Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule
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Über die Zukunft von Engagement und Engagementpolitik


27.3.2015
Engagement weist eine lange und reichhaltige Tradition auf. Als Ehrenamt war Engagement konstitutiv und strukturbildend für Sozialstaatlichkeit und soziale Arbeit:[1] Soziale Sicherung und kommunale Daseinsfürsorge, verbandliche Wohlfahrtspflege und Selbsthilfe sind Ausdruck von Engagement. Darüber hinaus durchzieht Engagement in je spezifischer Ausprägung alle Gesellschaftsbereiche vom Sozialen bis hin zu Sport und Wirtschaft.[2] Ende der 1960er Jahre erfuhr das traditionsreiche ehrenamtliche Engagement im Zuge der Politisierung der westdeutschen Gesellschaft eine tief greifende Vitalisierung und Erneuerung. In einem breiten Spektrum neuer sozialer Bewegungen und Selbsthilfegruppen kam dieser gesellschaftspolitische Zeitgeist mit dem manifesten Anspruch auf gesellschaftliches Mitgestalten und politisches Mitentscheiden wirkmächtig zum Ausdruck.[3] Für die Engagierten selbst wurde ihr Engagement unter den Bedingungen dynamischen sozialen Wandels zu einem Wechselbad zwischen Engagement und Enttäuschung sowie Leidenschaften und Interessen.

Staatlicherseits ist Engagement jahrzehntelang als apolitisches Ehrenamt gewürdigt und als politischer Protest zugleich zurückgewiesen worden. Erst relativ spät, Ende der 1990er Jahre, hat der Deutsche Bundestag für die Jahre 2000 bis 2002 eine Richtung weisende Enquete-Kommission zum Stand und zur Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland eingesetzt.[4] Zudem werden seit 1999 in einem fünfjährigen Turnus die quantifizierbaren Ausprägungen des Engagements der Bürger(innen) im Freiwilligensurvey empirisch untersucht.[5] Die Bundesregierung beruft seit 2009 in jeder Legislaturperiode eine unterschiedlich zusammengesetzte Expertenkommission, die unter einer je spezifischen gesellschaftspolitischen Fragegestellung die Entwicklung des Engagements in Deutschland beschreiben und analysieren soll.[6] Auf Landes- und Bundesebene sind im Anschluss an die Arbeit der Bundestagsenquete vor allem Referate und Stellen mit dezidiertem Engagementbezug geschaffen sowie zeitlich und sachlich befristete Förderprogramme und -maßnahmen aufgelegt worden.

Engagement ist damit auch zum Gegenstand staatlicher und kommunaler Politik geworden.[7] Engagement müsse – so Lobbyisten von Engagementverbänden – als Engagementpolitik zu einer Leitorientierung und zu einer politischen Querschnittaufgabe werden. Staatspolitische Akteure antworteten ihrerseits auf ein derartiges verbandliches Ansinnen völlig unbescheiden mit der Vorlage einer "nationalen Engagementstrategie". So erfuhr Engagement als Engagementpolitik eine normative Überhöhung, ohne in den entsprechenden Politikfeldern aber bisher faktische Geltung erzielt zu haben. Die beobachtbare Realität des Engagements legt – trotz der proklamierten Erwartungen von Engagementpolitik – den vorläufigen Schluss nahe, dass Engagement gesellschaftspolitisch ein "Nischenthema" geblieben ist.

Im Folgenden empfehlen wir einen Perspektivwechsel: In einer korporatistisch geprägten Gesellschaft wie der deutschen stellen sich der Staat und die mit ihm kooperierenden Verbände immer wieder selbst in die erste Reihe. Vor diesem Hintergrund sollte Engagement in erster Linie nicht als originärer Gegenstand staatlicher Politik, sondern als Wesensmerkmal einer eigensinnigen und organisierten Zivilgesellschaft verstanden werden.[8] Denn im Schatten der staatlichen Hierarchie wird die Zivilgesellschaft abgedunkelt und wenig sichtbar; somit überrascht es auch nicht, dass sich die deutsche Zivilgesellschaft derzeit kaum selbstbewusst, ressourcenstark und mächtig zeigt. Zunächst wird der Fokus auf ausgewählte Probleme und Dilemmata der Zivilgesellschaft und des organisierten Engagements gerichtet; anschließend werden unausgeschöpfte Potenziale der Zivilgesellschaft, Lösungsansätze zur Verbesserung ihrer finanziellen Ressourcenausstattung sowie zur Analyse und Beschreibung ihrer Wirkungen herausgearbeitet.

