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Freiwilliges Engagement von Zuwanderern: Verkannte Potenziale der gesellschaftlichen Teilhabe


27.3.2015
Das freiwillige, nicht auf spezifischen Druck oder auf die Aussicht auf externe Gratifikationen hin orientierte Handeln zählt in der Motivationspsychologie zu einer der zentralen Forschungsfragen. Vor allem die Psychologen Edward L. Deci und Richard M. Ryan arbeiten im Rahmen ihrer "Selbstbestimmungstheorie" (self-determination theory) seit rund 30 Jahren an der Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Person sich als selbstbestimmt erlebt, und wie die intrinsische Motivation, eine Tätigkeit um der Sache und nicht um ihres Produktes willen, zustande kommt.[1] Sie postulieren drei grundlegende Bedürfnisse, die quasi wie ein anthropologisches Datum, wie eine kulturinvariante Größe, dem Menschen fundamental eigen sind und sein Handeln lenken: das Bedürfnis nach Autonomie, das Bedürfnis nach Kompetenzerleben und das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit.

Menschen haben, so die Autoren, die angeborene motivationale Tendenz, sich mit anderen Personen in einem sozialen Umfeld verbunden zu fühlen (soziale Affiliation), in diesem Umfeld selber auch effektiv und wirksam zu agieren (Kompetenz) und sich dabei persönlich autonom und initiativ zu erleben. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt werden, wird das natürliche Bestreben des Menschen nach Erwerb neuer Kenntnisse und Fähigkeiten voll entfaltet werden. Im Zentrum dieser Theorie steht der Begriff des Selbst, der sowohl einen Prozess als auch ein Produkt der Entwicklung durch die Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt darstellt. Die Dichotomie von intrinsischer und extrinsischer Motivation überwindend, zeigen die Autoren, dass es auch innerhalb der extrinsisch motivierten Handlungen, also Handlungen, die auf eine Gratifikation hin erfolgen, eine Bandbreite an Selbstbestimmung und graduelle Abstufungen der intrinsischen Motiviertheit gibt. Während intrinsische Motivation in dieser Theorie durch Neugier, Exploration, Spontaneität und Interesse charakterisiert ist, werden extrinsisch motivierte Verhaltensweisen in der Regel durch Aufforderungen in Gang gesetzt, und ihre Befolgung lässt eine Bekräftigung erwarten. Generell konstituieren beziehungsweise steigern aus dieser Perspektive Maßnahmen, die als selbstständigkeitsfördernd erlebt werden, also die Eigeninitiative und die Wahlfreiheit unterstützen, aber auch Anerkennung einbringen, die intrinsische Motivation.

Die höchste Stufe der Selbstbestimmung ist dann erreicht, wenn die Handlungsziele auch dauerhaft in die Wertestruktur der Person integriert und Teil des eigenen Selbstkonzepts geworden sind. Durch diese Integration von ursprünglich sozial vermittelten Verhaltensweisen verschafft sich der Einzelne die Möglichkeit, sich mit anderen Personen verbunden zu fühlen sowie das eigene Handeln als selbstbestimmt zu erfahren. Das soziale Umfeld des Einzelnen kann das Auftreten intrinsischer Motivation insofern fördern, als dass es die Bedürfnisse des Einzelnen nach Kompetenz und Autonomie unterstützt. Gleichwohl es wie ein Paradoxon anmutet, kann also auch von außen das innengeleitete Tätigsein forciert werden. Das öffnet psychologisch den Horizont für die Erweiterbarkeit freiwilligen Engagements. Und diese psychologische Motivationstheorie ist gut geeignet, Phänomene wie freiwilliges bürgerschaftliches Handeln gut zu integrieren und zu erklären. Doch welche Relevanz hat das freiwillige Engagement von Personen mit Zuwanderungsgeschichte?

