Das Bismarck-Denkmal in Goslar
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Bismarck und der Kolonialismus


20.3.2015
"Ich will auch gar keine Kolonien. Die sind bloß für Versorgungsposten gut. (…) Diese Kolonialgeschichte wäre für uns genauso wie der seid(e)ne Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben."[1]

Während Bismarck als europäischer Machtpolitiker und Architekt der deutschen Reichseinigung im kollektiven Gedächtnis immer noch präsent ist, wird seine Bedeutung für die Geschichte des deutschen und europäischen Kolonialismus und damit für die Globalgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts kaum erinnert. Dabei sind gerade auf diesem Gebiet Spuren seines Handelns bis heute zu finden, ist er doch Geburtshelfer des modernen, nationalstaatlich organisierten Afrika und der Begründer des deutschen Kolonialreiches. Bismarck selbst war kein Kolonialenthusiast. Er wollte keine Kolonien, dafür war er viel zu sehr Realist. Schon am Vorabend der Reichsgründung versuchte er sich gegen die immer stärker werdende koloniale Begeisterung in deutschen Landen zu stemmen:

"Einerseits beruhen die Vortheile, welche man sich von Colonien für den Handel und die Industrie des Mutterlandes verspricht, zum größten Theil auf Illusionen. Denn die Kosten, welche die Gründung, Unterstützung und namentlich die Behauptung der Colonien veranlaßt, übersteigen (…) sehr oft den Nutzen, den das Mutterland daraus zieht, ganz abgesehen davon, daß es schwer zu rechtfertigen ist, die ganze Nation zum Vortheile einzelner Handels- und Gewerbszweige, zu erheblichen Steuerlasten heranzuziehen. (…) Endlich würde der Versuch, Colonien auf Gebieten zu gründen, deren Oberhoheit andere Staaten, gleich ob mit Recht oder mit Unrecht, in Anspruch nehmen, zu mannigfachen und unerwünschten Conflikten führen können." [2]

Auch nach der Reichseinigung 1871, als der politische Rahmen für eine aktivere Kolonialpolitik zu bestehen schien und Stimmen nach einer Teilhabe Deutschlands an der kolonialen Aufteilung der Welt immer lauter wurden, wiederholte er seine Ablehnung apodiktisch:

"So lange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Erdteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht." [3]

Nach dem deutsch-französischen Krieg, der die Kräfteverhältnisse in Europa insbesondere durch die Annexion Elsass-Lothringens auf den Kopf gestellt hatte, erklärte Bismarck das Deutsche Reich als "saturiert", um die anderen Mächte zu beschwichtigen. Er hatte kein Interesse, diese Strategie für ein koloniales Abenteuer zu gefährden, von dessen Nutzen und Machbarkeit er nicht überzeugt war. Dies war auch knapp zwanzig Jahre später noch zu spüren, als Bismarck seine geopolitische Maxime gegenüber dem bekannten Afrikareisenden Eugen Wolf folgendermaßen zusammenfasste:

"Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Russland und hier (…) liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte. Das ist meine Karte von Afrika." [4]

Deutlicher kann man jegliche Art kolonialer Weltmachtträume nicht zurückweisen. Dennoch war inzwischen ein deutsches Kolonialreich entstanden, hatte Bismarck selbst die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Mächten befeuert und mit der Berliner Afrika-Konferenz deren völkerrechtliche Absicherung in die Wege geleitet. Über die Gründe sind sich Historikerinnen und Historiker nach wie vor nicht einig.

"Balgerei um Afrika"



Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war geprägt durch eine imperiale Rivalität europäischer Kolonialmächte. Eine multipolare Mächtekonstellation trat an die Stelle eines britisch dominierten Systems mit dem Vereinigten Königreich als einziger Weltmacht, wie es sich nach Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo 1815 herauskristallisiert hatte. Vordergründig war dies eine Zeit imperialer Ruhe gewesen, wenn auch nicht wirklich imperialer Abstinenz. Vielmehr hatte das Vereinigte Königreich auf einen Imperialismus des Freihandels gesetzt, denn solange es selbst die bei Weitem mächtigste Wirtschaftsnation war, bedeutete das Erzwingen freien Handels auf allen Kontinenten im Grunde eine Marktöffnung zugunsten der britischen Wirtschaft und de facto eine Durchsetzung der ökonomisch-politischen Weltmachtstellung Großbritanniens.[5] Formaler Kolonialbesitz lag aufgrund der damit verbundenen Kosten nicht im britischen Interesse, da es niemanden gab, der Großbritannien hätte Konkurrenz machen können. Dies änderte sich mit der Erstarkung europäischer (und amerikanischer) Rivalen. Die Sicherung von ökonomischen und politisch-strategischen Einflusszonen wurde nun zum Ziel. Vor diesem Hintergrund kam es binnen weniger Jahre zu einer Aufteilung der Welt in Interessensphären und Kolonien.

