Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule
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Grundlagen und Perspektiven guter Engagementpolitik


27.3.2015
Engagement wird mit verschiedenen Begriffen bezeichnet: Ehrenamt, freiwillige Arbeit, Selbsthilfe und, in der Praxis eher von einer Minderheit verwendet, "bürgerschaftliches Engagement". Handelt es sich also um ein derart buntes und vielfältiges Feld, dass es begrifflich kaum zu durchdringen ist? Verfügen wir mittlerweile über ein weithin geteiltes und geschärftes Verständnis von Engagement und dessen Eigensinn oder begnügen wir uns mit einem diffusen gemeinsamen Verständnis, das mit dem Sammelbegriff des "bürgerschaftlichen Engagements" pragmatisch operiert? Ich diskutiere im Folgenden vor dem Hintergrund der Entwicklung von Engagement- und Zivilgesellschaftsforschung das Begriffsverständnis von "bürgerschaftlichem Engagement". Insbesondere über eine Kontrastierung mit den zahlreichen instrumentellen Zugriffen auf Engagement als Ressource wird die Bedeutung eines Verständnisses von Engagement als einer eigensinnigen und freiwilligen Tätigkeit deutlich. Hier liegen wesentliche Bezugspunkte guter Engagementpolitik. Deren Agenda gilt es partizipativ und in enger Bezugnahme auch auf Demokratiepolitik fortzuentwickeln.

Was ist "bürgerschaftliches Engagement"?



Das Verständnis von Engagement war bereits in den Diskussionen der Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" (2000 bis 2002) eng verbunden mit dem Konzept der Zivilgesellschaft. Neben Staat und Wirtschaft sowie der Privatsphäre wird Zivilgesellschaft als ein eigener großer Bereich der Gesellschaft verstanden, der nicht nur, aber wesentlich durch das Engagement geprägt ist. In der wissenschaftlichen Diskussion[1] tritt neben die Vorstellung von Zivilgesellschaft als eigener Sektor der Gesellschaft die Vorstellung einer zivilgesellschaftlichen Handlungslogik (Solidarität), die neben die Handlungslogiken von Staat (Macht) und Wirtschaft (Markt) tritt. Das Verständnis von Zivilgesellschaft als Sektor mit eigener Handlungslogik erlaubt es, deren Wirkungen auch in Staat, Markt und Privatsphäre stärker in den Blick zu nehmen.

Ohne den "Diskurs der Zivilgesellschaft", in dem nicht zuletzt auch die neuen sozialen Bewegungen seit den 1970er Jahren ihre eigene Rolle gegenüber Staat, Markt und Privatsphäre reflektiert haben,[2] wäre es kaum zu der Ende 1999 eingesetzten Enquete-Kommission gekommen. Wesentlich für deren Begriffsverständnis des "bürgerschaftlichen Engagements" ist die Erfahrung, dass Zivilgesellschaft einen politischen Raum bildet, dessen Akteure für moderne demokratische Gesellschaften und staatliche Institutionen von zentraler Bedeutung sind. Vor diesem Hintergrund wurde das bürgerschaftliche Engagement definiert als eine sozial wie politisch integrierende Tätigkeit, die in der Einstellung von Bürgerinnen und Bürgern eines politischen Gemeinwesens wurzelt. Bürgerinnen und Bürger nehmen Verantwortung im öffentlichen Raum wahr und bringen sich in die Gestaltung des Gemeinwesens in der ganzen Breite der Engagementbereiche (Sport, Soziales, Kultur, Umwelt und andere) ein: "Entscheidend ist, dass Bürgerinnen und Bürger sich wechselseitig als solche anerkennen. Sie sind Mitglieder einer politischen Gemeinschaft, die vielfältige Formen und Assoziationen des bürgerschaftlichen Engagements umfasst. Rechtspositionen sind nur die Voraussetzung der Teilhabe an dieser Gemeinschaft: Das politische Gemeinwesen braucht Bürgerinnen und Bürger, die ihre Rechte nutzen, ihrer Verantwortung – auch für Schwächere – gerecht werden und damit aktiv werden."[3] Gemeinsinn und die Bereitschaft zu freiwilligen Beiträgen zum Gemeinwohl, die Zuordnung des Engagements zum öffentlichen Raum sowie die Unentgeltlichkeit des Engagements kommen als definitorische Bestandteile noch hinzu.[4] Dabei ist die "Bürgergesellschaft (…) das Leitbild des bürgerschaftlichen Engagements. Bürgergesellschaft beschreibt ein Gemeinwesen, in dem die Bürgerinnen und Bürger auf der Basis gesicherter Grundrechte und im Rahmen einer politisch verfassten Demokratie durch das Engagement in selbstorganisierten Vereinigungen und durch die Nutzung von Beteiligungsmöglichkeiten die Geschicke des Gemeinwesens wesentlich prägen können."[5] In dieser Definition werden Engagement und Partizipation in einen engen Zusammenhang gerückt.[6] Dies ist nicht nur ein normatives Gedankenspiel, sondern hat auch empirische Evidenz: Die praktische Gestaltung des politischen Gemeinwesens auch im Kleinen wird im Freiwilligensurvey als das dominante Motiv der Engagierten identifiziert.[7]

