Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule
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Engagement in der Flüchtlingshilfe – eine Erfolg versprechende Integrationshilfe


27.3.2015
Politische Krisensituationen mit gewaltsamen und kriegerischen Konflikten in verschiedenen Ländern lösen aktuell hohe Fluchtwellen aus. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind weltweit noch nie so viele Menschen auf der Flucht gewesen, und die syrische Flüchtlingskrise gilt schon jetzt als Jahrhundertkatastrophe. Auch im Irak ist es aufgrund des Terrors des "Islamischen Staates" zu neuen großen Fluchtbewegungen gekommen.[1] Insgesamt sind nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe derzeit fast 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht, der Großteil davon (33,3 Millionen) sind Binnenvertriebene. Von den Menschen, die in ein anderes Land geflüchtet sind, leben 86 Prozent in Entwicklungsländern.[2] Nur ein kleiner Teil flieht nach Europa, dennoch steigt auch hier die absolute Zahl der Flüchtlinge stetig an. In Deutschland kletterte sie 2014 mit insgesamt 202834 Asylanträgen auf die bislang vierthöchste Zahl von Asylbewerberzugängen seit 1994. Dies stellt Deutschland vor enorme Herausforderungen, die nicht vom Staat allein zu bewältigen sind.

Die aktuelle Unterbringungssituation für Flüchtlinge in Deutschland in Sammellagern oder in provisorisch hergerichteten Sporthallen ist besonders prekär. Ein Viertel der Asylantragsteller in Deutschland sind dazu traumatisierte "Menschen, die die Schrecken im Herkunftsland, die Traumata der illegalen Flucht und noch dazu Erfahrungen mit Inhaftierung, Obdachlosigkeit oder Hunger in Randstaaten Europas mit sich herumgetragen und Angst vor der Rückschiebung haben".[3] Hinzu kommen Sprachprobleme, Ausschluss aus Integrationskursen, Diskriminierung, Isolation, Arbeitsverbot und Ähnliches als sequenzielle Traumatisierungsfaktoren.

Ein neuer Problembereich ist der rasante Anstieg unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die von der Jugendhilfe in Obhut genommen und sowohl pädagogisch als auch psychologisch betreut werden. Die Anzahl der Inobhutnahmen unbegleitet einreisender Jugendliche stieg im Zeitraum von 2005 (602 Fälle) bis 2013 (6584 Fälle) um das Zehnfache an. Dies entspricht knapp 16 Prozent aller Inobhutnahmen 2013.[4] Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind von noch schwerwiegenderen Problemen als erwachsene Flüchtlinge betroffen. Sie fliehen überwiegend aus Kriegs- und Katastrophengebieten, aber auch aus Gründen wie familiäre Gewalt, Zwangsheirat, Beschneidung und sexuelle Ausbeutung. Von vielen betroffenen Diensten und Praktikern wird insbesondere auf die Bildungsproblematik dieser Personengruppe aufmerksam gemacht und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Den jugendlichen Flüchtlingen, besonders den 14- bis 18-Jährigen, wird häufig nur eingeschränkter Zugang zu Schulen gewährt, und auf dem Weg zur beruflichen Ausbildung stehen ihnen zahlreiche Probleme und Hürden entgegen.[5] Der erhebliche Anteil an unbegleiteten jungen Flüchtlingen stellt die (überforderten) Kommunen und Jugendhilfen vor immense Herausforderungen. Für die Bewältigung dieser aktuellen gesellschaftlichen Lage ist vor allem die zivilgesellschaftliche Beteiligung erforderlich, da der Staat die Problematik nicht alleine lösen kann und soll. Die Bürgerinnen und Bürger sind dabei – zu Recht – gefragt und gefordert.

Engagement für Flüchtlinge



Bürgerschaftliches oder ehrenamtliches Engagement hat in Deutschland im Vergleich zu früheren Jahren insgesamt nicht merklich zugenommen und ist im Zeitverlauf eher stabil geblieben. Laut Freiwilligensurvey von 2009 ist der Anteil freiwillig Engagierter an der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland in den Jahren zwischen 2004 und 2009 mit einer Engagementquote von gut einem Drittel (36 Prozent) stabil geblieben, während unter den bis dahin nicht Engagierten ein steigender Anteil zum Engagement bereit ist.[6]