Außer im indisch-afghanischen Grenzgebiet und in China war dies am deutlichsten in Afrika zu beobachten. Beschränkte sich der europäische Einfluss Mitte des 19. Jahrhunderts im Grunde auf einige Küstenregionen und das südliche Afrika, konnten bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges nur Äthiopien und Liberia ihre Unabhängigkeit bewahren. Freihandel als globale Doktrin funktionierte eben nur so lange, wie sich alle europäischen Mächte daran hielten. Beanspruchte eine Seite eine bestimmte Region als Kolonie oder Protektorat exklusiv, folgten andere diesem Beispiel, teilweise aus keinem anderen Grund, als präventiv eine Inbesitznahme durch Konkurrenten zu verhindern. Wie Dominosteine fielen die "freien" Gebiete und wurden an ihrer Stelle formale Kolonien errichtet.

Die Bestätigung des Anspruchs Frankreichs auf Tunesien im Jahre 1878 war dabei ein wichtiger Schritt, wenn nicht gar der Startschuss dieser Entwicklungen. Der Berliner Kongress von 1878, die wohl bedeutendste diplomatische Zusammenkunft zwischen Wiener Kongress (1815) und den Friedensverhandlungen von Versailles (1918/19), sollte eigentlich die "Orientalische Frage" lösen. Gemeint war damit der Niedergang des Osmanischen Reiches und das daraus resultierende Machtvakuum vor allem auf dem Balkan, wo sowohl Russland als auch Österreich-Ungarn Einflusssphären geltend machten und worüber es zu einem allgemeinen Krieg zu kommen drohte. Bismarck sah keine territorialen Interessen des Deutschen Reiches bedroht, erkannte aber das Potenzial, das darin lag, sich als Vermittler zu präsentieren. So erklärte er im Reichstag:

"Die Vermittlung des Friedens denke ich mir nicht so, dass wir nun bei divergierenden Ansichten den Schiedsrichter spielen (…) sondern (…) mehr die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zustande bringen will." [6]

Vordergründig schien dieses Kalkül aufzugehen, mit dem Bismarck auch innenpolitischen Prestigegewinn anstrebte, indem er sich ebenfalls als "ehrlicher Makler" über den Parteiinteressen zu stilisieren suchte. Der Kongress tagte in Berlin, und ein weiterer Krieg wurde zumindest aufgeschoben.[7] Die "Orientalische Frage" verband aber auch die Interessenpolitik der großen Mächte in Afrika mit jener in Europa, da auch dort die Erbmasse des Osmanischen Reiches Begehrlichkeiten weckte.

Der vielleicht wichtigste Gewinner des Berliner Kongresses war Großbritannien, das nicht nur die für die Kontrolle des Mittelmeeres zentrale Sperrung der Dardanellen für russische Kriegsschiffe im Kriegsfalle durchsetzte, sondern sich auch die Herrschaft über Zypern sicherte. Um den alten Rivalen Frankreich zufriedenzustellen, bot London Paris die Herrschaft über Tunesien an, die auch Italien beanspruchte. Bismarck, der Frankreich von der "Wunde" Elsass-Lothringen ablenken wollte, machte den Handel perfekt und sicherte so den Erfolg des Kongresses. Die französischen Ansprüche auf Nordafrika waren damit abgesichert, auch wenn es noch ein paar Jahre dauern sollte, bis Paris diesen auch Taten folgen lassen und sein Gebiet militärisch besetzen sollte. Der Berliner Kongress wurde damit zum Startschuss für die Aufteilung Afrikas.[8]


Fußnoten

1.
Otto von Bismarck 1871, zit. nach: Axel Riehl, Der "Tanz um den Äquator". Bismarcks antienglische Bündnispolitik und die Erwartung des Thronwechsels in Deutschland 1883 bis 1885, Berlin 1993, S. 22.
2.
Otto von Bismarck 1868, zit. nach: ebd., S. 22.
3.
Otto von Bismarck 1881, zit. nach: Winfried Baumgart, Bismarcks Kolonialpolitik, in: Johannes Kunisch (Hrsg.), Bismarck und seine Zeit, Berlin 1992 S. 141–153.
4.
Otto von Bismarck 1888, zit. nach: A. Riehl (Anm. 1), S. 751, Hervorhebung im Original.
5.
Vgl. Ronald Robinson/John Gallagher, Africa and the Victorians: The Official Mind of Imperialism, London 1961.
6.
Otto von Bismarck 1878, zit. nach: Deutscher Reichstag, Stenographischer Bericht vom 19.2.1878, S. 98ff.
7.
Vgl. Konrad Canis, Bismarcks Außenpolitik 1870 bis 1890, Paderborn 2004, S. 109–140.
8.
Vgl. Hendrik L. Wesseling, Teile und Herrsche. Die Aufteilung Afrikas 1880–1914, Stuttgart 1999.
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