Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule
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Der Bundesfreiwilligendienst: Ein Erfolgsmodell für alle?


27.3.2015
Derzeit engagieren sich etwa 100.000 Männer und Frauen aller Altersstufen in den verschiedenen Freiwilligendienstformaten Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) und Bundesfreiwilligendienst (BFD) sowie in unterschiedlichen Auslandsfreiwilligendiensten.[1] Das ist ein historischer Höchststand in Deutschland. Der verstärkte Auf- und Ausbau dieses Angebots wurde mit der Aussetzung der Wehrpflicht im Juli 2011 eingeleitet. Denn das Ende der Wehrpflicht bedeutete auch das Ende des Zivildienstes. Als Konsequenz führte die damalige Familienministerin Kristina Schröder den BFD mit einer Kapazität von 35.000 Vollzeitplätzen ein. Der Dienst dauert zwischen 6 und 18 Monaten und wird in der Regel in Vollzeit abgeleistet. Anders als im FSJ und FÖJ können die Freiwilligen im BFD auch über 27 Jahre (27+) alt sein. Für diese Freiwilligen gibt es im BFD die Möglichkeit, einen Teilzeitdienst mit mindestens 20 Wochenstunden zu absolvieren. Alle Freiwilligen sind sozialversichert, erhalten ein monatliches Taschengeld von derzeit maximal 363 Euro und teilweise unentgeltliche Unterbringung, Verpflegung sowie Arbeitskleidung.

In diesem Beitrag zeichnen wir die Entwicklung des Dienstes seit 2011 nach und diskutieren sie sowohl aus Sicht der Freiwilligen als auch aus der Perspektive der Organisationen, die die Freiwilligen aufnehmen. Einen besonderen Fokus legen wir dabei auf die Bewertung der Altersöffnung des Dienstes, denn die älteren Freiwilligen sind zweifelsohne Pioniere: Nicht nur in Deutschland, sondern auch europaweit ist es der erste Freiwilligendienst, an dem auch Menschen über 27 Jahre teilnehmen können. Neben Daten des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) beruht der Beitrag auf einer umfangreichen Medien- und Dokumentenanalyse, auf Fokusgruppeninterviews mit jüngeren und älteren Freiwilligen sowie auf Experteninterviews mit Vertreter(inne)n aus Politik und Drittem Sektor.[2]

Ein holpriger Start



Der BFD hatte keinen leichten Start. Für die Einführung des Dienstes gab es nur wenige Monate Vorlauf, gleichzeitig waren die Erwartungen der politischen Entscheidungsträger an die Einführung des neuen Freiwilligendienstformates hoch. Zum einen sollte der Dienst dazu beitragen, das bürgerschaftliche Engagement zu stärken. Zum anderen wollte man ein Format etablieren, in dem sich Personen jenseits von Altersgrenzen und Bildungsunterschieden in einer Vielzahl von Handlungsfeldern engagieren können. Zusätzlich bestand der Anspruch, dass die Freiwilligen während des Dienstes lernen – der BFD sollte als Bildungsdienst im Sinne eines lebenslangen Lernens ausgestaltet sein. Das neue Format verortet sich zwischen zwei Kulturen: Auf der einen Seite erwächst der Dienst strukturell aus dem Zivildienst. Staatliche Organisationen betreten als neue Akteure das Feld der Freiwilligendienste. Auf der anderen Seite knüpft der BFD an die Tradition der Jugendfreiwilligendienste (JFD) an, die sich durch ein diversifiziertes Träger- und Einsatzstellensystem und ein spezifisches Bildungskonzept auszeichnen. Insbesondere der bisher unbekannte Grad staatlicher Steuerung sorgte auf Seiten der etablierten Freiwilligendienstakteure anfangs für erhebliches Unbehagen.[3]

Abbildung 1: Gesamtzahl der Bundesfreiwilligen (31. 1. 2015)Abbildung 1: Gesamtzahl der Bundesfreiwilligen (31. 1. 2015)
Von den Medien wurde der Start des BFD kritisch kommentiert und anfangs gar als "Flop"[4] bezeichnet. Zudem suggerierten Schlagzeilen wie "Freiwillige dringend gesucht"[5] eine Versorgungslücke, die beim Wegfall des Zivildienstes entstehen würde. Und tatsächlich meldeten sich zu Beginn nur zögerlich Freiwillige. Doch nach der anfänglich geringen Nachfrage nahm das Interesse an dem Dienst kontinuierlich zu, sodass im Frühjahr 2012 das Kontingent von 35.000 Bundesfreiwilligen ausgeschöpft war (Abbildung 1). Der Dienst wurde nun plötzlich von einigen Medien und den politischen Entscheidungsträgern als Erfolg gefeiert, und die Nachfrage überstieg bald das Angebot an finanzierten Plätzen. Heute, gut dreieinhalb Jahre nach der Einführung, haben sich die anfänglichen Wogen geglättet und der Dienst wird gut angenommen, auch und gerade von älteren Freiwilligen.

