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Engagement im Quartier


27.3.2015
Konzepte, Strategien und Programme der Stadtentwicklungspolitik haben zunehmend bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung als wichtige Erfolgsfaktoren in ihre Zielkataloge aufgenommen. Dies gilt vor allem für das Städtebauförderungsprogramm "Soziale Stadt", das Teilhabe und Integration in sozial benachteiligten und strukturschwachen Stadtquartieren stärken will. Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass entgegen landläufiger Vorurteile auch in sozial benachteiligten Gebieten ein ausgeprägtes und vielfältiges Engagement von Bewohnerinnen und Bewohnern beobachtet werden kann.[1] Diese Studien verdeutlichen aber auch, dass sich viele Formen lokalen Engagements vor allem auf die eigene Lebenswelt, das eigene Milieu und die unmittelbare Nachbarschaft beziehen. Der Beitrag des freiwilligen Engagements zum sozialen Zusammenhalt ist begrenzt und zeichnet sich durch ein hohes Maß an Eigensinn aus, das einer Vereinnahmung für politisch-strategische Ziele entgegensteht. Die Forschungsergebnisse belegen zudem, wie wichtig begünstigende Rahmenbedingungen und lokale Ermöglichungsstrukturen für die Erschließung von Engagementpotenzialen und die Verstetigung von Engagement insbesondere in Quartieren mit sozialen Problemlagen sind.

Der folgende Beitrag präsentiert einige Ergebnisse aus der Studie "Engagement im Quartier",[2] die das Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration (DESI) im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) sowie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) erstellt hat. Im Rahmen des Forschungsfeldes "Orte der Integration im Quartier"[3] wurden acht Kommunen von 2011 bis 2014 dabei unterstützt, Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen in sozial benachteiligten Gebieten weiterzuentwickeln, Bildungsangebote zu bündeln und zentrale Akteure zu vernetzen. In der Studie "Engagement im Quartier" haben wir in diesem Kontext untersucht, welchen Beitrag freiwilliges Engagement für die Entwicklung sozial benachteiligter Quartiere leisten kann und mit welchen ehrenamtlichen Angeboten Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen unterstützt werden können.

Das Forschungsvorhaben basierte auf dem Einsatz quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden. Hierzu gehörten eine bundesweite Online-Befragung von 115 Freiwilligenorganisationen, die in Gebieten des Städtebauförderprogramms "Soziale Stadt" aktiv sind, leitfadengestützte (Telefon-)Interviews mit etwa 20 Vertretern von Dachorganisationen (Bundesarbeitsgemeinschaften von Freiwilligenagenturen und Seniorenbüros, Migrantenorganisationen), Multiplikatoren aus Stadtverwaltungen, Freiwilligenorganisationen, Trägern der Wohlfahrtspflege, Quartiersmanagement, Stiftungen und Wissenschaft sowie Gesprächsrunden mit Freiwilligen und Akteuren aus innovativen Projekten. Unter Freiwilligenorganisationen wurden in diesem Zusammenhang Einrichtungen verstanden, zu deren hauptsächlichen Tätigkeitsbereichen die Vermittlung, Organisation und Unterstützung von bürgerschaftlichem Engagement gehört. Dazu zählen beispielsweise Freiwilligenagenturen und -zentren, Ehrenamtsbörsen, Kontakt-, Koordinierungs- und Vermittlungsstellen, Bürgerbüros, anerkannte Träger der Wohlfahrtspflege und von Freiwilligendiensten, Stadtteilzentren oder Mehrgenerationenhäuser. Mit der Befragung wurden daher nicht nur Freiwilligenagenturen oder -zentren mit einem stadtweiten oder regionalen Aktionsradius, sondern auch kleinere lokale Einrichtungen mit einem besonderen Fokus auf sozial benachteiligte Stadtteile erreicht.

Die Freiwilligenorganisationen, die sich an der Online-Befragung beteiligt haben, sind überwiegend durch relativ geringe Ressourcen und eine hohe Abhängigkeit von Projektförderung gekennzeichnet: Knapp 60 Prozent der Einrichtungen haben keine oder weniger als eine Personalstelle.[4] Etwas über 70 Prozent der Freiwilligenorganisationen verfügen über ein Jahresbudget von unter 50.000 Euro. Das Budget der Organisationen setzt sich aus einer Vielzahl von Finanzierungsquellen zusammen, wobei kommunale Mittel (70 Prozent) und Spenden (58 Prozent) am häufigsten genannt werden. Rückmeldungen von Kommunen, Ansprechpartnern der "Sozialen Stadt" und Einrichtungen deuten zudem darauf hin, dass es in vielen sozial benachteiligten Gebieten keine Freiwilligenorganisationen gibt und gesamtstädtische Einrichtungen häufig keinen besonderen sozialräumlichen Fokus aufweisen. Das gilt insbesondere für Kleinstädte, auf die immerhin 30 Prozent der Programmgebiete der "Sozialen Stadt" entfallen.[5]