In jüngerer Zeit haben Thomas Olk und Birger Hartnuß vorgeschlagen, das Begriffsverständnis von "bürgerschaftlichem Engagement" um den Bezug auf die "Erzeugung öffentlicher Güter" zu ergänzen.[8] Denn es gehe "nicht primär darum, dass sich Bürger dauerhaft politisch betätigen, sondern darum, ob die Bürger fähig sind, immer wieder auch Interessen zu verfolgen, die über ihre unmittelbaren Eigeninteressen hinausgehen und den Angehörigen anderer Gemeinschaften sowie dem übergeordneten Gemeinwohl nützen".[9] Engagement ist als praktisches Tun nach diesem Verständnis auch eine Aktivität "zur Erzeugung und Vermehrung öffentlicher Güter" in der Wohlfahrtsgesellschaft.[10] Der oft zitierte "Eigensinn" des Engagements liegt genau an dieser Schnittstelle des praktischen Tuns mit einem auf die Gesellschaft (vor allem im sozialen Nahraum) bezogenen Gestaltungsmotiv, der sich selbst in scheinbar politikfernen Formen des sozialen Engagements noch im Anspruch auf die "Selbstwirksamkeit" des eigenen Tuns ausdrückt.

Engagement im Wohlfahrtspluralismus: Risiken und Chancen



Das Begriffsverständnis von "bürgerschaftlichem Engagement" als einer gemeinsinnigen öffentlichen Tätigkeit zur Gestaltung des politischen Gemeinwesens rekurriert auf Engagement als Bürgerrecht und auf dessen Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit. Nun sind gerade die beiden letztgenannten Kriterien in den vergangenen Jahren erheblich unter Druck geraten. Die Verschuldung öffentlicher Kassen gerade im kommunalen Raum, in dem vor allem das Engagement erfolgt, hat zu seiner Instrumentalisierung wesentlich beigetragen. Zunehmend wird Engagement de facto als eine Art verdeckter Niedriglohnbereich behandelt, und durch eine Monetarisierung des Engagements sind finanzielle Anreize in den vergangenen Jahren verstärkt ins Zentrum einer problematischen Engagementförderung gerückt. Ganz zu schweigen von einer arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitischen Nutzung des gemeinnützigen Bereichs für die Ausbildung von Arbeitsfähigkeit etwa von Langzeitarbeitslosen in Verbindung mit hoch problematischen Sanktionen bei Leistungsverweigerung, die soziale Bürgerrechte in Frage stellen.[11] Kein Wunder also, dass ein erheblicher Diskussionsbedarf zum Verhältnis von Erwerbsarbeit und Engagement oder auch zur Arbeitsmarktneutralität von Freiwilligendiensten besteht.[12]

Doch macht die berechtigte Kritik an einer Instrumentalisierung des Engagements zugleich aufmerksam auf die notwendige Fortentwicklung des Begriffsverständnisses, die mit der Bezugnahme auf das Konzept der "öffentlichen Güter" bereits weichenstellend eingeleitet worden ist.[13] Bürgerinnen und Bürger spenden freiwillig ihre Zeit und Kompetenz dort, wo sie es für erforderlich halten. Und dies betrifft ganz besonders die Engpässe in der öffentlichen Daseinsvorsorge. So sind Dorfläden, Bürgerbusse, Bürgerbäder, Tafelprojekte und viele andere mehr längst dynamisch wachsende Engagementbereiche. Wir haben es nicht nur mit einem zunehmenden Druck auf die Ausgabenpolitik des Wohlfahrtsstaates zu tun, sondern längst auch mit einer Entwicklung hin zu einer "Wohlfahrtsgesellschaft", in der Ressourcen von Staat und Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft kooperativ verbunden werden.[14] Diese Entwicklung wird zwar von Verfechtern des herkömmlichen Sozialstaates kritisiert, birgt aber auch erhebliche Chancen und ist zudem kaum umkehrbar.

Das im Freiwilligensurvey erhobene Engagement von 23 Millionen Menschen in Deutschland hat auch ein erhebliches ökonomisches Gewicht. Doch gerade eine einfache und unmittelbare ökonomische Beanspruchung des Engagements macht Engagementförderung instrumentell und verletzt den Eigensinn des Engagements. Der Hinweis auf Engagement als "Bürgerpflicht" im Engagementbericht der Bundesregierung[15] hat gerade in einer Phase der Engagementpolitik, in der mit der Gründung des Bundesfreiwilligendienstes zunächst vor allem ein Ersatz des Zivildienstes in sozialen Einrichtungen vor Augen stand, den Eindruck einer instrumentellen Korrektur des Begriffsverständnisses verstärkt.[16]