Wer engagiert sich im BFD?



Aufgrund der kontinuierlich hohen Nachfrage sowie vielen Teilzeitverträgen mit Freiwilligen 27+ wurden zwischenzeitlich fast 50.000 BFD-Stellen besetzt. Diese hohe Zahl kann jedoch auf Dauer nicht finanziert werden und so pendelt sich der Wert nun bei etwa 40.000 Freiwilligen ein, jeweils mit leichten Schwankungen in den Sommermonaten, in denen gerade bei den jüngeren Freiwilligen der Wechsel zwischen den Jahrgängen stattfindet.

Abbildung 2: Prozentuale Altersverteilung (30. 12. 2014)Abbildung 2: Prozentuale Altersverteilung (30. 12. 2014)
Nach einem anfänglich hohen Anteil von Männern (57 Prozent im Oktober 2011), der wohl auf die Zivildiensttradition zurückzuführen ist, leisten inzwischen 54 Prozent Frauen und 46 Prozent Männer Dienst. Auch bezüglich der Alterszusammensetzung zeigt sich eine interessante Entwicklung: Im Januar 2012, also etwa sechs Monate nach Start des BFD, waren 23 Prozent 27 Jahre und älter.[6] Seitdem stieg der Anteil der älteren Freiwilligen kontinuierlich, bis er Ende 2013 über 40 Prozent erreichte. Durch eine gezielte Gegensteuerung des BAFzA sank der Anteil älterer Freiwilliger in der zweiten Jahreshälfte 2014 leicht.[7] Im Dezember 2014 lag er bei 32,8 Prozent (Abbildung 2).

Auffallend ist, dass in den ostdeutschen Bundesländern insgesamt mehr Freiwillige und insbesondere mehr Lebensältere als im Bundesdurchschnitt Dienst im Rahmen des BFD leisten. So engagierten sich im Dezember 2014 3884 Personen in Sachsen und 2263 Personen in Thüringen, in den bevölkerungsstarken Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg dagegen nur 3371 beziehungsweise 4750 Freiwillige im BFD.[8] In den ostdeutschen Bundesländern inklusive Berlin liegt der Anteil der Zielgruppe 27+ im Durchschnitt bei 75 Prozent, während er im Westen lediglich 12 Prozent beträgt.[9] Damit verzeichnet der BFD einen gegenläufigen Trend zu anderen Freiwilligendiensten, in denen überdurchschnittlich viele Bewerber aus den westdeutschen Bundesländern kommen.[10]

Für diese regionalen Unterschiede gibt es eine Reihe an Erklärungsvariablen, denn die ungleiche Zusammensetzung der Teilnehmenden im BFD ist nicht allein mit den unterschiedlichen demografischen Strukturen der Bundesländer in Ost und West zu begründen. Vielmehr spielen hier mehrere Faktoren zusammen: Der BFD wurde von den regionalen Berater(inne)n des BAFzA unterschiedlich stark beworben, beispielsweise durch gezielte Informationsveranstaltungen der Arbeitsagenturen, die insbesondere in Ostdeutschland den Dienst bei Personen über 27 Jahren bekannt machten. Zudem war das freiwillige Engagement in der ehemaligen DDR häufig obrigkeitsstaatlich geprägt, im Westen hingegen eher staatsunabhängig oder gar staatskritisch angelegt. Diese Unterschiede bezüglich der Ehrenamtstradition in Ost und West könnten erklären, warum gerade eine Engagementform mit "konkrete(n) Angebote(n) und feste(n) Strukturen"[11] in den ostdeutschen Bundesländern gut angenommen wird, während andere Engagementmöglichkeiten dort im Bundesvergleich weniger nachgefragt werden.[12]

In der Folge entwickelten einige Anbieter von Freiwilligendiensten in Regionen mit vielen älteren Freiwilligen unterschiedliche Konzepte für die Dienstformate und vermitteln jüngere Interessent(inn)en gezielt ins FSJ und FÖJ, um die Plätze im BFD mit Älteren besetzen zu können. Dies verstetigt offenbar den hohen Anteil der Zielgruppe 27+ im Osten. Und schließlich spielen Arbeitsmarktstrukturen eine Rolle: Für viele Arbeitssuchende ist der Dienst eine attraktive Alternative zum Arbeitsmarkt oder zu arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die in vielen Regionen zeitgleich mit Einführung des BFD gekürzt oder abgeschafft wurden.[13] "Attraktiv" insofern, dass die Freiwilligen sozialversichert sind und sie sich oftmals ein höheres gesellschaftliches Zughörigkeitsgefühl erhoffen. Diesen Punkt werden wir später noch ausführlicher beleuchten.