Bedeutung von Engagement



Abbildung 1: Bedeutung von Engagement für die Entwicklung des Quartiers nach Bereichen (in Prozent)Abbildung 1: Bedeutung von Engagement für die Entwicklung des Quartiers nach Bereichen (in Prozent)
Freiwilligem Engagement wird von den befragten Freiwilligenorganisationen eine große Bedeutung für die Entwicklung sozial benachteiligter Quartiere beigemessen. Im Vordergrund stehen dabei die Förderung des nachbarschaftlichen Miteinanders, die Verbesserung der Bildungschancen vor Ort sowie die Verbesserung der Integration und Teilhabechancen von Migranten. Mehr als 80 Prozent der Befragten bezeichnen das Engagement in diesen Bereichen als außerordentlich oder sehr wichtig (Abbildung 1).

Die von uns befragten Expertinnen und Experten unterstreichen zwar die Bedeutung freiwilligen Engagements für die Entwicklung sozial benachteiligter Gebiete, verweisen aber stets darauf, dass der Einsatz von Ehrenamtlichen die professionelle Arbeit nur unterstützen, aber nicht ersetzen kann: "Wenn die Bewohner merken, dass die Strukturen, die sich dauerhaft um sie kümmern sollen, nicht existieren oder abgebaut werden, und sie mit dem Ehrenamt nur Lücken füllen sollen, dann wirkt das demotivierend. Eine der wichtigen Rahmenbedingungen für ein Gelingen der Engagementförderung im Quartier ist daher eine erkennbare Bereitschaft der Kommune und deren Partnern im Stadtteil, dauerhafte Anlaufstellen und Leistungen sowie eine Infrastruktur für Engagement zur Verfügung zu stellen", so Ansgar Klein, Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement. [6]

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Freiwilligenorganisationen in sozial benachteiligten Gebieten über ein eng geknüpftes Netzwerk von Kooperationsbeziehungen verfügen und Bildungseinrichtungen dabei eine zentrale Bedeutung zukommt. Von den befragten Freiwilligenorganisationen kooperieren die meisten mit Schulen (84 Prozent), Kindertageseinrichtungen (76 Prozent) oder Jugendfreizeiteinrichtungen (70 Prozent). Zu den am häufigsten genannten Angeboten in Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen gehören dabei Lesepaten in Schulen (48 Prozent) und Kindertageseinrichtungen (42 Prozent), ehrenamtliche Lotsen beim Übergang Schule-Beruf (38 Prozent), Mentoren- und Patenprogramme (37 Prozent) sowie Integrationslotsen (35 Prozent).

Freiwilligem Engagement kommt in einem differenzierten Verständnis von Bildung und Lernen sowie der sozialräumlichen Öffnung von Bildungseinrichtungen eine besondere Bedeutung zu. Die Erschließung der Bildungspotenziale wird dabei durch die Einrichtung von Familienzentren und Ganztagsschulen, die Nutzung von Mentoren-, Paten- und Lotsenprojekten sowie die Entstehung lokaler und regionaler Bildungslandschaften gefördert.[7] Paten-, Mentoren- und Lotsenprojekte sind insbesondere für Kinder und Jugendliche, die in sozial benachteiligten Gebieten aufwachsen, eine Möglichkeit, ihre Bildungschancen zu verbessern. Die Kooperation von Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen, die Einbeziehung und Qualifizierung von freiwillig Engagierten sowie die Vernetzung und Kooperation von Akteuren im Sozialraum bieten die Möglichkeit, Bildungseinrichtungen stärker mit dem Gemeinwesen zu verknüpfen. Die Stärken des freiwilligen Engagements liegen vor allem in der individuellen Begleitung und Förderung von Menschen im Rahmen von Lotsen-, Mentoren- und Patenprogrammen.

Zu den Erfolgsfaktoren für eine gelingende Kooperation zwischen Freiwilligenorganisationen sowie Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen in sozial benachteiligten Gebieten werden von den Befragten in unserer Studie erstens "weiche Faktoren" wie persönliche Kontakte, Verlässlichkeit und Kontinuität, gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung, zweitens "strukturelle Bedingungen" wie professionelle Strukturen in Freiwilligenorganisationen und Bildungseinrichtungen, ausreichende personelle und finanzielle Mittel, Räume und Zeitressourcen, die Begleitung und Qualifizierung der Ehrenamtlichen sowie drittens die Ausrichtung der Engagementförderung auf einzelne Zielgruppen (bedarfsorientierte Angebote, Partizipation der Zielgruppen, Beteiligung der Engagierten an Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen) gerechnet.