Beim Engagement in der Flüchtlingshilfe zeichnet sich jedoch eine positive Entwicklung ab: Verschiedene Bezugs- und Betreuungsstellen im Bereich der Flüchtlingshilfe sowie aktuelle örtliche Pressemeldungen berichten bundesweit über eine deutlich gestiegene Hilfsbereitschaft und reges Engagement seitens der deutschen Bevölkerung. So sind laut Günther Burkhardt, Geschäftsführer und Mitbegründer von ProAsyl, derzeit Tausende freiwillige Helfer und zahlreiche neu gegründete Initiativen zu beobachten: "Täglich melden sich derzeit bei ProAsyl, den Flüchtlingsräten der Länder und den lokalen Asylvereinen in der ganzen Republik engagierte Menschen, die Flüchtlinge unterstützen möchten. (…) In der breiten Gesellschaft wachsen derzeit die Solidarität und der Impuls, Menschen in Not beizustehen."[7] Die in Sammelunterkünften, Wohlfahrtsverbänden, Kirchen, Schulen und anderen Einrichtungen sowie bei ProAsyl tätigen Freiwilligen engagieren sich in den unterschiedlichsten Bereichen: soziale Kennenlernprojekte, Deutschunterricht, Hausaufgabenhilfe, Nachhilfe, Fahrradwerkstatt und -börse, Begleitung bei Behördengängen und Arztbesuchen, Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche, Dolmetschertätigkeit, Initiativen und Patenschaften für Einzelpersonen oder -familien, direkte ärztliche Hilfe, Hilfe bei der beruflichen Qualifizierung von Flüchtlingen, Begegnung/Kontakte in diversen Veranstaltungen (Feste, Feiern, Frauengruppen, Mutter-Kind-Gruppen), Freizeitaktivitäten (Zoobesuche, Sport), karitative Beratung, Rechts- und Sozialberatung, Bildungsberatung, Öffentlichkeitsarbeit (Projektarbeiten, Ausstellungshilfe), Hilfe bei der Ausbildungssuche, Frauencafé, interkulturelles Sprachcafé, Musikunterricht und vieles mehr.

Nach meinen Erfahrungen in der Flüchtlingssozialarbeit haben sich auch kreativ-therapeutische Freiwilligenprojekte für traumatisierte Flüchtlinge (Gymnastikkurs als Bewegungstherapie, Massagekurs oder Yoga als Entspannungstherapie, Musik-, Kunst- und Tanztherapie) bei entsprechender Qualifikation der Freiwilligen als außerordentlich nützlich für die Integration herausgestellt.

Mit Blick auf die aktuelle Situation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge rege ich in einem gesonderten Abschnitt eine ehrenamtliche Patenschaftsbeziehung an, in welcher der/die Ehrenamtliche als dauerhafte Bezugsperson und Bildungsbegleiter fungiert. Für eine weitere Mobilisierung ehrenamtlichen Engagements reicht es nicht, dies allein im Sinne der gesellschaftlichen Mitverantwortung der Bürger zu begründen. Vielmehr muss die besondere Bedeutung der Ehrenamtlichkeit für die Integration der Gesellschaft neu beleuchtet werden, um hieraus geeignete Praxisempfehlungen für ein breiteres Engagement in der Flüchtlingshilfe abzuleiten.


Fußnoten

1.
Vgl. Günter Burkhardt, Neue Zuwanderung und Engagement. Flüchtlingssolidarität: im Spannungsfeld von Abschottung und Aufnahme, in: BBE-Newsletter vom 27.11.2014.
2.
Vgl. UNO-Flüchtlingshilfe, Flüchtlinge weltweit. Zahlen und Fakten, o.D., »http://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten.html« (4.3.2015).
3.
G. Burkhardt (Anm. 1), S. 5. Weltweit rund ein Drittel aller Flüchtlinge würden Schätzungen nach an einer "posttraumatischen Belastungsstörung" leiden.
4.
Vgl. Jens Pothmann, Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) in Obhut der Kinder- und Jugendhilfe – Antworten der Jugendhilfestatistik, in: Forum Jugendhilfe, (2014) 4, S. 35–38.
5.
Vgl. Goran Ekmescic, Inklusion statt Exlusion! Zur Bildungsproblematik unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland, in: Jugendhilfe, 49 (2011) 1, S. 21–23.
6.
Vgl. Deutscher Bundestag, Erster Engagementbericht – Für eine Kultur der Mitverantwortung. Bericht der Sachverständigenkommission und Stellungnahme der Bundesregierung, Bundestags-Drucksache 17/10580 vom 23.8.2012.
7.
G. Burkhardt (Anm. 1), S. 1.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Misun Han-Broich für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de