach "Bismarcks Modell" zu vernehmen.[26]


Fußnoten

1.
Vgl. insbesondere die Reaktion des grünen Abgeordneten mit deutsch-französischer Staatsangehörigkeit Daniel Cohn-Bendit, in: Le Parisien vom 30.11.2011.
2.
Vgl. Georges Valance, France-Allemagne: le retour de Bismarck, Paris 1990.
3.
Arnaud Montebourg, Madame Merkel, Bismarck, l’euro et nous, les autres Européens …, 1.12.2011, www.arnaudmontebourg.fr/madame-merkel-bismarck-l’euro-et-nous-les-autres-europeens…/ (9.2.2015).
4.
Vgl. Philippe Darriulat, Les patriotes: la gauche républicaine et la nation, 1830–1870, Paris 2001; André Monchoux, L’Allemagne devant les lettres françaises de 1814 à 1835, Paris 1953; Louis Reynaud, L’Influence allemande en France au XVIIIe et au XIXe siècle, Paris 1922; Michel Espagne, Un chaos bienfaisant: la découverte du "Sturm und Drang" et de la philosophie idéaliste, in: Musée du Petit Palais (Hrsg.), Marianne et Germania (1789–1889). Un siècle de passion franco-allemande, Paris 1998, S. 33–41.
5.
Vgl. André Armengaud, L’Opinion publique en France et la crise nationale allemande en 1866, Paris 1962, S. 7–11, S. 55–80.
6.
Vgl. Eugène Forcade, Chronique de la quinzaine, in: Revue des deux Mondes, (1866) August.
7.
La Liberté vom 4.7.1866.
8.
Revue politique et littéraire vom 15.10.1870.
9.
Vgl. Louis Cons, Un siècle d’histoire de l’Allemagne, Paris 1910, S. 151.
10.
Vgl. Michael Jeismann, Guerres d’Etat et instinct populaire. L’Allemagne dans la perception française (1870–1871), in: Musée du Petit Palais (Anm. 4), S. 85–92.
11.
Albert Victor Fialin Duc de Persigny, Mémoires du duc de Persigny, hrsg. von M.H. de Laire, Paris 1896, S. 282.
12.
Jules Favre, Le Gouvernement de la Défense nationale. Du 30 juin au 31 octobre 1870: Entrevue de Ferrières, Paris 1871, S. 171.
13.
Albert Mallet/Jules Isaac, Histoire contemporaine depuis le milieu du XIXe siècle, Paris 1929, S. 219.
14.
Thomas de la Borde, Mort et testament de Bismarck, Lied aus dem Jahr 1898.
15.
Marie Dronsart, Le prince de Bismarck. Sa vie, son œuvre, Paris 1887, S. 30.
16.
Vgl. Jules Poirier, Le prince de Bismarck en Champagne. Souvenirs de 1870, Reims 1898; Moritz Busch, Graf Bismarck und seine Leute während des Kriegs mit Frankreich, Nach Tagebuchblättern, 2 Bde., Leipzig 1878, S. 114.
17.
Vgl. Klaus Hildebrand/Eberhard Kolb (Hrsg.), Otto von Bismarck im Spiegel Europas, Paderborn 2006.
18.
Vgl. Sandrine Kott, Bismarck, Paris 2003, S. 175–187.
19.
"Le Temps" war damals eine der wenigen französischen Tageszeitungen mit einem Korrespondenten in Deutschland.
20.
Vgl. Le Temps vom 30.11.1871 und insbesondere vom 2.10.1872.
21.
Vgl. Le Temps vom 25.5.1878.
22.
Le Temps vom 13.6.1885.
23.
Vgl. Ludwig Bamberger, Bismarck Posthumus, Berlin 1899, S. 5.
24.
Vgl. Sandrine Kott, Sozialstaat und Gesellschaft. Das deutsche Kaiserreich in Europa, Göttingen 2014, S. 47ff.
25.
Le Temps vom 16.3.1890, S. 2.
26.
Vgl. Ernst Peter Hennock, British Social Reform and German Precedents: The Case of Social Insurance, 1880–1914, Oxford 1987.
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Autor: Sandrine Kott für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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