Relevanz und Potenziale



Der demografische Wandel sowie die veränderte und sich rapide verändernde Zusammensetzung der Gesellschaft zwingt zum Umdenken und breiter Reflexion: Wir werden, knapp zusammengefasst, älter und weniger und bunter. Diese Veränderungen sind auch nicht ganz folgenlos für die Frage des freiwilligen Engagements, gilt doch diese Form der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben als eines der zentralen Elemente für die Konstitution und Aufrechterhaltung des Gemeinwohls sowie sozialer Kohäsion – und das nicht nur in Deutschland.[2] Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, bislang unterrepräsentierte Gruppen, zu denen unter anderem auch Zuwanderer zählen, stärker einzubinden.

Generell kann die freiwillige Teilhabe an den vielfältigen sozialen, politischen, kulturellen Aktivitäten als bedeutsames demokratiebildendes und -förderndes Moment einer Gemeinschaft betrachtet werden.[3] Sie kann darüber hinaus in einigen Fällen auch als Sprungbrett für die Karriere oder als Vehikel der Aufwärtsmobilität fungieren, wenn beispielsweise aus der ehrenamtlichen Tätigkeit eine feste Stelle, eine hauptamtliche und bezahlte Aufgabe erwachsen kann, wenngleich Engagement selten mit dieser Intention aufgenommen wird. Für Zuwanderer hat sie darüber hinaus auch eine imagebildende Funktion und dient ihrer stärkeren sozialen Integration beziehungsweise beschleunigt diese, weil dadurch sowohl Kompetenzen erlangt als auch Netzwerke geknüpft werden. Um ihren gesellschaftlichen Einfluss zu mehren, aber auch um einen Einstellungswandel hin zu stärkerer positiver Wahrnehmung von Zuwanderern zu bewirken, kann das vermehrte Engagement in mehrheitsgesellschaftlichen Kontexten ein förderlicher Weg sein. Denn Engagement in migrantischen Kontexten wird zum einen von der Mehrheit kaum wahrgenommen, zum anderen begreifen vielfach Zuwanderer diese Tätigkeit selten als freiwilliges Engagement, sondern als ein Teil unhinterfragbarer familialer oder landsmannschaftlicher Solidarität, so etwa die vielfältigen Formen der Hilfen in Moscheen oder Vereinen.

Auf die Potenziale von Zuwanderern als Ehrenamtliche lässt sich, mit Blick auf ihre Größenordnung, nicht verzichten; denn mit rund 16 Millionen stellen sie etwa ein Fünftel der Gesamtgesellschaft. Die Fokussierung auf diese Gruppe resultiert auch aus der Erkenntnis heraus, dass sie vielfach durch ungleiche Ausgangspositionen Defizite in der gesellschaftlichen Beteiligung aufweisen. Deren Ursachen liegen zum einen in juristischen beziehungsweise staatsbürgerlichen Differenzen: sind sie Nicht-Deutsche, dann haben sie beispielsweise keine Gleichstellung auf allen Ebenen des politischen Lebens, so etwa beim aktiven und passiven Wahlrecht; zum anderen aber auch in historischen Voraussetzungen: Sie sind noch nicht etabliert genug, um dieses Land auch als das eigene zu gestaltende Land zu verstehen; sie haben auch noch nicht genügend Netzwerke und der Zugang zu diesen ist – aufgrund geringer interkultureller Öffnung der Organisationen – deutlich schwieriger als für Einheimische.

Ferner sind bei den unterschiedlichen Beteiligungsraten sozialstrukturelle Merkmale wie Einbindung in den Arbeitsmarkt zu berücksichtigen. So konnte für Großbritannien und Deutschland gezeigt werden, dass das freiwillige Engagement bei Arbeitslosen deutlich geringer war als bei Beschäftigten.[4] Zugleich liegt die Arbeitslosigkeitsrate unter Zuwanderern, vor allem unter den Türkeistämmigen, deutlich höher als die der Einheimischen; lange Zeit lag sie etwa doppelt so hoch. Nicht zuletzt ist der erschwerte Zugang zum freiwilligen Engagement auch in herkunftskulturellen Bedingungen zu suchen. Vielfach ist diese Form der Bürgerbeteiligung in autoritär verfassten Staaten nicht nur weniger bekannt, sondern auch kaum erwünscht oder sogar mit Sanktionen verbunden. Vor diesem Hintergrund könnten vor allem neue Zuwanderer zurückhaltend gegenüber staatlichen oder staatsnahen Institutionen sein, weshalb für sie eine Form aktiven Engagements intuitiv nicht als naheliegend erscheint.