Etablierte Verbandsorganisationen des Engagements



Die überwiegende Mehrzahl der Engagierten findet sich in Organisationen, die den Kern der Zivilgesellschaft in Deutschland bilden. Es handelt sich hierbei vor allem um ältere und größere Organisationen, wenngleich es im Zuge des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels in den 1960er Jahren zahlreiche Neugründungen, insbesondere von gering formalisierten Organisationen wie etwa Vereinen, Gruppen und Initiativen, gegeben hat. Entscheidend ist, dass die Zivilgesellschaft in Deutschland aufgrund der Vielzahl und Vielfalt ihrer Organisationen als organisierte Zivilgesellschaft zu verstehen ist. Für die Entwicklung des Engagements ist daher vor allem die Art und Weise der Organisation des Engagements entscheidend.

Engagierte in der organisierten Zivilgesellschaft sind entweder Mitglieder von Organisationen und/oder freiwillig Tätige, die im Kontext dieser Organisationen aktiv werden. Bemerkenswert ist zunächst die hohe Zahl der Engagierten. Dabei ist aber festzuhalten, dass ein "Sättigungsgrad" im Engagement erreicht zu sein scheint und rückläufige Entwicklungen sowohl im Hinblick auf die Zahl der Mitglieder als auch der freiwillig Tätigen festzustellen sind. Diese Beobachtungen lassen sich erhärten, wenn die etablierten Verbandsorganisationen der Zivilgesellschaft wie etwa Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Wohlfahrtsverbände genauer in den Blick genommen werden. In diesen Organisationen sind seit Langem rückläufige beziehungsweise stagnierende Mitgliederzahlen festzustellen.

Beteiligung ist ein grundlegendes Motiv von Engagement und zugleich ein originäres "Prinzip der Politik",[9] doch politische Partizipation ist kein "Massenphänomen".[10] Dies zeigt sich vor allem anhand von Parteien. Eine Erhebung des Otto-Stammer-Zentrums macht deutlich, dass die Gesamtzahl der Parteimitglieder kontinuierlich sinkt. Diesen Berechnungen zufolge hat die CDU seit 1990 40,8 Prozent ihrer Mitglieder verloren, die SPD 49,8 Prozent, die CSU 20,3 Prozent, die FDP 66 Prozent und Die Linke 77,3 Prozent; nur Bündnis 90/Die Grünen hat in diesem Zeitraum 48,5 Prozent dazugewonnen.[11] Dabei ist im Hinblick auf Engagement zu bedenken, dass ein geringer Anteil der Parteimitglieder auch tatsächlich politisch aktiv ist und nur rund 22 Prozent von ihnen "ämterorientierte Aktive" sind.[12]

Eine ähnliche Tendenz ist bei Gewerkschaften festzustellen. Sie hatten auf dem Höhepunkt ihrer Mitgliederentwicklung 1991 rund 11,8 Millionen Mitglieder, während sie 2013 nur noch 6,14 Millionen Mitglieder aufwiesen.[13] Zugleich zeigt sich auch bei Gewerkschaften eine große Diskrepanz zwischen Mitgliedern und Aktiven. Einen Rückgang ihrer Mitgliederzahlen verzeichnen auch die Kirchen. Waren in den 1960er Jahren noch rund 90 Prozent der Bevölkerung Mitglied in einer der beiden Kirchen, so sind es heute nur noch etwa 60 Prozent (die Katholische Kirche hat aktuell 24,7, die Evangelische Kirche 24,3 Millionen Mitglieder), wobei auch hier der Anteil der freiwillig Tätigen und der Kirchgänger an der Mitgliedschaft als eher gering zu veranschlagen ist. In der Freien Wohlfahrtspflege, zu denen auch die beiden großen kirchlichen Wohlfahrtsverbände Diakonie und Caritas zu rechnen sind, soll es Selbstschätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zufolge unverändert rund 2,5 bis 3 Millionen ehrenamtlich Engagierte geben.[14] Auch hier ist zu beobachten, dass die Zahl der Freiwilligen, insbesondere in Führungs- beziehungsweise Vorstandspositionen, nicht steigt, sondern rückläufig ist.