Dies heißt aber nicht, dass Engagement im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Engagement reagiert schon immer sehr sensibel auf reale Problemlagen, doch darf es nicht erzwungen werden. Eine nicht instrumentelle Einbindung von Engagement in Koproduktionen erfordert die Akzeptanz seiner eigenen Bedingungen und Handlungslogik: Gerade wenn wir es mit einer dynamischen Tendenz des Einbezugs von Engagement in die öffentliche Daseinsvorsorge zu tun haben, so sind auf den verschiedenen Ebenen der Politik Plattformen für eine sektorübergreifende Abstimmung der Koproduktionen von wachsender Bedeutung, in denen Vertreterinnen und Vertreter des Engagements die Bedingungen mitdefinieren und das Eigeninteresse der Engagierten wahren.[17] Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit des Engagements sind dabei die am stärksten gefährdeten Bestandteile eines eigensinnigen Engagements.


Fußnoten

1.
Engagementforschung hat sich in den vergangenen Jahren entwickelt und ist als ein wichtiger Bereich der Zivilgesellschaftsforschung mittlerweile gut vorangekommen. Deren notwendige inter- und transdisziplinäre Kooperationen sind aber noch systematisch fortzuentwickeln. Vgl. Ansgar Klein/Eckhard Priller/Rupert Graf Strachwitz, Wir brauchen ein Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung. Ein Dossier, Opusculum 75/2014. Zu engagementpolitischen Debatten siehe u.a. die Jahrbücher Engagementpolitik, hrsg. vom BBE, Schwalbach/Ts. 2013ff.
2.
Vgl. Ansgar Klein, Der Diskurs der Zivilgesellschaft. Politische Kontexte und demokratietheoretische Bezüge der neueren Begriffsverwendung, Opladen 2001; Serge Embacher/Susanne Lang, Bürgergesellschaft. Eine Einführung in zentrale bürgergesellschaftliche Gegenwarts- und Zukunftsfragen, Bonn 2008.
3.
Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements"/Deutscher Bundestag, Bericht. Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002, hier: S. 58.
4.
Ebd., S. 86.
5.
Ebd., S. 59.
6.
Vgl. Adalbert Evers, Freiwilliges Engagement und politische Partizipation. Auf der Suche nach Verbindungen, in: BBE-Newsletter vom 8.1.2015; Ansgar Klein, Politische Bildung, in: Birger Hartnuß/Reinhild Hugenroth/Thomas Kegel (Hrsg.), Schule der Bürgergesellschaft, Schwalbach/Ts. 2012, S. 113–123; ders., Bürgerschaftliches Engagement und politische Partizipation, in: BBE-Newsletter vom 8.1.2015.
7.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.), Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement 1999–2004–2009, Berlin 2009, S. 12.
8.
Vgl. Thomas Olk/Birger Hartnuß, Bürgerschaftliches Engagement, in: dies. (Hrsg.), Handbuch Bürgerschaftliches Engagement, Weinheim–Basel 2011, S. 145–161.
9.
Ebd., S. 158.
10.
Ebd.
11.
Vgl. Gisela Notz, "Freiwilligendienste" für alle, Neu-Ulm 2012; Claudia Pinl, Freiwillig zu Diensten. Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit, Frankfurt/M. 2013.
12.
Siehe zur Diskussion um Erwerbsarbeit und Engagement insbesondere BBE (Hrsg.), Engagement und Erwerbsarbeit, Berlin 2007; dass./Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (Hrsg.), Engagement und Erwerbsarbeit in Europa. Organisations- und gesellschaftspolitische Herausforderungen und Modelle, Berlin 2012.
13.
Vgl. Silke Helferich/Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Commons. Für eine neue Politik jenseits von Staat und Markt, Bielefeld 2012.
14.
Vgl. Adalbert Evers/Thomas Olk, Wohlfahrtspluralismus – Analytische und normativ-politische Dimensionen eines Leitbegriffs, Wiesbaden 1996.
15.
BMFSFJ (Hrsg.), Erster Engagementbericht. Für eine Kultur der Mitverantwortung. Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland – Schwerpunkt: Engagement von Unternehmen, Berlin 2012.
16.
Vgl. Gisela Jacob, "Verdienstlichung" des Engagements. Freiwilligendienste als neuer Hoffnungsträger der Engagementförderung, in: Ansgar Klein/Rainer Sprengel/Johanna Neuling (Hrsg.), Jahrbuch Engagementpolitik 2013, Schwalbach/Ts. 2013, S. 22–28; für eine umfassende kritisch-konstruktive Debatte der Freiwilligendienste siehe den eben erschienenen Band von Thomas Bibisidis et al., Zivil – Gesellschaft – Staat. Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und zivilgesellschaftlicher Gestaltung, Wiesbaden 2015.
17.
Vgl. Ansgar Klein/Serge Embacher, Der schwarz-rote Koalitionsvertrag aus engagementpolitischer Sicht, in: BBE-Newsletter vom 12.12.2013.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Ansgar Klein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de