Gegenwärtig wird bürgerschaftliches Engagement in Deutschland über alle politischen Kreise und Gruppierungen hinweg positiv bewertet; auch die Notwendigkeit stärkerer Einbindung von Zuwanderern in zivilgesellschaftliche Organisationen findet immer breiteren Konsens. Nicht nur aufgrund der etwas jüngeren Altersstruktur, sondern auch aufgrund der allmählichen Aufgabe der "Rückkehrillusion" in die Herkunftsländer ist das Potenzial für bürgerschaftliches Engagement in dieser Gruppe hoch. Insofern gilt es, deutlich mehr Gelegenheitsstrukturen zur Selbstorganisation und zur Eigenverantwortlichkeit von Zuwanderern zu schaffen, damit ihr soziales Kapital auch voll zur Entfaltung kommen kann.

Nach dieser kurzen inhaltlichen Skizzierung des Themas aus einer psychologischen und einer soziologischen Perspektive soll im Folgenden, auf Daten einer repräsentativen Erhebung mit Türkeistämmigen aus Nordrhein-Westfalen basierend, das Ausmaß des freiwilligen Engagements nachgezeichnet und auf markante Unterschiede in der Intensität und der Unterschiedlichkeit der Engagementfelder Türkeistämmiger und Einheimischer eingegangen werden.[5] Zuletzt sollen einige Hinweise gegeben werden, wie Engagement gefördert werden kann. Gleichwohl eine vergleichende Betrachtung unterschiedlicher Zuwanderergruppen methodisch lohnend wäre, um dadurch die Besonderheiten und Differenzierungen innerhalb der Gruppen herauszuarbeiten, betrachten wir hier nur eine spezifische Gruppe, und zwar die Türkeistämmigen. Diese Fokussierung erfolgt aus folgender Überlegung heraus: Einerseits stellen diese mit rund 2,5 Millionen die größte ethnische Einwanderergruppe dar; andererseits zeigen empirische Studien, dass die Unähnlichkeit beziehungsweise soziale Distanz zwischen Deutschen und Türkeistämmigen am größten ist; deutlich größer als die Distanz von Deutschen zu anderen Migrantengruppen wie etwa Italienern, Spaniern oder Griechen, sodass bei diesem Vergleich stärkere Effekte zu erwarten sind.[6]


Fußnoten

1.
Vgl. Edward L. Deci/Richard M. Ryan, Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior, New York 1985.
2.
Vgl. Dirk Halm, Engagierte Einwanderer: Chancen und Probleme der Partizipation von Migranten, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 24 (2011) 2, S. 14–24.
3.
Vgl. Robert Putnam, Bowling Alone: America’s Declinig Social Capital, in: Journal of Democracy, 6 (1995) 1, S. 65–78.
4.
Vgl. Susanne Strauß, Ehrenamt in Deutschland und Großbritannien – Sprungbrett zurück auf den Arbeitsmarkt?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 61 (2009) 4, S. 647–670.
5.
Vgl. Martina Sauer, Partizipation und Engagement türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen, Essen 2011, »http://www.zfti.de/downloads/down_mehrthemenbefragung-2010_langfassung.pdf« (1.3.2015).
6.
Vgl. Frank Kalter/Mona Granato, Demographic Change, Educational Expansion, and Structural Assimilation of Immigrants: The Case of Germany, in: European Sociological Revue, 18 (2002) 2, S. 199–216.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Haci-Halil Uslucan für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de