Bislang sind noch bei keiner dieser Mitgliedsorganisationen Strategien zu erkennen, diesen Trend aufzuhalten beziehungsweise umzukehren. Als ein wichtiger Grund für die durchgängig negative Mitgliederentwicklung sind neben organisationalen Defiziten die – unter korporatistischen Bedingungen von Staat und Verbänden zu verantwortenden – mangelhaften ordnungspolitischen Rahmenbedingungen des organisierten Engagements in Deutschland anzusehen.


Fußnoten

1.
Vgl. Christoph Sachße/Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, Bd. 2, Stuttgart u.a. 1988.
2.
Vgl. Thomas Olk/Birger Hartnuß, Handbuch Bürgerschaftliches Engagement, Weinheim–Basel 2011; Holger Backhaus-Maul et al., Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege. Empirische Befunde aus der Terra incognita eines Spitzenverbandes, Wiesbaden 2015; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.), Erster Engagementbericht. Für eine Kultur der Mitverantwortung. Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland, Berlin 2012, S. 63–199; Sebastian Braun, Ehrenamtliches und freiwilliges Engagement im Sport, Köln 2011; ders./Holger Backhaus-Maul, Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen. Eine sozialwissenschaftliche Sekundäranalyse, Wiesbaden 2010.
3.
Vgl. Karl-Werner Brand et al., Aufbruch in eine andere Gesellschaft. Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik, Frankfurt–New York 1986.
4.
Vgl. Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements"/Deutscher Bundestag, Bericht. Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002.
5.
Vgl. Thomas Gensicke/Sabine Geiss, Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement, Berlin 2010.
6.
Vgl. BMFSFJ (Anm. 2).
7.
Vgl. Thomas Olk et al., Engagementpolitik. Die Entwicklung der Zivilgesellschaft als politische Aufgabe, Wiesbaden 2010.
8.
Vgl. Holger Backhaus-Maul et al., Denkschrift Bürgergesellschaft, Berlin 20122, »http://www.aktive-buergerschaft.de/fp_files/Denkschrift_Buergergesellschaft_2012.pdf« (2.3.2015).
9.
Vgl. Volker Gerhardt, Partizipation. Das Prinzip der Politik, München 2007.
10.
Vgl. Jan W. van Deth, Politische Partizipation, in: Viktoria Kaina et al. (Hrsg.), Politische Soziologie. Ein Studienbuch, Wiesbaden 2009, S. 141–161.
11.
Vgl. Oskar Niedermayer, Parteimitglieder in Deutschland: Version 2014, Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum 21/2014, »http://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/forschung/systeme/empsoz/schriften/Arbeitshefte/AHOSZ21.docx« (2.3.2015).
12.
Vgl. Markus Klein/Tim Spier, Welche Zukunft hat das innerparteiliche Engagement der Bürger?, in: Tim Spier et al. (Hrsg.), Parteimitglieder in Deutschland, Wiesbaden 2011, S. 207.
13.
Vgl. Rudolf Speth, Politische Beteiligung: Lage und Trends, Arbeitspapier der Otto-Brenner-Stiftung, Frankfurt/M. 2015 (i.E.).
14.
Vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, Einrichtungen und Dienste. Gesamtstatistik 2012, Berlin 2012, S. 10; H. Backhaus-Maul et al. (Anm. 2).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Michael Alberg-Seberich, Holger Backhaus-Maul, Stefan Nährlich, Andreas Rickert, Rudolf Speth für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de