Gesprächsrunden mit ehrenamtlich Engagierten und Professionellen zeigen, welche Bedeutung Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen für die Förderung von Engagement und Miteinander zukommt: Mit Elternvertretern und -mentorinnen, Familienbesuchern, Lese- und Bildungspatinnen, Sprachmittlern sowie Helfern im Elterncafé, bei Festen und Projekten ist beispielsweise das Bildungs- und Familienzentrum Hardt in der Stadt Schwäbisch Gmünd zu einem Kristallisationspunkt für Engagement im Quartier geworden.[8]

Engagement begünstigende Faktoren



Abbildung 2: Erfolgsfaktoren für freiwilliges Engagement in sozial benachteiligten Quartieren (in Prozent)Abbildung 2: Erfolgsfaktoren für freiwilliges Engagement in sozial benachteiligten Quartieren (in Prozent)
Es sind vor allem fünf Faktoren, die nach Angaben der befragten Freiwilligenorganisationen das Engagement im Stadtteil begünstigen: eine hohe Identifikation der Bewohner mit dem Quartier; sozialräumliche beziehungsweise stadtteilbezogene Angebote und Dienstleistungen; Quartiersmanagement und Stadtteilkoordination; Strukturen und Netzwerke der Engagementförderung; kommunale Engagementförderung sowie Merkmale des Quartiers (geringe Fluktuation der Bewohner, soziale Mischung der Bevölkerung) und Unterstützung durch EU-, Bundes- und Länderprogramme (Abbildung 2).

Eine Engagementkultur im Quartier kann vor allem dann entstehen, wenn es Freiwilligenorganisationen, Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen gelingt, Erfahrungen und Perspektiven der Wohnbevölkerung aufzugreifen, konkrete und vielfältige Anknüpfungspunkte für das Engagement vor Ort zu schaffen sowie lebensweltnahe Angebote der Engagementförderung zu entwickeln und miteinander zu vernetzen. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, wie sehr sich diese vier Faktoren gegenseitig beeinflussen: Die Stärkung sozialräumlicher Angebote und Einrichtungen, die Anerkennung und Wertschätzung von Engagement und Beteiligung, die Anregung von Vernetzung und Kooperation im Quartier sowie die Verzahnung mit der gesamtstädtischen Politik bilden die Grundlage für eine engagementfördernde Identifikation der lokalen Bevölkerung mit dem Stadtteil.


Fußnoten

1.
Vgl. insb. die Ergebnisse von Projekten des Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung: vhw, Engagement im Quartier und Kommunale Bürgerorientierung, Berlin 2010, sowie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung: Johanna Klatt/Franz Walter, Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement, Bielefeld 2011; Christian Hoeft et al., Wer organisiert die "Entbehrlichen"? Viertelgestalterinnen und Viertelgestalter in benachteiligten Stadtquartieren, Bielefeld 2014.
2.
Vgl. Frank Gesemann/Roland Roth, Engagement im Quartier, Bonn 2015 (i.V.). Alle Abbildungen in diesem Beitrag basieren auf den Ergebnissen dieser Studie.
3.
Weitere Informationen zum Forschungsfeld "Orte der Integration im Quartier" und zum Forschungsprogramm "Experimenteller Wohnungs- und Städtebau" sind auf den Webseiten des BBSR unter »http://www.bbsr.bund.de« zu finden.
4.
Die Ressourcenausstattung der befragten Einrichtungen ist mit der von Freiwilligenagenturen vergleichbar. Vgl. Karsten Speck et al., Freiwilligenagenturen in Deutschland. Potenziale und Herausforderungen einer vielversprechenden intermediären Organisation, Wiesbaden 2012, S. 45ff.
5.
Vgl. F. Gesemann/R. Roth (Anm. 2), S. 27.
6.
Zit. nach: ebd., S. 60.
7.
Zu den vielfältigen Formen bürgerschaftlichen Engagements für moderne Bildung und gute Schulen siehe insb. Birger Hartnuß/Reinhild Hugenroth/Thomas Kegel (Hrsg.), Schule der Bürgergesellschaft: Bürgerschaftliche Perspektiven für moderne Bildung und gute Schulen, Schwalbach/Ts. 2013.
8.
Vgl. Frank Gesemann, Engagement im Quartier: "Nachdem wir eine große ehrenamtliche Gemeinschaft aufgebaut haben, sind auch andere neidisch auf den Hardt geworden." Ergebnisse von Gesprächsrunden mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern im Bildungs- und Familienzentrum Hardt in der Stadt Schwäbisch Gmünd, Berlin 2014.
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Datenreport 2013

Zivilgesellschaftliches Engagement

Für das Funktionieren der Gesellschaft, die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und für die Erhöhung der individuellen Lebensqualität hat das zivilgesellschaftliche Engagement einen unverzichtbaren Stellenwert. Die Bedeutung des zivilgesellschaftlichen Engagements nimmt angesichts der zunehmenden Individualisierung, des demografischen Wandels und des allgemeinen Verlusts sozialer Bindungen weiter zu. Weiter... 

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