Auffallend ist zudem, dass der BFD durch die Altersöffnung bezüglich des Bildungsstatus eine andere Klientel als die Jugendfreiwilligendienste erreicht. 43 Prozent der Freiwilligen 27+ haben einen mittleren Schulabschluss, 20 Prozent einen Hauptschulabschuss und 5 Prozent keinen Abschluss. Im Vergleich haben bei den Jüngeren nur 0,5 (FSJ) beziehungsweise 1 Prozent (FÖJ und BFD) keinen Abschluss und 10 Prozent (FSJ) beziehungsweise 8 Prozent (FÖJ und BFD) einen Hauptschulabschluss. Alle anderen Freiwilligen sind höher qualifiziert.[14] Die Altersöffnung im BFD hat also für eine soziale Durchmischung der Freiwilligendienste gesorgt hat.


Fußnoten

1.
Vgl. Gisela Jakob, Freiwilligendienste zwischen Staat und Zivilgesellschaft, Betrifft: Bürgergesellschaft 40/2013, S. 13.
2.
Die Datenerhebung fand zwischen Juli 2011 und Januar 2013 im Rahmen eines Kooperationsprojektes der Hertie School of Governance und des Centrums für soziale Investitionen und Innovationen (CSI) der Universität Heidelberg statt und wurde von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung finanziert. Siehe u.a. Helmut K. Anheier et al., Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst. Erste Erkenntnisse einer begleitenden Untersuchung, Berlin 2012.
3.
Vgl. Gisela Jakob, Zwischen Aufwertung und Indienstnahme. Zur gesellschaftlichen Bedeutung von Freiwilligendiensten, in: Thomas Bibisidis et al. (Hrsg.), Zivil – Gesellschaft – Staat. Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und zivilgesellschaftlicher Gestaltung, Wiesbaden 2015, S. 47–62.
4.
Mike Szymanski, Der Freiwilligendienst – ein einziger Flop, in: Süddeutsche Zeitung vom 10.7.2011.
5.
Freiwillige dringend gesucht, in: Frankfurter Rundschau vom 6.6.2011.
6.
Eigene Berechnungen auf Grundlage der Daten des BAFzA, Stand: 10.1.2012. Die Daten des BAFzA sind online einsehbar, allerdings nur für den aktuellen Monat: »https://www.bafza.de/
fileadmin/de.bafza/content.de/downloads/Abt2/201/BFD_nach_Alter_und_Geschlecht.pdf«
(2.3.2015).
7.
Siehe Einstellungsstopp für ältere Bufdi-Bewerber, 6.2.2014, »http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-02/bufdi-einstellungsstopp« (2.3.2015).
8.
Daten des BAFzA, Stand: 30.12.2014.
9.
Eigene Berechnungen auf Grundlage der Daten des BAfZA, Stand: 30.12.2014.
10.
So z.B. im entwicklungspolitischen FWD "weltwärts". Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst "weltwärts", Bd. 1: Hauptbericht, Bonn 2011, S. 30.
11.
Michael Panse, Kommentar zu Olk: aus der Sicht eines neuen Bundeslandes, in: T. Bibisidis et al. (Anm. 3), S. 41–46, hier: S. 44.
12.
Vgl. Thomas Olk/Thomas Gensicke (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland. Stand und Perspektiven, Wiesbaden 2014.
13.
Vgl. Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sabine Zimmermann, Jutta Krellmann, Diana Golze, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke. Rechtswidrige Ein-Euro-Jobs, Bundestags-Drucksache 17/8083, S. 15.
14.
Vgl. Susanne Huth/Dietrich Engels/Elisabeth Aram, Präsentation erster Ergebnisse der Evaluation von Bundesfreiwilligendienst und Jugendfreiwilligendiensten, Fachtagung "Freiwillig gestalten – erste Evaluationsergebnisse und aktuelle Entwicklungen der Freiwilligendienste", Berlin, 18.11.2013.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Rabea Haß, Annelie Beller für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

 

Datenreport 2013

Zivilgesellschaftliches Engagement

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